22.02.1961

BELEGSCHAFTSAKTIENNero und die Strohmänner

Den Generaldirektor der Leverkusener Farbenfabriken Bayer AG, Professor Dr: Ulrich Haberland, schließt sein Einkommen zwar vermutlich vom Bezug sozialverbilligter VW-Aktien aus; er mag das Kaufantrags-Formular dennoch mit Interesse studiert haben. Es enthält nämlich einen Passus, der auf Haberlands eigene Erfahrungen mit einem innerbetrieblichen Volksaktien -Projekt zugeschnitten zu sein scheint.
Schon im Herbst 1953 hatte der Bayer -Chef die Chance gewittert, die "Diffamierung der Aktie durch eine breite Streuung und Schaffung von Aktieneigentum zu überwinden". Er bot deshalb den Arbeitnehmern der Bayer -Werke erstmals drei sogenannte Belegschaftsaktien zum Kurs von 100 Prozent an; der Börsenkurs lag damals bei etwa 120 Prozent.
Eine Treuhandgesellschaft namens "Corona" wurde eigens gegründet, um die erforderlichen Aktien zum Tageskurs an der Börse zu kaufen und sie zum Vorzugskurs an die Bayer-Belegschaft zu verkaufen. Die auf den Kursunterschied entfallende, Lohnsteuer - die Differenz zwischen Börsenkurs und Ausgabekurs gilt als steuerpflichtiger geldlicher Vorteil - trug in voller Höhe die Gesellschaft.
Tausende von Chemiewerkern wurden Bayer-Aktionäre. Zwar mußten sie, da Haberlands Motiv ja die Popularisierung des langfristigen Aktiensparens war, ihre Papiere 15 Monate lang bei der Corona deponieren. Aber auch nach Ablauf der Sperrfrist gab es zunächst kaum Aktienverkäufe. Vielmehr drängten zahlreiche Bayer-Arbeiter Jahr für Jahr wieder zu den Belegschaftsaktien, deren Ausgabekurs mit dem steigenden Börsenwert des Bayer-Papiers bis 1959 auf 170 kletterte (Börsenkurs: rund 300).
Ulrich Haberland konnte also mit dem Erfolg seiner volkskapitalistischen Aktion zufrieden sein - bis zum März vorigen Jahres. Als nämlich die Sperrfrist für die Belegschaftsaktien der Serie 1958/59 auslief, ertrank die Corona in einer Woge von Depotkündigungen und sogenannten Aktienübertragungen: Sekretärinnen ließen ihre Papiere auf das Depot ihres Bürovorstehers übertragen; Arbeiter leiteten ihre Aktien den Depots von Meistern und Obermeistern zu.
Die Corona reagierte prompt - sie informierte den Bayer-Chef Haberland. Entrüstete sich die Industriegewerkschaft Chemie: Die Treuhandgesellschaft sei "mehr treue Hand des Unternehmens als der Belegschaftsaktionäre". Ulrich Haberland zürnte so vernehmlich, daß er sich im Betrieb den Beinamen "Nero" zuzog. Der Chemie-Nero ordnete eine strenge Untersuchung an und verhieß exemplarische Strafen. Die der Corona erteilten Aufträge stornierte er. Der Werkschutz des Unternehmens, sonst nur zur Verkehrsregelung und gegen Buntmetalldiebe im Einsatz, unterzog alle Werksangehörigen, die sich verdächtig gemacht hatten, peinlichen Verhören.
Die Übeltäter schilderten meist arglos, was sie zu ihrem Vorgehen veranlaßt hatte. Ende des Jahres 1958, so erfuhren die Inquisitoren, war offenbar den Angehörigen des gutverdienenden mittleren Bayer-Managements angesichts der stetig steigenden Börsenkurse klargeworden, wie lukrativ die Geldanlage in Belegschaftsaktien sein konnte. Sie veranlaßten deshalb auch die weniger gut dotierten und folglich nicht am Aktienkauf interessierten Betriebsmitglieder, Belegschaftsaktien zu beziehen.
Solche Strohmänner kauften dann mit dem Geld ihrer Auftraggeber und verpflichteten sich, die Papiere nach Ablauf der Sperrfrist auf das Depot des Geldgebers zu übertragen. Etliche Belegschaftsaktionäre gaben zu, sogar für Werksfremde als Strohmänner gewirkt zu haben.
Haberlands Werkschützer förderten bei ihren Untersuchungen förmliche Verträge zwischen Geldgebern und ihren Bayer-Strohmännern zutage, in denen der Aktienbezug, die Geldhergabe und die spätere Aktienübertragung mit Anwalts-Akribie geregelt waren. Den Strohmännern war als Entgelt für ihre Mühe in der Regel die Dividende zugesprochen worden, die während der Sperrfrist fällig wurde - 1959 wurden auf vier Hundert-Mark -Papiere 56 Mark verteilt.
Die Auftraggeber konnten sich auf ein wesentlich besseres Geschäft freuen: Am Ende der Sperrfrist notierten Bayer-Aktien an der Börse mit 545; gegenüber dem Erwerbskurs von 170 ergab sich also pro Hundert-Mark -Aktie 375 Mark Gewinn.
Nero Haberland reagierte hart: Einen Betriebsleiter, der mit Assistenz seiner Arbeiter ein Aktienvermögen von mehr als 10 000 Mark erworben hatte, setzte er auf die Straße. Den kleinen Sündern der Bayer-Werke - Betriebsratsmitglieder sprechen von 300 Personen
- wurden die Aktien abgenommen. Der
Kaufpreis wurde zwar zurückgezahlt, aber um die Dividende, die vom Werk gezahlte Lohnsteuer, die Depotkosten und 30 Mark für die Friedlandhilfe vermindert. Für eine Belegschaftsaktie, die mit 170 Mark bezahlt worden war, gab es bestenfalls 120 Mark zurück.
Der robuste Bayer-Chef erlebte die Genugtuung, daß seine Strafmaßnahmen auch amtlich gerechtfertigt wurden. Das Landgericht Wuppertal mußte sich mit der Klage eines enttäuschten Auftraggebers befassen, der mit der Rückgabe der - dezimierten - Kaufsumme nicht zufrieden war, sondern von seinem Strohmann vertragsgemäß die Auslieferung der Aktien forderte. Entschied das Gericht: "Da der Vertrag ... (die) Maßnahmen der Arbeitgeberin des Beklagten nach Inhalt, Zweck und Beweggrund zu umgehen suchte, verstößt er wegen des unumgänglichen Treubruches des Beklagten gegenüber der Firma Bayer gegen die guten Sitten und ist deshalb nichtig."
Diesem gerichtlichen Diktum fügte Haberland noch weitere Abschreckungseffekte hinzu. Als er im November vergangenen Jahres wieder Belegschaftsaktien anbot - zum Kurs von 500 beim Börsenkurs von etwa 750 -, mußte jeder Aktienerwerber schriftlich versichern, daß er die Papiere "für sich persönlich" kaufe.
Was dem Leverkusener Generaldirektor bei seinem Volksaktien-Projekt widerfuhr, droht naturgemäß auch den Vätern der VW-Privatisierung. Auch sie bieten Aktien mit Sozialrabatt an, je nach Einkommen und Kinderzahl bis zu 25 Prozent unter dem Emissionskurs von 350; die Bezugsberechtigung ist ebenfalls, und zwar nach der Einkommenshöhe, beschränkt; schließlich steht, wie bislang bei Bayer, eine ansehnliche Kurssteigerung zu erwarten. Es blieb denn auch kein Geheimnis, daß sich zahlreiche nicht bezugsberechtigte Interessenten mittels Strohmann-Verträgen am günstigen Erst-Erwerb Von VW -Aktien zu beteiligen gedachten.
Zwar gab es kaum Zweifel daran, daß auch diese Verträge vor Gericht nicht würden bestehen können. Denn mit Hilfe dieser Absprachen werden licht nur - wie im Fall Bayer - private Maßnahmen, sondern sogar gesetzliche Vorschriften umgangen. Indes schien den Bonner Volksaktien-Planern, wie schon dem Generaldirektor Haberland, die rechtliche Nichtigkeit der Verträge allein nicht abschreckend genug.
Um den Bezugsberechtigten das Paktieren mit den Nicht-Privilegierten noch nachhaltiger auszutreiben, lassen sie jeden VW-Interessenten aus den zum Kauf berechtigten Einkommensgruppen mittels Unterschrift bekräftigen, "daß ich den Kaufantrag für eigene Rechnung und nicht auf Grund einer Vereinbarung mit Dritten, die mich zur sofortigen oder späteren Veräußerung der Aktien verpflichtet, abgebe". Mithin setzt sich der Käufer, wenn er entgegen dieser Erklärung doch als Strohmann fungiert, einer Strafverfolgung wegen Betrugs aus.
Allerdings können die Wächter über den Volkskapitalismus Bonner Prägung trotz solcher Vorkehrungen kaum hoffen, das Strohmann-Geschäft so erfolgreich zu unterbinden wie Bayers Haberland. Ihnen steht nicht wie Haberland eine treue Treuhandgesellschaft zur Verfügung, um den Aktionären auf die Finger zu sehen.
Sie können deshalb auch schwerlich Haberlands Cäsarenpose nachahmen; mit der er seine Leverkusener Arbeitnehmer wissen ließ: "Umgehungsversuche werden wir auch in Zukunft nicht dulden ... Freundschaftlichst - Haberland."
Bayer-Chef Haberland (2. v. r.), Freunde*: Kreuzverhör für Aktionäre
Die Welt
Erwerb von VW-Aktien: Hinter ihnen steht einer ...
* Auf einer Jahresversammlung des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI); links BDI-Präsident Fritz Berg.

DER SPIEGEL 9/1961
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