22.02.1961

DIKTATORENGeschlossene Gesellschaft

Unter dem rhythmischen Händeklatschen gewaltiger Zuschauermengen rückt ein Marschblock sozialistischer Turner in das Stadion ein. Die Sportler schleppen ein Stalin-Porträt auf den Schultern. Stumpfsinnig stoßen sie im Chor hervor: "Die Partei, die Partei, die Partei ...
Dann hebt sich symbolhaft eine Hand ins Bild - "die Hand", erläutert ein Sprecher, "die grüßt, die befiehlt, die die Richtung weist ..." Und während der Lärm des Aufmarsches unvermindert anhält, heben sich weitere Hände, und das Bild blendet über in eine ungewöhnliche Starparade: In schneller Folge wechseln die Konterfeis von Hitler, Lenin, Mussolini, Mao Tse-tung, Franco, Ho Tschi-min, Nasser, Chruschtschow und Castro über die Leinwand.
Noch Ende des Monats soll dieses kinematographische Machtfigurenkabinett, das sich - nach einer Ankündigung des Neuen Filmverleihs (NF) - aus den "gefährlichsten Männern unseres Jahrhunderts" zusammensetzt, in westdeutschen Lichtspielhäusern vorgestellt werden. In einem neuen Film, der aus Wochenschauberichten und Dokumentaraufnahmen eines halben Jahrhunderts zusammengebaut wurde, präsentiert die Münchner Verleihfirma: "Die Diktatoren".
Der abendfüllende Dokumentarbericht verdeutlicht einen Schaffensdrang in der westdeutschen Unterhaltungsbranche, der zum Verdruß mancher Kritiker jahrelang kaum zu verspüren war: die Lust am Hantieren mit zeitgeschichtlicher Problematik
Sämtliche Sparten bemühen sich neuerdings in verstärktem Maße um unbewältigte Vergangenheit. Im Fernsehen läuft seit Monaten die Monumental -Serie über "Das Dritte Reich"; der schwedische Dokumentarfilm "Mein Kampf" lockt noch immer Besuchermassen in die Lichtspielhäuser; Schallplattenproduzenten offerieren die Historie im akustischen Ausschnitt; der Norddeutsche Rundfunk sendete eine Serie über das Kriegstagebuch des OKW; und der Hamburger Filmproduzent Walter Koppel (Realfilm) bereitet eine umfassende filmische Biographie Adolf Hitlers vor.
Auch dem Münchner Presse-Agenten Josef von Ferenczy, der eine mit vielen Autoren bestückte Schreibstube für Illustrierten-Berichte unterhält, kam im vergangenen Jahr eine Idee, die dieser Entwicklung angemessen schien. Ihm schwebte ein Film mit dem Titel "Die Diktatoren" vor, und in dem Neuen Filmverleih, der den schwedischen Dokumentarfilm "Mein Kampf" in Deutschland gewinnträchtig vertreibt, fand er rasch einen Partner. Die Herstellung des Films sollten die Hausproduktionsfirma des NF-Verleihs, "Omega", und der Sportfilmproduzent Hans Schubert übernehmen.
In der kritischen Verarbeitung historischen Materials nicht sonderlich erfahren, hielten die Filmhersteller jedoch für ratsam, einen renommierten Fachmann zu Rate zu ziehen. Sie wandten sich an den Darmstädter Professor für Wissenschaftliche Politik, Eugen Kogon ("Der SS-Staat"), der seine Gaben des öfteren in den Dienst des Deutschen Fernsehens stellt ("Blick in die Zeit").
Kogon entdeckte bald, daß die Münchner Filmleute nur über recht kümmerliche Requisiten verfügten: "Sie hatten einen Titel, ein riesiges, meist unbrauchbares Material (9000 Meter Wochenschaufilm) und den Termin der Premiere." Er erbat Bedenkzeit.
Einerseits sah der Professor die "ungeheure Chance", einen Lehrfilm für Millionen produzieren zu können - "Millionen Menschen zu erklären, daß Gewaltherrschaften kein Zufall sind, sondern daß wir an ihrer Entstehung, an ihrem Erfolg, an ihrer Dauer beteiligt sind". Andererseits hatte er formale Bedenken: "Es ist ja wirklich schwer, moderne Diktaturen zu erklären und dabei auch noch einen spannenden Film zu machen."
Als Ausweg aus diesem Dilemma offerierte der Professor schließlich den Münchner Filmleuten, was er heute als "ein noch nie gemachtes Experiment" bewertet: "Unterricht in Zeitgeschichte als Kino-Thriller". Er regte an, das monströse Thema ("Mehr als 30 Diktatoren seit 1917") nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten in Kapitel aufzuteilen, keine Biographien zu erzählen und sich nicht an einen chronologischen Ablauf zubinden, vielmehr: die verschiedenen Typen der Diktatur und ihre Gemeinsamkeiten durch effektvolle Bildmontagen und gesprochenen Kommentar deutlich zu machen.
Die "Diktatoren"-Fabrikanten akzeptierten und strichen erleichtert den Austro-Amerikaner William S. Schlamm von ihrer Mitarbeiterliste, den sie sich bereits als ideologische Stütze vorgemerkt hatten. "Als wir Kogon kriegten, haben wir Schlamm natürlich sofort verworfen", gesteht ein NF-Sprecher. "Mit Schlamm hätten wir sowieso eine Menge Schwierigkeiten bekommen."
Kogon scheuchte die Filmleute zunächst, neues Bildmaterial zu beschaffen: "Ich brauchte nicht Bombenteppiche, sondern die russische Revolution und den Marsch auf Rom ..." Sodann verfaßte er einen Vorspruch, der das Publikum wissen lassen soll, daß es nicht angeklagt, aber auch nicht entschuldigt, sondern aufgeklärt wird.
Als taktische Regeln legte er fest:
- Hitler so spät wie möglich. ("Er kommt in den ersten zwölf Minuten überhaupt nicht vor, weil's einem zum Halse 'raushängt.")
- Terror so wenig wie möglich - das
aber eindringlich. ("Man darf die Leute nicht mit Greuel-Bildern zuschütten.")
- So gut wie keinen Krieg. ("Den kennt und erwartet jeder.")
Für den ersten Filmabschnitt ("Wie entsteht eine Diktatur?") baute er sich einen "historischen Sockel", eine Typologie der Diktatur, wobei er den sanftesten aller Diktatoren, Salazar, ebenso berücksichtigte wie Lenin, Mussolini und Fidel Castro.
Im zweiten Abschnitt gedenkt er zu verdeutlichen: "Diktatoren bauen auf; das Leben nimmt einen optimistischen Zug an, wenn sie kommen." Gegenelement: "Mit dem Wohlstand und der Arbeit werden aber auch die ersten Terrormaßnahmen verfügt." Sobald ein Volk sich seines Willens begeben hat, wird die Losung ausgegeben: Freut euch des Lebens." Dann jedoch wird gleichgeschaltet, gedrillt, der Friedenswille beteuert und gleichzeitig interveniert. Am Ende werden die Durchhalteparolen proklamiert. Kogon: "Wenn sie verlieren, reißen sie uns rit ...
In diesem Abschnitt werden alle prominenten Diktatoren dieses Jahrhunderts auftauchen, denn Kogon will nicht Geschehnisse nacherzählen, sondern seine Thesen untermauern - und den Leuten dabei möglichst den Atem nehmen".
Sein "Beitrag zur Immunisierung" ist schon jetzt nach Belgien, Holland, Norwegen, Argentinien, Chile, Uruguay und Israel verkauft worden. Verhandlungen mit anderen Ländern sind im Gange. "Aber da geh' ich mich gar keinen Illusionen hin", gesteht Kogon. Ich bin fest davon überzeugt, daß die ausländischen Verleiher ihren eigenen Diktator jeweils raussehneiden werden."
Dokumentarfilmer Kogon
30 Diktatoren in zwei Stunden

DER SPIEGEL 9/1961
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