22.02.1961

WARTEN AUFS LETZTE GEFECHT

1. Fortsetzung
Mit dem Verstand will der Kommunismus die Menschheitsgeschichte erkennen und lenken. Luziferisch kalt war die
erste Rede Lenins auf russischem Boden, nachdem er am Abend des 16. April. 1917 in Petrograd angekommen war.
Im Kschessinskaja-Palais, dem "Atlasnest" (Trotzki) der ehemaligen Zaren -Favoritin, hielt Lenin jene erste Rede, deren Wortlaut die Nachwelt nicht kennt, deren explosive Wirkung sie indes an den ideologischen Trümmern ablesen kann, die nach der Rede die Bühne der bolschewistischen Parteiführung bedeckten.
"Die Rede", schreibt Trotzki, "ist nicht erhalten geblieben, es blieb nur der allgemeine Eindruck", der "selbst bei den allernächsten vorwiegend gerade der der Angst" gewesen sei.
Der sozialistische Chronist Suchanow, obwohl nicht Mitglied der Bolschewiki, hatte sich, neugierig wie immer, von Kamenew in das Kschessinskaja-Palais mitnehmen lassen. Er notierte sich: "Es war, als ob alle Geister der Zerstörung sich aus der Finsternis erhoben hätten und - unter Verachtung aller Hindernisse und Zweifel, aller persönlichen Schwierigkeiten oder Rücksichten - durch die Säle der Kschessinskaja und über den Häuptern der behexten Jünger schwebten."
Und der Eindruck bei den Petrograder Bolschewiken-Führern? Er zittert nach in ihren Erinnerungen und in späteren Äußerungen.
Bogdanow, ein enger Mitarbeiter Lenins in früheren Jahren: "Wahnvorstellungen eines Irrsinnigen ..."
Steklow, später Redakteur der "Iswestija": "Abstrakte Konzeptionen ..."
Goldenberg, einstmals Mitglied des ZK der bolschewistischen Partei: "... eine völlige Verleugnung des ... wissenschaftlichen Marxismus ... ein unmißverständliches Bekenntnis zum Anarchismus ..."
Georgij Plechanow, der Altmeister des russischen Marxismus: "Fieberphantasien ..."
Der vorsichtige Kamenew: "Vielleicht können wir ihm (Lenin) nicht in der Bewertung dieser oder jener Lage folgen ..."
Und die Massen? "Man sollte einem Burschen wie diesem das Bajonett in den Leib jagen", sagte ein Matrose, als Lenin von dem Balkon des Kschessinskaja-Palais zu den Versammelten gesprochen hatte.
Was Lenin wirklich in jener Nacht gesagt hat, kann man nur aus den Bruchstücken der Augenzeugen-Berichte, besser aber noch aus einem Konzept rekonstruieren, das Lenin noch in der gleichen Nacht niederschrieb und am nächsten Tag, dem 17. April, zweimal in der Öffentlichkeit vorlas, einmal in einer bolschewistischen Konferenz und Stunden später in einer gemeinsamen bolschewistisch-menschewistischen Konferenz, die Kamenew und Stalin mit den Menschewiki verabredet hatten, um beide Parteien miteinander zu verschmelzen.
Dieses Konzept enthielt die sogenannten "April-Thesen" Lenins. Drei Tage später, am 20. April, wurden sie in der bolschewistischen Parteizeitung "Prawda" veröffentlicht.
Die erste dieser Thesen handelte vom Frieden. Besser als irgendwer sonst hatte Lenin erkannt, daß "Friede" der Generalnenner der Revolution war. Er erklärte darum in der ersten These, daß "auch die geringsten Zugeständnisse an die 'revolutionäre Vaterlandsverteidigung' unzulässig" seien. Diese These ging vornehmlich gegen Stalin und Kamenew, von denen die Parole stammte, die "Revolution" müsse gegen die Deutschen verteidigt, der Krieg mithin fortgesetzt werden. Statt dessen forderte Lenin "Verbrüderung" - das hieß Verbrüderung der russischen mit den deutschen Soldaten in den Schützengräben der Front.
Die dritte These erklärte - wiederum im Gegensatz zu Kamenew und Stalin - der Provisorischen Regierung den Krieg.
Die vierte und die fünfte These forderten, daß alle Macht den Arbeiter -, Bauern- und Soldaten-Sowjets gehöre. Lenin vertrat diese Forderung, obwohl - wie er ausdrücklich sagte - die Bolschewiki in den Sowjets jetzt noch eine Minderheit darstellten, was darauf zurückgeführt werden müsse, daß die Massen noch nicht genügend aufgeklärt seien: "Solange wir in der Minderheit sind, leisten wir (Bolschewiki) die Arbeit der Kritik und Klarstellung der Fehler ... damit die Massen sich durch die Erfahrung von ihren Fehlern befreien."
In der fünften These forderte Lenin außerdem die "Abschaffung der Polizei, der Armee, der Beamtenschaft", und in These sechs: "Nationalisierung des gesamten Bodens im Lande; die Verfügung über den Boden steht den örtlichen Sowjets der Landarbeiter- und Bauerndeputierten zu."
Die letzte These war zweideutig und ungemein brisant: Zweideutig, weil aus ihr nicht präzis hervorging, wem der Boden nach der "Nationalisierung" eigentlich gehören sollte. Den darüber "verfügenden" Bauernsowjets? Der Nation? Oder den Bauern?
Doch klar war: Bauern wollen Land für die Bauern, ob sie zu Hause sind oder an der Front stehen. Ebenso klar war, daß die Bauern fortan noch weniger Lust haben konnten, an der Front zu bleiben, als schon vorher, denn natürlich wollten sie bei den Beratungen der Sowjets über die Landverteilung in persona dabei sein, um ein möglichst großes Stück zu erwischen, nicht von den daheimgebliebenen Nachbarn übers Ohr gehauen zu werden und nicht bei der Heimkehr vor vollendeten Tatsachen zu stehen.
Die Nationalisierungs-These enthielt also die Forderung nach Friedensschluß als unerläßliche Voraussetzung, oder auch: als Konsequenz. Es war unausbleiblich, daß angesichts der unmittelbar bevorstehenden Landverteilung die ohnehin große Desertions-Quote der russischen Armee ungeheuer ansteigen würde, weil jeder russische Bauernsoldat geneigt war, sozusagen privat seinen Frieden mit den Deutschen zu machen. Lenins "Nationalisierungs-Parole" mußte mithin den letzten Rest von Moral in der russischen Armee vernichten.
Das war die offenkundig von Lenin kühl berechnete Brisanz seiner April -Thesen.
Sie bildeten ein einheitliches Ganzes. Aber welches war ihr eigentlicher Kern? Die Friedens-Parole?
Gewiß, der Ruf nach Frieden war das agitatorische Instrument, dessen Lenin sich bediente. Gewiß, fast alle April -Thesen - insonderheit die sechste - entsprachen einem genau überlegten Plan: Sie sollten die Friedenssehnsucht der Massen, vornehmlich der Bauern, zu einer Klimax treiben, die in die Revolution führte.
Aber war Lenin ein Pazifist, ein Friedensfreund wie sein Züricher Gesprächspartner, der französische Schriftsteller Romain Rolland?
Tatsächlich war er alles andere als das. Er war ebensowenig ein "Friedensfreund" wie Karl Marx, dessen Vergnügen an Krieg und Kriegsgeschrei stellenweise den Eindruck der Pyromanie macht, und ebensowenig wie Friedrich Engels, der ein passionierter, wenn auch in seinen Urteilen nicht gerade glücklicher Militärexperte war. (Er prophezeite 1866 den Untergang der preußischen Armee - ausgerechnet an dem Tage, an dem Moltke bei Königgrätz über die Österreicher siegte, nämlich am 3. Juli.)
Andererseits war Lenin aber auch kein Militarist. Krieg, das war für ihn ein Faktum, eine unabänderliche Tatsache, unabänderlich freilich nur unter den Bedingungen der kapitalistischen Welt. War für Marx vornehmlich die Wirtschaftskrise das unausbleibliche und unvermeidbare Merkmal der inneren Entwicklung der bürgerlichen Nationalstaaten im 19. Jahrhundert gewesen, so war für Lenin der Krieg die nicht minder unvermeidliche Begleiterscheinung des Kapitalismus in seiner Spät-Epoche weltweiter Ausdehnung - mit Lenins Worten: in der Epoche des Imperialismus.
Diese Auffassung hatte Lenin im Jahre 1916 theoretisch endgültig formuliert, und diese Auffassung war auch der Leitfaden, an dem er sich im theoretischen Durcheinander der russischen Situation von 1917 zurechtfand.
Lenins Auffassung besagte:
- Solange es die bürgerlich-kapitalistische, imperialistische Weltordnung gibt, sind Kriege unvermeidlich. Diese "Gesetzlichkeit" ist nur aufhebbar durch die Liquidierung der kapitalistischen Weltordnung mittels der proletarischen Weltrevolution.
- Diese Weltrevolution steht unmittelbar bevor. Sie wird vermutlich von Deutschland ausgehen; weswegen Lenin am Abend des 16. April im "Zimmer des Volkes" auf dem Finnländischen Bahnhof sagte, der Deutsche-Karl Liebknecht werde das Signal zum Kampf "des Volkes" (nicht etwa des deutschen, sondern schlechthin "des Volkes") gegen den Kapitalismus geben, und weswegen er an jenem Abend die anwesenden Arbeiter und Matrosen als "Vortrupp" der Weltrevolution, nicht jedoch als ihre Hauptmacht anredete. Die Hauptmacht sollten die Deutschen sein.
Diese Einschätzung der Rolle Deutschlands geht auf die Marxsche These zurück, derzufolge nur industriell voll entwickelte Völker zur proletarischen Revolution schreiten könnten: 1917 also keineswegs das russische Bauernvolk, wohl aber die Deutschen.
Tatsächlich war Lenin noch lange nach seiner Rückkehr überzeugt, die russische proletarische Revolution werde schließlich doch scheitern, und er, Lenin, werde auf der Petrograder Peter-und -Pauls-Festung enden, sofern nicht die deutsche Arbeiterschaft die Weltrevolution in Gang setze.
Dabei darf man aber wohl unterstellen, daß Lenins Hoffnung auf eine Weltrevolution, die von Deutschland ausgehen sollte, in seinen Überlegungen des April 1917 eine etwas zweideutige, das heißt taktische Rolle spielte. Wenn nämlich Lenin damals nicht jene Hoffnung auf die Deutschen gehabt, oder besser gesagt: gehegt hätte, dann hätte er schlecht in Rußland die Friedens -Parole ausgeben können. Die aber brauchte er, um Rußlands alte Ordnung von dem Mahlstrom der Friedenssehnsucht in den Massen unterwühlen zu lassen.
Wie hätte er die Friedens-Parole vertreten können, wenn doch nach seiner eigenen Theorie Kriege unter den Bedingungen der kapitalistischen Weltordnung unvermeidlich waren und diese Weltordnung weiterexistierte? Die Friedens-Parole, die er aus eminent praktischen Gründen für seine russische Revolutionspolitik brauchte, war nur dann sinnvoll, wenn gleichzeitig gewährleistet war, daß die Ursache aller Kriege, also die kapitalistische Weltordnung, in diesem konkreten Augenblick aufgehoben wurde. Dazu bedurfte es nach Lenins Theorie einer proletarischen Weltrevolution, einer Weltrevolution, die - nunmehr gemäß Marx - nicht im bäuerlichen Rußland, wohl aber im industrialisierten Deutschland stattfinden sollte.
Die Prophezeiung von der deutschen Weltrevolution deckte mithin der Leninschen Friedens-Parole gleichsam den Rücken, und zwar gegen die Einwendungen, die in Lenins eigener Theorie von der Unvermeidbarkeit der Kriege enthalten waren.
Wie sehr Lenin von der, wie er meinte, wissenschaftlich nachweisbaren Unvermeidbarkeit des kapitalistisch imperialistischen Krieges überzeugt war, geht aus einer Wendung hervor, die in einem Aufsatz Lenins vom 23. April enthalten war. Der Weltkrieg, schrieb Lenin, sei nicht durch den bösen Willen der kapitalistischen Räuber" entstanden, sondern "durch die Entwicklung des Weltkapitals während der letzten fünfzig Jahre, die Millionen Fäden und Gespinsten, aus denen dies Gewebe besteht".
Diese Feststellung schlug allen vulgärmarxistischen Vorstellungen von der Verruchtheit des "kriegstreiberischen" Wirkens der Imperialisten und Monopolherren glatt ins Gesicht; denn sie sagte ja eindeutig, daß das persönliche Wünschen und Meinen dieser Finanzmagnaten für die Frage der Vermeidbarkeit von Kriegen völlig ohne Belang sei.
Gleichwohl war Lenins Feststellung klarster und bester "wissenschaftlicher" Marxismus. Sie stellte die Degradierung des Menschen In der bürgerlich-kapitalistischen Welt zur Marionette seines eigenen Systems fest: Wie böswillig oder auch wie gutwillig der Kapitalist immer sein mag, ob er den Frieden will oder den Krieg, das System, das er selbst geschaffen hat, fragt nach seinen Wünschen und Ängsten nicht; dieses System drückt dem Kapitalisten vielmehr das Gesetz auf, nach dem es selbst abschnurrt. Dieses System ist seinem eigenen Schöpfer fremd geworden, hat ihn überwältigt und zu seinem Sklaven gemacht. In diesem System gibt es keine menschliche Freiheit, nicht einmal für seinen Schöpfer, den Bürger, den Kapitalisten und Imperialisten.
Die Sonne menschlicher Freiheit, sie geht für Marx und Lenin erst hinter dem Horizont der zwangsläufigen Katastrophen der kapitalistischen Welt, jenseits der Wirtschaftskrisen und Kriege auf. Diese Katastrophen müssen durchschritten werden, damit dann, wie Friedrich Engels meinte, die eigentliche und wahre "Geschichte" des Menschen beginnen könne, die Geschichte des freien Menschen.
Der Krieg ist im kapitalistisch-imperialistischen System unvermeidlich. Nicht einmal der "böse Wille kapitalistischer Räuber" hat auf sein Kommen oder Nichtkommen Einfluß. Er ist einfach Naturgesetz. Das ist die höchste Plattform marxistischer "Wissenschaftlichkeit" bei der Betrachtung zwischenstaatlicher Beziehungen, angesichts der Weltpolitik, wie sie nun einmal ist, solange es kapitalistische Staaten gibt.
Lenin hat diese Plattform in immer neuen Formulierungen vor allem gegen den deutschen Marxisten Karl Kautsky verteidigt, der meinte, daß möglicherweise nach der Epoche des Imperialismus in der Welt eine Epoche des "Ultra-Imperialismus" heraufziehe, in welcher der Kapitalismus aus wohlverstandenem Eigeninteresse Kriege vermeiden und zu einer friedlichen sozialen Evolution bereit sein werde.
Kautskys Theorie vom "friedlichen Ultra-Imperialismus" war für Lenin ein "dummes Märchen".
Kautsky meinte, daß das internationale Finanzkapital sich nach dem Ersten Weltkrieg auf heine gemeinsame Ausbeutung der Welt" einigen und mithin eine "Phase der Aufhebung des Krieges unter dem Kapitalismus" einleiten könne.
Freilich, wenn diese Theorie richtig war, dann war der Bürger keineswegs ein nach unabänderlichen Naturgesetzen in die Katastrophe taumelndes Insekt, sondern ein frei nach Vernunft handelnder Mensch. Das hieß: In der kapitalistischen Welt gibt es nicht bloß "Gesetzlichkeit" von der Art der Naturgesetze, wie Marx behauptet hatte, sondern auch "Freiheit". Lenin hatte vollkommen recht, wenn er schrieb, daß Kautsky "entschieden und unwiderruflich mit dem Marxismus" gebrochen habe.
Dieses Urteil Lenins über Kautsky hat heute, 45 Jahre nachdem es niedergeschrieben wurde, eine ungemein aktuelle und höchst dramatische Pointe erhalten: Kautsky hatte Lenins Zorn mit der These von der Vermeidbarkeit des Krieges in der kapitalistisch-imperialistischen Welt erregt. Eben diese These aber wird heute von Nikita Chruschtschow, dem Erben der Macht Lenins, dem Ersten Sekretär der Kommunistischen Partei der UdSSR, dem ungesalbten Oberpriester des Marxismus-Leninismus, vertreten.
Freilich gibt es Unterschiede zwischen Kautsky und Chruschtschow. Kautskys Theorie, der "Ultra-Imperialismus" werde friedlich sein, stützte sich auf die Annahme, das internationale Finanzkapital werde aus ökonomischen Gründen und vernünftigerweise zu dem Entschluß kommen, fortan Kriege zu vermeiden. Chruschtschows These indes, wonach der westliche Imperialismus in Zukunft auf Kriege verzichten werde, geht von der Annahme aus, die Vereinigten Staaten seien angesichts des Vorhandenseins menschheitsvernichtender Waffen wie der A- und H-Bombe zu der Einsicht gelangt, Kriege vermeiden zu müssen.
Die Begründungen Kautskys und Chruschtschows für ihre jeweiligen Theorien vom "friedlichen" Imperialismus sind zweifellos unterschiedlich - aber die Konsequenz ist in beiden Fällen die gleiche, nämlich die Erkenntnis, daß der Kapitalismus in eine "Phase der Aufhebung der Kriege" getreten sei.
Man könnte geneigt sein, die verbissene Diskussion Kautskys und Lenins für marxistisches Abrakadabra und mithin für praktisch-politisch bedeutungslos zu halten. Sie ist es jedoch heute nicht, und zwar einmal aus Gründen der "wissenschaftlichen" Ideologie, die einen großen Teil der Stärke und Attraktion des heutigen Marxismus ausmacht, und zum anderen, weil sich inzwischen um die Thesen Kautskys und Lenins konkrete Macht kristallisiert hat.
Allerdings beruft sich Chruschtschow beileibe nicht auf Kautsky, sondern auf eine "schöpferische Auslegung" Lenins. Tatsächlich aber wird die Leninsche Auffassung von der Unvermeidbarkeit der Kriege in der kapitalistischen Welt von Mao Tse-tung, dem roten Oberchinesen, vertreten.
Ideologische Positionen sind im Ostblock nicht unbedingt identisch mit Macht. Lenin und noch mehr Stalin haben bewiesen, daß man gegnerische Ideologien mit Macht beseitigen kann, vulgär gesagt: per Genickschuß. Aber das ist das Vertrackte an der chinesisch-russischen Ideologie-Kontroverse: Mit Macht ist sie entweder nicht auszutragen oder, wenn man das wirklich wollte, wäre eine Katastrophe des Marxismus-Leninismus unausbleiblich.
Wer die Kommunisten, die moskowitischen, die pekinesischen und die anderen, als das respektieren will, was sie selbst sein wollen, nämlich die Gralshüter einer wissenschaftlichen Formel von dem Weg der Menschheit zum neuen Paradies, der kann nicht umhin, ihre "wissenschaftlichen" Kontroversen ernst zu nehmen, und zwar auch, indem er nachzuempfinden versucht, was für den "wissenschaftlichen" Marxisten -Leninisten der Zerfall der Wissenschaft in zwei Heilslehren bedeutet.
Wie ist es zu diesem Zerfall gekommen? Die Geschichte der Kontroverse begann Ende 1953 mit einer nüchternen, man möchte sagen: technischen Tatsachen-Feststellung, nämlich mit einer Erklärung des damaligen Ministerpräsidenten der UdSSR, Georgij Malenkow. Sie besagte, daß nach Auffassung der sowjetischen Regierung ein dritter Weltkrieg angesichts der atomaren Vernichtungstechnik zur totalen Auslöschung "aller" Völker der Erde führen werde.
Diese für westliche Begriffe selbstverständliche Tatsachen-Feststellung mußte, sofern sie zur Parteidoktrin erhoben wurde, geradezu revolutionäre ideologische Konsequenzen haben. Wenn nämlich Lenins Theorie von der Unvermeidbarkeit kapitalistisch-imperialistischer Kriege richtig war und gleichzeitig als richtig anerkannt wurde, daß ein solcher Krieg zur Vernichtung "aller" Völker führen werde - dann konnte in der Tat der Menschheit nichts anderes übrigbleiben, als schicksalsergeben ihrem zwangsläufigen Ende entgegenzusehen. Die Addition von Lenins Lehre und Malenkows These ergab als Summe so sicher, wie eins plus eins zwei sind, den Tod der Menschheit.
Das Herzstück des Marxismus - die Vision einer glücklichen Menschheit, einer "klassenlosen Gesellschaft" des ewigen Friedens, eines neuen Paradieses auf Erden mithin - war damit "wissenschaftlich" als eine Schimäre erwiesen. Dieses Paradies konnte nicht mehr kommen, und zwar, weil Kriege laut Lenin unvermeidlich, laut Malenkow aber für "alle" Völker vernichtend seien.
Das war die "atomare Problematik", vor die sich der Marxismus-Leninismus seit Hiroshima und Nagasaki gestellt sah: Letztlich ließ ihm diese Problematik nur die Wahl, entweder die Vision oder die Wissenschaftlichkeit des Marxismus -Leninismus aufzugeben. Es sollte drei Jahre lang dauern, bis man sich in Moskau für die Vision und gegen die Wissenschaftlichkeit entschieden hatte, und es sollte rund - vier weitere Jahre bis zu dem Tag dauern, an dem diese Entscheidung Moskaus mit Recht in der Pekinger Zeitung "Rote Fahne" als Häresie, schlimmer noch: als "Metaphysik" angeprangert wurde.
Die mehrjährige Geschichte der innermoskowitischen Diskussion über die Atom-Problematik begann mit einem billigen Trick. Unmittelbar nachdem Georgij Malenkow seine Erkenntnis von der völkervernichtenden Wirkung der modernen Waffen ausgesprochen hatte, korrigierte ihn die "Prawda", offenkundig auf Anweisung des Ersten Parteisekretärs Nikita Chruschtschow: Selbstverständlich habe der Ministerpräsident mit seiner Erklärung nicht gemeint, daß bei einem atomaren Krieg auch die Völker des sozialistischen Blocks vernichtet würden, vielmehr habe er nur von der Vernichtung aller Völker der kapitalistischen Welt gesprochen.
Mit dieser Erklärung war die atomare Problematik aus dem Blickfeld des Marxismus-Leninismus weggezaubert, indes nicht aus der Wirklichkeit.
Was in den folgenden Jahren in den Stuben der Schriftgelehrten des Marxismus-Leninismus geschah, ist der westlichen Welt unbekannt. Sie kennt nur das Ergebnis der Debatten: Im Februar 1956, auf dem 20. Parteikongreß der KP der UdSSR, demselben Kongreß, in dessen Verlauf Chruschtschow seinen toten Vorgänger Stalin vom Podest des Partei-Heiligen stieß, verkündete Chruschtschow die neue, parteiamtliche und "schöpferische" Auslegung der Lehre Lenins von der Unvermeidbarkeit des Krieges.
Diese "schöpferische" Auslegung besagte das Gegenteil dessen, was Lenin gesagt hatte. Noch vier Jahre später, und zwar auf dem 3. Parteitag der Rumänischen Arbeiterpartei in Bukarest im Sommer. 1960, berief sich Chruschtschow auf den Beschluß der sowjetischen Partei vom Februar 1956: "In unmittelbarer Beziehung zur Politik der friedlichen Koexistenz steht die auf dem 20. und 21. Parteitag unserer (der russischen) Partei verkündete These, daß in unserer Zeit Krieg nicht unvermeidlich ist."
Im Februar 1956 war also die "schöpferische" These von der Vermeidbarkeit des Krieges, also Kautskys Theorie vom "friedlichen Ultra-Imperialismus", Parteidoktrin geworden. Welche unmittelbaren Folgen die Verkündung hatte, ist wiederum unbekannt. Daß die Proklamation jedoch nicht überall im Ostblock unbestritten hingenommen worden war, konnte der Westen im November 1957 erkennen.
Damals tagten in Moskau Vertreter der zwölf "regierenden" kommunistischen Parteien der Welt. Nach ihrer Konferenz gaben sie eine Erklärung ab, die ebenso zweideutig wie aufschlußreich war.
Darin hieß es zunächst: "Der Leninismus lehrt und die historische Erfahrung bestätigt, daß die herrschenden Klassen die Macht nicht freiwillig abtreten."
Das sah wie eine klassische Formulierung der Leninschen Lehre von der Unvermeidbarkeit der Kriege aus: Wenn die "herrschenden" Klassen die Macht nicht freiwillig abgeben, dann bleibt nur der Krieg.
Die Erklärung fuhr aber fort: "Der Grad der Erbitterung und die Formen des Klassenkampfes werden unter diesen Bedingungen (davon abhängen), ob diese Klassen in dieser oder jener Phase des Kampfes für den Sozialismus Gewalt anwenden werden."
Lenin war der Auffassung gewesen, daß Krieg eine naturgesetzliche Notwendigkeit der "Millionen Fäden und Gespinste" sei, die das kapitalistische System darstellt. In der Moskauer Erklärung vom November 1957 aber stand von einer solchen Notwendigkeit kein Sterbenswort. Dort stand vielmehr als ungeklärte Frage der Satz, daß es von dem Verhalten der "herrschenden Klassen" im Westen abhänge, ob es einen dritten Weltkrieg geben werde oder nicht.
Damit war auf jeden Fall zugestanden, daß es keine naturgesetzliche Unvermeidbarkeit des Krieges gibt. Damit war aber überdies zugestanden, daß keine Wissenschaft der Welt das Verhalten der Kapitalisten voraussagen kann, obwohl gerade die "wissenschaftliche" Vorausberechenbarkeit des Verhaltens der Kapitalisten die Achse des "wissenschaftlichen" Marxismus und Leninismus ist.
Die Moskauer Erklärung vom November 1957 war ein Kompromiß zwischen Moskau und Peking, unter dessen komplizierten Formulierungen sich ein tiefer Gegensatz verbarg. Aber es dauerte noch zwei Jahre, bis sich die praktische Bedeutung des Gegensatzes enthüllte.
Im September 1959 reiste Nikita Chruschtschow nach den Vereinigten Staaten. Den Hut schwenkend, Schweine tätschelnd und Kinder küssend, demonstrierte er sein Zutrauen in den "friedlichen Ultra-Imperialismus". Die Pekinger Reaktion muß indes sauer gewesen sein; denn unmittelbar danach flog Chruschtschow nach Peking, um den gelben Genossen den "Geist von Camp David" zu erläutern. Die Rede, die er in Peking hielt, war allerdings keineswegs ein Meisterstück marxistischleninistischer Wissenschaftlichkeit.
Die entscheidende Frage, ob nämlich ein dritter Weltkrieg komme, stellte er nicht in der allein nach den Normen marxistischer Wissenschaft zulässigen Form - also in Gestalt des Problems: Sind Kriege vermeidbar oder unvermeidbar? -, sondern vulgär und ge?radeheraus: Soll der Weltkommunismus sich einen dritten Weltkrieg wünschen oder nicht?
Marx und Lenin haben sich nie mit der Frage der Wünschbarkeit von Kriegen befaßt. Pazifismus war für sie nur bürgerliche Sentimentalität und Militarismus das unabänderliche Gesetz des Kapitalismus. Generationen von marxistischen Schriftgelehrten haben unendliche Sorgfalt darauf verwandt, in ihren Formulierungen jeden Anschein einer bürgerlich-pazifistischen Betrachtungsweise zu vermeiden, und den Krieg als das zu nehmen, was er nach leninistischer Doktrin zu sein hat: ein Phänomen der kapitalistischen "Gesetzlichkeit".
Indes, Chruschtschow war nie ein konsequenter Theoretiker, und er trampelte auch in Peking quer durch die sorgfältig angelegten Gartenkulturen des Marxismus-Leninismus, indem er ohne Umschweife erklärte: "Nein, wir brauchen keine Kriege (als ob das je eine echt marxistische Frage gewesen wäre). Die sozialistischen Länder ... entflammen die Herzen der Menschen durch die Kraft des Beispiels im Aufbau des Sozialismus und gewinnen sie."
Im Februar 1960, also vier Jahre, nachdem an gleicher Stelle die Theorie vom friedlichen Imperialismus ausgerufen worden war, tagte in Moskau eine Konferenz des Warschauer Pakts. Peking war durch einen Beobachter vertreten, durch das Politbüro-Mitglied der KPCh, Kang Scheng. Und Kang erklärte der Politik der "friedlichen Koexistenz" den Krieg, wenige Monate vor der Pariser Gipfelkonferenz, der, gemäß Chruschtschows Hoffnungen, ersten wichtigen Station seiner Koexistenz-Politik.
Kang Schengs Hauptthese lautete: "Imperialisten bleiben immer Imperialisten", und aus ihr ergab sich gemäß der Lehre Lenins alles weitere: die. Unvermeidbarkeit des. Krieges, auch des Atomkriegs, und die Notwendigkeit der Vernichtung der Kapitalisten.
Kang Scheng erklärte rundheraus, daß Rotchina keinen der Beschlüsse der Pariser Gipfelkonferenz anerkennen werde. Diese Erklärung bezog sich offenkundig auf Chruschtschows Plan, im Einvernehmen mit den USA und England ein Internationales Verbot, der Herstellung von weiteren Atomwaffen zu erzielen.
Diese Erklärung Kang Schengs ließ zum ersten Male nachweisbar ein Stück von dem machtpolitischen Interessengegensatz sichtbar werden, der sich unter der Decke der ideologischen Kontroverse zwischen Moskau und Peking verbarg. Es war von da an nicht mehr zweifelhaft, was Pekings These von der Unvermeidbarkeit der Kriege bedeutete: Peking wünschte Atomwaffen und war keineswegs gewillt, den Atom-Primat der Sowjet-Union im Ostblock anzuerkennen.
Indessen wurde die Kontroverse mit den Mitteln der "Zitatologie", der Auslegung Leninscher Schriften, fortgesetzt: "Wir glauben", schrieb die Pekinger "Rote Fahne" im April 1960, "an die absolute Richtigkeit von Lenins Denken: Der Krieg ist die unvermeidliche Folge von Systemen der Ausbeutung, und die Ursache moderner Kriege ist das imperialistische System."
Kurze Zeit später ergänzte das gleiche Blatt seine Lenin-Auslegung mit einer makabren Prophetie: Auf den Trümmern, die der imperialistische krieg hinterlassen werde, würden nach Meinung Pekings "die siegreichen Völker eine Zivilisation errichten, die tausendmal höher stehen würde als die des kapitalistischen Systems: Eine wahre haft herrliche Zukunft stünde dann in Aussicht".
Am 22. April schickte daraufhin Chruschtschow einen Uralt-Veteranen der russischen Revolution, den Finnen und Wahlrussen Otto Kuusinen, auf die Tribüne des Moskauer Sportpalastes, um Lenins 90. Geburtstag zu feiern und nebenbei etwas gegen die Pekinger Genossen zu sagen.
"Wenn man heute", sagte der eisgraue Lenin-Zeitgenosse Kuusinen, "dem Marxismus-Leninismus treu sein will, genügt es nicht, die alte Wahrheit zu wiederholen, daß der Imperialismus aggressiv ist" - und er fügte ein Lob für "imperialistische" Staatsmänner hinzu, wie es bis dahin unerhört War: "(Im Westen) tauchen nüchtern denkende Staatsmänner auf, die erkennen, daß ein Krieg mit Einsatz der neuen Massenvernichtungswaffen Wahnsinn wäre."
Eine Verschnaufpause in der Moskau -Pekinger Thesen-Kanonade trat ein, nachdem sich im Juni 1960 in Paris herausgestellt hatte, daß sich die Berlin-Frage mit den Mitteln der Chruschtschowschen Friedenspolitik allein nicht im kommunistischen Sinne lösen ließ. Das war ein ernster Rückschlag für die Politik der "Vermeidbarkeit des Krieges".
Offenkundig wartete Peking danach ab, ob Chruschtschow sich unter dem Eindruck von Paris bereit finden würde, zur orthodoxen leninistischen Linie zurückzukehren.
Er war nicht dazu bereit und konnte es nicht sein, denn noch immer galt die Tatsachen-Feststellung des unglücklichen Georgij Malenkow, wonach in einem atomaren Weltkrieg "alle" Völker vernichtet werden.
Die Kanonade setzte wieder ein: über einen immer breiter werdenden Abgrund des machtpolitischen Interessengegensatzes Moskau Peking hinweg. Und es stellten sich die ersten praktischen Konsequenzen ein: Moskau zog seine Experten aus China, Peking seine Studenten aus Rußland Zurück.
Damit war ein Punkt der Kontroverse erreicht, der den Versuch einer Versöhnung dringlich machte. Im August verlautete in Moskau, daß in Kürze eine ideologische Gipfelkonferenz des Marxismus-Leninismus stattfinden solle.
Im November trat die Konferenz zusammen. Auch sie endete schließlich mit einem faulen Kompromiß, einem riesigen Elaborat, das in der "Prawda" mehrere trostlos lange Seiten füllte, jedoch im entscheidenden Punkt sowohl das eine wie das andere sagt. Zwar steht darin, daß die Welt heute nur noch die Wahl "zwischen friedlicher Koexistenz und alles vernichtendem Krieg" habe, was Chruschtschows Standpunkt recht zu geben scheint, aber es wird darin auch gesagt, daß "der Imperialismus immer noch einen neuen Weltkrieg vorbereitet" und daß sich die "aggressive Natur des Imperialismus nicht geändert" habe.
Die beiden Zentralen des Kommunismus haben sich nicht einigen können. Sie sind nicht in der Lage, ein Stück Weltwirklichkeit von heute - vielleicht das wichtigste Stück Weltwirklichkeit, das es gegenwärtig gibt, nämlich die Frage "Atomkrieg oder nicht" - wissenschaftlich verbindlich zu beantworten.
Das rüttelt an den Grundfesten des Marxismus. Wenn die Weltpolitik nicht mehr wissenschaftlich erkennbar ist, dann stimmt die Grundthese des Marxismus nicht mehr.
Die Chinesen haben in Moskau verzweifelt um die These von der "Unvermeidbarkeit des Krieges" gekämpft. Sie wußten, warum. Es ging um die wissenschaftliche Richtigkeit nicht nur Lenins, sondern auch Marxens. Es ging darum, ob die Weltgeschichte und die Weltpolitik mit dem Verstand, vorauszuberechnen sind oder nicht.
Chruschtschows Ketzerei gegen die rechtmäßige Lehre ist ein Aufstand der Vernunft gegen den Verstand.
Nächste Woche:
Lenins Lehre vom unvermeidbaren Krieg fußt auf dem Historischen Materialismus des Karl Marx. In ihm kombinierte Marx deutsche und französische Philosophie
sowie britische Nationalökonomie.
Revolution in Petrograd (Gemälde aus der stalinistischen Epoche): Verbrüderung mit dem deutschen Feind
Menschewik Plechanow
Angst vor Lenins Phantasien
Karl Liebknecht
Die Weltrevolution ist deutsch
Kamenew (2. v. l.), Lenin (r.): Der Krieg ist kapitalistisch
SPD-Ideologe Kautsky
Der Ultra-Imperialismus verwandelt ...
... Militaristen in Pazifisten: Soldaten-Sowjet in Petrograd (1917)
Revolutionäre Bauern: Wenn das Herrengut verteilt wird ...
... will der Bauer zu Hause sein: Kapitulierende Russen
Mao, Gast: Die Bombe - eine Hoffnung
Alt-Kommunist Kuusinen
Die Bombe - ein Wahnsinn

DER SPIEGEL 9/1961
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WARTEN AUFS LETZTE GEFECHT

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