15.03.1961

WARTEN AUFS LETZTE GEFECHT

4. Fortsetzung
Karl Marx, in vielen Hinsichten ein waschechter deutscher Bürger, teilte auch die Gefühle, welche seine Landsleute gegenüber Rußland hegten - Gefühle, in denen sich Furcht, Verachtung und Bewunderung miteinander mischten.
Marx war von 1853 bis 1856 europäischer Korrespondent der "New York Daily Tribune" gewesen. Ein großer Teil der Aufsätze und Berichte, die er für das New Yorker Blatt schrieb, beschäftigte sich mit Rußland, das zu eben jener Zeit, von 1853 bis 1856, mit der Türkei, England, Frankreich und dem Königreich Sardinien im Krieg lag (Krimkrieg).
Marxens Rußland-Artikel sind kürzlich in Deutschland neu herausgegeben worden*. Der "Rheinische Merkur" hat sie triumphierend begrüßt, entlarvten sie doch Marx als "ganz eiskalten (westlichen) Krieger".
Unbestreitbar ist, daß Marxens Rußland-Berichterstattung dem Ton und Inhalt nach in geradezu erstaunlicher Weise den Thesen des heutigen Kalten Krieges ähnelt. Marx unterstellte dem Zaren Nikolaus I. die gleiche teuflische Verschlagenheit, die man heute im Westen dem Ersten Parteisekretär Nikita Chruschtschow zutraut. Umgekehrt: Marx hielt damals den Westen für genauso handlungsunfähig und mit sich selbst uneins, wie vielfach heute die westliche Presse. Marx sah und Franz -Josef Strauß sieht Rußland als ein listiges Ungeheuer an, das sich geheimer Agenten, zahlloser Spione und der ideologischen Infiltration bedient.
Nur in einem Punkt unterschied sich Marx von Franz-Josef Strauß: Für Marx bezog der russische Bär seine Angriffslust und Tücke aus der Ideologie des Panslawismus, während er sie für Strauß aus dem Kommunismus bezieht.
Im Grunde waren es die Riesenhaftigkeit und die Undurchschaubarkeit Rußlands, die Marx an dem östlichen Nachbarn Deutschlands erschreckten. In einem Aufsatz in der "Neuen Oder -Zeitung" setzte er auseinander, daß Rußland darauf aus sei, ganz Europa zu unterjochen. Rußland habe die slawischen Völker "still vereint" und "den römisch-keltischen Rassen, die bisher in Europa geherrscht haben, (den) Krieg auf den Tod erklärt". Der vom Zarenreich ausgehende Panslawismus, meinte Marx, sei "eine Bewegung, die ungeschehen zu machen strebt, was eine Geschichte von tausend Jahren geschaffen hat, die sich nicht verwirklichen kann, ohne die Türkei, Ungarn und eine Hälfte Deutschlands von der Karte Europas wegzufegen, die, sollte sie dies Resultat erreichen, seine Dauer nicht sichern kann ohne die Unterjochung Europas".
Rund 25 Jahre, nachdem Marx diesen offenkundig von anti-russischen Gefühlen diktierten Artikel geschrieben hatte, trat das russische Problem in Gestalt einer äußerst beunruhigenden theoretischen Frage an ihn heran. Eine russische Revolutionärin und Marxistin namens Wera Sassulitsch wollte von ihm wissen, ob Rußland eine Chance habe, eine sozialistische Revolution zu machen. Die Prämissen, von denen die Sassulitsch dabei ausging, waren folgende:
- Einerseits besaß Rußland damals - 1881 - nur eine geringe Industrie. Es gab also so gut wie kein Proletariat. Ja, es gab zu jener Zeit in Rußland weder ein wirtschaftlich selbständiges noch ein nach wirtschaftlicher Selbständigkeit drängendes Bürgertum. Rußland befand sich - nach Ansicht der Wera Sassulitsch und fast aller anderen russischen Revolutionäre - noch im Stadium der Feudalepoche. Mithin: Nach dem Geschichts-Schema Karl Marxens war in Rußland an eine kommunistische Revolution überhaupt nicht zu denken. Es stand ja sogar noch die demokratisch-parlamentarische Revolution der liberalen Bourgeoisie aus.
- Andererseits jedoch gab es in Rußland damals noch Restbestände einer Art von altväterlichem Bauernkommunismus, einer Agrarverfassung, wonach alles Bauernland eines Dorfes der Gemeinde ("Mir") gehörte und den einzelnen Bauern nur in regelmäßigen Abständen zur Nutzung zugeteilt wurde.
Auf diesen "Mir-Kommunismus" hatte sich in der Mitte des vorigen Jahrhunderts die Hoffnung fast aller sozialrevolutionären Politiker und Denker Rußlands gerichtet. Sie verklärten den "Mir" zu einem Gesellschaftszustand von ländlicher Einfalt, Güte und Gerechtigkeit und meinten, daß Rußland - angesichts dieses beispielhaften bäuerlichen Kommunismus - es gar nicht nötig habe, den langen mühseligen Weg zum Vollkommunismus durchzumachen, den Marx der Menschheit vorgezeichnet hatte: Zertrümmerung des Feudalstaates durch Industrialisierung und bürgerliche Revolution, ständig zunehmendes Elend der Massen, Anhäufung des Reichtums in der Hand weniger Kapitalisten und endlich proletarische Revolution.
Eben diese Hoffnung auf einen für russische Bedürfnisse sozusagen abgekürzten Weg zum Kommunismus war der Inhalt der Frage der Wera Sassulitsch an
die Pythia des historischen Materialismus in London, Karl Marx - und diese Frage hatte einen geradezu flehentlichen Ton. Sie lief im Grunde auf - die Bitte hinaus, Marx, der fürchterlich-wissenschaftliche Zuchtmeister der Menschheitsgeschichte, möge doch im Falle Rußlands eine Ausnahme von dem in seinen Werken festgelegten Gang der Weltgeschichte gestatten, möge erlauben, daß Rußland aus seinem Bauernkommunismus direkt in den Endzustand des Vollkommunismus springe.
Wenn jedoch, so schrieb die Sassulitsch an Marx, der russische Bauernkommunismus nicht "in sozialistischer Richtung entwicklungsfähig" sei, dann bleibe den russischen Sozialisten "nur übrig, sich mit mehr oder weniger fundierten Berechnungen (darüber) abzugeben, in wie vielen Jahrzehnten das Land des russischen Bauern in die Hände der Bourgeoisie übergehen (und) in wie vielen Jahrhunderten vielleicht der Kapitalismus in Rußland dieselbe Entwicklung wie in Westeuropa erreichen werde".
Die Frage der Wera Sassulitsch war nicht nur eine Bitte, sie war eigentlich noch, mehr eine Drohung. Sie besagte:
Wenn Marx daran festhielte, Rußland (und alle unterentwickelten Völker der Erde) zu hoffnungslosen Nachzüglern der Weltgeschichte zu deklarieren, dann wäre der ganze Marxismus für Rußland im Grunde zu nichts nütze. Was sollten die russischen Revolutionäre des Jahres 1881 damit anfangen, daß ihre Urenkel es im 21. Jahrhundert einmal so weit gebracht haben sollten wie die Engländer und Franzosen und Deutschen am Ende des 19. Jahrhunderts?
Marxens Wissenschaft mußte für die Russen einfach unerträglich sein. Sein historischer Materialismus kam für sie einer Verurteilung zu lebenslänglicher Haft gleich - und zwar nicht nur für sie, die russischen Revolutionäre von 1881 persönlich, sondern auch noch für ihre Kinder und Kindeskinder.
Marx hat das wahrscheinlich sehr deutlich gesehen, und er hat wahrscheinlich auch den flehentlichen wie drohenden Unterton in der Frage Wera Sassulitschs gewittert. In seinem Nachlaß fand sich eine ganze Reihe von Entwürfen für Antwortbriefe. Marx hat sie entweder nicht vollendet oder nicht abgeschickt.
Schließlich raffte er sich doch zu einer Antwort auf, die in Form eines Vorworts zu einer russischen Übersetzung des Kommunistischen Manifests geschrieben war. Diese Antwort Karl Marxens sollte Geschichte machen
wenn auch nur als eine Art Hilfskonstruktion für eine revolutionäre Tat, die, unabhängig von Marx, ihrem eigenen Gesetz gehorchte.
Als Lenin am 16. April auf dem Finnländischen Bahnhof zu Petrograd im "Zimmer des Volkes" zu den Anwesenden sprach, sagte er ihnen, sie, die russischen Arbeiter und Bauern, seien die "Avantgarde" (nicht die Hauptmacht) der Weltrevolution; die eigentliche Weltrevolution aber werde von einem Deutschen, dem Spartakistenführer Karl Liebknecht, ausgerufen und von dem deutschen Industrieproletariat gemacht werden.
Genau die gleiche Antwort hatte 36 Jahre zuvor Karl Marx der Wera Sassulitsch auf deren Frage nach Rußlands Revolutions-Chance gegeben. Er schrieb:
"Die einzige, heute mögliche Antwort auf diese Frage ist: Wenn die russische Revolution das Signal zu einer Arbeiterrevolution im Westen wird, so daß beide einander ergänzen, dann kann das heutige russische Gemeineigentum zum Ausgangspunkt einer kommunistischen Entwicklung dienen."
Das Recht Rußlands auf eine eigenständige proletarische Revolution war damit, wenn auch in verklausulierter Form, im Prinzip verneint. Die russische Revolution durfte allenfalls ein "Signal" sein - und zwar für die Arbeiterschaft Westeuropas. Das war für die Russen niederschmetternd. Gleichwohl hielt Lenin sich wenigstens äußerlich an diese Direktive des Altmeisters. In Wirklichkeit freilich stellte er die Lehre Marxens auf den Kopf - und zwar auch noch in einer anderen Hinsicht.
Wenn Marx an die proletarische Revolution dachte, dann stellte er sich vor, daß das Proletariat im Augenblick des Aufstands die Mehrheit des Volkes darstelle. Er ging also davon aus, daß die proletarische Revolution auch eine demokratische sein werde.
Dabei hatte Marx seine Vorstellungen von der proletarischen Revolution anhand der gesellschaftlichen Entwicklung in den westeuropäischen Industriestaaten geformt. In England, Frankreich und Deutschland gab es die "Proletarier" als handfeste, sichtbare Wirklichkeit, und es hatte damals immerhin einige Glaubwürdigkeit, daß diese neue Klasse einst die Mehrheit des Volkes bilden würde.
In dem Rußland jedoch, wie es Marx kannte, stellte die Arbeiterschaft kaum drei Prozent der Bevölkerung. Und selbst 1917, als Lenin die proletarische russische Revolution erzwang, machten die Arbeiter nicht mehr als etwa zehn Prozent des russischen Volkes aus. An eine proletarische Revolution mit demokratischer Mehrheit war also in Rußland überhaupt nicht zu denken - 1917 nicht und schon gar nicht 1881, als Wera Sassulitsch an Marx schrieb.
Da hatte Karl Marx den russischen Revolutionären das Gelobte Land, die künftige klassenlose Gesellschaft, sozusagen von ferne gezeigt, hatte ihnen mit wissenschaftlicher Unwiderlegbarkeit bewiesen, daß die Menschheit diesem neuen Paradies und keinem anderen Ziele zustrebe, zugleich aber hatte derselbe Karl Marx ihnen, den Russen, zwei riesige Hindernisse in den Weg gelegt.
Das eine dieser Hindernisse war Marxens historischer Materialismus. Er besagte, daß jedes Volk streng der Reihe nach Feudalepoche, Industrialisierung, liberal-bourgeoise Revolution und Proletarisierung zu absolvieren habe, ehe es an eine kommunistische Revolution denken könne.
Und das zweite Hindernis war Marxens wen auch nicht ausdrückliche, so doch dem Sinne nach gestellte Forderung, daß die proletarische Revolution eine Revolution der Mehrheit sein werde.
Die Situation der russischen Marxisten gegenüber der Lehre ihres Meisters war einfach irrsinnig. Hätten sie nämlich diese Lehren völlig ernst genommen, dann hätten sie sich im Jahre 1881, obwohl sie Sozialisten waren, in die Reihen des revolutionären russischen Bürgertums stellen müssen. Irrer noch: Sie hätten sich in die Reihen eines russischen revolutionären Bürgertums stellen müssen, das erst im Entstehen war und das sie, die Sozialisten, erst zum Zweck einer bourgeoisen Revolution hätten unterstützen müssen, um dann gegen dieses durch sie selbst etablierte Bourgeois-Regime endlich ihre eigene sozialistische Revolution zu machen - und das alles, um die - Menschheitsgeschichte auch auf russischem Boden so abzuspulen, wie Karl Marx es befohlen hatte.
Nichts ist so irrsinnig, als daß es nicht doch Geschichte machen könnte. Tatsächlich entwickelte sich neben Lenin im russischen Marxismus eine mächtige Richtung, die zumindest mit dem Gedanken spielte, die laut Marx noch ausstehende bourgeoise Revolution sozusagen unter sozialistisch-marxistischer Anleitung durchzuführen. Wera Sassulitsch und der Gründer der ersten russischen marxistischen Partei, Georgij Plechanow, neigten dieser Theorie zu. Und diese Doktrin ist dann auch 1917 jedenfalls andeutungsweise in der Praxis durchgespielt worden.
Als Nikolaus II. am 14. März 1917 abgedankt hatte, gehörte alle Macht in Petrograd den Sozialisten. Gleichwohl weigerten sie sich, diese Macht auch wirklich zu übernehmen. Sie etablierten vielmehr die bourgeoise Regierung des Fürsten Lwow und ließen sie zumindest so tun, als ob sie regiere. Selbst Lenin spielte dieses gespenstisch-komische Spiel eine Weile mit - obwohl er schon längst die Weichen des russischen Kommunismus in eine völlig andere Richtung gestellt hatte.
Karl Marx hatte dekretiert, daß die letzte Revolution eine Arbeiterrevolution sein werde. Das war eine für Rußland hoffnungslose Perspektive, denn es hatte keine Arbeiter oder doch nicht genug Arbeiter.
Indes, es gab im Rußland des 19. Jahrhunderts eine Gesellschaftsschicht, die so oder so entschlossen war, eine Revolution zu machen: die Intelligentsia, eine Klasse, die es in der Marxschen Lehre überhaupt nicht gibt. Sie setzte sich vornehmlich aus Aristokraten (auch Lenin entstammte dem Adel) zusammen. Später kamen Pastoren - und Beamtensöhne dazu und zum Schluß auch Bauern und - freilich ganz selten - Arbeiter. Das gemeinsame Merkmal dieser Intelligentsia war nicht - wie es laut Karl Marx hätte der Fall sein müssen - die Gleichheit der ökonomischen Umstände, unter denen sie entstand. Ihre Mitglieder waren zwar, jedenfalls anfänglich, durchweg sehr reich, aber es gab unter ihnen auch Menschen, die aus mittleren oder ärmlichen Verhältnissen stammten. Das gemeinsame Merkmal der Intelligentsia war vielmehr ihre Bildung, ihr Wissen und noch genauer: ihre Kenntnis westlicher Philosophie und Zivilisation.
Die revolutionäre Entschlossenheit dieser Klasse war unerschütterlich. Sie brauchte nur noch ein Programm - und dieses Programm hatte ihr Karl Marx gegeben. Auf jeden Fall hatte er ihr gezeigt, wohin die Geschichte der Revolutionen endlich zu gehen habe: nämlich zur Enteignung allen Besitzes, zur klassenlosen Gesellschaft.
Dieses Ziel war von Marx so eindeutig bezeichnet worden, daß für die Russen dagegen alles andere, was Marx sonst noch gelehrt hatte, im Grunde unwichtig schien. Daß nach Marxens Lehre Rußland erst in vielleicht hundert Jahren die kommunistische Revolution machen könne, was bedeutete das, wenn man nun endlich wußte, wohin überhaupt die Weltgeschichte zielte, wenn man nun "einen Plan" hatte? Die Faszination, die von der Tatsache ausging, daß es wirklich so etwas wie ein schnell erlernbares Schema der Weltgeschichte gab, muß ungeheuer gewesen sein. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts war jeder Intellektuelle in Rußland ein Revolutionär. (Ein Franzose sagte damals: "Wenn die russische Leiche einmal auftaut, wird sie furchtbar stinken.") Im Grunde aber wußten alle diese Revolutionäre nicht, auf welches Ziel hin sie revolutionieren sollten. Von Karl Marx an wußten sie es.
Was an der Lehre Marxens zu der vorgegebenen revolutionären Absicht der russischen Intelligentsia nicht paßte, mußte also umgedeutet und dergestalt umgebogen werden, daß es paßte. Dies getan zu haben, ist Lenins Verdienst als marxistischer Wissenschaftler. Wie hat er das gemacht?
Karl Marx hatte verkündet, daß der Prozeß der Industrialisierung, nachdem er einmal in Europa begonnen worden sei, die ganze Welt erfassen und überall auf der Erde ein Industrie-Proletariat hervorbringen werde.
Darüber hinaus hatte Marx auch noch prophezeit, was dieses Proletariat wo und wann es immer entstehe, mit wissenschaftlich errechenbarer Gewißheit tun
müsse, sobald es einmal die Mehrheit erlangt habe - nämlich aufstehen, eine Revolution machen und die klassenlose Gesellschaft schaffen.
Wie nun? Wenn mit absoluter Gewißheit feststand, daß es eines Tages in Rußland eine Arbeiter-Majorität geben würde, wenn überdies feststand, was diese Arbeiter-Majorität tun würde, sobald sie einmal entstanden wäre, warum - so begann man sich in Rußland zu fragen - sollte man dann eigentlich diesen langen Prozeß abwarten und nicht die ohnehin kommende proletarische Revolution sozusagen im Namen der Zukunft vorwegnehmen? Ersparte man nicht auf diese Weise den Russen einen blutigen Umweg zum Endziel der Menschheit, und konnte man nicht die Industrialisierung Rußlands, die nach Marxens Schema eigentlich vor der proletarischen Revolution. kommen mußte, nach gelungener Revolution nachholen - und zwar dann ohne alle die üblen Erscheinungen, welche die Industrialisierung Westeuropas unter der Ägide der Bourgeoisie begleiteten?
Dieser Gedanke einer sozusagen vorweggenommenen proletarischen Revolution in Rußland war absurd und faszinierend zugleich. Keiner der revolutionären Denker Rußlands hat gewagt, ihn deutlich zu formulieren, auch Lenin nicht, fast alle jedoch sind mit dem Gedanken umgegangen.
Bei Lenin ist die Idee der vorweggenommenen Revolution in fast allen Schriften spürbar - gleichsam als das unermüdliche Zugpferd, das den Karren seiner Spekulation über Wann, Wie und Wo der Revolution durch alle Sümpfe fatalistischer Niedergeschlagenheit und über alle Gebirge theoretischer Schwierigkeiten schleppte.
Lenin wollte die proletarische Revolution in Rußland erzwingen. Er machte große Anstrengungen, die Existenz eines russischen Proletariats statistisch nachzuweisen - mit fragwürdigem Resultat. Lenin gestand schließlich ein, daß in Rußland ohne die Bauern keine Revolution zu machen sei.
Trotzdem machte Lenin 1917 seine "proletarische" Revolution. Die Führer dieser Revolution aber waren Rußlands Intelligenzler. Sie, die Intelligenzler, waren dabei gleichsam die Anwälte der noch ungeborenen Arbeiterschaft Rußlands. Lenins Revolution von 1917 war eine "Intelligentsia"-Revolution im Namen des laut Marx einmal zur Macht kommenden russischen Proletariats.
Es gibt kein deutlicheres Indiz für dieses Konzept einer Revolution der Ungeborenen als die Tatsache, daß Lenin ausgerechnet - und Wie er ausdrücklich sagte - die "bürgerliche Intelligenz" zum Führer dieser Revolution bestellte. Nur sie, die bürgerliche Intelligenz, besaß überhaupt die wissenschaftlichen Mittel, um anhand des Marxschen Geschichts - Schemas vorauszuberechnen, welchen Verlauf der soziale Prozeß in Rußland einmal nehmen würde. Nur sie konnte vorwegnehmend handeln.
Lenins Revolution konnte nur eine Revolution "von oben" sein, ein historischer Akt einer kleinen wissenschaftlichen Elite und keineswegs die spontane Aufwallung breiter Massen:
Indes war eine Revolution von Intellektuellen im Grunde eine Unmöglichkeit. Es gibt keine Revolution ohne "Massen". Woher aber sollten diese "Massen" einer Intelligentsia-Revolution kommen? Nun, die Antwort konnte in Rußland nur lauten:
von den Bauern. Es gab in Rußland gar keine anderen Massen als die der Bauern. 1880 stellten sie 90 Prozent der russischen Gesamtbevölkerung und 1917 80 Prozent.
Wie aber sollten die Bauern dazu gebracht werden, sich an einer vorweggenommenen Arbeiter-Revolution zu beteiligen? Sie besaßen ja noch gar nicht das dazu nötige proletarische Klassenbewußtsein - schlimmer noch: Sie durften es laut marxistischerLehre gar nicht besitzen. Denn: Wie hatte Karl Marx in der philosophischen Grundformel seiner Lehre gesagt? Er hatte in lapidarer Kürze proklamiert, daß das "Sein" das "Bewußtsein" bestimme - konkret ausgedrückt: daß Menschen, deren ökonomische Situation durch die bäuerliche Produktionsweise charakterisiert sei, nichts anderes als Bauern seien und sich auf keinen Fall das Klassenbewußtsein einer Proletarierklasse aneignen könnten.
Eine bewußte Beteiligung der Bauern an einer "Arbeiter"-Revolution der Intelligentsia war also nicht möglich, ja, durfte nicht einmal möglich sein. Durch eine ausdrückliche Bauern-Revolution hätte Lenin den ganzen Marxschen Materialismus auf den Kopf gestellt, denn dann hätte er proklamieren müssen, daß das "Bewußtsein" das Sein bestimme, und nicht, wie Karl Marx meinte, das Sein das Bewußtsein.
Also, wie sollten die russischen Bauern dazu gebracht werden, sich an der vorweggenommenen Arbeiter-Revolution zu beteiligen? Es blieb als einzig denkbare Lösung, daß die Intelligentsia bewußt und planmäßig die Bauern über deren Rolle bei der beabsichtigten Revolution täuschte, daß - mit anderen Worten - die Intelligentsia die Bauern mit irreführenden Parolen in eine Revolution hineinsteuerte, deren wahre Ziele den Bauern unverständlich und unglaubwürdig erscheinen würden.
Genau nach diesem Schema hat Lenin dann 1917 seine Revolution in Rußland durchgeführt. Er versprach den Bauern das Land des russischen Adels (wofür er von Rosa Luxemburg bittere Vorwürfe erntete) - und zielte in Wirklichkeit auf die totale Enteignung der Bauern.
Lenins Revolution war und sollte dem Entwurf nach sein: eine Revolution "von oben". Das Vorhandensein einer Mehrheit von Unwissenden, einer Masse, die zu führen, zu belehren oder - wie Lenin es ausdrückte - zum rechten Klassenbewußtsein zu bringen war, gehörte als Voraussetzung dazu.
Lenins Idee einer Revolution von oben ist, gemessen an westeuropäischen Vorstellungen, geradezu absurd, für russische jedoch keineswegs. Die erste und einzige Revolution, die Rußland vor Lenin erlebte, war eine Revolution "von oben": die Peters des Großen. Noch bis in die Tage der Wera Sassulitsch und des jungen Lenin hinein rumorte in den Köpfen der russischen Revolutionäre die Hoffnung auf einen neuen Zaren Peter, einen zweiten revolutionären Zaren oder - wie sie es nannten - einen "Zar-Befreier", einen Despoten also, der wie Peter seine Untertanen zum Freisein kommandieren sollte.
Indes, die Ähnlichkeit zwischen Peters und Lenins Revolution reicht noch weiter. Peter verfuhr bei seiner Revolution nach Methoden, die man durchaus als "leninistisch" bezeichnen könnte. Er veränderte nämlich zunächst einmal das "Sein" seiner Untertanen im westlichen Sinne und hoffte, daß ihr "Bewußtsein" sich dann auch zwangsläufig in der gleichen Richtung verändern werde. Praktisch sah das unter anderem so aus, daß er ihnen die Bärte abschnitt, sie also äußerlich in "Westler" verwandelte und damit die Erwartung verknüpfte, daß sie - einmal in ihren Traditionen erschüttert - alle die Tugenden entwickeln würden, die er, Peter, auf zwei Europa-Reisen an den Deutschen, . Holländern und Engländern schätzen gelernt hatte: bürgerliche Initiative, wissenschaftlichen Forscherdrang, technische Tüchtigkeit.
Tatsächlich haben die Russen Peters Attacke auf ihre Bärte als eine geradezu ungeheuerliche Revolutionstat empfunden. Als Peter im Sommer 1698 - er war damals 26 Jahre alt - von seiner ersten Europa-Reise nach Rußland zurückkehrte, empfingen ihn seine Bojaren auf seinem Landsitz in Preobraschenskoje. Er richtete an sie eine kurze- Ansprache, zog dann eine Schere aus der Tasche und schnitt allen seinen Würdenträgern eigenhändig den Bart ab.
Nur zwei greise Bojaren und den ebenfalls schon alten Patriarchen von Moskau, Hadrian, verschonte er. Hadrian dankte ihm das aber keineswegs, er prophezeite vielmehr, daß die vom Zaren Verunstalteten, sofern sie sich nicht wieder einen Bart wachsen ließen, wegen ihrer "unzüchtigen Schnauze" nicht in den Himmel kommen, sondern beim Jüngsten Gericht für alle Ewigkeit verdammt werden würden.
Nicht viel besser als mit den Bojaren in Preobraschenskoje sprang Peter mit einer Festversammlung um, die am 1 September 1698 im Hause des Generalissimus Schein zusammengekommen war - nur daß diesmal die Rasur nicht vom Zaren persönlich, sondern von dessen Narren exekutiert wurde. Später allerdings konnten sich Peters Untertanen durch eine besondere Steuer von der Pflicht eines glatten Kinnes befreien lassen. Als Beweis dafür, daß sie die Steuer entrichtet hatten, mußten sie stets eine sogenannte Bartquittungsmünze bei sich tragen.
Andernfalls mußten sie mit der gleichen Strafe rechnen wie jene Russen, die sich gegen eine andere revolutionäre Anordnung des Zaren - nämlich die Einführung der deutschen Kleidung - wehrten: Die vor petrinischen Russen trugen kaftan-ähnliche Röcke mit langen Ärmeln und langen Schößen; Peter ordnete an, daß - bei Geld- und Prügelstrafe - jeder Russe sich fortan nach westlichem Muster zu kleiden habe. An den Stadttoren zogen Soldaten auf, die jedem Bauern, sofern er im gewohnten Kaftan erschien, Ärmel und Schöße abschnitten und ihn obendrein verprügelten.
Wie tief Peters Revolution- von oben die russische Volksseele aufrührte, geht schon daraus hervor, daß Tausende von Russen sich seinen modernistisch-westlichen Reformen auf teilweise geradezu grausige Art zu entziehen versuchten. Dorfgemeinschaften verließen ihren Wohnsitz und flüchteten in die Wälder, wo sie neue Siedlungen gründeten. Wenn die Soldaten des Zaren eine solche Siedlung aufstöberten, kam es vor, daß sich die ganze Gemeinde in das Feuer eines Holzstoßes stürzte. Bereits 1691 zählte man rund 20 000 sogenannte Selbstverbrenner.
Selbstverständlich hatte dieser schauerliche Protest gegen Peters Reformen neben rein gefühlsmäßigen auch noch theologische und materielle Gründe. Die Selbstverbrenner wollten sich den harten Steuereintreibern und Soldatenwerbern Peters entziehen. Überdies sahen sie in Peter wegen gewisser kirchlicher Neuerungen den leibhaftigen Antichrist und hielten die Gesichtszuckungen, unter denen Peter seit seiner Jugend litt, für ein Zeichen seines Paktes mit dem Teufel.
Vollends erklärbar aber ist die monströse Art des Protestes durch Massenselbstmord doch nur, wenn man annimmt, daß die Russen jener Zeit eine instinktive Abneigung gegen Berührungen mit dem Ausland, vor allem gegen den Einbruch des Westens in ihre Abgeschlossenheit hatten. Wenn Nikita Chruschtschow heute gegen den Plan einer internationalen Abrüstungs-Kontrolle polemisiert, indem er erklärt, es sei unschicklich, anderen Leuten ins Schlafzimmer zu gucken - dann spricht er damit offenkundig jene urtümlich-russische Grundhaltung an.
Peter selbst war übrigens keineswegs von dieser Fremdenscheu frei. Auf seiner ersten Europa-Reise im Jahre 1697 besuchte er, nachdem er zunächst die Eisenwerke von Ilsenburg besichtigt hatte, eine der geistvollsten Frauen Europas in jener Zeit, die hannoversche Kurfürstin Sophie, die Gönnerin des Philosophen Leibniz. Als Peter den Saal betrat, in dem die Fürstin seiner harrte, bedeckte er sein hocherrötendes Gesicht mit beiden Händen und weigerte sich lange Zeit, sie herunterzunehmen. Erst nach gutem Zureden erklärte er sich hierzu imstande, zeigte dann aber - wie Sophie bemerkte - "eine große Lebhaftigkeit des Geistes".
"Wenn er", schrieb Sophie, "eine bessere Erziehung genossen hätte, wäre er ein vollendeter Mann." Nun, genau das war Peters Plan, bezogen auf das russische Volk. Er wollte "erziehen". Das war das Programm seiner Revolution von oben, und tatsächlich hat er dieses Programm in einer titanischen Anstrengung auch weitgehend verwirklicht. Er verpaßte den Russen nicht nur deutsche Röcke, sondern zwang ihnen auch westeuropäische Handelseinrichtungen, italienische Architektur, holländischen Schiffbau, schwedische Militärtechnik, französisches und deutsches Bildungswesen auf. Kurz, er "stieß Rußlands Fenster nach dem Westen auf". Er machte Rußland zur Großmacht.
Jedoch blieb dabei der Unterschied zwischen seiner Revolution von oben und westlichen Revolutionen nach wie vor erkennbar. Am deutlichsten kam er in Verfassungsfragen zum Ausdruck. Im Jahre 1699 versuchte Peter, westeuropäische Formen der kommunalen Selbstverwaltung in Rußland einzuführen. Anstelle der Wojewoden (Gouverneure) sollten Bürgermeister, die von der Bürgerschaft zu wählen waren, die Städte verwalten.
In Westeuropa war die kommunale Selbstverwaltung, pauschal gesehen, das Ergebnis eines Aufstands der nach Selbständigkeit drängenden Bürger gegen Adel und Landesfürstentum. In Rußland hingegen wurde diese Selbständigkeit vom Zaren diktiert - und von den Städten abgelehnt. Einige Kommunen erklärten, sie wüßten nicht, wen sie wählen sollten. In anderen fand sich niemand, der das Amt übernehmen wollte. Der Posten war freilich auch heikel genug, denn offenbar verband Peter mit seiner Kommunalreform auch die Erwartung, daß er aus einem Bürgermeister mehr Steuern herauspressen könne als aus einem von ihm selbst ernannten Beamten.
Alexander Puschkin, Rußlands wohl größter Dichter, hat die für westliche Begriffe geradezu paradoxe Figur Peters des Großen in einem Satz umrissen. Peter, schrieb er, sei Robespierre und Napoleon in einer Person, also Revolutionär und Diktator zugleich gewesen.
Peters Revolution war nicht in allen Punkten erfolgreich gewesen. Auf jeden Fall jedoch hinterließ sie ein Erbe, das über zwei Jahrhunderte lang für Rußlands Geschichte von großer Bedeutung bleiben sollte: den Plan einer Revolutionierung Rußlands im westlichen Sinne, aber mit russischen Methoden, nämlich als Revolutionierung "von oben". Rußlands revolutionäre Geschichte begann mit Peter und endete mit Lenin - in beiden Fällen aber war es eine Revolution "von oben".
Rußlands revolutionärer Weg von Peter zu Lenin ist gekennzeichnet durch eine Flut revolutionärer Literatur. Einer der jüngeren Historiker Rußlands hat geschrieben, daß die Geschichte der russischen Revolution im 19. Jahrhundert "Geistesgeschichte" gewesen sei. Trotzdem wurde der Prozeß der Revolutionierung Rußlands durch Kriege vorangetrieben, und vier Kriege kennzeichnen seine Stationen. Der erste war der napoleonische Krieg von 1812 bis 1814, den man in Deutschland den Freiheitskrieg nennt, der zweite der Krimkrieg (1853 bis 1856), der dritte der Russisch-Japanische Krieg von 1904/05 und der vierte und letzte der Erste Weltkrieg.
Am 15. April 1814 marschierten auf der Place de la Concorde zu Paris deutsche, österreichische und russische Truppen auf. Die Besieger Napoleons I. dankten Gott. Sechs Priester zelebrierten das Tedeum. Sie waren Russen, Popen der orthodoxen Kirche des russischen Reiches.
Deutlicher konnte nicht bekundet werden, daß letztlich Rußland den Westen von seinem Tyrannen befreit hatte. Es war ein triumphaler Höhepunkt der russischen Geschichte, zugleich aber auch ein Höhepunkt ideologischer Paradoxie: Rußland, das Land der zaristischen Knute, als Fahnenträger der Freiheit! Frankreich, das Geburtsland der Parole "Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit!", moralisch und militärisch vernichtet, angeklagt und überführt der Despotie, unter dem Stiefel des moskowitischen Selbstherrschers!
Rußland war der militärische Sieger, aber war es auch der geistige Sieger?
Zar Alexander I., der Überwinder Napoleons, sagte kurz vor seinem Tode im Jahre 1825: "Was immer man von mir sagen wird, ich habe gelebt und werde sterben als Republikaner." Der russische Autokrat, der Schöpfer jener Heiligen Allianz, die nach dem Freiheitskrieg mit Hilfe eines kontinentalen Polizeiregimes alle Funken revolutionärer Gesinnung in Europa zu ersticken trachtete - ausgerechnet er wollte Revolutionär gewesen sein? Und doch braucht man keineswegs der Äußerung des verschwommen denkenden Zaren jede Aufrichtigkeit abzusprechen. Die Idee eines revolutionären Monarchen war seit Peter in Rußland lebendig und blieb es bis zu Lenin. Selbst in Deutschland sollte sie eine Zeitlang umherspuken: Lassalle, der Führer des Deutschen Arbeitervereins, einer Urzelle der heutigen SPD, spielte zeitweilig mit der Absicht, den König von Preußen zu bewegen, er möge sich an die Spitze einer deutschen revolutionären Arbeiterbewegung stellen.
Das heimliche Republikanertum des Zaren war in Rußland keine Einzelerscheinung. Im Gegenteil: Die Begegnung mit dem Westen während des Feldzugs 1813/14 hatte in den Herzen zumal der russischen Offiziere tiefe Spuren hinterlassen. Sie waren in Dresden, Weimar und Berlin mit aufwieglerischen Geistern zusammengekommen und hatten in Paris die verführerische Eleganz des Westens, die Liberalität seiner Lebensformen und Gedanken kennengelernt. In Berlin waren sie Mitgliedern des preußischen "Tugendbundes" begegnet, der zwar gegen die napoleonische Besatzung agitiert hatte, zugleich aber auch eine freiheitliche Reform der deutschen Zustände anstrebte.
Unmittelbar nachdem Alexanders Truppen aus dem Westen in die russische Heimat zurückgekehrt waren, begannen junge Offiziere und Literaten revolutionäre Zirkel zu bilden. Sie nannten sich nach dem Muster des preußischen Tugendbundes "Bund der Erlösung" oder "Bund der wahren und treuen Söhne des Vaterlandes" und ähnlich. Elf Jahre nach der Heimkehr der russischen Armee aus Paris machten diese vom Westen infizierten aristokratischen Intelligenzler ihre erste Revolution - mit westlerischen Ideen, aber nach russischem Muster, nämlich als Revolution von oben, was auf dem Höhepunkt ihrer Aktion zu einer tragikomischen Verwicklung führen sollte.
In den zwanziger Jahren hatten sich die aktivsten Revolutionäre in zwei Organisationen zusammengefunden, die sich die Nördliche und die Südliche Gesellschaft nannten. Die eine hatte ihren Mittelpunkt in Petersburg, die andere in der Ukraine. Die Mitglieder waren entweder Angehörige der russischen Hocharistokratie oder Literaten. Der radikalste Ideologe unter ihnen war ein Russe deutscher Abstammung namens Paul PesteL. In Petersburg gehörte der Dichter Kondratij Rylejew zu den geistigen Führern.
Im Dezember 1825 bot sich den Revolutionären plötzlich ein günstiger Anlaß zum Losschlagen. Zar Alexander war unerwartet gestorben, und es gab in der Öffentlichkeit Unklarheiten über die Thronfolge.
Alexander hatte seinen jüngeren Bruder Nikolaus zu seinem Nachfolger bestimmt, nachdem der an sich thronberechtigte Bruder Konstantin auf die Nachfolge verzichtet hatte. Aus irgendeinem Grunde war diese Regelung nicht bekanntgegeben und die Petersburger Garnison irrtümlich auf Konstantin vereidigt worden.
Als nun die Garnison ein zweites Mal, und zwar diesmal auf Nikolaus, vereidigt werden sollte, machten sich die Mitglieder der Nördlichen Gesellschaft an die Soldaten heran. Die Offiziere, die der Verschwörung angehörten, appellierten an das religiöse Gewissen, das einen zweiten Eid verbiete, und forderten die Soldaten auf, dem wahren Zaren" Konstantin die Treue zu halten:
Einige Regimenter lehnten den neuen Eid ab.
Dabei war den Intelligenzler-Revolutionären in Wirklichkeit höchst gleichgültig, ob der neue Zar nun Konstantin oder Nikolaus hieß. Ihr wahres Programm lautete vielmehr, der neue Monarch, ob nun dieser oder der andere, solle Rußland eine "Konstitution", also eine demokratische Verfassung, geben.
Die einzige Verbindung zwischen diesem Programm der intellektuellen Revolutionäre und den Parolen, mit denen sie die Soldaten zum Aufruhr brachten, war die zufällige Namensähnlichkeit von "Konstantin" und "Konstitution", eine Tatsache, die sich als von nicht geringer Bedeutung erwies.
Die meuternden Regimenter marschierten am 26. Dezember 1825 auf dem Senatsplatz nahe der Newa auf und bildeten am Denkmal Peters des Großen ein Karree. Nikolaus hingegen postierte vor der in Bau befindlichen Isaak-Kathedrale einige Batterien und ließ die Meuterer von treuen Truppen umstellen. In Verhandlungen, die sich über Stunden bis zum späten Nachmittag hinzogen, versuchte er, die Revolutionäre zum Niederlegen der Waffen zu bewegen; das Karree antwortete jedoch auf alles Zureden mit Gewehrschüssen und mit einem Gebrüll, bei dem sich die Rufe "Konstantin" und "Konstitution" bis zur Ununterscheidbarkeit miteinander vermengten. Auf jeden Fall, ob "Konstantin" oder "Konstitution", die Meuterer waren sich zumindest in einem Punkte einig: Sie waren gegen den Zaren.
Die Dunkelheit begann bereits hereinzubrechen, als Nikolaus endlich den Batterien an der Kathedrale den Befehl zum Feuern gab. Innerhalb weniger Minuten verwandelte sich das Karree in einen Haufen blutiger Leiber. 250 Tote bedeckten den Platz, als die Kanonen verstummten.
Der erste, wenn auch plump und dilettantisch angelegte Versuch einer Intelligentsia-Revolution mit Hilfe einer Masse von Unwissenden war gescheitert. Fünf der "Dekabristen" - so genannt nach dem Datum ihres Aufstands (Dezember heißt auf russisch dekabr) wurden gehenkt, der Rest wurde nach Sibirien verbannt.
Folgenreicher indes war, daß der Plan einer Revolution von oben, ausgeführt durch die Intelligentsia, sich als undurchführbar erwiesen hatte. Die Masse der russischen Bauern ließ sich nicht durch Schwindelmanöver in eine Revolution verwickeln. Die russische Intelligentsia mußte nach anderen Möglichkeiten für eine Revolution Ausschau halten.
Es sollte länger als ein halbes Jahrhundert dauern, bis sie die Lösung gefunden hatte. Lenin war es, der sie lieferte.
Nächste Woche:
Die russischen Vorläufer Lenins: die revolutionären Romanciers, Alexander Herzen, der Anarchist Bakunin, die nihilistischen Attentäter
* "Marx contra Rußland, Berichte von Karl Marx als europäischer Korrespondent der New York Daily Tribune". Seewald Verlag, Stuttgart; 156 Seiten; 9,80 Mark.
Eine Macht, die Europa unterjochen will (englische Karikatur, 1878)
Russische Bauern (1900): Urkommunisten?
Revolutionärin Wera Sassulitsch
Ultimatum an Karl Marx
Hochzeit eines russischen Gutsbesitzers: Unbewußte Revolution?
Bartreform (1700): Eine Revolution ...
...von oben: Peter der Große
SPD-Vorläufer Lassalle (1848)
Königlich-preußischer Sozialismus
Alexander I., Friedrich Wilhelm III. (1. u. 2. v. l.) in Paris 1814: Kaiserlich-russische Republik
Revolutions-Dichter Rylejew (1825)
Wenn die russische Leiche auftaut ...
... stinkt sie furchtbar: Revolutions-Besieger Nikolaus I.
Dekabristen in sibirischer Verbannung (um 1830): Anwälte des ungeborenen Proletariats

DER SPIEGEL 12/1961
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