22.02.1961

GROSSFAHNDUNGKimmel-Türken

Als die vierköpfige Polizei-Eskorte auf einer kleinen Anhöhe unweit des Pfalz-Städtchens Lambrecht, am sogenannten Brechloch, angekommen war, gab sich der 25jährige Bandenchef Bernhard Kimmel ("Al Capone"), der den Beamten sein geheimes Waffenlager zeigen sollte, plötzlich chevaleresk.
Der gefesselte Verbrecher bat, seiner Braut, der 19jährigen ("Revolver"-) Tilly Dohn, die mit von der Partie war, seinen Mantel überstreifen zu dürfen, "damit die Kleine nicht friert". Die Polizisten, wiewohl von einem Hochchargierten, dem Ludwigshafener Kriminalrat Dr. Fleischmann, kommandiert, fielen auf diesen schlichten Trick herein. Sie lösten dem Kimmel die Handschellen und "Al Capone" entwich.
Um den Flüchtigen wieder zu sistieren, wäre nun eine Mutprobe erforderlich gewesen, wie sie auf Polizei-Sportfesten oft gezeigt wird: Die Begleitbeamten hätten dem Kimmel, der am "Brechloch" eine Sechs-Meter-Böschung hinunterhangelte, lediglich im Sprung nachzusetzen brauchen.
Statt dessen sahen sich die drei Polizisten nach einem legeren Abstieg um. Kimmel, inzwischen wieder im Besitz von Waffen, konnte seine Tilly, die von dem Kriminalrat persönlich bewacht wurde, durch eine in die Luft abgefeuerte MP-Garbe unschwer befreien und wie weiland Schinderhannes taktieren: Während sich der Zuckmayer -Held in den Hunsrück zurückzuziehen pflegte, retirierte das Kimmel-Paar in den Pfälzer Wald.
Freilich: Auch die "über 1000 Polizisten", die laut "Frankfurter Allgemeine" nach dem geglückten Kimmel -Manöver für "eine der größten Verfolgungsaktionen der rheinland-pfälzischen Polizei" aufgeboten wurden, stellten sich kaum findiger an als die Kollegen, denen der Verbrecher beim Lokaltermin entwischt war.
Bei der Großaktion wurden nämlich sinnigerweise sogenannte Weiße Mäuse, die sonst in der Stadt den Straßenverkehr zu regeln haben, im Walddikkicht als Aufspürer eingesetzt, während unauffälliger gekleidete Beamte die Zugangsstraßen sperrten. Der scharfsichtige Kimmel, ein hervorragender Schutze, konnte denn auch den leuchtend weißen Mützen und Koppeln seiner Verfolger vier Tage lang mühelos ausweichen.
Der 25jährige Tuchweber und nebenberufliche Anführer einer sechsköpfigen Einbrecher- und Tresorknacker-Gang war im Januar unter dem Verdacht verhaftet worden, bei einem Überfall auf die "Hellerhütte" im Pfälzer Wald den Hüttenwirt Karl Wertz, der sich den Banditen entgegengestellt hatte, niedergeschossen zu haben.
Obwohl die Gefährlichkeit Kimmels als hinreichend erwiesen gelten durfte, wurden. Umzingelung und Verfolgung nach seiner Flucht am "Brechloch" höchst laienhaft betrieben. Zwar bildete die Polizei einen Sperr-Ring von zehn Kilometern Durchmesser, der im Verlauf der Aktion systematisch eingeengt werden sollte - dennoch gelang es dem Kimmel ohne sonderliche Anstrengung,
- die Polizei-Absperrungen zusammen mit seiner Braut mehrere Male auf Schleichwegen ungehindert zu passieren,
- mit Tilly einmal in einer Kabine des Lambrechter Freibads und einmal bei seinem früheren Arbeitskollegen Herbert Biek in dem Flecken Frankeneck zu nächtigen, und außerdem
- ein Auto samt Fahrer zu kapern und sich damit kreuz und quer durch die Pfälzer Wald-Gemeinden, in denen starke Polizeistreifen patrouillierten, fahren zu lassen.
Gefährlich wurde das Kimmelsche Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei bei seinem Besuch in der Gemeinde Iggelbach, zwölf Kilometer von Lambrecht entfernt. Während sich der Räuber in der Wohnung des früheren Arbeitskollegen Rudi Wagemann atzen ließ, gelang es Frau Wagemann, unbemerkt das Haus zu verlassen: Sie lief in eine benachbarte Gastwirtschaft und alarmierte von dort aus die nahe Polizeistation Elmstein.
Als nach etwa drei Stunden ein Peterwagen vor dem Wagemannschen Hause stoppte, hatten Kimmel und die Dohn längst wieder Valet gesagt. Das Pärchen ließ sich vier Tage lang weder durch die zahlreichen Uniformen im Pfälzer Wald noch durch psychologische Kampfmaßnahmen der Polizei Lautsprecher warnten in allen Gemeinden, Kimmel zu begünstigen - beirren. "Al Capone" leistete sich sogar den Scherz, sich mit einer Kraftdroschke in eine Formation von Polizei-Einsatzwagen einzureihen, die zur Kimmel-Jagd ausrückte.
Über die aufwendige, nichtsdestoweniger erfolglose Treibjagd stellte denn auch der Staatssekretär Krauthausen im rheinland-pfälzischen Innenministerium, das für Polizei-Angelegenheiten zuständig ist, sarkastisch fest: "Kein Heldenstück."
Die FDP-Fraktion im rheinland-pfälzischen Landtag will die Landesregierung fragen, ob die Polizei tatsächlich imstande sei, die Bevölkerung vor Gewaltverbrechern wie Kimmel zu schützen. Und der Oberstaatsanwalt Hommrich beim Landgericht Frankenthal prüft zur Zeit, ob sich etwa Polizeibeamte bei der Bewachung und späteren Verfolgung des Kimmel fahrlässig verhalten haben könnten.
Dieser Verdacht ist in der Tat naheliegend: Kimmel wäre vielleicht nie wieder in ein Gewahrsam zurückgekehrt, wäre nicht der Hausfrau Urs Steiner in Lambrecht, einer entfernten Verwandten des Kimmel, gelungen, was der Polizei versagt blieb.
Frau Steiner, bei der das Gespann Kimmel-Dohn ebenfalls ungeniert eingekehrt war, setzte dem müden Waldläufer Kimmel dessen Lieblingsgericht
- Grießpudding mit Einmachkirschen vor und überredete ihn, sich freiwillig den Fahndern zu stellen.
Polizei-Treibjagd im Pfälzer Wald: Grießpudding für Al Capone

DER SPIEGEL 9/1961
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