08.02.1961

PROPAGANDAMann gegen Mann

Ulbrichts Starfighter Karl-Eduard von Schnitzler legte die Stirn in Sorgenfalten, beugte sich vor und blickte mit gespieltem Kummer in die Ostberliner Fernsehkamera: "Heute, meine sehr verehrten Damen und Herren, werde ich Ihnen eine ganze Reihe klassischer Beweise dafür erbringen, wie sich der schwarze Kanal (das westdeutsche Fernsehen) mehr oder weniger des Mittels der plumpen Fälschung bedient hat..."
Zielscheibe des kommunistischen Propagandisten war der Westberliner TVKommentator Günter Lincke, der in seinem letzten Mitteldeutschen Tagebuch" Ulbrichts dialektische Kniffe analysiert hatte.
Lincke hatte ein Ulbricht-Wort -"Sozialismus, das ist Friede in der Welt" - als mathematische Gleichung bezeichnet, die man auch umkehren könne. Das würde sich dann so anhören: Friede, das ist Sozialismus in der Welt."
Schnitzler indes stellte sich begriffsstutzig ("Ein ganz hübsches Stück der Fälscherkunst!") und kanzelte den Westberliner Tagebuch-Journalisten ab: "Mich interessiert nicht das Privatleben des Herrn Lincke. Mich interessieren nur die Manipulationen, die er mit der Cutterschere vollbracht hat."
Damit landete er einen späten Vergeltungsschlag für eine Attacke, die Lincke in seiner letzten Sendung gegen Schnitzler und dessen Privatleben geführt hatte.
Mit Schnitzlers polemischer Sendereihe "Der schwarze Kanal" (SPIEGEL 16/1960) sei "der innerdeutsche Fernsehkrieg offensiv geworden", konstatierte der nach Washington abgewanderte Westberliner Fernseh-Kommentator Thilo Koch bereits im Frühjahr 1960. Doch während Koch, der seine Sendereihe über die Ostzone ("Die rote Optik") selbstkritisch und nüchtern betrieb, ungeschoren davonkam, ist zwischen Schnitzler und Lincke ein kurioser Privatkrieg ausgebrochen, der Mann gegen Mann über die Fernsehwellen ausgetragen wird.
Schnitzler variiert dabei hartnäckig seinen Lieblingswitz, der auf den Namen seines Westberliner Widersachers zielt:
- So nach der gescheiterten Gipfelkonferenz: "Ein Günter Lincke - der Name Lincke steht im krassen Gegensatz zur Ideologie dieses Herrn
versucht, ein auf die Minute genaues Alibi der westlichen Regierungschefs zusammenzuklauben."
- Am 22. August: "Über das Potsdamer Abkommen hat sich in der letzten Woche ein Mann ausgelassen, der sich - übrigens sehr zu Unrecht -Lincke nennt."
- Auch Ende Januar brachte Schnitzler seinen Namensgag wieder an: "Dieser Wahrheitsfanatiker... heißt sehr zu Unrecht Lincke."
Der solcherart geschmähte Lincke hätte wenige Wochen zuvor seinen propagandistischen Gegenstoß eingeleitet: "Unter dem Stichwort übrigens möchte, ich... den Kommentator des Staatlichen Rundfunk-Komitees in Ostberlin, Karl-Eduard von Schnitzler und seine Art, zu kommentieren, ins rechte Licht rücken." Schnitzler sei der Sohn achtbarer Eltern: "Bevor er seine Dienste den Kommunisten anbot, war er Redakteur bei der BBC in London und dann anschließend beim NWBR in Köln Wir ... kannten ihn als einen klugen und scharfsinnigen Journalisten, der es eigentlich nicht nötig hatte, anstelle seiner eigenen Meinung Rüpeleien und Pöbeleien Moskauer Schule nachzuahmen. Wie hat er sich verändert!"
Sodann spielte Lincke seinen Zuschauern Ausschnitte aus Schnitzlers Fernseh-Kommentaren vor, in denen sich der Ostberliner TV-Agitator im Rüpelstil dies "Schwarzen Korps" über bundesdeutsche Politiker und Fernsehkollegen äußerte:
- "Diese mißglückte Hindenburg-Imitation" (über Bundespräsident Lübke);
- "der verrückte Alte" (über Bundeskanzler Adenauer);
- "man sperrt sie in Westdeutschland nicht ein, die Verrückten von früher sondern sie fläzen sich als Minister auf der Regierungsbank herum" (über Oberländer, Strauß, Schröder, Seebohm);
- "der großdeutsche Schnösel als Gottvater persönlich" (über Fruhschöppner Werner Höfer);
- "da schwitzt der fette Franz-Josef
Strauß durch den schwarzen Kanal"; - "man kann gar nicht so viel fressen, wie man kotzen möchte" (über das Westfernsehen).
Späher des Senders Freies Berlin (SFB), für den Lincke sein "Mitteldeutsches Tagebuch" verfertigt, hatten, Schnitzler während seiner Ausflüge nach Westberlin beschattet. Was sie ermittelten, nutzte Lincke nun zum rhetorischen Gegenschlag: "Herr Schnitzler ist nicht höflich. Er hat aber auch keine Weltanschauung. Denn wie verträgt sich sonst sein unentwegtes Schimpfen gegen den angeblichen Agentensumpf Westberlin mit der Tatsache, daß er alle paar Tage hierher zu uns kommt, um in unseren Einzelhandelsgeschäften seinen persönlichen Bedarf an Konsumgütern zu decken?" _
Lincke verkündete vor der Kamera, daß sein Widersacher Schnitzler zu den Besuchern Westberliner Nachtlokale zähle und daß er "der Vorzugskunde" einer Großwerkstatt in der Westberliner Karlsruher Straße sei - (wo die SFBSpäher das VW-Kabrio Schnitzlers - Kennzeichen IA 44-50 - photographiert hatten). Lincke: "Natürlich bezahlt Herr Schnitzler mit der verpönten D-Mark-West."
Das Schnitzler-Zitat "Schwarze Kanäle mögen sudeln" benutzte Lincke zur Schluß-Attacke: "Wer hier sudelt, das dürfte... klargeworden sein." Und "schlicht und einfach" taufte er Walter Ulbrichts Fernseh-Agitator "Sudel-Ede".
Noch am selben Abend - und zwar eine halbe Stunde später- meldete sich Schnitzler auf Ostberliner Fernsehwellen: "Man hat sich für mich etwas Hübsches einfallen lassen", höhnte er. "Von einem Herrn Lincke habe 'ich in der mitteldeutschen -Denunziationssendung den Namen ,Sudel-Ede' erhalten' ...
Immerhin hat Lincke sich bisher-versagt alle seine Informationen über Schnitzlers Westberlin-Ausflüge in dem Bildschirm-Duell zu verwenden. So hatten die Späher des SFB sogar ausgekundschaftet, daß Karl-Eduard von Schnitzler auch sein Klosettpapier in Westberlin kauft. Diese Nachricht hat Lincke den Zuschauern in West und Ost bislang vorenthalten: "Das war uns zu billig."
Ostberliner Agitator Schnitzler Beim Einkauf von X-Papier ...
Westberliner Kommentator Lincke ... durch Fernseh-Späher beschattet

DER SPIEGEL 7/1961
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