22.02.1961

VENUS-RAKETEPlanet im Nebel

Wo endet die Phantasie und wo beginnt die Wirklichkeit?", fragten 1959 im Prolog zu einer Studie über "Die nächsten zehn Jahre im Weltenraum" die Experten eines Sonderausschusses im US-Senat. "Des Menschen uralter Traum richtet sich nicht nur darauf, einmal zum Mond zu reisen. Die Planeten, besonders Mars und Venus, üben eine vielleicht noch viel stärkere Anziehungskraft auf ihn aus."
Vergangene Woche erwies sich, daß die Grenze zwischen Phantasie und Wirklichkeit sich in der anbrechenden Raum -Ära schneller verwischt, als die unbekümmertsten Propheten weissagten. Es war Wirklichkeit: Auf einer elliptischen Bahn raste mit einer Geschwindigkeit von vier Kilometern je Sekunde eine sowjetische Rakete in Richtung auf ein Ziel, das zum Zeitpunkt des Starts 88 Millionen Kilometer entfernt war.
"... und denkt euch nur, direkt zur Venus ist unser Gesandter, die Rakete, unterwegs", dichtete in der "Prawda" der Partei-Poet Marschak.
Die Sowjetrakete war am vorletzten Sonntag nach demselben Prinzip gestartet, das Wernher von Braun schon vor neun Jahren propagiert hatte. Was noch 1952 als Ausgeburt Braunscher Träumereien abgetan wurde, vollzog sich am Sonntag mit der Sekundenbruchteil-Präzision modernster Steuerungstechnik. Von einem um den Erdball wirbelnden Raumschiff löste sich, durch ausströmende Gasmoleküle vorangetrieben, die Venus-Rakete - "in guter Übereinstimmung mit den Daten der (Flugbahn-)Vorausberechnung", berichtete der sowjetische Sputnik-Zar Leonid Sedow.
Welche Präzision die sowjetischen Steuerungs-Experten beim Start der Venus Rakete gewährleisten mußten, wollten sie ihr Projektil auch nur in die nähere Umgebung ihres kosmischen Ziels lenken, erhellt aus einer Untersuchung, die amerikanische Techniker über die erforderliche Zielgenauigkeit von Raketen-Schüssen angestellt haben. Danach bedeutet ein Fehler von 30 Zentimetern pro Sekunde in der Endgeschwindigkeit der Rakete, daß das Projektil bei einem Schuß zum Mond das Ziel um 160 Kilometer verfehlt, bei einem Schuß zur Venus aber gar um fast 40 000 Kilometer an dem Planeten vorbeirast.
Mehr als andere Raketen-Taten zuvor stimulierte der Venus-Schuß die terrestrische Phantasie. Denn die Venus - obgleich nach Sonne und Mond das hellste Gestirn - gilt als der geheimnisvollste Planet des Sonnensystems. In seiner Studie fragte sich der Sonderausschuß des US-Senats: "Welche Geheimnisse liegen hinter den wirbelnden Wolken der Venus? Verdecken sie ein üppiges tropisches Klima ... Oder riesige Meere? Oder eine von Staub-Stürmen gepeitschte Wüste?"
Der erste Gelehrte, der die Venus durch ein Instrument moderner Forschung betrachtete, war Galileo Galilei. Als er 1610 ein primitives, handgebasteltes Fernrohr auf die Venus richtete, erblickte er den Planeten als langgestreckte Sichel, die sich im Laufe der Tage veränderte. Nach der Gepflogenheit der Gelehrten seiner Zeit veröffentlichte er die Entdeckung der Venus-Phasen (die wie beim Mond von der Stellung des Gestirns zur Sonne herrühren) in einem lateinischen Anagramm. Die Auflösung des Buchstabenrätsels lautete: "Die Mutter der Liebe imitiert die Phasen des Mondes."
In dieser poetischen Feststellung erschöpfte sich für lange Zeit das Wissen über die Nachbarwelt. Obgleich kein anderer Himmelskörper der Erde so nahe kommt - abgesehen vom Mond und gelegentlich einem Kometen oder Asteroiden - und die Venus in ihrer hellsten Phase mit dem bloßen Auge sogar zur Mittagszeit zu sehen ist, war es den Astronomen dicht, möglich, die Geheimnisse der Venus zu enthüllen.
Ein lückenloser Wolkenschleier, der das Sonnenlicht gleißend reflektiert, versperrt den Blick auf die Oberfläche des Nachbarplaneten, der nur wenig kleiner und leichter als die Erde ist. Da er auch eine ähnliche chemische Zusammensetzung hat wie die Erdkugel, wird er gemeinhin als "Zwillingsschwester der Erde" bezeichnet. Nach der Ansicht vieler Himmelsforscher ist dieses Etikett jedoch irreführend.
"Die Wolken der Venus sind völlig verschieden von denen der irdischen Atmosphäre", konstatierte der einstige englische Hof-Astronom Sir Spencer Jones. "Sie können nicht aus Wassertropfen oder Eiskristallen bestehen. Die Oberfläche der Venus ist eine komplette Wüste. Es kann keine Ozeane, Seen oder Flüsse geben." Sir Spencer ist überzeugt, daß Stürme "von größerer Heftigkeit, als wir sie jemals auf der Erde erlebten", riesige Staubwolken von der trostlosen Wüstenoberfläche in große Höhen der Venus-Atmosphäre peitschen.
Zu einer entgegengesetzten Ansicht sind die beiden Harvard-Astronomen Professor Fred Whipple und Professor Donald Menzel gekommen. Sie glauben, daß die Oberfläche der Venus einer totalen Wasserwüste gleiche, einem Ozean ohne Insel und Kontinent. Der englische Himmelsforscher Professor Fred Hoyle wiederum suchte seine Kollegen durch eine Kette plausibler Indizien davon zu überzeugen, daß die Venus-Meere aus einer Flüssigkeit bestünden, die reinem Erdöl entspreche.
Indes, die gesicherte Kenntnis der Astronomen über Venus-Wolken, -Atmosphäre und -Oberfläche geht nur wenig über die Feststellung hinaus, daß sie vorhanden sind. Die Frage, ob sich auf der Oberfläche der Venus Leben entwickeln und behaupten kann, blieb daher Gegenstand purer Spekulationen. Die Forscher sind überzeugt, daß auf der Venus ein tropisch feucht-heißes Gewächshaus-Klima herrscht, das fast die Temperatur von kochendem Wasser hat (80 bis 90 Grad Celsius).
Die Hitze geht darauf zurück, daß die Venus-Atmosphäre vierhundertfünfzigmal soviel Kohlendioxyd enthält wie die Erdenluft. Das Gas verursacht den sogenannten Treibhauseffekt: Es läßt die kurzwellige (unsichtbare) Sonnenstrahlung bis zum Venusboden eindringen, absorbiert aber die zurückgestrahlte Energie und wirkt damit ähnlich wärmespeichernd wie das Glasdach eines Gewächshauses. Lichtstrahlen vermögen freilich das Wolkenmeer der Venus nicht zu durchdringen, so daß die Venus-Landschaft vermutlich in ewiges Dunkel gehüllt ist. Englands Hof-Astronom Jones: "Kein Leben irgendwelcher Art kann auf der Venus existieren."
Die Sowjets jedoch haben sich bis heute nicht zu der Auffassung des renommierten englischen Gelehrten bekannt. Nach dem Start der sowjetischen Venus-Rakete verkündete Sowjet-Astronom Professor Nikolaj Barabaschow, jüngste Entdeckungen ließen die Vermutung zu, daß sich die Venus jetzt in einer Epoche befinde, die dem Steinkohlenzeitalter der Erde (vor 265 Millionen Jahren) entspreche. Der. Sowjetmensch vermutete, daß auf der Venus gerade Lebensformen im Entstehen seien, die es auf Erden nie gegeben habe.
In der "Prawda" verhieß der sowjetische Gelehrte Michailow den Forschern, daß die Venus-Rakete höchst wertvolle Erkenntnisse vermitteln würde: "Möglicherweise werden wir mehr Informationen über die Venus bekommen als in der ganzen bisherigen Geschichte ihrer Erforschung."
Ungewiß ist allerdings, ob es den Sowjets gelingen wird, die von den Meßinstrumenten der Rakete in Venus -Nähe aufzuzeichnenden Daten über Funk abzurufen. Im Prinzip kann eine Funkverbindung auch über Millionen Kilometer hinweg mit Hilfe relativ schwacher Energiequellen hergestellt werden.
Die kleine amerikanische Rakete "Pionier V" sendete vermittels einer von Sonnenlicht stetig aufgeladenen 150 -Watt-Batterie (die gerade eine elektrische Haushaltskaffeemühle speisen könnte) noch aus einer Entfernung von 36 Millionen Kilometern Funkzeichen zur Erde zurück. Dann riß die Funkverbindung jäh ab.
Die Sowjet-Rakete wird jedoch die Venus passieren, wenn der Planet etwa 43 Millionen Kilometer von der Erde entfernt ist.
Immerhin haben sich die Sowjets vorsorglich eine zweite Chance gesichert, die im Elektronengehirn aufgespeicherten Beobachtungsdaten oder Venus -Photos abzuzapfen. Die Bahn der Venus -Rakete ist nämlich so angelegt, daß das Geschoß nach einer Reise um die Sonne in Jahresfrist die Erde in verhältnismäßig geringem Abstand - nur vier Millionen Kilometer - passiert.

DER SPIEGEL 9/1961
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