08.03.1961

KORRUPTIONConle & Co.

Vor der Fünften Großen Strafkammer des Landgerichts Duisburg verteidigt sich seit Freitag vergangener Woche ein sozialdemokratischer Multimillionär gegen den Vorwurf, er sei dank krimineller Geschäftsmethoden und mit Hilfe bestechlicher SPD-Genossen zu Reichtum gelangt.
Angeklagt sind der 45jährige Diplomarchitekt Heinz Conle, der - mit dem Bau von 18 000 Wohnungen in elf Jahren und mit insgesamt 60 Wettbewerbspreisen - eine Spitzenposition unter den bundesdeutschen Häuserbauern behauptet, und sein 42jähriger Bruder und Kompagnon Kurt. Die Conles werden angeschuldigt, den Duisburger städtischen Liegenschafts-Direktor und SPD-Genossen Herbert Crysandt bestochen zu haben.
Crysandt, ebenfalls auf der Anklagebank, soll - als Gegenleistung für ein zinsfreies Darlehen - minderwertige Grundstücke der Conles gegen bestes städtisches Bauland eingetauscht haben. Schaden für die Stadt Duisburg laut Anklageschrift: mindestens 250 000 Mark.
Der Prozeß ist freilich nur das forensische Vorgefecht für die Staatsaktion der Ankläger und Strafrichter gegen Heinz und Kurt Conle und jene Bediensteten des sozialdemokratisch regierten Duisburg, die den Genossen Conle jahrelang so großzügig mit billigen Grundstücken und Steuergeld-Millionen versorgten, daß nach Ansicht der Staatsanwälte die Tatbestände der Untreue, des Betrugs und der Bestechung erfüllt wurden.
Tischlersohn Heinz Conle war 1947 der SPD beigetreten und hatte sich zunächst als Angestellter im städtischen Planungsamt mit dem Duisburger Grundstücksmarkt und den Aufbauprojekten vertraut gemacht.
Mit Bruder Kurt gründete er 1949 ein Architekten-Büro und wurde alsbald vom städtischen Wohnungsbau -Dezernenten, dem SPD-Beigeordneten Wilhelm Tenhagen, als Hausarchitekt der stadteigenen "Gemeinnützigen Baugesellschaft AG" (GEBAG) verpflichtet. Gegenleistung der Conles: Tenhagens Sohn Paul wurde 1950 Generalbevollmächtigter ihres Unternehmens.
Wiederholt protestierten Duisburger Architekten bei Vater Tenhagen gegen die Bevorzugung ihres Kollegen Conle durch die Stadtverwaltung. Baudezernent Tenhagen ließ sich durch die Proteste jedoch nicht beirren und sorgte für die Vollbeschäftigung der Conles.
Tenhagens Behörde schanzte dem Architekten-Duo von 1951 bis zum 31. März 1958 mit 26,29 Millionen Mark knapp 30 Prozent jener Landesmittel zu, die der Stadt Duisburg als Darlehen für den sozialen Wohnungsbau gewährt wurden. An Wiederaufbau-Mitteln scheffelten die Conles weitere 4,48 Millionen Mark:
Städtische und private Aufträge wurden den Architekten-Brüdern in solchem Ausmaß zuteil, daß sie innerhalb weniger Jahre mit der Firma "Gebrüder Conle GmbH" als Dachgesellschaft einen Konzern aufbauen konnten, dem insgesamt 24 Firmen angehören - neben Bauunternehmen auch drei Lufttransport-Gesellschaften und eine Gaststätten -Kette.
Der so großzügig geförderte Heinz Conle, der von der SPD 1957 in den Stadtrat entsandt wurde, ließ seine Genossen an den Geschäftserfolgen teilhaben. Seinem Fraktionskollegen Emil Kümmel verpachtete er die Conle-Gaststätte "Schinderhannes"; SPD-Ratsherr Wilfried Hille wurde Trinkhallen-Pächter in den Conle-Siedlungen; SPD-Ratsherr Karl Wahl avancierte zum Bauleiter in einer der zwei Dutzend Conle -Firmen. SPD-Bundeschef Erich Ollenhauer durfte im Wahlkampf 1957 mit einer zweimotorigen "Cessna 310 C" der Gebrüder Conle umherfliegen.
Der Aufstieg Heinz Conles, den seine SPD-Freunde zeitweilig sogar für den
Posten eines Wiederaufbau-Ministers im Kabinett Steinhoff vorgesehen hatten, wurde jäh gestoppt, als die Kriminalpolizei die Brüder Conle am 8. April 1958 auf ihren Landsitzen bei Fischen und Immenstadt im Allgäu arretierte.
Gleichzeitig mit den Kriminalbeamten wurden auch die Rechercheure des Landesrechnungshofs tätig. Die beamteten Prüfer entdeckten im Duisburger Conle-Konzern Mißstände, die jahrelang keinem städtischen, Beamten oder Ratsherrn aufgefallen waren.
Die Conles hatten
- für Hypotheken in Höhe von 1,25 Millionen Mark gegenüber den Behörden die Zinsen mit sechs Prozent angegeben, obwohl die Bank nur fünfeinhalb Prozent kassiert hatte;
- etlichen Sozial-Mietern ungesetzlich hohe Mieten abverlangt;
- Wohnungen an Familien vergeben, die auf Förderung aus öffentlichen Mitteln keinen Anspruch hatten;
- verlorene Baukostenzuschüsse gefordert (die im sozialen Wohnungsbau verboten sind) und
- die Kostenbelege für die mit öffentlichen Mitteln geförderten Conle -Bauten zwar angeblich der Stadtverwaltung vorgelegt, dann aber vernichtet, "um zu verhindern, daß die Steuerbehörde Einsicht in die Betriebsrechnung bekäme".
Immerhin vermochten die Rechnungshof-Detektive zu rekonstruieren, daß die Duisburger Stadtverwaltung den Conles "offensichtlich übersetzte Kosten für Bodenwerte und Architektenleistungen anerkannt" hat.
So hatten die Conles beispielsweise am 24. Februar 1953 ein 4074 Quadratmeter großes städtisches Grundstück zu einem Preis von zwei Mark pro Quadratmeter erworben und den Grundstückswert später mit 50 853 Mark angegeben. Die städtischen Beamten dünkte diese Summe zwar zu hoch, doch meldeten sie dem Düsseldorfer Wiederaufbau-Ministerium als Grundlage für die Darlehensanträge immerhin 26 481 Mark - das Dreifache des Kaufpreises, den die Conles an die Stadt entrichtet hatten.
Weitere Aufschlüsse über die Finanzierungsmethoden des Conle-Konzerns erhielten die Rechnungsprüfer, als sie eine vorgebliche Eigenleistung des Bauherren-Duos untersuchten.
Sozialdemokrat Conle hatte die Gewerkschafts-"Bank für Gemeinwirtschaft" in Essen zur Vorfinanzierung der Eigenleistung um einen Kredit von 200 000 Mark gebeten und als Sicherheit auch die "unwiderruflichen Zahlungsanweisungen für die dritten Raten der Landesdarlehen von insgesamt 612 280 Mark" angegeben. Umgekehrt hatte er zuvor dieses Darlehen mit der Begründung angefordert, daß er über die Summe von 200 000 Mark als Eigenkapital bereits verfüge.
Schon nach der Prüfung eines einzigen, 319 Wohnungen umfassenden Bauprojekts forderte Rechnungshof -Präsident Ballerstaedt die Conles auf, rund 2,5 Millionen Mark zurückzuzahlen, die sie - über die Stadt Duisburg - zu Unrecht als Landesdarlehen für den sozialen Wohnungsbau bezogen hatten.
Drohte der Rechnungshof-Präsident in einem 85 Seiten starken vertraulichen Bericht: "Für eventuelle Schäden, die dem Lande entstehen sollten, wird die
Stadtverwaltung (Duisburg) einzustehen haben."
So wird denn, falls die Conles nicht liquide sind, die Stadt Duisburg für ihren favorisierten Baumeister und seinen Kompagnon einspringen müssen.
Die Duisburger SPD, die ihr Vertrauen in die Unschuld des Genossen Heinz Conle noch nach dessen Verhaftung öffentlich bekundet hatte, mochte sich bisher nicht entschließen, ein Parteiausschluß-Verfahren gegen Conle einzuleiten oder ihn auch nur aus dem Stadtrat zu entfernen. Die Genossen versagten sich lediglich, Conle am 19. März den Wählern erneut als Kandidaten für den Stadtrat zu präsentieren.
SPD-Baumillionär Heinz Conle
Beim Geschäft mit Steuergeldern ...
SPD-Baudezernent Wilhelm Tenhagen
... assistierten die Genossen

DER SPIEGEL 11/1961
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