01.02.1961

INDIEN / TIGERJAGDMit Ekel

Vergiß nicht, dich anzuschnallen", ulkte Prinz Philip, als seine Gemahlin, Ihre Majestät Königin Elizabeth II. von Großbritannien, den zu ihren Ehren mit Wasserfarbe bemalten und mit Gold- und Silberzierat behängten Elefanten "Beauty" aus dem Stall des Maharadschas von Dschaipur bestieg.
Mit einer Stadtbesichtigung, begann wenige Augenblicke später der umstrittenste Teil der königlichen Reise durch das ehemals britische Indien: Dem Empfang beim Maharadscha folgte
eine wohlvorbereitete Tigerjagd, im Dschungel von Dschaipur, an der sich jedoch die Gemüter der Untertanen Ihrer Majestät erhitzten.
Zwar entsprach eine solche Hatz den Traditionen - Elizabeths Großvater, König Georg V., hat 1911 in wenigen Tagen vier Tiger, vier Bären und 18 Rhinozerosse erlegt -, aber die heutigen Bewohner der britischen Insel sahen in dieser Jagd eher ein Relikt aus einer längst entschwundenen Kolonialepoche.
"Eine Tigerjagd ist das Symbol des ehemaligen Kolonialregimes", zürnte denn auch der sozialistische "New Statesman". "Nichts wird mit solcher Sicherheit satirische Kommentare in der indischen Presse auslösen wie diese Jagd."
Die englische Öffentlichkeit erregte sich allerdings nicht so sehr über den vermeintlichen Rückfall ins Kolonialzeitalter als vielmehr über die Grausamkeit gegenüber der Kreatur. Als bekannt wurde, daß man 14 Tage lang Kälber an hohe Bäume binden wolle, die für den "König der Streifen" - so lautet in, Indien der poetische Name für das Dschungel-Raubtier - als Lockspeise dienen sollten, äußerten Englands Tierfreunde grimmige Empörung.
In Indien schließlich forderte die Ahimsak-Partei ("Partei der Gewaltlosigkeit"), man solle die Tigerjagd vom Besuchsprogramm absetzen. Anderenfalls würden die Führer der Partei in einen Hungerstreik treten.
Konservative Briten hingegen waren außer sich, in welch respektloser Weise an Plänen und Taten Ihrer Majestät Kritik geübt wurde. Der konservative "Sunday Dispatch" echauffierte sich darüber, daß man. "Krokodilstränen wegen Grausamkeiten gegen Tiger" vergieße. "Ich bewundere eine Frau", schwärmte eine "Dispatch"-Redakteurin, "die zwei Stünden in einem Baum sitzt und dort auf ein fürchterliches Raubtier wartet, von dem es heißt, daß es mit einer Kuh im Maul über eine viereinhalb Meter hohe Mauer springen kann."
Indiens Premier Nehru, von ergrimmten Tierfreunden in England und Indien um Unterstützung gebeten, erwies sich auch diesmal als kluger Diplomat. "Das ist eine Sache, die Ihre Majestät die Königin und der Prinz selbst entscheiden müssen", sagte er. "Ich gehe nicht mit Ihnen jagene."
Als Gastgeber fungierte daher der Maharadscha von Dschaipur, Sproß eines alten Fürstengeschlechts, Herr über sechs Paläste und Eigentümer eines auf 800 Millionen Mark geschätzten Vermögens,
Auf sein Geheiß traf Indiens berühmtester Tigerjäger, Oberst Keschari Singh, die Jagdvorbereitungen. 200 indische Treiber setzte er ein, die - gegen ein Entgelt von 2,70 Mark täglich - schreiend durch den Dschungel laufen und den Schützen das Wild zuführen sollten.
Zur festgesetzten Stunde erklomm Königin Erizabeth - in engen schwarzen Hosen" Ende mit einer khakifarbenien Buschjacke - den "Machan", einen mit persischen Teppichen ausgelegten Schießstand, der sich acht Meter über den Boden erhebt. Auf einem anderen Machan bezog Philip Posten.
In diesem für Commonwealth und
Tierliebe kritischen Augenblick versuchte indes auch Elizabeth, den diplomatischen Anforderungen der Stunde gewachsen zu sein: Sie vertauschte in letzter Minute ihre Büchse mit einer Filmkamera und überließ ihrem Gemahl den tödlichen Schuß. Damit hoffte die Königin, dem Kummer der Tierfreunde ebenso gerecht zu werden wie der Jagdleidenschaft ihres Mannes.
Kaum aber waren britische Zeitungsleser des fast drei Meter langen Tigers, den Prinz Philip mit einem einzigen Schuß zur Strecke gebracht hatte, auf Bildern ansichtig geworden, da zeigten die erneuten Proteste auf der Insel, wie wenig sich die Tierfreunde von ihrer Monarchin düpieren ließen. Daß zudem der in England umstrittene Prinz den Schuß abgegeben hatte, verhärtete noch den insularen Zorn.
Erregte sich das Londoner Massenblatt "Daily Mirror": "Was für eine übelklingende Episode am Beginn einer wichtigen Commonwealth-Tour! Die königliche Familie sollte einsehen, daß-Millionen von Engländern dieses Töten von Tieren nicht als sportlich betrachten. Sie betrachten es mit Ekel."
Königin Elizabeth, Elefant Kamera statt Büchse

DER SPIEGEL 6/1961
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Mit Ekel