22.02.1961

ROSSELLINIOffene Stadt

Der Italiener hängt angeschnallt in
einem Folterstuhl. Sein Haar ist blutverschmiert, die Augen sind verquollen, Nase und Mund zertrümmert, der entblößte Oberkörper ist mit Platz - und Brandwunden bedeckt.
"Spritze", befiehlt ein SS-Offizier.
Der Italiener stöhnt, hebt langsam den Kopf - ein Gurgeln dringt über seine zerfetzten Lippen. "Na, werden Sie uns jetzt was erzählen?" säuselt der geschniegelte Deutsche.
Mit letzter Anstrengung spuckt der Italiener ihm ins Gesicht. "Weitermachen!" befiehlt der Offizier.
Zwei Folterknechte in SS-Uniform und mit viehischen Visagen greifen zu Peitsche und Lötlampe, um den entstellten Körper endgültig zu massakrieren: Die Standhaftigkeit des Opfers irritiert den SS-Menschen: "Das würde ja bedeuten, daß ein italienischer Sklavenmensch dem deutschen Herrenmenschen ebenbürtig wäre!"
Die Marterbilder gehören zu einer der krassesten Szenen in Roberto Rossellinis weltbekanntem Film "Rom, offene Stadt". Das Schwarzweiß-Opus gilt, wie der Schweizer Kritiker Martin Schlappner formulierte, als "erstes Zeugnis über den Widerstand des italienischen Volkes gegen die Deutschen" und zugleich als "das erste Zeugnis einer Filmkunst, die den Namen Neorealismus erhielt und ... den Siegeszug in die Welt antrat".
Obgleich der Film schon 1944/45 gefertigt wurde und längst in einschlägigen Lexika als filmhistorisches Werk verzeichnet steht, dürfen deutsche Kinogänger ihn erstmals in dieser Woche sehen. Denn nachdem das Opus in den USA enthusiastische Kritiken und begehrte Filmpreise eingeheimst hatte, wurde der "Siegeszug" des Rossellini -Films 1950 von den Wiesbadener Film -Zensoren an den Grenzen der Bundesrepublik gestoppt.
Die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) gestand diesem "Filmdrama von kolossaler Kraft" ("New York Times") zwar am 8. September 1950 zu, es zeige "die historische Wahrheit, wenn auch überdreht", verlautbarte aber:
- "Heute jedoch, in einer neuen europäischen Situation, müssen von einer öffentlichen Vorführung völkerverhetzende Wirkungen befürchtet werden, die im Interesse einer allgemeinen, besonders einer europäischen Völkerverständigung unbedingt zu vermeiden sind."
Die besorgten Neu-Europäer befürchteten Störungen des jungen, noch zarten Verhältnisses zwischen Deutschland, und Italien ("nicht übersehbar!") und verboten den Film für die Bundesrepublik. Lediglich für geschlossene Klub -Vorführungen gaben sie die Originalfassung frei, die Rossellini und seine Autoren Sergio Amidei und Federico Fellini bald nach dem Einmarsch der Amerikaner in Rom als Chronik des zivilen römischen Widerstands gegen die deutsche SS-Polizei verfaßt hatten. Die "unmittelbare Leidenschaftlichkeit" der Filmleute ließ noch keinen Raum für gerechte Abwägungen", wie die Katholische Filmkommission für Deutschland konstatierte. So zeigte Rossellini,
- wie die Deutschen während einer Razzia eine schwangere Hausfrau (Anna Magnani) niederschießen,
- wie die Deutschen einen kommunistischen Widerständler (Marcello Pagliero) zu Tode foltern,
- wie ein deutscher Offizier einen standhaften italienischen Priester (Aldo Fabrizi) abknallt, nachdem das italo-faschistische Exekutionskommando in den Sand gezielt hat.
In "Rom, offene Stadt" kämpfen die Italiener und selbst ihre Kinder - bis auf den kollaborierenden Polizeipräsidenten und seine faschistische Truppe - tapfer gegen ihre Unterdrücker; der hinterlistige Gestapo-Chef und seine skrupellose Agentin aber offenbaren außer sadistischen auch noch abartige sexuelle Züge.
Lediglich ein Deserteur und ein verzweifelt saufender Weltkrieg-I-Offizier entsprechen nicht dem Klischeebild des brutalen Teutonen, dem die einträchtig kämpfenden italienischen Katholiken und Kommunisten gegenübergestellt sind. "Niemals sind die Nazis und ihre noch mehr zu verachtenden italienischen Anhänger in einem Film so geschmäht worden", urteilte Filmhistoriker Paul Rotha.
Daß der Film trotz seiner Schwarz weiß-Kolorierung "eine Sensation auslöste, wo immer er gezeigt wurde" (Rotha), wird von den Kritikern übereinstimmend auf die Situation zurückgeführt, "unter deren Anprall Rossellini schöpferisch in Fahrt kam": den Zusammenbruch des faschistischen Regimes, den frischen Eindruck von Terror und Not.
Rom war 1944 von den Deutschen kaum geräumt worden, als Rossellini mit geliehenen alten Kameras und Abfall-Zelluloid zu kurbeln begann. Die Filmstadt Cinecittà war noch von amerikanischen Truppen belegt. Rossellini mietete einen alten Ballsaal und ein paar Wohnungen und drehte im übrigen auf der Straße. Seine Darsteller las er zumeist in Kaffeehäusern und in den Gassen auf.
Der Film "wurde die erste europäische Auflehnung gegen den amerikanischen Film", schrieb der italienische Autor Indro Montanelli, "gegen seine Konventionen, das Dogma des Happy -Ends, die süßlichen Belehrungen ..." Mit "Rom, offene Stadt" habe "der italienische Film zweifellos eine Etappe in der- Entwicklungsgeschichte des Films erreicht".
Während das Freilichtspiel den amerikanischen Kritikern Vokabeln wie "aufwühlend", "aufsehenerregend", "unvergeßlich", "überwältigend" abforderte und den internationalen Ruhm des neuen italienischen Films begründete, faßte die FSK ihren Beschluß, daß eine öffentliche Vorführung in der Bundesrepublik "auch im Interesse des Herstellungslandes nicht zu verantworten" sei.
Erst im Herbst vorigen Jahres wagten deutsche Verleiher, ermuntert durch die Freigabe des gleichfalls lange Zeit verbotenen Billy-Wilder-Films "Stalag 17" (SPIEGEL 5/1960), einen erneuten Vorstoß. Sie reichten bei der FSK eine bereits synchronisierte Fassung des Rossellini-Films ein, in der die ausgedehnte Folterszene geringfügig gekürzt worden war.
FSK-Oberkontrolleur Dr. Ernst Krüger: "Wir haben den Film neu geprüft und freigegeben. Die Darstellung Solcher Dinge darf nicht verhindert werden." Das damalige Urteil sei "wohl aus einer gewissen Übersorgfalt heraus" entstanden.
Freilich bewies Krüger noch immer eine gewisse Sorgfalt. Er knüpfte die Freigabe an eine Bedingung: "Um eine Simplifizierung sowohl der deutschen als auch der italienischen, Gruppen zu vermeiden ...", erachtete er einige "Klarstellungen" als notwendig.
In einem "klaren, leicht faßlichen und langsam abrollenden" Vortext soll dem Beschauer die Situation der "offenen Stadt" verdeutlicht werden: "Es wäre also zu erläutern, daß die deutsche Wehrmacht abgezogen ist und daß die SS zur Polizeitruppe erklärt worden war, die dann ihre Machtposition zu despotischen Übergriffen ausnutzte. Der Widerstand der römischen Bevölkerung führte dann bewußt zu terroristischen Handlungen ..."
Auflagegemäß stattete der Verleih den Film mit einem Vorspann aus, der - im Sinne der Nato-Eintracht - dem Kinobesucher versichert: "Dieser Film richtet sich nicht gegen das deutsche Volk. Er klagt nicht den deutschen Soldaten an. Er schildert den Kampf freiheitsliebender Menschen gegen Willkür und Tyrannei."
Neorealist Rossellini
Regie in der Folterkammer
Rossellini-Film "Rom, offene Stadt"*: Bilder vom Herrenmenschen
* Mitte: Anna Magnani.

DER SPIEGEL 9/1961
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