12.04.1961

SOWJET-UNION / PASTERNAKFrau Olgas Geschäfte

Durch die westliche Welt reisen zur Zeit sowjetische Kulturfunktionäre mit einem besonderen Auftrag ihrer Partei. Die roten Intellektuellen, unter ihnen sowohl der Schriftsteller Ilja Ehrenburg wie der Chruschtschow-Schwiegersohn und "Iswestija"-Chefredakteur Alexej Adschubej, sollen den Sowjetstaat von den propagandistischen Nachwirkungen einer Affäre befreien, in die der tote "Dr. Schiwago"-Dichter Boris Pasternak und seine engste Gefährtin, Olga Iwinskaja, verstrickt sind.
Westliche Gegner der Sowjet-Union glauben nämlich einen neuen Beweis für die Verderbnis des sowjetischen Polizeistaats gefunden zu haben, seit ein Moskauer Gericht die Pasternak-Freundin und Übersetzerin Olga Iwinskaja wegen Devisenvergehens zu acht Jahren Arbeitslager verurteilt hat.
In der Tat konnte es scheinen, als habe sich der Sowjetstaat aus Rache für die parteifremden Werke des Nobelpreisträgers Pasternak einer Frau bemächtigt die schon unter Stalin in sechsjähriger Haft nicht zu belastenden Aussagen gegen den Dichter-Freund hatte gepreßt werden können. Es fehlte denn auch nicht an westlichen Stimmen, die den Urteilskommentar des italienischen Pasternak-Verlegers Feltrinelli rechtfertigten: "Ein gefundenes Fressen für Kalte Krieger."
Lamentierte Englands konservativer "Daily Telegraph": "Die Sowjets bevorzugen Devisenvergehen als Vorwände für das Einschreiten gegen politisch Unerwünschte." Selbst die vorsichtige Londoner "Times" schrieb zu den "unwahrscheinlichen Anklagen aus Moskau", es sei der Sowjetjustiz weniger um Gerechtigkeit als um "Bestrafung und Warnung" gegangen.
Gegen die wiederauflebende Pasternak-Kampagne im Westen aber wollen sich nun sowjetische Intellektuelle stemmen und westlichen Auditorien das Argument einhämmern, Olga Iwinskaja wäre auch in jeder westlichen Demokratie verurteilt worden Chruschtschow-Schwiegersohn Adschubej bezweifelt freilich, ob ihm und seinen Kollegen die Aufklärung gelingen wird.
"Ich habe dieser Tage", erinnert sich Alexej Adschubej nicht ohne Ärger, "einem englischen Redakteur Photos der halbierten Lire-Noten angeboten, die der Iwinskaja als Erkennungszeichen dienen sollten - aber er hat sie nicht akzeptiert."
Dabei sprechen alle Indizien dafür, daß die halbierten Lire-Noten nachgerade der Schlüssel zur Iwinskaja-Affäre sind; sie machen jedenfalls verständlich, warum die Gefährtin Pasternaks wegen Verstoßes gegen die harten Devisengesetze des Sowjetimperiums Verurteilt wurde.
Schon bald nach der Verhaftung Olga Iwinskajas im Sommer vergangenen Jahres waren die sowjetischen Staatsanwälte auf einen im Westen kaum bekannten Mann gestoßen, der sich das Erkennungszeichen der halbierten Lire-Noten ausgedacht und sich als Mittler zwischen Pasternak und dessen Mailänder Verleger Feltrinelli betätigt hatte: Sergio D'Angelo, 38 Jahre alt, einst Direktor der parteieigenen Buchhandlung der italienischen Kommunisten in Rom.
Kulturbeflissene Sowjetmenschen kennen D'Angelo noch aus den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals arbeitete er, zu jener Zeit noch Mitglied der Partei, in einem Moskauer Staatsverlag als Italien-Experte und jagte für den Parteifreund Feltrinelli nach Neuerscheinungen. Dabei stieß er auch auf Pasternaks Manuskript "Dr. Schiwago", das er im Juni 1956 dem Verleger in Westberlin aushändigte.
Als der in Geldaffären naive Dichter später darüber nachsann, wie er sich seine im westlichen Ausland deponierten Millionenerträge aus dem Bestseller "Dr. Schiwago" nutzbar machen könne, um sich von drückenden Geldsorgen zu befreien, da erbot sich der flinke Mittler D'Angelo als Helfer in der Not.
Der ehemalige Buchhändler machte sich nicht nur anheischig, die Rubel durch alle Kontrollen zu schleusen, mit denen die Sowjet - Union ihre Währung vor dem Ausland abschirmt. Er imponierte dem Dichter vielmehr auch mit seiner Ankündigung, in kurzer Frist Dollars gegen die im Ausland nur schwer zu beschaffenden Rubel einzutauschen.
Am 10. März 1960 überbrachte D'Angelo dein ebenfalls der KP entronnenen Verleger Feltrinelli eine am 6. Dezember 1959 unterzeichnete Anweisung Pasternaks, ihm einen Scheck über 100 000 Dollar auszuschreiben. Aber erst Anfang August 1960 überreichten italienische Touristen in Moskau der Ivinskaja 5000 Hundert-Rubel-Scheine.
Daß zwischen Anweisung und Auszahlung derart viel Zeit - Adressat Boris Pasternak war längst gestorben - verstrich, lag nicht allein an den Schwierigkeiten der finanziellen Transaktion. Als ein retardierendes Moment von ungleich größerer Bedeutung erwies sich vielmehr die Ankündigung Nikita Chruschtschows im Mai 1960, daß eine Währungsreform bevorstehe.
Nach den Erfahrungen bei den vorangegangenen Umtauschaktionen mußte jeder Sowjetbürger befürchten, beim Einwechseln von zehn alten Rubelscheinen gegen einen neuen über die Herkunft unziemlich hoch erscheinender Beträge Auskunft geben zu müssen.
Dem agilen Zwischenträger D'Angelo indes schien es keineswegs opportun, mit der Tauschaktion zu warten oder sie bis zur Ausgabe neuer Rubel auszusetzen. Denn sein Umtauschangebot an Pasternak versprach jetzt goldene Früchte: Die Sowjetmenschen brannten darauf, ihre überzähligen Rubel loszuwerden.
Für die günstigen Offerten an Feltrinelli - Dollars zeigten- vornehmlich Sowjetdiplomaten in Rom Interesse, die schon früher gelegentlich der Knappheit ihrer persönlichen Devisenbestände dadurch aufgeholfen hatten, daß sie heimatlich Rubel gegen ausländische Währungen tauschten. Der inoffizielle Umtausch von billigen Altrubeln gegen die Dollars des D'Angelo war für beide Seiten ein lukratives Geschäft.
Nur Olga Iwinskaja vermochte mit den 500 000 Rubel nichts anzufangen, die ihr D'Angelo beschafft hatte. Angesichts der drohenden Währungsreform mußte die Pasternak-Freundin Fragen nach der Rubel-Quelle fürchten.
Diese 500 000 Rubel waren nicht die ersten Beträge aus den Erlösen des "Dr. Schiwago", die in Moskau übergeben wurden. Schon Monate vorher hatten einige Tausend Scheine, diesmal in ein Exemplar der "Prawda" eingewickelt, ihren Besitzer gewechselt. Damals hatte D'Angelo seinen Kollegen Paladini eingespannt, der sich im Gefolge des italienischen Staatschefs Gronchi Anfang 1960 in der sowjetischen Hauptstadt aufhielt.
Solche Geschäfte aus Berechnung und Weltfremdheit veranlaßten schließlich die Moskauer Richter, Olga Iwinskaja wegen Devisenvergehens zur Rechenschaft zu ziehen.
Der Moskauer Korrespondent der "Welt", Heinz Schewe, gibt freilich zu bedenken, die Iwinskaja habe keineswegs aus Geldgier gehandelt: "Verdattert nahm sie das Geld an... Frau Olga wurde in eine Situation gezerrt, der sie nicht gewachsen war."
Schon vorher seien, urteilt Schewe, "gelegentlich... kleinere Summen zwischen zehn- und dreißigtausend Rubel... abgeführt worden. Ein Freund des Dichters leistete dabei Hilfestellung". Schewe, selbst ein Freund des Hauses Pasternak, muß es wissen.
Gleichwohl schlossen Sowjetrußlands Richter die Öffentlichkeit vom Prozeß aus, weil sie einer neuen Pasternak-Kampagne im Westen vorbeugen wollten. Denn die Untersuchung hatte erwiesen, daß der nach dem Gesetz schuldige Urheber der Rubeltransaktion Boris Pasternak selbst war. Doch diese Beschuldigung hätte man im Westen sowjetischen Anklägern nicht abgenommen.
So geartete Vorsicht wird jedoch kaum verhindern können, daß sich ein neuer Pasternak-Skandal entspinnt, diesmal fern von Moskau: Zwischenträger D'Angelo droht seinem einstigen Auftraggeber, dem "Dr.-Schiwago"-Verleger Feltrinelli, mit peinlichen Enthüllungen, für den Fall, daß er ihn nicht an den Erträgen des Bestsellers beteiligt.
Prophezeit Exfunktionär D'Angelo seinen Besuchern: "Feltrinelli besitzt Briefe Pasternaks, die dessen Verfolgung in der Sowjet-Union dokumentieren. Feltrinelli will sich mit der KP versöhnen. Falls die Partei ihm verzeiht, will er die Briefe des Dichters verschwinden lassen."
Altrubel-Empfängerin Iwinskaja, Pasternak, Freund*: In Geldaffären naiv
* "Welt"-Korrespondent Heinz Schewe.

DER SPIEGEL 16/1961
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