25.01.1961

LAWRENCELiebe zum Führer

Die türkischen Soldaten zerrten den nackten Mann aus dem Schlafzimmer ihres Kommandanten auf den Flur, krümmten ihn über eine Bank und prügelten mit einer Lederpeitsche auf ihn ein. Noch vor dem zehnten Schlag, höhnte der Korporal, werde der Übeltäter um Gnade heulen. Aber der Geschlagene brüllte nur zusammenhanglose Wortfetzen heraus, ehe er in Ohnmacht fiel.
Die Züchtigung sollte den Unbekleideten, einen blauäugigen jungen Mann von schlankem Wuchs, dafür strafen, daß er dem türkischen Bei die Erfüllung erotischer Wünsche verweigert hatte. Opfer der Prügel-Orgie war T(homas) E(dward) Lawrence, Antreiber der Araber-Revolte gegen die Türken im Ersten Weltkrieg, jener britische Oberst, der später als "Lawrence of Arabia" zum britischen Nationalhelden avancierte (Winston Churchill: "Ein Übermensch").
Im Frühjahr 1918, bei einem Erkundungsgang durch die südsyrische Ortschaft Dera, hatten Soldaten des Sultans den als Araber gekleideten Lawrence - ohne ihn zu erkennen - aufgegriffen, weil der Ortskommandant ihn begehrenswert fand.
Als Lawrence aus der Ohnmacht erwachte, peitschten ihn die Soldaten, bis er erneut das Bewußtsein verlor. An das Ende der Bestrafung erinnerte sich Lawrence jedoch genau: "Die Soldaten hoben mich auf und schleppten mich herein, während ich um Gnade schluchzte, nach dem Bett hin, wo der Bei lag. Aber jetzt verschmähte er mich, denn ein so zerfetztes und blutiges Etwas war für sein Bett nicht zu gebrauchen."
Zwei Filmproduzenten planen nunmehr gleichzeitig, die Torturen, die Englands Nahost-Heros im Dienste der britischen Krone erlitt, zu abendfüllender Unterhaltung abzufilmen: Der Amerikaner Sam Spiegel, Produzent von "Die Faust im Nacken" und "Die Brücke am Kwai", will für die Hollywood-Gesellschaft Columbia das Buch "Die sieben Säulen der Weisheit"*, in dem Lawrence die von ihm gesteuerte Wüsten-Revolte beschreibt, verfilmen (Titel: "Lawrence of Arabia"); der Engländer Herbert Wilcox dagegen gedenkt, für seine Gesellschaft, "Imperadio Pictures- Ltd." ein Lawrence-Lichtspiel nach dem Drama "Ross" von Terence Rattigan zu verfertigen.
Die beiden Filmhersteller wagen sich damit an einen äußerst heiklen Filmstoff:
- T. E. Lawrence gilt als eine der umstrittensten Persönlichkeiten des Jahrhunderts (Lawrence-Biograph Richard Aldington: "Ein Scharlatan, Lügner und Betrüger").
- Die politischen Voraussetzungen,
unter denen Lawrence Ruhm erwarb, sind der heutigen Generation von Kinogehern kaum noch geläufig (Produzent Spiegel: "Man muß zuerst überhaupt mal klarmachen, daß die Türken damals die Feinde der Alliierten waren").
- Die Figur des Lawrence symbolisierte die Vorherrschaft Englands im Nahen Osten. Die Erinnerung an diese Epoche ist weder den Arabern, auf deren Mithilfe die Lawrence-Verfilmer angewiesen sind, noch den aus ihrer Machtstellung vertriebenen Briten angenehm.
Dennoch: Als Produzent Spiegel verkündete, es sei ihm gelungen, die Filmrechte an dem Lawrence-Buch "Die sieben Säulen der Weisheit" zu erwerben, bekundeten andere Projektemacher Neid und Bewunderung für den, laut Spiegel, "ungeheuren Coup". 25 Jahre lang, seit dem Tode von T. E. Lawrence im Jahre 1935, hatten Dutzende von Filmleuten den jüngeren Bruder und literarischen Testamentsvollstrecker des Arabienkriegers, Professor Arnold Lawrence, vergebens bedrängt; ihnen die Filmrechte zu überlassen.
Der Professor begründete seine abweisende Haltung damit, daß "in all den Jahren nicht ein einziger einen Drehbuch-Entwurf vorlegte, der akkurat und unvoreingenommen war". Spiegel dagegen, lobte der Lawrence-Bruder, habe erstklassige Arbeit geleistet.
Produzent Spiegel und sein Regisseur David Lean glauben in den "Sieben Säulen der Weisheit" eine Vorlage gefunden zu haben, mit der sie ihren Welterfolg "Die Brücke am Kwai" noch übertreffen könnten (Spiegel: "Lawrence of Arabia" wird, denke ich, der wichtigste Film, den ich je produziert habe"). Die Dschungel-Tragödie um den von Alec Guinness verkörperten kriegsgefangenen britischen Kolonialoberst Nicholson hatte 13,5 Millionen Mark gekostet, über 100 Millionen Mark eingespielt und sieben "Oscars" sowie ein Dutzend anderer Filmpreise errungen (SPIEGEL 23/1958). Für das geplante dreistündige Wüsten-Epos in Technicolor stehen Spiegel, wie Columbia-Präsident Abe Schneider versicherte, "unbeschränkte Mittel" zur Verfügung.
Obgleich Spiegel sich noch immer scheut, Details des Drehbuchs bekanntzugeben, läßt eine Erklärung des Lawrence-Bruders Arnold erkennen, daß der Produzent praktisch den Lawrence -Bericht "Die sieben Säulen der Weisheit" Kapitel für Kapitel zu verfilmen beabsichtigt. Versicherte Arnold Lawrence: "Er gedenkt einen Film zu drehen, der sich strikt an das Buch hält."
In der Tat kann das Buch als Leitfaden für eine buntscheckige Abenteuergeschichte dienen. In seinem Bericht, der zuerst 1926 als kostbarer Privatdruck in wenigen Exemplaren, später unter dem Titel "Aufstand in der Wüste" als stark gekürzte Fassung in Millionenauflage erschien; schilderte Lawrence in eindrucksvoller Prosa, wie er von 1916 bis 1918 die Araber gegen die Türken mobilisierte und nach Damaskus zum Sieg führte.
Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs hielten die Türken fast die gesamten Küstenregionen der arabischen Halbinsel besetzt. Als die Türkei an der Seite Deutschlands und Österreich-Ungarns in den Krieg eintrat, bedrohte sie den für Großbritannien lebenswichtigen Seeweg, der durch den Suezkanal und das Rote Meer nach Indien führte.
Der Weg durch den Suezkanal konnte nur gesichert werden, wenn es den Briten gelang, die seit langem aufsässigen, aber untereinander zerstrittenen Araberstämme zu gemeinsamer offener Rebellion gegen die türkischen Herren aufzuwiegeln. England lockte die Araber durch das Versprechen, nach dem Sieg über die Türken für ein großarabisches Reich einzutreten.
Kurz nach Ausbruch des Krieges meldete sich beim britischen Geheimdienst in Kairo ein scheuer, ungewöhnlich kleiner junger Mann: der damals 26jährige T. E. Lawrence, der als Student und Archäologe schon mehrere Jahre lang den Vorderen Orient durchstreift hatte. Die Arbeiten jedoch, mit denen er in Kairo beschäftigt wurde, vorwiegend Kartenzeichnen, langweilten ihn bald. Durch hartnäckiges Nörgeln erreichte er schließlich, daß er im Oktober 1916 nach Westarabien, in das Hedschas, abkommandiert wurde, wo der Scherif Hussein von Mekka, Schirmherr der heiligen Stätten der Moslems, mit seinen vier Söhnen Ali, Abdallah, Feisal und Seid zum Aufstand gegen die Türken bereit war.
Dieser Familien-Clan der "Haschemiten" wurde denn auch das Werkzeug, dessen sich Lawrence, wie er in den "Sieben Säulen der Weisheit" beschrieb, zu einem Partisanenkrieg und Wüstenfeldzug bediente. Er stachelte die wankelmütigen Araberfürsten zum Kriegszug an.
Feldmarschall Lord Wavell, der spätere Rommel-Gegner und Vizekönig von Indien, urteilte über die Tat, die Lawrence vollbrachte: "Die Verwandlung der Familien-Revolte des Scherifs Hussein in eine Volksbewegung, die sich bis nach Damaskus ergoß, war eine Leistung, die keinem anderen geglückt wäre."
Freilich paßte sich der Kamelreiter für England in flatterndem Burnus auch den Sitten des Orients an. Freimütig schilderte Lawrence, wie seine Truppe Züge ausplünderte, Gefangene abschlachtete und ihre eigenen Verwundeten erschoß, wenn Gefahr drohte, daß sie in die Hände der Gegner fielen. An den Anfang seiner Aufzeichnungen setzte er eine Entschuldigung: "Mancherlei Abstoßendes in dem, was ich zu erzählen habe, mag durch die Verhältnisse bedingt gewesen sein."
Detailliert, in geradezu exhibitionistischer Manier, berichtete Lawrence auch über die Qualen, die ihm "die Verhältnisse" auferlegten - bei der Auspeitschung in Dera -, aber er beklagte sich mit keinem Wort. Lediglich durch den Hinweis, daß "in jener Nacht in Dera die Zitadelle meiner Unversehrtheit unwiderruflich verlorengegangen war", deutete er an, was sein Freund und Biograph, der Schriftsteller Robert Ranke Graves ("Ich, Claudius, Kaiser und Gott") aussprach: Lawrence wurde durch die Mißhandlung impotent.
Mehr als der 'Verlust' seiner Mannbarkeit - Lawrence hat niemals eine Frau berührt - bedrückte den Wüstenkämpfer das Wissen, daß er sich einem perfiden Unternehmen verschrieben hatte: Ihm war klar, daß England nach dem Krieg nicht bereit sein würde, die Bemühungen der Araber zu honorieren.
Trotzdem verpfändete er sein Wort für die Einhaltung des Versprechens, als die Araberfürsten mißtrauisch wurden. "Ich verkaufte meine Ehrlichkeit", rechtfertigte er sich später, "um England zu erhalten."
Das Ziel Großbritanniens wurde erreicht, als die arabische Armee am 2. Oktober 1918 in Damaskus einzog. Lawrence kehrte nach England zurück. Damit endete auch der Bericht, nach dem Spiegel vor allem - sein Drehbuch entwarf. (Vorsichtshalber hat Spiegel außerdem die Filmrechte von vier Lawrence-Arbeiten des Historiker -Schriftstellers Robert Ranke Graves sowie "With Lawrence in Arabia" von Loweli Thomas angekauft.)
Der Heimkehrer aus Arabien, der seine Verbundenheit mit dem Orient dadurch demonstrierte, daß er sich auch in Großbritannien oft in ein arabisches Gewand hüllte, wurde zum gefeiertsten Helden im Nachkriegs-England. Feldmarschall Viscount Allenby, zur Zeit des Araberfeldzugs britischer Befehlshaber im Nahen Osten, nannte Lawrence "vielleicht das interessanteste Produkt des großen Krieges"; Bernard Shaw bescheinigte dem Arabienkrieger unverhohlen "Genie".
Die Ausschmückung der Lawrence -Legende mit immer neuen Details (woran der Held selbst nicht unbeteiligt war) lockte freilich auch Kritiker hervor. Sir Hubert Young beispielsweise, während des Weltkriegs Stabsoffizier im Nahen Osten, später Gouverneur von Nordrhodesien, hielt T. E. Lawrence für einen "bösartigen kleinen Kobold", der eitel war und zum Posieren neigte.
Die Eitelkeit des Heros zeigte sich etwa darin, daß er mehrmals hintereinander heimlich Vorträge besuchte, die über seine Taten gehalten wurden. Er selbst gestand in den "Sieben Säulen": "Ich schmachtete nach Ruhm. Zugleich graute mir davor, daß diese Ruhmsucht ruchbar werden könnte. Der Ekel vor meinem eigenen Ehrgeiz trieb mich, jede mir angebotene Ehre auszuschlagen."
Lawrence schreckte nicht davor zurück, den englischen König durch Ablehnung eines Ordens zu brüskieren. Er schlug auch Gouverneursposten ab, die ihm, der damalige Kolonialminister Winston Churchill anbot. Nachdem sich Lawrence in den Londoner Ministerien und bei den Verhandlungen in Versailles vergebens dafür eingesetzt hatte, den Arabern die während des Krieges versprochene Unabhängigkeit zu gewähren, verschwand er von der politischen Bühne in die Anonymität: Er änderte 1922 seinen Namen in John Hume Ross
- ein halbes Jahr später in T. E. Shaw
- und trat als einfacher Soldat in die Fliegertruppe ein.
Bis in diese Zeit hinein reicht die Vorlage, die sich der zweite Lawrence -Verfilmer, Herbert Wilcox, für sein Unternehmen gesichert hat: Terence Rattigans Drama "Ross", das im Frühjahr 1960 - die Titelrolle spielte Alec Guinness - mit großem Erfolg uraufgeführt wurde.
Rattigans Stück beginnt in einer Militärbaracke, wo der Soldat Ross über die Läufte seines Lebens nachsinnt: "Oh, Ross, wie bin ich zu dir geworden?". Die Handlung blendet dann zurück und gipfelt in der Auspeitschungsszene. Rattigan unterstellt, daß bei dieser Tortur die Willenskraft des T. E. Lawrence gebrochen wurde und daß dieses Erlebnis der Grund für die Flucht des Helden in die Anonymität gewesen sei.
Das Prädikat "bester Schauspieler des Jahres 1960", das Sir Alec Guinness für die Darstellung des Ross-Lawrence verliehen wurde, entschädigte den Schauspieler für eine Enttäuschung, die ihm Spiegel bereitet hatte: Sir Alec hatte gehofft, daß Spiegel ihn für die Rolle des Film-Lawrence engagieren würde. Der Produzent jedoch, der in der "Brücke am Kwai" mit Guinness zusammengearbeitet hatte, fand den Schauspieler für die Rolle des jungen Lawrence zu alt und offerierte die Titelpartie dem Amerikaner Marion Brando.
Die englische Presse protestierte entsetzt. Sogar der jeglichem Nationalismus abholde "News Chronicle" hielt den Araber-Brando für die "unwahrscheinlichste Besetzung in der Geschichte des Films". Der Film müsse bei solcher Besetzung "fast unvermeidlich ein Reinfall werden", jammerte des Helden Bruder; Professor Arnold Lawrence. Doch Brando konnte die Rolle wegen Terminschwierigkeiten nicht übernehmen. Während Spiegels Konkurrent Herbert Wilcox inzwischen den britischen Schauspieler Laurence Harvey ("Der Weg nach oben", "Froschmann Crabb") - als Lawrence-Verkörperer benannte, engagierte Spiegel schließlich den 27jährigen Schauspieler Peter O'Toole für die Hauptrolle. O'Toole, ein Ire, hat sich als Shylock im Shakespeare-Theater von Stratford-on-Avon hervorgetan, aber auch moderne Rollen gespielt.
Den Verzicht auf einen Starnamen in der Hauptrolle will Spiegel dadurch wettmachen, daß er die Nebenrollen mit prominenten Darstellern wie Cary Grant, Kirk Douglas, Jack Hawkins und Horst Buchholz besetzt.
Freilich sieht sich Spiegel bei seinem aufwendigen Projekt noch einem schwerwiegenden Handikap gegenüber, dem er bei der "Brücke am Kwai" listig entgangen ist: Er muß einen Film ohne Frauen und mithin ohne Liebesverstrikkungen drehen. Hatte Spiegel. "Die Brücke am Kwai" - abweichend von Pierre Boulles Roman, auf dem das Drehbuch des Films basierte - durch einige attraktive Siamesinnen, die als Partisanen in Erscheinung traten, und durch die Liebesaffäre eines entwichenen Gefangenen aufgeputzt, so scheint solche Praktik bei "Lawrence of Arabia" ausgeschlossen.
Spiegel mußte sich dem Bruder des Abenteurers gegenüber sogar ausdrücklich verpflichten, auf derartige erotische Anreicherungen zu verzichten und das Wüsten-Epos: dem Geiste der "Sieben Säulen der Weisheit" getreu abzudrehen. In seinem Bericht hatte Lawrence geschrieben: "Bezeichnend ist, daß es in der ganzen arabischen Bewegung vom Anfang bis zum Schluß nichts Weibliches gab, außer den Kamelen."
Tröstete sich Spiegel: "Die Liebe von Tausenden zu ihrem Führer ist doch ohnehin eine große Liebesgeschichte."
* Über den Titel schrieb Arnold Lawrence, der Bruder des Wüstenkriegers: "Die sieben Säulen der Weisheit" werden in der Bibel erwähnt. In den Sprüchen Salomonis IX, 1, heißt es: 'Die Weisheit bauete Ihr Haus und hieb sieben Säulen'. Ursprünglich hatte der Verfasser diesen Titel für ein Buch über sieben Städte bestimmt. Er entschloß sich, dieses Jugendwerk nicht zu veröffentlichen, da er es für unreif hielt, übertrug aber den Titel auf das vorliegende Werk als ein Memento."
Darsteller O'Toole als Lawrence von Arabien: Auspeitschungs-Orgie auf der Breitwand
Lawrence-Darsteller Guinness Scharlatan . . .
Britischer Wüstenheld Lawrence ... oder Übermensch?
Produzent Spiegel, Regisseur Lean: Außer Kamelen nichts Weibliches

DER SPIEGEL 5/1961
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