22.02.1961

ATTENTATEVon Herrn Huber

Nur wenige Augenblicke bevor er den
Nachtexpreß nach Paris bestieg, um Zeuge des Europa-Palavers zwischen Konrad Adenauer und Charles de Gaulle zu werden, erhaschte Günter Müggenburg, Bonner Vertreter der "Westdeutschen Allgemeinen" (WAZ) die Sensation des Karnevalmonats.
Von einem entfernten Bekannteng der - so Müggenburg - in der Bundes-hauptstadt "etwas mit der Sicherheit zu tun" hat, erfuhr der WAZ -Journalist, was bis dahin Betriebsgeheimnis des Bonner Kanzleramts geblieben war: Auf den Bundeskanzler sei kürzlich ein Brief-Attentat versucht worden.
Noch in der Nacht alarmierte Müggenburg von Paris aus die WAZ-Zentralredaktion in Essen mit der Bombensensation. Unverzüglich setzte die Redaktion den in Bonn verbliebenen WAZ-Korrespondenten Ernst Mey in Marsch, um Näheres zu erfahren.
WAZ-Reporter Ney fand bei seinen Recherchen bald heraus, daß auch Verteidigungsminister Strauß einen Pulver-Brief erhalten hatte. Sicherheitshalber fragte er beim Verteidigungsministerium an, ob diese Nachricht stimme. Antwort: jawohl.
Am nächsten Morgen, 24 Stunden vor allen anderen Morgenblättern, schockte die "Westdeutsche Allgemeine" ihre Leser mit Balkenüberschriften: "Sprengstoffanschlag gegen Adenauer und Strauß vereitelt" und "Höllenmaschinen in Postpaketen". Die anderen Zeitungen klappten drei- und vierspaltig nach.
Diese Meldungen ließen den Bundesinnenminister Gerhard Schröder nicht ruhen. Er wähnte, die Strauß-Leute hätten ihren Minister wieder einmal über Gebühr aufgewertet und gab daher seiner eigenen Pressestelle Anweisung, die Attentate so harmlos darzustellen, wie sie wirklich waren:
Unter den Briefschaften, die am Sonnabend, dem 4. Februar, im Bundeskanzleramt sortiert wurden, lag ein-Päckchen, auf dem als Empfänger der Kanzler und als Absender ein gewisser Huber aus München angegeben war.
Eine Routine-Durchleuchtung mit Röntgenstrahlen, wie sie bei allen eintreffenden Paketen im Palais Schaumburg üblich ist, ergab nichts, was auf das Vorhandensein einer Höllenmaschine gedeutet hätte; weder ein Draht noch ein Metallzünder wurde sichtbar.
Erst nach Öffnung der Verpackung entdeckten des Kanzlers Post-Schnüffler, daß Attentäter Huber aus München Schwarzpulver in Kaperngläser gefüllt und mit handelsüblichen Knallbonbon -Zündern aus Pappe und Bindfaden versehen hatte.
Eine "Explosion" des Päckchens hätte es allenfalls geben können, wenn die Verpackung mit unziemlicher Heftigkeit auseinandergerissen worden wäre, ebenso primitiv war Hubers "Höllenmaschine" für Strauß konstruiert.
Die Bundesanwaltschaft, die sich zunächst mit der Sache befaßt hatte, zeigte sich Ende letzter Woche an dem Fall Huber nicht mehr interessiert und gab ihn an die Bonner Staatsanwaltschaft ab.
Bomben-Reporter Müggenburg
Schwarzpulver in Kaperngläsern

DER SPIEGEL 9/1961
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