15.03.1961

ZWEITES PROGRAMMIn der Klemme

Besucher der "Freies Fernsehen GmbH" in Frankfurt müssen seit kurzem auf vorgedruckten Kontrollzetteln vermerken lassen, über welches Thema sie mit wem zu plaudern wünschen.. Der Zeitpunkt des Eintritts in die Direktions-Etage wird ebenso exakt vermerkt wie die Minute des Abgangs.
Mit diesem Kontrollsystem sollen undichte Stellen verstopft werden, durch die unliebsame Nachrichten in die Öffentlichkeit sickern könnten. Denn seit der Verkündung des Karlsruher Fernseh-Urteils (SPIEGEL 11/1961) befindet sich die Gesellschaft in einer mißlichen Situation. Die Frankfurter Vorbereiter des Kanzler-Programms haben 120 Millionen Mark investiert und verfügen nun über eine reichhaltige Programmreserve, mit der sich vorerst nichts anfangen läßt.
Gestützt auf den Bonner Auftrag, schleunigst ein zweites Fernsehprogramm zu erstellen, haben die Manager des Freien Fernsehens mit beachtlichem Eifer einen Sende-Vorrat von rund 450 Programmstunden zusammengerafft. Auf die Frage, was denn mit diesen Bildschirmschätzen nun geschehen solle, pflegen die Frankfurter Fernsehleute trutzig zu antworten: "Wir veranstalten keine Auktion, sondern halten das Material zusammen."
Inwieweit sich überhaupt verkaufen ließe, was das Freie Fernsehen unter der Devise "Wir möchten gerngesehener Gast in unseren Familien sein" (Chefredakteur Dr. Konrad Kraemer) produziert hat, ist eine in der Unterhaltungsbranche fleißig diskutierte Frage. Der Intendant des Norddeutschen Rundfunks, Dr. Hilpert, verlautbarte: "Nicht alles wird schlecht sein." Und der den Konservenfabrikanten durchaus wohlgesonnene Programmbeirat der (nunmehr verbotenen) Adenauer-Fernseh GmbH hatte bei einer Inventur der Frankfurter Vorratslager schon vor einiger Zeit erkennen müssen, daß zumal die Unterhaltungssendungen durchaus nicht alle gut geraten waren.
Offenbar fasziniert von der Zählebigkeit der Schölermann und Hesselbach -Familienserien sowie der Millowitsch -Scherze des Ersten Programms, hatten die Planer des Freien Fernsehens gleich dutzendweise ähnlich betuliche Bilderwerke zubereitet. So ließen sie sich von Artur Brauners Berliner TV-Union dreizehn halbstündige Ehepossen ("Meine Frau Susanne") fertigen, in denen Filmschaffende wie Claus Biederstaedt und Heidelinde Weiß der ehelichen Liebe Lust und Leid durchleben. Sie polierten Volksstücke wie "Krach im Hinterhaus", "Mein Leopold", "Kater Lampe" oder "Hunderttausend Taler" auf und weckten auch Familienschwänke von Ludwig Thoma, Anzengruber und Rosegger ein.
Ebenso bemüht waren die Produzenten des Freien Fernsehens, andere Säulen des Ersten Programms nachzugestalten. Für das im Dutzend aufgelegte Kulenkampff-Pendant "In der Klemme" heuerten sie den englischen Fernseh-Quizmaster John P. Wynn an, sie modellierten einen Anti-Grzimek
("Aus den Zoologischen Gärten") und entwarfen ein Gegenstück zu Werner Höfers Frühschoppen-Plaudereien.
Und was den Rundfunkanstalten der Astronom Dr. Kühn und der Professor Khuon bedeuten, sollten der Archäologe Boehringer mit seiner Sendereihe
"Auf Alexanders Spuren" und der schriftstellernde Mediziner Dr. Deich mit der Serie "Hier spricht der Hausarzt" für das Zweite Programm werden. In einer TV-Serie sollte sich auch der Darsteller Curd Jürgens präsentieren.
Um den Fernsehzuschauern darüber hinaus Unterhaltungsstoff zu bieten, dessen sie bislang weitgehend entraten mußten, hatte die Geschäftsführung des Freien Fernsehens den Varieté-Veteranen Dr. Helmut Schreiber ("Kalanag") engagiert und ihm freie Hand gelassen, all die verstaubten Revue-Scherze
("Kalanag und der Indische Seiltrick", "Kalanag-Cocktail", "Konfusion um Kalanag") zu beleben, mit denen er 14 Jahre lang durch die Lande gereist war. Indes, diese bereits als "Schlager des Zweiten Programms" angekündigte Scherz-Serie (13 Sendungen) mißfiel dem Bonner Programmbeirat so sehr, daß heute unklar ist, ob des Zauberkünstlers vertragliche Bindungen an die "Freies Fernsehen GmbH" bestehenbleiben werden.
Auch von 15 konservierten Fernsehspielen mochten sich die Frankfurter Programmplaner mehr versprochen haben. Als sie das Drama "Der Tag vor der Hochzeit" des amerikanischen Stückeschreibers Anthony Spinner (Chefdramaturg Dr. Eckert: "Absolute Spitzengruppe") einem Kreis von Fachkritikern vorführten, waren sich die Rezensenten einig im Verriß. "Die sendefertige Fassung des Spiels", urteilte "Die Welt", "ist 81 Minuten lang. Mindestens 71 Minuten zu lang." Und die Frankfurter "Abendpost" schrieb: "Noch kein Kraut gegen Langeweile. Bis jetzt haben die 'Freien' jedenfalls weder bessere Stücke noch bessere Stars."
Lediglich die gleichfalls servierte Probe aus der eingemachten Serie "Das Gericht zieht sich zur Beratung zurück" und die von der Bertelsmann-Fernsehproduktion gekurbelte Liebesgeschichte des Stefan Andres ("Die Hochzeit der Feinde") errangen Achtungserfolge.
Den Zuschauern des Zweiten Programms sollte freilich nicht nur Kurzweil und Belehrung, sondern zudem perfekte Aktualität geboten werden. Schon vor Monaten hatten die Frankfurter Planer eine Tochtergesellschaft gegründet, der es oblag, als Gegenstück zur "Tagesschau" des Ersten Programms eine umfassende "Weltschau" zu präsentieren.
So übten sich seit Dezember vergangenen Jahres Dutzende von Kameraleuten und Fernsehreportern unter der Anleitung des Wochenschaumannes Gerhard Reiche in der Jagd nach Aktualitäten. Fernsehsprecher Dr. Wingenroth: "Manches kann man sicher für spätere Feature-Sendungen verwerten."
Zwar lassen es die Programm-Strategen des Freien Fernsehens nicht an Bekundungen fehlen, daß die Gelder nutzbringend verwandt worden seien (Wingenroth: "Alles, was bisher ausgegeben worden ist, hat einen echten Gegenwert"), doch wurden mittlerweile in der Branche auch andere Rechnungen aufgemacht. ""Trotz einer Investitionssumme von mehr als hundert Millionen Mark", wußte die "Frankfurter Rundschau" zu berichten, "wird der Verkaufswert der bisher produzierten 'Fernsehkonserven' von Fachleuten nur auf vier Millionen Mark geschätzt."
Freundlicher beurteilte der Chef der Unterhaltungsabteilung des Norddeutschen Rundfunks, Henri Regnier, das Werk der Frankfurter Fernsehleute:
"Ich bin fest davon überzeugt, daß sie eine ganze Menge gute Sachen gemacht haben. Das sind doch keine Idioten."
Konservierte Kalanag-Schau: Weder bessere Stücke ...
... noch bessere Stars: Konservierte Jürgens-Schau*
* Links: Hildegard Knef.

DER SPIEGEL 12/1961
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