22.02.1961

MITBESTIMMUNGAn einen Bonzen

Dem Arbeitsdirektor der Stahlwerke Südwestfalen AG. Dr. Erich Dudziak, schwante zu Recht nichts Gutes, als sich auf dem 6. Kongreß der Industriegewerkschaft Metall in Berlin der Zweite Vorsitzende seines Betriebsrats, Hans Polcyn, zu Wort meldete. Im heimatlichen Geisweid an der Sieg waren beide zuvor in eine Auseinandersetzung geraten, die Polcyn nun ungestüm in die Berliner Kongreßhalle trug, wo sein Arbeitsdirektor als Gast der IG Metall auf der Ehrentribüne saß.
Polcyn verkündete den Funktionären, daß sich in seinem Betrieb "der Arbeitsdirektor" in der höchst wichtigen Frage der Altersversorgung seiner Stahlarbeiter "nicht hinter die Forderungen der Arbeitnehmer gestellt habe. Er sei auch nicht zu bewegen gewesen, an einer Versammlung teilzunehmen, auf der die Belegschaft der Stahlwerke in Geisweid gegen die von der Geschäftsleitung erwogenen Pensionsvorschläge protestierte.
Von empörten "Hört-hört"-Rufen in der Berliner Kongreßhalle angefeuert, krönte der belesene Polcyn seinen Angriff mit dem (leicht abgewandelten) Tucholsky-Gedicht "An einen Bonzen". Den Blick auf Dudziak gerichtet, deklamierte er:
Einmal waren wir beide gleich.
Beide: Proleten im deutschen Reich.
Beide in derselben Luft, beide in gleicher
verschmitzter Kluft.
Dieselbe Werkstatt - derselbe Lohn -
derselbe Meister - dieselbe Fron -
beide dasselbe elende Kuchenloch ...
Kollege erinnerst Du Dich noch?
Aber Du, Kollege, warst flinker als ich.
Dich drehen - das konntest Du meisterlich.
Wir mußten leiden, ohne zu klagen,
aber Du - Du konntest es sagen.
Konntest die Bücher und die Broschüren,
wußtest besser die Feder zu führen.
Treue um Treue - wir glaubten Dir doch.
Kollege, erinnerst Du Dich noch?
Heute ist das alles vergangen.
Man kann nur durchs Vorzimmer zu Dir gelangen.
Du rauchst nach Tisch die dicken Zigarren,
Du lachst über Straßenhetzer und Narren.
Weißt nichts von alten Kameraden,
wirst aber überall eingeladen.
Du zuckst die Achseln beim Hennessy -
und hast mit der Welt Deinen Frieden gemacht.
Hörst Du nicht manchmal in dunkler Nacht
eine leise Stimme, die mahnend spricht:
Kollege, schämst Du Dich nicht -?"
Die Attacken, des 36jährigen Polcyn gegen den fast 20 Jahre älteren, durch das Mitbestimmungsgesetz an den Vorstandstisch avancierten Kollegen, waren durch einen - später zurückgezogenen -Gesetzesvorschlag der Freien Demokraten in Bonn hervorgerufen worden.
Die FDP hatte einen Entwurf ausgearbeitet, nach dem alle "nichtbergmännischen Betriebe aus der knappschaftlichen Versicherung" ausscheiden und in die allgemeine Sozialversicherung übernommen werden sollten. Historische Zufälligkeiten hatten die Sieger -Länder Stahlarbeiter in die Bergmanns -Versicherung geführt, und sie wehrten sich aus gutem Grund gegen die geplante Änderung:
Während der Rentenanspruch in der Knappschaft mit jedem Arbeitsjahr um 2,5 Prozent steigt, erhöht er sich in der Invalidenversicherung nur um 1,5 Prozent. Durch den FDP-Vorschlag drohte mithin den Stahlkochern an der Sieg eine erhebliche finanzielle Einbuße an ihrem Lebensabend. Der Vorstand der Stahlwerke Südwestfalen AG, dem das Gewerkschaftsmitglied Dudziak angehört, versuchte zu vermitteln. Er schlug vor: Wird der FDP-Antrag zum Gesetz erhoben, so zahlt die Firma ihren Pensionären den entstehenden Differenzbetrag.
Die Belegschaft jedoch, durch zwei Währungsreformen über die Vergänglichkeit privater Rentenzusagen belehrt,
verlangte, in der staatlich sanktionierten Knappschaft zu verbleiben. Die IG Metall organisierte eine Protestversammlung, zu der indes der eingeladene Arbeitsdirektor nicht erschien.
Dudziak's Position in dieser Auseinandersetzung entspricht der schiefen
Lage, in die sich Westdeutschlands Gewerkschaften selbst manövriert haben. Das vom DGB erkämpfte Mitbestimmungsgesetz vom 21. Mai 1951, gibt ihnen das Recht, Arbeitnehmer ihres Vertrauens als Arbeitsdirektoren zu nominieren und in die Vorstände der Stahl- und Kohle-Unternehmen wählen zu lassen. Über eine Assistentenstelle beim ehemaligen Zonenwirtschafts-Chef Agartz rückte auch der Arbeitersohn Dudziak aus Dortmund zum wohlbestallten Vorstandsmitglied zunächst an der Ruhr, später an der Sieg auf.
Während nun der DGB wünscht, daß sich die Arbeitsdirektoren als "verlängerter Arm der Gewerkschaft im Betrieb" fühlen, weist ihnen das Aktiengesetz die Rolle eines Arbeitgeber -Vertreters zu, der die "Rechte der Eigentümer" (Aktionäre) zu wahren hat. An diesem Widersinn liegt es, daß sich die Arbeitsdirektoren oft den Zorn der Gewerkschaft zuziehen, wenn sie aus Gründen der Sach- und Fachkunde einem Vorstandsbeschluß zustimmen, der Belegschaftsinteressen berührt.
Nur bei guter Konjunktur ist deshalb die Mitbestimmung einigermaßen praktikabel. Erich Dudziak erhielt einen Vorgeschmack davon, wie es in wirtschaftlich schlechten Zeiten um die zwiespältige Institution des Arbeitsdirektors bestellt sein mag. Er bekannte sich zu dem Vorstandsbeschluß seiner Aktiengesellschaft über die Arbeiter-Pensionen und lehnte es ab, an der Protestversammlung teilzunehmen. Seine Begründung: "Nachdem der Vorstand einen Kompromißvorschlag gemacht hat, kann ich doch nicht dagegen protestieren."
Betriebsrats-Zweiter Polcyn hielt ihm vor: "Bei einer Protestkundgebung der Stahlarbeiter haben unsere Leute von der Mitbestimmung da zu sein." Als Polcyn nach seinem Tucholsky-Zitat in Berlin die Tribüne verließ, zeigte der Beifall, daß die Arbeitnehmerfunktionäre diese Ansicht teilten.
Erich Dudziak, seit 1920 gewerkschaftlich organisiert und wie der Rezitator SPD-Mitglied, saß versteinert auf der Empore. Später versuchte er, die Attacke einigermaßen zu parieren. Er versicherte den Genossen, daß ihm jegliche Bonzen-Attitüde fremd sei. Er trinke nicht einmal Kognak, und während der Freizeit beschäftige er sich nur mit seinem Gärtchen. Um so schärfer müsse er sich gegen Polcyns Vortrag verwahren.
Dudziak: "Da sitzt man da als Ehrengast und wird mit einem Gedicht, mit dem schon Friedrich Ebert gejagt wurde, beleidigt. Jeder, der ein bißchen Charakter hat, muß da doch auf die Palme gehen."
Auch nach der Rückkehr der Genossen an ihre gemeinsame Arbeitsstätte war sein Zorn noch frisch. Zweieinhalb Wochen nach dem Kongreß ließ der Arbeitsdirektor schließlich seinem Zweiten Betriebsratsvorsitzenden die Kündigung zustellen. Der von Dudziak unterzeichnete Brief läutete kurz:
"Nach eingehenden Erörterungen hat sich der Vorstand entschließen müssen, Sie unter anderem deshalb fristlos zu entlassen, weil Sie durch unwahre Äußerungen das Vertrauen des Betriebsrates und der Belegschaft zu unserer Gesellschaft untergraben haben. Ihnen ist untersagt, das Werksgelände zu betreten."
Auf Rückfrage hin bezeichnete der Arbeitsdirektor nicht nur das Tucholsky -Zitat als die inkriminierte unwahre Äußerung, sondern auch eine frühere Kritik Polcyns an der Einführung eines neuen innerbetrieblichen Berechnungssystems für Lohnprämien. Angeblich hatte der Zweite Vorsitzende erklärt, die Geschäftsleitung handele dadurch bewußt zum Nachteil der Belegschaft. Dudziak: "Er hat behauptet, daß das Werk die Arbeiter monatlich um 35 000 Mark bescheißt."
Polcyn beantwortete die Entlassung mit einer Klage vor dem Arbeitsgericht, und seine Gewerkschaft nahm sofort für ihn Partei. Vom Vorstand der IG Metall wurde eigens der Rechtsbeistand, Assessor Wittholz, nach Siegen beordert, um Polcyn vor dem Arbeitsgericht zu vertreten.
IG-Metall-Chef Brenners Stellvertreter Wöhrle zitierte überdies die streitenden Kollegen vor den Vorstand der Gewerkschaft. Er bedrängte Dudziak, sich dafür einzusetzen, daß Polcyn rehabilitiert und wieder in die Firma eingestellt werde. Dem Tucholsky-Kenner bewilligte die IG Metall für die Zeit seiner Arbeitslosigkeit eine finanzielle Unterstützung.
Zu allem Übel sieht sich Erich Dudziak auch noch einem Feststellungsverfahren der IG-Kollegen gegenüber, das ihn in eine gefährliche Lage bringt: Würde nämlich wegen der Entlassung Polcyns gegen ihn auf "gewerkschaftsschädigendes Verhalten" erkannt und sein Ausschluß erwirkt, so könnte er kaum auf die Zustimmung der IG Metall zu der noch in diesem Jahr fälligen Verlängerung seines Direktoren-Vertrags rechnen.
Arbeitsdirektor Dudziak
Du zuckst die Achseln ...
Betriebsratsmitglied Polcyn
... beim Hennessy

DER SPIEGEL 9/1961
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