01.02.1961

SEEKRIEG / DÖNITZAufgetaucht -

Jenseits des Mühlenteichs beginnt der Sachsenwald, jener dunkel-deutsche Schicksals-Forst vor den Toren Hamburgs, in dem einst der grollende Reichsgründer Bismarck und später der gejagte Auschwitz-Kommandant Baer Zuflucht suchten; am diesseitigen Ufer schaut ein einsamer Spaziergänger den ferngesteuerten Spielzeug-Schaluppen und angemalten Papierschiffen nach, die von einer Handvoll Jungen auf die grünliche Wasseroberfläche gesetzt worden sind.
Die Kinder lassen sich von dem alten Herrn im Spiel nicht stören; der weißhaarige Pensionär ist eine vertraute Erscheinung auf den Wanderwegen rings um das angestaubte Pensionopolis Aumühle. Und die jugendlichen Mühlteich-Piraten ahnen nicht, daß vor ihrer Geburt der Name des stummen Beobachters ihrer Seeschlachten, zwischen Froschlaich und Ufermatsch jahrelang auf sieben Weltmeeren gefürchteter war als der Anblick des "Fliegenden Holländers": Karl Dönitz, Schöpfer der großdeutschen U-Boot-Waffe, Großadmiral des "Führers" und letzter Staatschef des versunkenen Dritten Reichs.
Mit ähnlicher Ahnungslosigkeit wie die heranwachsenden Sachsenwald-Matrosen übersah ein halbes Dezennium hindurch auch die Bonner Republik bei ihren maritimen Militär-Planschereien in bundesdeutschen Küstengewässern Waffe und Wirken des Spaziergängers von Aumühle.
Spätestens 1961 indes, im siebzigsten Lebensjahr des Pensionärs, werden Bonn und seine Kinder gleich zweimalzur Kenntnis nehmen müssen, daß Hitlers Klabautermann genauso unentrinnbar zur deutschen Geschichte gehört wie die Sachsenwald-Bewohner Bismarck und Baer:
- Konteradmiral Karl-Adolf Zenker, dessen öffentliches Eintreten für Karl Dönitz noch vor fünf Jahren Bonns parlamentarische Tugendwächter entsetzt aus ihren gepolsterten Klappsitzen im Bundestag auffahren ließ, rückt in diesem Sommer als Inspekteur der Bundesmarine an die Spitze aller Seestreitkräfte.
- Die U-Boot-Waffe, Stiefkind des
heute noch gültigen Flottenbauprogramms von 1956, soll nach Zenkers Amtsantritt zum Kern der Bundesmarine werden; Ziel geheimer Umrüstungspläne im Bundesverteidigungsministerium: statt der vorgesehenen zwölf Tauchboote
eine Untersee-Flotte von über 100 U-Booten.
Mit anderen Worten: Ein Offizier, aus dem "ein Geist spricht, der nicht der Geist der Bundeswehr werden darf" (Vizepräsident Carlo Schmid am 18. April 1956 vor dem Deutschen Bundestag), übernimmt das Kommando der Bundesmarine, deren Rückgrat von einer Waffe gebildet werden soll, die "das einzige (war), was mich während des Krieges in ständiger Angst hielt" (Winston Churchill).
Fünf Jahre nach der Entlassung des in Nürnberg als "Kriegsverbrecher" verurteilten Großadmirals aus dem alliierten Militärgefängnis Spandau schert die Bundesmarine ein auf Dönitz-Kurs: Im Gegensatz zu den maritimen Visionen Wilhelms II. liegt danach Deutschlands Zukunft nicht auf dem Wasser, sondern unter Wasser.
Zum drittenmal in der deutschen Seekriegsgeschichte wird mit mehrjähriger Verspätung ein Anlauf unternommen, die in den jeweiligen Flottenbauprogrammen zunächst abqualifizierte U-Boot - Waffe zum schlagkräftigsten Instrument der maritimen Rüstung umzuschmieden.
So war es im Kaiserreich, im NS -Staat, und so ist es heute in der Bon- ner Republik. Der Unterschied zwischen Vergangenheit und Gegenwart: Unter Wilhelm II. und Hitler begann die Umrüstung erst nach Ausbruch der beiden Weltkriege; diesmal wird sie schon im Frieden eingeleitet.
Großadmiral Tirpitz, Schöpfer der sogenannten deutschen Hochseeflotte, die nie als Hochseeflotte kämpfte, tat die ersten U-Boote als "Spielerei" ab, und die ersten Kriegstage von 1914 schienen ihm recht zu geben. Zehn Boote liefen aus, eins wurde versenkt, eins blieb verschollen, und die übrigen acht
kehrten von Feindfahrt zurück, ohne zum Schuß gekommen zu sein.
Erst als es 1914 dem legendären "U 9" unter Kommandant Weddigen gelang, drei Panzerkreuzer an einem Tag "in den Grund der Nordsee zu bohren", wie es im altväterisch-offiziellen Vokabular jener Zeit hieß, erkannte die Admiralität den Wert der neuen Waffe.
Während die deutsche Hochseeflotte in Nord- und Ostsee gefangensaß und "die Riegelstellung der britischen Marine, die die Ausgänge der Nordsee in den Atlantik verschloß, nicht öffnen konnte" (Vizeadmiral a. D. Helmuth Heye), überzogen die U-Boote ein abgestecktes Sperrgebiet rings um die britischen Inseln mit dem uneingeschränkten U-Boot-Krieg.
Dreizehn Millionen Bruttoregistertonnen Handelsschiffsraum und 83 Kriegsschiffe wurden von deutschen U-Booten im Weltkrieg I versenkt. Das war ein Vielfaches der Erfolge der gesamten Hochseeflotte zusammengenommen.
Aber als der Weltkrieg I sich seinem Ende zuneigte, schienen die Alliierten eine sichere Abwehrtaktik gegen den unsichtbaren Feind gefunden zu haben: Die Seekriegsstrategen jener Ära gaben für die Zukunft den U-Booten im Kampf gegen gutgesicherte, im Konvoi fahrende Handelsschiffe kaum noch eine Chance.
Das im Versailler Friedensvertrag enthaltene U-Boot-Verbot für Deutschland entsprang daher eher einem englischen Ressentiment als erkannter militärischer Notwendigkeit. Und auch als Hitler nach seiner Machtergreifung einen neuen Flottenvertrag mit England abschloß, später änderte und schließlich kündigte, blieb der U-Boot-Bau weiterhin Nebensache.
Unter Hitler wiederholte sich die Tragödie der verfehlten Seerüstung des Kaiserreichs in allen Einzelheiten. Statt des Großadmirals Tirpitz war diesmal Großadmiral Raeder ausersehen, nach "Plan Z"* bis 1948 eine "homogene Flotte" aufzustellen.
Wieder lag der Schwerpunkt des Bauprogramms bei schweren Überwassereinheiten. Wieder kam der Krieg schneller als die Flotte; er überraschte die Kriegsmarine mit nur 22 "atlantikfähigen" U-Booten. Und wieder war es die Heldentat eines einzelnen Offiziers, die der geringgeschätzten Waffe zum Durchbruch verhalf: Der Weddigen und "U 9" des Weltkriegs II waren Kapitänleutnant Prien und "U 47".
Kommandant Prien, der später fiel, war mit seinem Boot im Oktober 1939 in die Bucht von Scapa Flow eingedrungen, wo sich 1919 die deutsche Hochseeflotte selbst versenkt hatte, und konnte die Schmach mit einigen Torpedoschüssen korrigieren; das englische Schlachtschiff "Royal Oak" wurde versenkt, Schlachtschiff "Repulse" beschädigt.
Kapitänleutnant Prien erhielt als erster Marine-Frontoffizier das Ritterkreuz; über Nacht wurde die U-Boot -Waffe des "Führers" liebstes schwimmendes Kind: Aber die düstere Parallele zum Weltkrieg I war damit nicht zu Ende.
Wie im Weltkrieg I genoß zwar der U-Boot-Bau von nun an Vorrang, und die Boote erwiesen sich jahrelang als wirksamste Waffe für die Marine; sie versenkten 3000 Handelsschiffe mit 14 Millionen Bruttoregistertonnen und fast 200 Kriegsfahrzeuge.
Doch wie im Weltkrieg I waren kostbare Jahre verloren und gegen Ende des Krieges erschienen daher die U-Boote zum zweitenmal in der Historie der Seekriegführung als obsolete Waffe: Von 820 U-Booten, die im Weltkrieg II insgesamt am Feind standen, kehrten 781 nicht zurück; von 39 000 U-Boot -Fahrern fielen mehr als 32 000 - vor Waffen-SS und Generalität war das die höchste prozentuale Verlustquofe.
Bei dieser Wiederaufführung des Dramas vom Glanz und Niedergang der U-Boot-Waffe führte ein Offizier Regie, der selbst seine beiden Söhne, 1944 auf See verlor: Karl Dönitz. Er wurde zum Symbol des Krieges unter Wasser; er war der erste Admiral, der die Welt nur noch durch das Sehrohr betrachtete.
Dabei war das entscheidende Rendezvous des Karl Dönitz mit der Seekriegsgeschichte weder besonders heroisch noch vielversprechend verlaufen: In den Morgenstunden des 4. Oktober 1918 fuhr er als junger Kommandant von "UB 68" im Mittelmeer, unweit Siziliens einen Angriff gegen einen alliierten Geleitzug.
Beim Tauchmanöver stellte sich sein Boot durch einen Fehler in der Längsstabilität auf den Kopf und glitt geradewegs in die todbringende Tiefe, wo es von zu großem Wasserdruck zerquetscht zu werden drohte.
Kommandant Dönitz ließ Preßluft in alle Tauchtanks blasen. Zwischen 90 und 100 Meter Tiefe, schon jenseits der nominell zulässigen Gefahrengrenze, kam das Boot zum Stillstand und schoß dann - so erzählt Dönitz - "wie ein Stock, den man unter Wasser gedrückt hat und losläßt, hoch aus dem Wasser heraus und schlug auf die Oberfläche des Meeres auf".
Das war das Ende von "UB 68". Denn das Boot war inmitten des feindlichen Geleitzugs aufgetaucht. Es war zugleich aber auch der Beginn der Karriere des Untersee-Strategen Dönitz.
Denn Kommandant Dönitz, der damals zum erstenmal in der Geschichte des U-Boot-Kriegs zusammen mit einem anderen Boot unter Pour-le mérite-Träger Steinbauer gegen ein gemeinsames Ziel - den feindlichen Geleitzug - angesetzt worden war nahm trotz seines Mißerfolgs die Erkenntnis mit in die Gefangenschaft, daß die U-Boote im Kampf gegen die angeblich unverwundbaren Geleitzüge doch noch Erfolgschancen hätten, wenn "der Masse von Schiffen eines Konvois möglichst viele U-Boote entgegengesetzt" würden.
Diese Erkenntnis war die Geburtsstunde der sogenannten Rudel-Taktik des U-Boot-Befehlshabers Dönitz, der ein Vierteljahrhundert später - auf dem Höhepunkt der Atlantik -Schlacht 1942/43 - die alliierten Geleitzüge zum Opfer fielen wie Rentier -Herden den Rudeln hungriger Wölfe.
Das Rezept: Nicht mehr einzelne Boote, die wegen der starken Sicherung und ihrer langsamen Eigenfahrt höchstens ein- oder zweimal zum Schuß kommen konnten, griffen die Konvois an, sondern stets ein ganzes Pack der "grauen Wölfe".
Nach systematischer Luft- und Seeaufklärung wurden die Boote durch weiterentwickelte Funktechnik gemeinsam an den Konvoi herangeführt, verwirrten die Sicherung durch gleichzeitige Aktionen und gaben, wenn sie ihre Rohre leergeschossen hatten, das angeschlagene Opfer an neuherbeidirigierte U-Boote ab.
Noch im März 1943 versenkten die Dönitz-Wölfe auf diese Weise innerhalb von drei Wochen fast eine Million Bruttoregistertonnen. Konstatiert der amtliche Marinehistoriker der britischen Admiralität, Kapitän zur See Roskill: "Man fühlte, auch wenn niemand es zugab, daß uns die Niederlage ins Gesicht starrte."
Zwei Monate später hatte die Niederlage eine zackige Blickwendung vollzogen und schaute dem Anfang des
Jahres von seinem dankbaren Führer zum Großadmiral beförderten U-Boot -Feldherrn Dönitz tief in die unseemannisch braunen Augen.
War es im Weltkrieg I eine neue Taktik der Alliierten gewesen - das Konvoi-System -, wodurch die U-Boote ausmanövriert wurden, so war es im Weltkrieg II der technische Vorsprung der Alliierten, der das U-Boot seiner wesentlichsten Eigenschaft entkleidete - der Unsichtbarkeit.
Mit Radar orteten alliierte Flugzeuge die U-Boote auf dem Marsch bei Nacht und Nebel über Wasser; mit Horchgeräten wurde beim Angriff ihre Unterwasser-Position von feindlichen Seestreitkräften festgestellt. In einem Hagel verbesserter Flieger- und Wasserbomben versank der zweite Versuch, das "perfide Albion" an Hungerödemen eingehen zu lassen.
Am 24. Mai 1943 bekannte Großadmiral Karl Dönitz in seinem Kriegstagebuch die Niederlage in der Atlantik -Schlacht: "Die untragbare Höhe der Verluste und die Erfolglosigkeit an den letzten Geleitzügen zwingen nunmehr zu entscheidenden Maßnahmen, bis die Boote wieder mit besseren Abwehr- und Angriffswaffen ausgerüstet sind."*
Trotz dieser Einsicht brach Dönitz die Atlantik-Schlacht nicht ab, sondern ließ seine dem fast sicheren Untergang geweihten Boote am Feind, weil, wie er heute erklärt, "die U-Boot-Waffe im Atlantik starke alliierte Luft- und Seestreitkräfte band, die sonst im Kampf
gegen die deutsche Heimatfront und den deutschen See-Nachschub nach Norwegen ungleich verheerendere Folgen angerichtet hätten".
Bis zum Kriegsende gelang es auch nicht, die deutschen U-Boote generell mit den von Dönitz geforderten "besseren Abwehr- und Angriffswaffen" auszurüsten. Die U-Boot-Waffe steuerte weidwund geschossen in die Kapitulation und wurde nicht nur von alliierten Werften, sondern auch im übertragenen Sinne von den internationalen Seekriegsstrategen als altes Eisen verschrottet.
Tatsächlich jedoch befanden sich bereits bei Kriegsende in Deutschland Boote in der Entwicklung, die zu der Annahme berechtigten, daß der U-Boot -Waffe eine bessere Zukunft beschert sei.
Der gleiche Untersee-Stratege, der sich schon nach dem Ersten Weltkrieg geweigert hatte, die scheinbar endgültige Ohnmacht der Tauchboote gegenüber gesicherten Konvois anzuerkennen, sah daher auch nach dem von ihm kommandierten Triumph mit anschließender Niederlage im Zweiten Weltkrieg eine neue Chance für die Unterwasser-Kriegführung.
Karl Dönitz zum SPIEGEL: "Nach schweren Rückschlägen war das U-Boot durch technische Weiterentwicklung bei Kriegsschluß wieder eine zukunftsträchtige Waffe geworden."
Wenn es dennoch in Deutschland, dem Land mit der 1945 am weitesten entwickelten Untersee-Rüstung, fünfzehn Jahre dauerte, ehe sich Bonns maritime Strategen nach allen anderen Seemächten und der Sowjet-Union auf den Wert der unsichtbaren Waffe besannen, so ist dafür paradoxerweise nicht zuletzt Karl Dönitz verantwortlich. Allerdings nicht in seiner Eigenschaft als U-Boot-Stratege, sondern in seiner Rolle als Klabautermann des Dritten Reichs.
Karl Dönitz war des Teufels Admiral. Bei Kriegsausbruch Kapitän zur See und Befehlshaber der U-Boote, wurde er von Hitler drei Jahre später mit 51 Jahren zum sechsten Großadmiral Deutschlands* und Oberbefehlshaber der Kriegsmarine ernannt.
Ingenieur-Sohn Dönitz dankte seinem Führer im August 1943 diese Beförderung mit seiner unvergessenen Würstchen-Rede im Sportpalast: "Wenn ich vom Führer komme, dann ist mir
immer, als wäre ich ein ganz kleines Würstchen."
Je hoffnungsloser Stratege Dönitz die militärische Lage beurteilte, desto fester hängte sich Würstchen Dönitz an die weltanschaulichen Rockschöße seines Führers. Er flüchtete in den Nebel aberwitziger Durchhalteparolen. Eine Auslese seiner Tagesbefehle und Erlasse der letzten beiden Kriegsjahre macht es schmerzhaft deutlich.
- Dönitz am 25. Januar 1944 vor Fähnrichen in Mürwik: "Das deutsche Volk verdankt unserm Führer schlechterdings alles, alles. Hätten wir den Führer nicht bekommen, gäbe es jetzt keinen Menschen in
Deutschland mehr ... Alles verdanken wir dem Führer, alles hat dem deutschen Volk der Nationalsozialismus gebracht. Grauenvoll ist es, zu denken, wie es mit dem deutschen Volk jetzt stünde, wenn wir den Führer nicht bekommen hätten."
- Dönitz am 12. März 1944 zum Heldengedenktag: "Was wäre aus unserer Heimat heute, wenn der Führer uns nicht im Nationalsozialismus geeint hätte. Zerrissen in Parteien, durchsetzt von dem auflösenden Gift des Judentums ... wären wir längst ... der erbarmungslosen Vernichtung unserer Gegner ausgeliefert worden."
- Dönitz am 11. April 1944 in einem Geheimerlaß an seine Kommandanten: "Ich bitte ... keine Sorge zu haben, daß etwa die Staatsführung nicht weiß, wie die Stimmung im Volke ist. Der Führer weiß mehr von der Stimmung des deutschen Volkes ... als irgendeiner von uns Soldaten. Das weiß ich, da ich es tagtäglich persönlich erlebe. Ich bitte, sich auch zu beruhigen und nicht zu leicht zu sagen: 'Die Schweinerei muß eine andere werden.'"
- Dönitz am 21. Juli 1944 zum mißglückten Attentat gegen Hitler: "Männer der Kriegsmarine! Heiliger Zorn und maßlose Wut erfüllen uns über den verbrecherischen Anschlag, der unserem geliebten Führer das Leben kosten sollte. Die Vorsehung hat es anders gewollt ... Die Kriegsmarine ... wird rücksichtslos jeden vernichten, der sich als Verräter entpuppt."
- Dönitz am 1. Mai 1945 in einer Ansprache an das deutsche Volk: "Unser Führer Adolf Hitler ist gefallen. In tiefster Trauer und Ehrfurcht verneigt sich das deutsche Volk ... Sein Leben war ein einziger Dienst für Deutschland. Sein Einsatz im Kampf gegen die bolschewistische Sturmflut galt darüber hinaus Europa und der gesamten Kulturwelt. Der Führer hat mich zu seinem Nachfolger bestimmt."
Drei Wochen lang trug Nachfolger Dönitz in Flensburg den Titel eines Reichspräsidenten ohne Reich. Er vollendete in dieser Zeit, was er in seinem schauerlichen Stil "den Abfluß der deutschen Menschen" nannte und was in Wirklichkeit eine eindrucksvolle Leistung war: die Rettung von zwei Millionen Menschen vor der Roten Armee über die Ostsee.
Nach den ersten veröffentlichten Buchenwald-Photos,und dem Einlaufen der ersten Dampfer mit KZ-Häftlingen in Flensburg fragte er sich naiv, "wie derartige Dinge, die mitten in Deutschland geschehen wären, uns entgangen sein konnten". Dann wurde er selbst gefangengesetzt und tauchte erst im Nürnberger Gerichtssaal wieder auf.
Freigesprochen von der Anklage, den U-Boot-Krieg verbrecherisch geführt zu haben, wurde er der Vorbereitung des Angriffskriegs für schuldig befunden und zusammen mit seinem Vorgänger Raeder auf zehn Jahre nach Spandau geschickt.
Während die beiden letzten Großadmirale der deutschen Kriegsmarine noch im Gefängnis saßen, hatten die flinken Bonner schon mit dem Aufbau einer neuen Bundesmarine begonnen. Diese
zeitliche Überschneidung von Liquidierung der einen und Gründung der anderen Marine führte zur sogenannten Großadmirals-Frage.
Die in Bonn etablierten Demokraten in der Bewährung erschauerten, sobald der Name Dönitz fiel; für die Kameraden in Blau aber, auf deren Mitwirkung Bonns militärische Küstenschifffahrt angewiesen war, blieb er der ehrenhafte Großadmiral.
In den Kriegervereinen von Großdeutschlands Seehelden - dem Marine -Bund, der Marine-Offizier-Hilfe - und den U-Boot-Kameradschaften - wurde teils laut, teils geflüstert die Devise ausgegeben: Kein Marineoffizier soll wieder dienen, solange Dönitz und Raeder sitzen. Wie einst für Weimar stellte sich damit nun auch für Bonn das Problem der Loyalität der Marineoffiziere gegenüber der Republik.
Wenn das Offizierkorps der Marine überhaupt eine politische Tradition besitzt, so ist sie republikfeindlich. Schuld daran trägt der über Jahrzehnte mitgeschleppte Meuterei-Komplex aus dem Weltkrieg I.
Seit dem Unentschieden der Skagerrakschlacht l9l6 vergammelte die kaiserliche Hochseeflotte untätig in den Kriegshäfen. Die Besatzungen schoben Kohldampf; das Nichtstun zerrüttete Nerven und Moral.
Am 26. August 1917 verurteilte das Kriegsgericht des IV. Geschwaders der Hochseeflotte fünf Matrosen wegen "Aufstandserregung" zum Tode. Drei von ihnen wurden auf Antrag begnadigt, darunter der Matrose Hans Beckers, der für sein Gesuch an Admiral Scheer die patriotische Anrede wählte: "Sieger der Skagerrakschlacht!" Beckers: "So gewann ich in der Lotterie der Justiz."
Die Matrosen Reichpietsch und Köbis aber wurden am 5. September, 1917 von 20 Landsturmleuten auf der Wahner Heide bei Köln erschossen. Die
deutsche Linke hatte zwei Märtyrer erhalten, an denen sich noch 40 Jahre später die Gemüter im nahegelegenen Bonn entzünden sollten.
Dem seit Kaisers Zeiten exklusivsten Offizierkorps der deutschen Streitkräfte hingegen, den Marineoffizieren, saß von jenen Tagen an ein Mahr im Nacken: das Trauma, daß es ausgerechnet des Kaisers Kulis waren, die rebelliert hatten und die Minen der Revolution springen ließen.
Die Aktivitäten ehemaliger Marineoffiziere in der militanten Irredenta der Weimarer Republik wurzelten in diesem Komplex: Die Marine-Brigade Ehrhardt marschierte 1920 für den Putschisten Wolfgang Kapp, der einst zusammen mit Großadmiral Tirpitz die Deutsche Vaterlandspartei gegründet hatte. Der erste Nachkriegschef der Admiralität, von Trotha, stellte sich der
Regierung des Kapp-Putsches zur Verfügung. Und an den Morden der "System-Politiker" Rathenau und Erzberger waren ehemalige Marineoffiziere beteiligt.
Dönitz selbst war noch als Großadmiral von der Zwangsvorstellung einer neuen Marine-Meuterei der Roten besessen. Er, der von 1924 bis 1927 Referent für Militärstrafrecht in der Marine -Leitung gewesen war, ließ als Oberbefehlshaber in der Marine alle Verstöße gegen die Disziplin schärfer ahnden, als das im Heer oder bei der Luftwaffe geschah.
So verfügte er am 23. Februar 1945: "Ein Untergebener, der sich Reisepapiere durch irreführende Angaben erschleicht ... ist grundsätzlich mit dem Tode zu bestrafen."
Und am 19. April 1945 hieß es in einem Dönitz-Geheimbefehl über die Beförderung "verantwortungsfreudiger" Persönlichkeiten: "Ein Beispiel: In einem Gefangenenlager des Hilfskreuzers Kormoran in Australien hat ein Oberfeldwebel als Lagerältester die unter der Lagerbesatzung sich bemerkbar machenden Kommunisten planvoll und von der Bewachung unauffällig umlegen lassen. Dieser Unteroffizier ist für seinen Entschluß und seine Durchführung meiner vollen Anerkennung sicher. Ich werde ihn nach seiner Rückkehr mit allen Mitteln fördern, da er bewiesen hat, daß er zum Führer geeignet ist."
Wie im untergehenden Kaiserreich, in der Weimarer Republik und im
Dritten Reich, so raubten die Gespenster der Meuterer Reichpietsch und Köbis auch der jungen Bundesmarine den Seelenfrieden.
Auf einer Tagung der Evangelischen Akademie in Glücksburg war es der damalige Militärexperte der SPD und heutige Oberst der Bundeswehr Dr. Fritz Beermann, der in einer Diskussion über "Die Tradition der Kriegsmarine" den Toten von der Wahner Heide neues Leben einhauchte.
Mit dem zu jener Zeit in der SPD noch üblichen Sozialisten-Eifer schlug Beermann vor, die Bundesmarine solle doch einmal am Grab von Reichpietsch und Köbis Kränze niederlegen, und platzte dann heraus: "Mir sind die beiden ... lieber als Dönitz und Raeder."
Fregattenkapitän Schuhart, der im Weltkrieg II als erster U-Boot-Kommandant mit seinem "U 29" einen Flugzeugträger - die "Courageous" versenkt hatte, sprang auf und marschierte hinaus; die vierzehn anderen anwesenden Offiziere der Bundesmarine folgten in Kiellinie. Murrten sie auf dem Flur: "Wir lassen die Großadmirale nicht mit Dreck beschmeißen."
SPD-Beermann hatte es fertiggebracht, mit einem Satz die beiden empfindlichsten Saiten maritimer Seelen zu verletzen: den Meuterei-Komplex und die Großadmirals-Frage.
Von Anbeginn der Wiederaufrüstung an war augenscheinlich gewesen, welch den Wehrwillen gefährdender Zündstoff in diesen beiden Treibminen der Geschichte enthalten war.
Schon im Januar 1956 hatte der damalige Leiter der Marineabteilung im Bundesverteidigungsministerium, Kapitän zur See Zenker, in einer Ansprache an die erste Marine-Lehrkompanie in Wilhelmshaven getönt, daß "kein Makel an der Person unserer ehemaligen Oberbefehlshaber haftet... Die (in Spandau gefangenen) Großadmirale tragen daher
ihr Schicksal stellvertretend für uns alle".
Der Verteidigungsausschuß des Bundestags empfahl der Regierung, dem Kapitän eine Rüge zu erteilen, die SPD brachte eine Große Anfrage "Zenker" im Bonner Parlament ein, und Verteidigungsminister Blank stellte statt des Kapitäns Karl-Adolf Zenker den mit den 20.-Juli-Verschwörern kokettierenden Vizeadmiral Friedrich Ruge auf die Brücke seiner vorhandenen Schlick -Rutscher.
Zwei Monate nach dem Zwischenfall Zenker schlugen die Wellen der Affäre Dobberstein über dem gerade wieder flottgewordenen Flaggschiff der Bundesmarine zusammen: Im Januar 1956
in die Bundesmarine eingestellt, wurde der querulierende Korvettenkapitän Werner Dobberstein im März schon wieder entlassen - auch er war auf der unterseeischen Klippe des Dönitz -Mythos aufgelaufen.
Werner Dobberstein war mit dem Chef der Unterabteilung "Organisation und Ausbildung", Flottillenadmiral Heinrich Gerlach, aneinandergeraten, der noch im Mai 1951 in einer privaten Denkschrift postuliert hatte, die Demokraten von Bonn seien die gleichen, "die
schon einmal mit dem Problem der Zeit nicht fertig geworden sind". Den Neuankömmling Dobberstein begrüßte Gerlach mit dem Trinkspruch: "Auf Onkel Karl" - gemeint war, der in Spandau einsitzende Großadmiral Dönitz.
Als Dobberstein, der schon im Krieg von seinem Großadmiral gefragt worden war, ob er "Defätist sei, nun glaubte, in der Bundesmarine das Traditionsunkraut wachsen zu hören, wandte er sich unter Umgehung des Dienstwegs direkt an Theo Blank und Adenauer und denunzierte den "Dönitz -Mythos" seiner Kameraden. Er wurde geschaßt.
Um der drohenden Gefahr zu entgehen, durch eine scharfe Stellungnahme gegen die in Spandau sitzenden Großadmirale Raeder und Dönitz den maritimen Wehrwillen der Nation zu lähmen und ehemalige Marineoffiziere vom Eintritt in die Bundeswehr abzuschrecken, suchten sowohl der bald verschlissene Verteidigungsminister Theo Blank als auch sein robuster Ver- und Nachfolger Franz-Josef Strauß die tückische Großadmirals-Frage lange Zeit außer Sichtweite zu umschiffen.
Erst nachdem Raeder und Dönitz entlassen waren und SPD-Militärexperte Beermann in Glücksburg das leidige Thema durch einen Skandal hochgespielt hatte, rang sich Franz-Josef Strauß zu einer ministeriellen Weder -Noch-Erklärung durch: "Die Matrosen Reichpietsch und Köbis können für die Bundesmarine nicht als Vorbilder gelten ... Die einstigen Großadmirale Dönitz und Raeder sind nicht die Vorbilder der Bundesmarine..."
Das war im November 1958. Im November 1960, genau zwei Jahre später, bezeichnete der Inspekteur der Bundesmarine, Vizeadmiral Ruge - von seines Ministers Wort unangefochten -, am Sarg Erich Raeders in der Kieler Petrus-Kirche den verstorbenen Großadmiral als "einen Kameraden, der in seiner menschlichen und militärischen Haltung beispielhaft war".
Dönitz-Toaster Gerlach befehligt inzwischen als Flottillenadmiral die deutschen Seestreitkräfte Ostsee. Dönitz -Verteidiger Zenker ist zum Konteradmiral aufgerückt und soll in diesem Sommer als Nachfolger Ruges Inspekteur der Bundesmarine werden. Und Karl Dönitz selbst, der in seinen Memoiren niedergelegt hat, daß Zenkers Vater - ebenfalls ein Admiral - einst "meine besondere Verehrung" genoß, wurde bei der Beerdigung Raeders von den anwesenden Offizieren der Bundesmarine mit militärischer Ehrenbezeigung begrüßt.
Karl Dönitz bezieht heute gemäß einschlägigen Gesetzen die Pension eines Konteradmirals. Zusammen mit seiner Frau, die während seiner Haft als Schwester in der Praxis des Hamburger DRP-Führers Professor Kunstmann arbeitete, lebt er in einer von mehreren Parteien bewohnten Villa im Sachsenwald-Ort Aumühle.
Obgleich Dönitz in seinem Nürnberger Schlußwort bekundete, daß "das Führerprinzip als politisches Prinzip falsch ist", und bei seiner Entlassung aus Spandau versprach, "zu schweigen", ließ er sich in Freiheit von stramm rechtsorientierten Marine-Vereinen feiern und veröffentlichte über 500 Seiten Memoiren, deren exzeptioneller Wert in Stilblüten liegt: Hitler war "sichtlich sehr nachdenklich geworden, wie es bei ihm immer der Fall war, wenn ihn etwas besonders beschäftigte".
Die Großadmirals-Frage hat sich so in Wohlgefallen aufgelöst. Vielleicht nicht in dem Sinne, wie es sich Wehr- und Waffen-Parlamentarier in bundesrepublikanischen Gründerjahren erträumt hatten; bestimmt aber zur Zufriedenheit des Offizierkorps der Bundesmarine.
Darüber hinaus ist mit der heimlichen Rehabilitierung der Großadmirale auch unbemerkt das Tor zu einer neuen waffentechnischen Entwicklung aufgestoßen: Solange die Republik den Hitler-Nachfolger Dönitz in Acht und Bann geschlagen hatte, war auch die U-Boot -Waffe suspekt.
Da von den mit Dönitz am engsten verbundenen U-Boot-Kommandanten - soweit überhaupt noch welche am Leben waren - sich zunächst nur wenige Offiziere zum Dienst in der Bundeswehr gemeldet hatten, saßen im Verteidigungsministerium als Planer fast nur Überwasser-Strategen.
Sowohl gefühlsmäßig als auch mangels besseren Wissens nicht in der Lage, zu erkennen, daß entgegen der herrschenden Lehre vom "überholten U -Boot" bei Kriegsende vielversprechende Ansätze für zukunftsträchtige Unterwasser-Einheiten vorlagen, feierte in ihren Planungen die Tirpitz-Illusion von einer Hochseeflotte und Raeders "Z"-Plan rheinische Auferstehung en miniature.
Den politischen Intentionen der Bundesregierung kam diese Art maritimer Planung nur allzu gelegen. Mit Rücksicht auf den noch frischen Blockade -Alptraum der Engländer verzichtete
Bundeskanzler Konrad Adenauer beim Beitritt der Bundesrepublik zur Nato in einem "Zusatzprotokoll III über die Rüstungskontrolle" von sich aus einseitig nicht nur auf die Herstellung von "atomaren, biologischen und chemischen Waffen", sondern auch auf
- "Kriegsschiffe mit mehr als 3000
Tonnen Wasserverdrängung;
- "Unterseeboote mit mehr als 350
Tonnen Wasserverdrängung;
- "alle Kriegsschiffe, die in anderer Weise als durch Dampfmaschinen, Diesel- oder Benzinmotoren, Gasturbinen oder Strahltriebwerke angetrieben werden".
Entlang diesen vom gemeinsamen Ressentiment ehemaliger Kriegsgegner und Überwasser-Kameraden der U -Boot-Waffe gezogenen Richtlinien wurde im Jahr 1956 das Flottenbauprogramm der Bundesmarine entworfen, das - mit Abänderungen versehen-offiziell noch heute gilt (siehe Graphik Seite 39).
Als Endziel war für vier Milliarden Mark die Indienststellung von etwa 200 Schiffen vorgesehen; Mannschaftsstärke der Bundesmarine heute: 24 000 Mann und ein Dutzend Admirale.
Der Schwerpunkt dieser Planung lag klar bei den größten Schiffen, den Zerstörern. Sie sollten den stolzen Kern der kleindeutschen Küstenmarine bilden. Einstweilen liegt das Gros der christlichen Flotte allerdings noch in Konstruktionsbüros oder im Trockendock; nur sechs US-Leihzerstörer repräsentieren Bonns schwimmende Wehr.
Auch Bundesverteidigungsminister Franz-Josef Strauß machte in internen Besprechungen zunächst kein Hehl aus seinem Interesse an großen Einheiten, die er mit Raketenwaffen bestücken wollte.
Bei den Vertragspartnern der Brüsseler Militär-Verbündeten wurde vorsorglich der Antrag eingereicht, die Tonnage-Beschränkung für die Bundesrepublik abzuändern und den Bau von Überwasser-Schiffen bis zu 6000 Tonnen zu gestatten. Das entspricht der Größe leichter Kreuzer des letzten Weltkriegs und moderner US-Zerstörer*.
Zwei Faktoren indes ließen im Verlauf des vergangenen Jahres immer deutlicher werden, daß eine so geartete Flotte und Planung überholt waren:
- die strategische Aufgabe der Bundesmarine;
- die waffentechnische Entwicklung der großen Seemächte.
Zum erstenmal in der Geschichte mit den beiden großen Seemächten England und Amerika verbündet, fällt der Bundesmarine unter operativer Führung durch die Nato als Schwerpunktaufgabe ein ganz klar umrissenes Ziel zu: die Sperrung der Ostsee-Ausgänge, um das Ausbrechen der sowjetischen Ostsee -Flotte zu verhindern.
Die genaue Stärke dieser Roten Flotte ist unbekannt. Sie umfaßt etwa ein Drittel bis ein Viertel der gesamten Seestreitkräfte Moskaus - nach Schätzungen des Bundesnachrichtendienstes von General Gehlen
- 10 Kreuzer,
- 80 Zerstörer und Geleitzerstörer,
- 200 Minensuchboote,
- 200 Schnellboote,
- 120 U-Boot-Jäger,
- 120 U-Boote.
Von einem Dutzend deutscher Zerstörer könnte diese Streitmacht nicht einmal belästigt werden. Der einzige sinnvolle Auftrag, den die teuersten und schwersten Einheiten der Bundesmarine erfüllen könnten, wäre daher
die Flug- und U-Boot-Abwehr zur Nachschub-Sicherung in der Nordsee. Der Kern der Bundesmarine würde also in einer Nebenaufgabe verplempert.
Darüber hinaus ist durch die Raketenentwicklung der Wert aller größeren Überwasser-Einheiten in kleineren Gewässern, wie es Nord- und Ostsee nach modernen Strategie-Maßstäben sind, überhaupt in Frage gestellt. Vom Land her können nahezu alle Ziele auf beiden Meeren beschossen werden.
In diesem Punkt überschneiden sich nun der strategische Auftrag der Bundeswehr und die waffentechnische Entwicklung. Denn parallel zur Raketenentwicklung ist das U-Boot zum drittenmal in der Seekriegsgeschichte dieses Jahrhunderts zur meistversprechenden Waffe geworden.
Es ist das einzige Kriegsschiff, das sich heute sowohl der Fern-Ortung durch Radar als auch dem Raketenbeschuß entziehen kann.
Seine gegen Ende des Zweiten Weltkriegs verlorene Tarnkappe hat das U-Boot durch zwei Neuentwicklungen zurückgewonnen:
- Es braucht, mit elektrischen oder chemischen Motoren versehen, für lange Zeit nicht mehr aufzutauchen oder auch nur einen Schnorchel auszufahren, um Frischluft zu tanken, und kann daher nicht mehr mit Elektro-Radar geortet werden;
- es kann unter Wasser - wo Radar nicht wirkt - jetzt mit einer Geschwindigkeit fahren, die es ihm erlaubt, sich den Ortung durch das moderne Schall-Radargerät "Sonar" zu entziehen, weil erhöhte eigene Schraubengeräusche dem Verfolger ein genaues Anvisieren unmöglich machen.
Diese Neuentwicklungen, die Dönitz im Ansatz bereits bei Kriegsende bekannt waren, schlummerten in Deutschland lange Zeit mißachtet in den Panzerschränken Bonns.
Erst durch die aufsehenerregenden Erfolge amerikanischer Atom-U-Boote, die getaucht um die Erde fuhren und wochenlang unter dem Nordpol-Eis in Wartestellung lagen, wurden im Bundesverteidigungsministerium die letzten psychologischen Hemmungen abgebaut, sich intensiv mit dem Aufbau einer neuen U-Boot-Waffe zu befassen.
Nun unterscheidet sich ein amerikanisches U-Boot der "George Washington"-Klasse von bundesmaritimen U -Booten wie ein Cadillac von einem Moped. Die mitgeführten Polaris-Raketen eines solchen US-Bootes enthalten mehr Explosivkraft, als im gesamten Zweiten Weltkrieg ausgelöst wurde. Das US-Boot selbst hat die zwanzigfache Größe deutscher Boote (7000 Tonnen gegenüber 350 Tonnen).
Die Faszination, die von den spektakulären amerikanischen U-Boot-Entwicklungen ausging, verfehlte jedoch trotz solcher Größenunterschiede ihre Wirkung auch nicht am Rhein: Pläne, wie sie bis dahin nur von den langsam in die Bundesmarine eingesickerten U -Boot-Veteranen geschmiedet wurden und von dem letzten Befehlshaber der Marine-Kleinkampfverbände, CDU -MdB Vizeadmiral a. D. Heye, im Verteidigungsausschuß vertreten worden waren, erweckten plötzlich auch das Interesse von Minister Strauß.
Der Zerstörer-Bau wurde gestoppt. Vier Schiffe sind zwar schon bei der Stüleken-Werft in Hamburg in Auftrag gegeben, aber der Bau der restlichen acht wurde "auf Eis gelegt", wie das Verteidigungsministerium es ausdrückt.
Da für die Kosten eines modernen Raketen-Zerstörers (etwa 250 Millionen Mark) mindestens zehn U-Boote vom derzeitigen 350-Tonnen-Typ zu bauen sind, ergibt der Verzicht auf die acht auf Eis gelegten Zerstörer die Möglichkeit, 80 U-Boote zu bauen. Hinzu kämen die ohnehin vorgesehenen zwölf U-Boote, von denen bereits mehrere bei der Howaldts-Werft in Kiel auf Kiel gelegt sind.
Die ersten U-Boot-Besatzungen werden zur Zeit auf den gehobenen U -Booten "Hai" und "Hecht" ausgebildet.
Das alles ergibt zusammen in der Theorie eine Flotte von 92 U-Booten. Der CDU-Kleinkampf-Admiral Heye (Dönitz: "ideenreich") hat jedoch als erster Bonner Seekriegsstratege auf die Möglichkeit hingewiesen, mit den vorhandenen Mitteln noch eine ungleich leistungsfähigere U-Boot-Flotte aufzustellen: statt der herkömmlichen 350-Tonnen-Boote mehr kleinere Boote.
Dieses Projekt wurde von den Marineplanern des Franz-Josef Strauß aufgegriffen. In einer mit Vorrang behandelten Studie, die noch nicht fertiggestellt,
aber in ihren Umrissen zu erkennen ist, kommen sie zu zwei Schlüssen:
- Beim derzeitigen Stand der Waffentechnik ist eine Sperrung der Ostsee-Ausgänge nicht durch schwere Überwasser-Streitkräfte möglich, sondern nur durch einen Masseneinsatz von Minen, Netzen, Schnellbooten und U-Booten, die sowohl Torpedos als auch Minen an Bord führen.
- Da ungewiß ist, wie lange im Kriegsfall intakte U-Boot-Basen und Werkstätten zur Wartung und
Reparatur von herkömmlichen U -Booten rund um die Ostsee-Ausgänge zur Verfügung stehen, würde bei wahrscheinlich begrenzter Kriegsdauer eine größere Zahl kleinerer, nur zum kurzfristigen Einsatz bestimmter "Verschleiß-Boote" einen höheren Effekt erzielen können als eine kleine Zahl teurer und für jahrelangen Gebrauch bestimmter 350 -Tonnen-Boote.
Nach bisherigen Berechnungen, die vom Bundesverteidigungsministerium durch Bau und Probefahrten verschieden großer und verschieden komplizierter Einzelboote überprüft werden sollen, zeichnet sich als ideale Möglichkeit eine U-Boot-Flotte von etwa 140 Booten eines primitiven Einheitstyps ab.
Noch hat Bundesverteidigungsminister Franz-Josef Strauß keine endgültige Entscheidung getroffen. Er wartet auf die letzten ausstehenden Unterlagen. Sicher aber scheint, daß die Umrüstung der Bundesmarine zugunsten der U-Boot -Waffe in diesem Jahr anlaufen soll.
In dieser Situation suchen Bonns maritime Strategen guten Rat, wo immer sie ihn finden können: Im letzten November trafen sie auf dieser Suche erstmalig wieder auch mit dem sachverständigsten Experten konventioneller U-Boot-Kriegführung zusammen, der einen Abstecher an den Rhein gemacht hatte und in der Hotel-Pension "Haus Weimar" in Bad Godesberg abgestiegen war: Großadmiral a. D. Karl Dönitz.
Dazu Dönitz zum SPIEGEL: "Ich habe kein Urteil über die Rüstung der Bundesmarine, da ich ihre seestrategischen Aufgaben im Rahmen der Nato nicht kenne und da ich nicht weiß, ob dem U-Boot nicht heute seine Unsichtbarkeit unter Wasser durch moderne Ortungsmittel genommen ist."
* "z" wurde im maritimen Flaggenalphabet durch einen roten Doppelstander dargestellt und bedeutete im Signalkode: "Ran an den Feind.
* Zitiert nach: "Entscheidungsschlachten des zweiten Weltkrieges". Im Auftrag des Arbeitskreises für Wehrforschung, Stuttgart, herausgegeben von Dr. Hans-Adolf Jacobsen und Dr. Jürgen Rohwer; Verlag für Wehrwesen Bernard & Graefe, Frankfurt am Main; 1960; 580 Seiten; 48 Mark.
* Döniz-Vorgänger: Hans von Koester (1905), Prinz Heinrich von Preußen (1909), Alfred von Tirpitz (1911), Henning von Holtzendorff (1918) und Erich Raeder (1939).
* In drei Fällen wurden auf deutschen Antrag hin die Beschränkungen des Rüstungsprotokolls bereits aufgehoben. Der Bundesrepublik wurde gestattet: der Bau von Panzerabwehrraketen; die Indienststellung eines 4800 Tonnen großen Ausbildungsschiffs "Deutschland" und die Einführung der Raketen "Sidewinder" und "Hawk".
NS-Großadmiral Dönitz, Offiziere der Bundesmarine*: Deutschlands Zukunft liegt unter Wasser
John Guck-in-die-Luft am Ärmelkanal ("Simplicissimus", 1917)
Und der Haifisch, der hat Zähne ... ("Daily Mail", 1943)
Untersee-Held Weddigen (1914)
Die Schmach des Weltkriegs I... Untersee-Held Prien (1939)
...wurde in Scapa Flow torpediert
Untersee-Feldherr Dönitz
Tarnkappe verloren
Luftangriff auf deutsches U-Boot (1943): Im Hagel neuer Waffen...
...endete die Fahrt gegen Engelland: Gefangene Speer, Dönitz, Jodl (1945)
Admirale der Bundesmarine Ruge, Zenker, Gerlach: "Auf Onkel Karl"
Raketen-Abschuß von amerikanischem Atom-U-Boot: Wie ein Cadillac...
...neben einem Moped, Deutsches Schul-U-Boot "Hecht"
Seelöwe Strauß
Eine christliche Flotte...
Seebär Heye
...im Trockendock
Pensionär Dönitz, Gattin: Hitlers Klabautermann reiste nach Bann
* Bei der Beerdigung von Großadmiral Erich Raeder im November 1960 in Kiel.

DER SPIEGEL 6/1961
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SEEKRIEG / DÖNITZ:
Aufgetaucht -

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  • Elektrische Pick-Ups und SUVs: US-Start-Up will den Markt revolutionieren
  • Faszinierende Aufnahmen: Ameisen laben sich an einem Wassertropfen
  • Trockenheit in Deutschland: Hohe Waldbrandgefahr - diesmal schon im Frühjahr