22.02.1961

OSTKONTAKTEDer trojanische Berg

Die Brandenburger Tor-Wächter konnten jüngst registrieren, daß ihre Parolen geeignet sind, selbst das kleinbürgerliche Vereinsleben mit politischem Zündstoff anzureichern: Der 1. Vorsitzende und Geschäftsführer des Landesbundes Hamburg der Kleingärtner, Bürgerschaftsabgeordneter Albert Berg, scheiterte an der Berlin-Frage.
Mit einer Mehrheit von nur drei Stimmen wurde das langjährige Oberhaupt von 100 000 hanseatischen Schrebergärtnern Anfang Februar auf einer Delegiertenversammlung abgewählt.
Um diese drei Stimmen hatten Bergs Gegner lange kämpfen müssen. Bei den störrischen Delegierten verfing weder der Hinweis auf Bergs offenkundigen Linksdrall noch der Vorwurf, ihr Spitzenfunktionär habe sich selbständig sein Geschäftsführer-Gehalt auf rund 1500 Mark erhöht und Reisen in die Sowjetzone aus Kleingärtner -Geldern finanziert.
Erst das "beherzte Eintreten" ("Die Welt") des CDU-Bürgerschaftsabgeordneten Gerhard Orgaß erinnerte die Delegierten an ihre vaterländische Pflicht. Orgaß, Mitglied des Schrebergartenvereins "Fortschritt und Schönheit", fand das rechte Wort: "Berg hat in der Zone einen Aufruf der 'Nationalen Front' mitunterzeichnet, West-Berlin zu einer freien und entmilitarisierten Stadt zu erklären."
Wieder einmal war der gelernte Schriftsetzer Albert Berg gestolpert, weil er seine Sympathien für die kommunistischen Machthaber der DDR nicht verbergen konnte und wollte.
Aufgefallen war Schrebergarten -Berg, der neben seinem Vorsitzerposten noch das Amt des Schriftführers im hamburgischen Landesparlament - der Bürgerschaft - ausübte, zum erstenmal, als am 7. Oktober 1959 während der Zehnjahresfeiern der DDR in Ostberlin sein Kahlkopf auf der Ehrentribüne ausgemacht wurde.
Berg, harmlos: "Meine Teilnahme ... ist aus Neugierde zustande gekommen."
Der SPD-Bezirksvorstand Hamburg-Nordwest schloß den neugierigen Genossen am 13. November 1959 aus der Partei aus. Berg, noch immer mit Biedermannsmiene, protestierte und rief das Schiedsgericht an. Zugleich versprach er, sein Mandat als Bürgerschaftsabgeordneter niederzulegen, sofern der Bonner Parteivorstand seinen Ausschluß bestätigen sollte.
Allein, wenn die Hamburger Bürgerschaft glaubte, den SED-Kontaktmann Berg so billig loswerden zu können, so sah sie sich getäuscht. Zwar bestätigte Bonn den Beschluß der Hamburger Genossen - Berg aber wollte der Abgeordneten-Immunität nicht entraten.
Wohl legte er sein Schriftführeramt nieder, blieb aber als nunmehr Parteiloser Mitglied der Bürgerschaft, ohne freilich an den Sitzungen teilzunehmen. Was ihn nicht hinderte, weiterhin monatlich 250 Mark Aufwandsentschädigung zu kassieren.
Ohne sich nun noch einen Zwang anzutun, setzte er seine Ostreisen fort. So hatte er am 12. Juni 1960 einen Auftritt vor dem DDR-Nationalrat in Ostberlin, der in der Zonenpresse breit ausgewalzt wurde.
Greinte daraufhin "Fortschritt und Schönheit"-Schreber Orgaß in einem Leserbrief an die "Welt": "Wie lange noch wollen wir es zulassen, daß ein solcher Mann bei uns die Macht in seinen Händen hält und für uns zum trojanischen Pferd wird?"
Allein, der Kleingärtner-Vorstand - an Bergs "Keine Atombomben auf Kleingärten"-Reden längst gewöhnt - sprach seinem Ersten Vorsitzenden das Vertrauen aus.
Seiner Gartenfreunde und damit des Geschäftsführer-Gehalts sicher, konnte der trojanische Berg sich ungehindert höheren Zielen zuwenden, wie beispielsweise der Teilnahme an der Gründung der "Vereinigung unabhängiger Sozialisten", die alle ausgetretenen und ausgeschlossenen SPD -Genossen auffangen soll (SPIEGEL 31/1960).
Zudem zog Berg eine weitere linksradikale Partei auf: die "Deutsche Friedens-Union". Da Berg bei all diesen Unternehmungen unangefochten als Hamburger Bürgerschaftsabgeordneter firmieren konnte, sann das Parlament auf ein Mittel, ihn durch die Hintertür aus dem Hohen Hause zu schubsen.
Um den roten Parteilosen, wenn schon nicht am patriotischen Gewissen, so doch wenigstens am Geldbeutel zu packen, konzipierte die Bürgerschaft die "Lex Berg", ein neues "Gesetz über die Entschädigung der Abgeordneten", nach dem künftig den Volksvertretern die Aufwandsentschädigung gekürzt werden kann, wenn sie den Plenarsitzungen fernbleiben (SPIEGEL 1/1961).
Peinlicher noch trafen den Ostreisenden Berg die Enthüllungen, die Harry Roth, Werkstattprüfer bei der AG Weser in Bremen, am 29. Januar 1961 auf der SPD-Arbeitnehmer-Konferenz im Hamburger Gewerkschaftshaus machte. Von Herbert Wehner eingeführt, bekannte Roth, Präsidiums-Vorsitzer der von Ostberlin gesteuerten "Gesamtdeutschen Arbeiterkonferenzen" zu sein, und verpfiff die Unterwanderungs-Strategie der SED in westdeutschen Betrieben.
Ost-Agent Roth bekannte, er habe Berg gefragt, wer denn wohl den Wahlkampf seiner neuen Partei finanziere. Daraufhin Berg zu Roth: "Ein Besuch bei, Walter Ulbricht, und ich habe eine Million in der Tasche, und wenn die nicht reicht, kommt noch mehr."
Berg heute: "... ist mir nicht erinnerlich, jemals mit Herrn Roth ein Gespräch geführt zu haben. Der Mann ist mir nicht bekannt." Er stellte Strafantrag wegen Verleumdung.
Roth: "Selbstverständlich kennt Herr Berg mich." Am 19. November 1960 habe Millionen-Berg ihn, Roth, von einer Kleingärtner-Versammlung in Bremen nach Hause chauffiert
Nunmehr schien für die Hamburger Schrebergärtner-Opposition der rechte Augenblick gekommen, den roten Trojaner abzuhalftern. Der Vorsitzende des SPD-Landesverbandes Hamburg, Vittinghoff, gab Schützenhilfe: "Sofort mit Berg brechen!"
Von dem neuen Vorsitzenden, der noch gefunden werden muß, haben die siegreichen Gartenfreunde konkrete Vorstellungen. Er soll "ohne Aufträge aus der Ostzone die Belange der Behelfsheimer, der Kleingärtner und der Siedler würdig zu vertreten" wissen.
Diesem würdigen Vertreter wird es obliegen, noch sechs Monate lang jeweils 1500 Mark Gehalt an Albert Berg auszuzahlen, dessen Geschäftsführer -Vertrag erst im Herbst ausläuft.
Linksradikaler Kleingärtner Berg
Über den Zaun geklettert
Orgaß

DER SPIEGEL 9/1961
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