08.02.1961

ÖSTERREICH / VENUS-INVASIONHerren vom anderen Stern

Der Tag X verläuft so: Eine Armada "Fliegender Untertassen" der 3.Venusianischen Weltraumflotte landet in Berlin-Tempelhof. Ase, der Chef der Venusleute, proklamiert sogleich den Erdenbürger Karl Michalek zum Präsidenten der Oberhoheitlichen Regierung der Weltrepublik.
Dieser, ein bärtiger Deutsch-Böhme von 43 Jahren, beginnt seine Regentschaft mit einem Aufruf an die Menschheit: "Jeder muß heute die Entscheidung treffen. Entweder: unter hartem und unerbittlichem Einsatz - bedingungslos der Führung folgen - oder: Untergang unseres Planeten Erde durch kosmisches Feuer."
Nur Uneingeweihte sind von dieser weltgeschichtlichen Wendung überrascht. Michaleks Getreue dagegen haben den Tag X schon lange erwartet. Sie eilen sofort nach Berlin, um am Amtssitz der Weltregierung ihre neuen Funktionen zu übernehmen.
Eberhard Karasch zum Beispiel, geboren am 17. Januar 1935 in Breslau, wohnhaft in Weddinghofen über Kamen (Westfalen), meldet sich im Dezernat III, Amt 3/1 zwecks Dienstantritt als Inspektor. Sein Ausweis Nr. 2378 A - ausgestellt in O.U. am 15. April 1960 und versehen mit dem Faksimile des Präsidenten, der Unterschrift des Sicherheitskommissars Karl Mekis sowie vier Ehrfurcht einflößenden Stempeln dient ihm als Legitimation.
Allerdings wird es dem Eberhard Karasch am Tage X leichter sein, die Reise nach Berlin anzutreten, als seinem zweithöchsten Vorgesetzten Karl Mekis. Denn vorerst sitzt dieser - in der künftigen Weltregierung als Sicherheitskommissar unmittelbar hinter Präsident Karl Michalek rangierend - im Untersuchungsgefängnis von Wiener Neustadt.
Die Gründe dafür sind weniger kompliziert als der Lebenslauf des künftigen Weltbosses Nr. 2, seine Beziehungen zu Weltboß Nr. 1 und ihr gemeinsames Weltrepublik-Unternehmen mit gütiger Nachhilfe der mysteriösen Herren vom anderen Stern.
Als den österreichischen Grenzbeamten auf dem Brenner-Paß jüngst der Versuch des 48jährigen Karl Mekis mißfiel, sich mit einem chilenischen, auf den Namen Karl Michalek lautenden Paß auszuweisen, sprach gegen ihn - außer dem falschen Ausweis - zunächst nur sein gleichgültiges Verhalten in puncto Familienverpflichtungen. Seit zehn Jahren hatte sich Mekis weder um seine in Saubersdorf bei Neunkirchen lebende Ehefrau Paula noch um seine Söhne Wolfgang und Christian gekümmert. Dann aber stellte sich heraus, daß bei Interpol, der internationalen Polizeiorganisation, eine Akte über Karl Michalek geführt wird, die dringend der Ergänzung bedurfte.
Beim Studium der Vergangenheit des verhinderten Grenzgängers ergab sich ein bizarres Bild: arbeitsscheues Herumstromern als Jugendlicher in Mitteleuropa und Algerien; später Unterführer im Reichsarbeitsdienst; dann Gestapo mit einem Jahr Gefängnis wegen "außerdienstlichen Umgangs mit Juden"; nach Kriegsende zwei Jahre Gefängnis wegen illegalen Waffenbesitzes; Verwandlung in den "politischen Flüchtling" Karl Michalek aus Preßburg; Anfang 1955 nach Bolivien; in Santiago de Chile Begegnung mit Franz Weber-Richter.
Zwei Gleichgesinnte hatten sich gefunden. Gemeinsam entwickelten sie die Idee, die ihnen - nach den bisherigen Ermittlungen von - Interpol - in der Folgezeit Einnahmen von 100 000 Mark sowie legendären Ruhm bei allen Ufo-Gläubigen* verschafft hat.
Die Bewohner des Planeten Venusso flunkerten Mekis und Weber-Richter beäugen bereits seit dem Jahre 1640 mißtrauisch das Treiben der Erdenmenschen. Aus Furcht, in ihrem friedlichen Dasein durch Weltraumraketen irdischer Herkunft gestört zu werden, sind sie zu einer Befriedungsaktion auf der Erde entschlossen.
Wohl wissend, daß einheimische Kollaborateure den Genuß jeder Invasion erhöhen, erkoren die auf der Erde herumschnüffelnden Venuskontakter den Karl Mekis und den Franz Weber-Richter zu Vertrauensleuten. In einem venusianischen Weltraumschiff erhielt Weber-Richter eine achtzehnmonatige Spezialausbildung für seine künftigen Aufgaben als designierter Präsident der Oberhoheitlichen Weltrepublik. Karl Mekis, zum Sicherheitskommissar der Oberhoheitlichen Regierung bestimmt, mußte sich mit einem dreimonatigen Schnellkursus im Weltraumschiff begnügen.
Dann begannen die beiden, zunächst von Chile aus, mit der Vorbereitungsarbeit für den Tag X. Der Verlag Schönenberger in Heiden (Schweiz) druckte ihre. Broschüren und Aufrufe an die Menschheit. Die Stuttgarter Zeitschrift "Neues Europa" - Untertitel: "Das führende Weltblatt für alle Fragen der kommenden Entwicklung"sorgte dafür, daß die Kunde von den venusianischen Plänen bis zum letzten Ufo-Gläubigen drang.
"Jeder muß wissen, wo er in diesen uns bleibenden fünf Minuten vor Zwölf steht", beschworen die Venus-Pioniere die zögernden Erdenbürger und vertrieben gegen angemessene Gebühren die von Welt-Präsident Michalek signierten Mitgliederausweise, die befriedigenden Absatz fanden. Diese Venus-Dokumente sichern nämlich ihren Inhabern einträgliche Positionen in der Oberhoheitlichen Regierung der Weltrepublik (ORdWR).
Das Warten auf den Tag X verkürzte Franz Weber-Richter, der inzwischen das Pseudonym Karl Michalek von seinem Sicherheitskommissar übernommen hatte, den Venus-Geheimbündlern mit diskreten Hinweisen auf seine ungewöhnliche Herkunft. Bald flüsterten sich seine Vertrauten zu, daß ihr Präsident niemand anderes sei als ein illegitimer Sohn Adolf Hitlers. Sein irdisches Dasein verdanke er einer drallen Krankenschwester, die 1917 den schnurrbärtigen Gefreiten des Ersten Weltkriegs in einem Münchner Lazarett hingebend gepflegt habe. Eindeutiger Beweis: die Ähnlichkeit des Michalek-Krakels unter den Venus-Ausweisen mit dem Namenszug des einstigen Führers.
Im Frühjahr 1960 verlegte Karl Michalek mit Ehefrau Elvira, Sohn Adolf und Tochter Illi sein Hauptquartier von Santiago de Chile nach Rom, da ihm Venus-Präsident Urun als "unwiderruflichen und unverrückbaren" Termin für die Landung der 3. Venusianischen Weltraumflotte in Berlin - Tempelhof den 1. Juli genannt hatte.
Doch die Venus-Geheimbündler sahen sich betrogen: Höhere Gewalt verzögerte die Invasion der Venusleute. Kurz vor dem Start zur Erde war Präsident Urun -wie sein irdischer Statthalterverkündete - von einer tückischen Venus-Krankheit dahingerafft worden, und sein Nachfolger Ase hat zunächst dringlichere Dinge zu erledigen als die Proklamation seines Freundes Michalek zum Präsidenten der Weltrepublik auf dem Flugplatz Berlin-Tempelbof.
Die Stuttgarter Zeitschrift "Neues Europa" stieg nun aus dem Michalek-Geschäft aus. "Dinge, die jetzt erst ans Tageslicht kommen - Trotz allem: die Weltregierung nötiger als jemals zuvor", überschrieb sie ihren Abgesang auf den verhinderten Weltboß.
Weber-Richter alias Michalek läßt sich seitdem in der Mansarde eines Palazzo der Via Condotti in Rom von der als Malerin tätigen Herzogin Elena Caffarelli, die einige Geheimbündler als "planetarische Adoptivmutter" des Karl Michalek bezeichnen, über sein Mißgeschick hinwegtrösten. Immerhin erfreut er sich noch der Freiheit, während sein Sozius Karl Mekis den Unbilden österreichischer Haft ausgesetzt bleibt.
Warnte Ministerialrat Dr. Karl Formanek, Leiter der Abteilung 13 (Kriminalpolizeiliche Angelegenheiten) des Wiener Innenministeriums: Jedes veröffentlichte Wort könne ein "Unglück für die Ermittlungen" sein.
* Unidentified Flylng Objects - "Fliegende Untertassen".
Weltraum-Präsident Michalek Als illegitimer Hitler-Sohn ...
Sicherheitskommissar Mekis ... von Venusianern auserkoren

DER SPIEGEL 7/1961
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