03.05.1961

FRANKREICH / MILITÄRPUTSCHDie große Stumme

Pünktlich um 20 Uhr rollten die Fernsehkameras auf den bleichgesichtigen Mann zu, der sich in den Uniformrock eines Brigadegenerals gezwängt hatte, um auf Millionen Mattscheiben als die Inkarnation des gedemütigten und verratenen Frankreich zu erscheinen. Charles de Gaulle sprach zur Nation, anklagend, beschwörend, fast bittend.
"Die Staatsgewalt wird verhöhnt, die Nation mißachtet, unsere Macht geschmälert", klagte der Staatschef. "Und durch wen? Leider, leider, leider durch Männer, deren Pflicht, Ehre und Daseinsgrund es hätte sein sollen, zu dienen und zu gehorchen."
Millionen französischer Bürger hörten, was sie kaum begreifen konnten - was nicht einmal der Staatschef bis 2.15 Uhr des 22. April 1961 geglaubt hatte, bis zu jener nächtlichen Stunde, da Premierminister Michel Debré seinen Chef mit der Nachricht weckte, die Algerien-Armee - 500 000 Mann stark und Herzstück französischer Wehrhaftigkeit - habe sich von Paris losgesagt und sei dabei, Schlag um Schlag in Algerien eine Position nach der anderen zu besetzen.
In dieser Stunde mußte de Gaulle eine langgehegte Illusion aufgeben und das Elend Frankreichs in seiner ganzen Bitternis erkennen: Seine Armee putschte, brach alle Tradition von Disziplin und Treue, stellte sich gegen den Mann, der sich für die Verkörperung Frankreichs hält.
Mehr noch: Nicht nur Algerien schien in der Hand fanatisierter Militärs, jeden Augenblick konnten aus Frankreichs Himmel putschende Fallschirmjäger herabschneien, die entschlossen waren, das Mutterland dem grausigen Spektakulum eines Kampfes von Franzosen gegen Franzosen auszuliefern.
Die Fernseher indes, denen de Gaulles Schrei "Französinnen, Franzosen, helft mir!" entgegenscholl, vermochte selbst das Gespenst eines Bürgerkrieges nicht aufzuschrecken. Bürgerkrieg im Frankreich des Jahres 1961 - die Vorstellung konnte sich zunächst in den Bürgergehirnen nicht festsetzen.
Denn die Putschisten schienen sich für ihre Aktion einen außerordentlich günstigen Zeitpunkt erwählt zu haben: das französische Wochenende. Während sich der Schandfleck des militärischen Aufruhrs über die algerische Landkarte ausbreitete, flanierten die flirtenden, frühlingstrunkenen Pariser über, die Champs-Elysées, nur wenig be- und gerührt von den Sorgen eines alten, einsamen Mannes im Präsidentenpalais.
Von den Lobrednern des gaullistischen Regimes ohnehin zu dem Glauben bekehrt, der General werde schon alles regeln, horchten die meisten Franzosen nicht einmal auf, als an jenem Sonntag um 23.45 Uhr das nervös zuckende Schlaumeier-Gesicht Michel Debrés auf den Bildschirmen auftauchte.
Sein Vortrag war eher dazu angetan, dem angekündigten Drama ein skurriles Vorspiel zu liefern, schlug der Premier doch allen Ernstes vor, jeder Franzose solle die Putschisten im Falle ihrer stündlich zu erwartenden Landung durch ein gutes Wort in letzter Minute zur Umkehr bewegen.
Deklamierte Debré: "Es besteht Grund zu der Annahme, daß in Kürze eine Überraschungsaktion im französischen Mutterland unternommen wird, besonders im Raum Paris. Sobald die Sirene ertönt, begebt euch alle, zu Fuß oder im Auto, zu den irregeleiteten Soldaten und belehrt sie über ihren schweren Fehler. Jeder muß sich jetzt als Teil der Nation fühlen."
Dem aufrüttelnden Appell des Premiers antwortete jedoch nur das Schnarchen einer Nation, die schon dem Montag entgegenschlief. Zwar wußten Natotreue Korrespondenten aus Paris zu berichten, ganz Frankreich bewache alarmiert und entschlossen den Himmel, aber einstweilen begnügten sich einige waffenlose Zehn-Mann-Streifen der Bürgerwehr in der verrücktesten Nacht der Pariser Stadtgeschichte damit; das Volk in Waffen notdürftig zu vertreten.
Erst als am Montagmorgen bekannt wurde, daß auf Anordnung des Staatschefs in der Nacht Sherman-Panzer der Gendarmerie aufgefahren waren, daß Stadtautobusse als Brückensperren eingesetzt und Hindernisse auf die Landebahnen der Pariser Flugplätze gewälzt worden waren, begriff der französische Bürger den Ernst der Lage.
Was die Aufrufe der Regierung nicht vermocht hatten, bewirkten die nüchternen Montagsmeldungen: Die Franzosen stellten sich hinter de Gaulle.
In wenigen Stunden verwandelte sich das Reiseland Frankreich in ein Heerlager des Volkssturms und erinnerte fatal an die ersten Tage des spanischen Bürgerkrieges, als die republikanische Regierung in Madrid die Volksmassen gegen die putschende Armee Francos bewaffnet hatte.
Tausende strömten in die Rekrutierungsbüros der neugegründeten Bürgermiliz, während die ehemaligen Résistance-Kämpfer des Zweiten Weltkrieges ihre verrosteten Waffen vom Boden holten und die Linksparteien ihre Mitglieder zum letzten Gefecht riefen.
Schon am Montagnachmittag war deutlich, daß sich die Massen für de Gaulle entschieden hatten. Frankreich bereitete sich auf seinen Kapp-Putsch* vor: Zehn Millionen Franzosen, von sämtlichen Gewerkschaften des Landes zur einstündigen Sympathiedemonstration aufgerufen, vereinigten sich zu dem größten Streik in der Geschichte Frankreichs.
Gleichwohl hielt es die Regierung für angebracht, die Loyalität der Mutterland-Franzosen noch zu steigern durch eine bewußte Schwarzmalerei, die in erster Linie das Ziel verfolgte, auch den letzten Bürger unter die Fahne des Charles de Gaulle zu treiben.
Regierungssprecher kündigten immer wieder die bevorstehende Invasion der Putschisten an, obwohl sich im Kabinett längst die Gewißheit durchgesetzt hatte, den Verschwörern sei bereits der Atem ausgegangen. Als die Freiwilligen auf einen der Höfe des Innenministeriums strömten, empfing sie der Kulturminister André Malraux mit dem Alarmruf: "Die Putschisten werden in einigen Stunden da sein, oder sie werden niemals kommen."
Noch in der Nacht des 25. April, als die Putschisten bereits Oran und Constantine aufgegeben, ihre Anführer Algier verlassen hatten, gab die Regierung vor, mit einer Invasion zu rechnen. In jener Nacht schien sogar, wollte man den amtlichen Sprechern vertrauen, die Invasionsgefahr schlimmer als je zuvor.
Die Panik-Taktik de Gaulles und Debrés war erfolgreich: Mehr noch als an der Autorität des Connétable von Frankreich und den 20.-Juli-Skrupeln der französischen Offiziere zerbrach der algerische Putsch an dem Widerwillen des französischen Volkes, das Mutterland dem Bürgerkriegschaos zu überlassen.
Der einfache Bürger Frankreichs hatte damit Charles de Gaulle aus einer Beklemmung befreit, in die der Staatschef durch seine arge Leichtgläubigkeit geraten war. Denn auch der eindrucksvolle Sieg über die Putschisten kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß de Gaulle zunächst durch einen Mann überrumpelt wurde, den die französische Geheimpolizei niemals hinter der Fronde des Algerien-Militärs vermutet hatte: den Luftwaffen-General Maurice Challe.
Der 55jährige Soldat hatte stets verstanden, im Hintergrund zu bleiben. Die bedächtige Art des gebürtigen Südfranzosen, der mit leiser Stimme und einem leichten Avignon-Akzent mehr andeutet, als er ausspricht, erregte nicht den geringsten Verdacht.
"Er war der letzte Mann, den man faschistischer Bestrebungen verdächtigt hätte", konstatierte die Londoner "Times". Und doch hätte schon die Tatsache, daß er im Januar 1961 aus Abneigung gegen die liberale Algeriern-Politik de Gaulles den Dienst vorzeitig quittiert hatte, Argwohn auslösen müssen.
Aber Charles de Gaulle hatte sich seit Monaten in die Überzeugung verrannt, niemals werde die Armee, trotz all ihrer Sympathien für die französischen Siedler in Algerien, gegen eine Regierung putschen, der er, der Retter Frankreichs, vorstehe. Hartnäckig wies er alle Befürchtungen der Zivilisten zurück, unter den unzufriedenen Landsknechten in den Kriegslagern Algeriens rotte sich eine Verschwörung gegen die Staatsgewalt in Paris zusammen.
De Gaulles Kulturminister André Malraux hatte schon 1959 erkannt: "Diese Armee geht nie zurück in Garnison nach Romorantin" - einer verschlafenen Garnisonstadt in der französischen Provinz Kurze Zeit später warnte das Pariser Weltblatt "Le Monde": "Weder das Regime noch die Algerien-Politik sind vom Parlament oder in Paris bedroht. Die Gefahr kommt von den Generalstäben und aus Algerien."
Und die Generäle, in Frankreich ebenso geschwätzig wie in anderen Ländern, verdeutlichten noch durch ihre markigen Sprüche die Zeichen an der Wand. Polterte General Descour, Kommandeur der französischen VIII. Militär-Region: "Die Armee hält sich bereit, abermals in das politische Leben Frankreichs einzugreifen, wie sie es bereits im (Militärputsch des) Mai 1958 getan hat."
Der Soldat Charles de Gaulle aber ließ sich nicht in seinem Glauben irremachen, die Armee putsche nicht. "Die Armee in Frankreich hat keine politische Macht", belehrte er den amerikanischen Journalisten Sulzberger. "Natürlich ist die Armee immer für Ordnung und Vaterland. Aber das reicht nicht aus, um selber der Staat zu sein. In der französischen Geschichte hat die Armee niemals eine Revolution gemacht."
De Gaulle Verteidigungsminister Pierre Messmer versicherte noch einige Tage vor dem Staatsstreich: "Es ist ausgeschlossen, daß die Armee die Disziplin verletzt."
Zu derart hochtönenden Optimismus glaubte sich de Gaulle berechtigt, weil er die Algerien-Armee mühsam auf Vordermann gebracht hatte. Innerhalb der letzten zwei Jahre säuberte der Staatschef 4000 Offiziere aus der Algerien-Armee hinaus, die er verdächtigte, seine auf einen Ausgleich mit den moslemischen Rebellen Algeriens ausgerichtete Politik zu sabotieren. Ein General löste den anderen ab, wurde pensioniert oder auf isolierte Posten abgeschoben.
Im Februar reformierte der General-Präsident sogar die Kommandostruktur der Armee, um endlich über die Unzufriedenen Soldaten Frankreichs härtere Kontrolle ausüben zu können. Gleichzeitig ließ er die vier wichtigsten Kommandoposten der französischen Armee - die Posten des Generalstabschefs, des Oberbefehlshabers in Algerien, des Oberkommandierenden in Westdeutschland und des Generalinspekteurs der Streitkräfte - mit linientreuen Gaullisten neubesetzen.
Begeisterte sich der schweizerische Frankreich-Experte Armin Mohler: "Der (militärischen) Opposition ist, das Rückgrat nicht gebrochen, sondern fein säuberlich entfernt worden, und die Armee soll wieder die 'große Stumme' werden. Ein neues Kapitel der französischen Geschichte beginnt."
Die Pariser Geheimpolizei mißtraute freilich diesen neuen Tönen gaullistischer Leichtgläubigkeit und zog es vor, die abgeschobenen oder zwangspensionierten Offziersfrondeure unter Beobachtung zu halten.
Aber während die Spürnasen der Sicherheitspolizei notorischen De-Gaulle-Gegnern wie dem Artilleriegeneral André Zeller nachsetzten, der in seiner elsässischen Redseligkeit so laut über Putsch und Ungehorsamkeit schwadronierte, daß er selbst in Offizierskasinos nur noch als komische Figur galt, als "something of a joke" ("Times"), blieb jener Mann unbehelligt, der nicht redete, sondern handelte: General Maurice Challe.
Durch seine Schweigsamkeit vor der Polizei sicher, verstand er sich auch auf Camouflage, seit er als Major, nach kurzer Dienstzeit in der deutsch-französischen Waffenstillstandskommission, 1942 im Maquis eine Spionageorganisation aufgebaut hatte. Zwischen dem 25. April und dem 2. Mai 1944, kurz vor der Alliierten-Invasion in Frankreich, funkte er den gesamten Schlachtordnungs-Plan der deutschen Luftwaffe im Westen an Eisenhowers Hauptquartier.
Zudem galt Maurice Challe als typischer Vertreter einer Richtung im französischen Offizierskorps, die dem Soldaten vorschreibt, aller Politik fernzubleiben. Kameraden nannten den Fliegergeneral einen konventionellen Republikaner, seine Freundschaft zu dem Sozialistenboß Guy Mollet war bekannt.
Auch seine Karriere bot polizeilichem Mißtrauen kaum Anhaltspunkte: Maurice Challe, 1905 im Departement Vaucluse geboren, Absolvent der Kriegsschule Saint Cyr, später zur Luftwaffe übergewechselt, bei Kriegsende Bombenflieger über Deutschland, war nach dem Zweiten Weltkrieg schnell auf die höchsten Kommandoposten der französischen Wehrmacht gelangt.
Von 1949 bis 1951 kommandierte er die Luftwaffe in Marokko, avancierte dann zum Luftwaffen-Generalstabschef und arbeitete mit dem sozialistischen Ministerpräsidenten Mollet gemeinsam die Invasionspläne für die britisch-französische Suez-Aktion von 1956 aus. Mollet schickte den Freund wiederholt zu militärdiplomatischen Verhandlungen nach London.
Auch der reaktivierte Vaterlands-Retter de Gaulle faßte zu dem Mollet-Freund Challe Vertrauen und schickte ihn nach dem Militärputsch des 13. Mai 1958 als Oberbefehlshaber mit einem schwierigen Auftrag nach Algerien:
General Challe sollte den ebenso populären wie unzuverlässigen OB Raoul Salan ablösen und die algerischen Militär-Rebellen, deren Mai-Putsch Charles de Gaulle sein politisches Come-back zuzuschreiben hat, wieder unter die Zuchtrute der Pariser Militäroberen nehmen. Es galt, die Armee in Nordafrika für jene Politik de Gaulles zu präparieren, die einem Verhandlungsfrieden mit den algerischen FLN-Nationalisten zusteuert.
Der Vertrauensmann de Gaulles erfüllte zwar den militärischen Teil seiner Mission, zugleich aber verstrickte er sich in die Netze eines erbarmungslosen Gesetzes, dem bisher fast jeder Offizier in Algerien erlag und das der Pariser "Figaro" mit dem Apercu umschrieb: "Wer (in Algier) als Sozialist ankommt, scheidet als Ultra."
In der Tat war Maurice Challe durch seine Abkommandierung nach Algerien in eine neue Welt geraten, in eine nur von Militärs beherrschte Zone, die sich bewußt als Gegenpol zum Mutterland Frankreich empfindet und ihre Existenz letztlich auf einen Geburtsfehler der französischen Demokratie zurückführen kann: auf das Unvermögen, Armee und Nation in Einklang zu bringen.
Seit den Kriegen Napoleons I. kann Frankreich die Tatsache nicht bewältigen, daß es eine Armee besitzt; seit dem Untergang des Korsen schwanken die Franzosen zwischen Mißachtung und Verherrlichung des Militärischen.
Jahrzehntelang dachten die nach-napoleonischen Franzosen wie der anonyme Verfasser eines Pamphlets aus dem Jahre 1846: "Geht einen Schritt weiter in die Zivilisation, verwandelt die Kasernen in Werkstätten, und ihr werdet das Ideal sozialen Glücks verwirklicht haben." Abseits der Nation hütete die militärische Kaste ihre Tradition und blieb, wie der Schriftsteller Alfred de Vigny formuliert, ein "Gladiator, der nicht einmal den Applaus des Zirkus hat".
Erst das militärfreudige System des Korsen-Neffen Napoleon III. und die Revanchesehnsucht der Franzosen nach 1871 versöhnten Nation und Armee. Gambetta predigte die Militarisierung der Jugend, der rechtsextremistische Armee-Mentor Maurras die "mystische Herrschaft der Revanche-Idee". Das Militär war, wieder gesellschaftsfähig geworden.
Indes, das schnell gestiegene Selbstbewußtsein des Offizierskorps mit seiner aristokratisch-reaktionären Sozialphilosophie stieß bald auf den Widerstand der linken Republikaner. Ihnen mißfiel, daß die Militärs in der Regierung beträchtlichen Einfluß erlangten und daß bei jeder Provinzveranstaltung der Standortälteste dem Präfekten den Rang streitig machte.
Die Abneigung der Linksrepublikaner entlud sich im Abwehrkampf gegen die antisemitischen Intrigen der hochkonservativen Militärs während des Dreyfus-Skandals kurz vor der Jahrhundertwende. Auch der Revanchist Clemenceau begehrte gegen das Militär auf und prägte ein Wort, das die Soldaten noch heute verfolgt: "Die Armee hat die große Stumme zu sein" - la grande muette.
Derart in die Schranken verwiesen, kehrte die Armee Frankreich den Rücken. Die Militärs gingen in die französischen Kolonien und schufen sich in den überseeischen Gebieten eine neue Welt, ein angeblich wahreres Frankreich als das Frankreich des Mutterlandes, in dem Pazifisten und Demokraten herrschten.
Marschall Lyautey in Marokko, General Gallieni auf Madagaskar, Faidherbe im Senegal - sie alle hämmerten sich im 19. und 20. Jahrhundert kleine Imperien, in denen der Soldat als ungekrönter König regierte. Im Zweiten Weltkrieg feierte der Kolonialmilitarismus seine größte Stunde: Frankreichs schwache Heimatarmee brach im großdeutschen Feuer zusammen, aber die Kolonien wurden zu Keimzellen des Freien Frankreich.
Erst als der tragische Gewissenskonflikt, den die Namen de Gaulle und Pétain symbolisierten, sich auch der Kolonialmilitärs bemächtigte und der farbige Antikolonialismus seinen Schatten vorauswarf, verloren die überseeischen Militärs ihre Selbstsicherheit.
Der blutige Kolonialkrieg in den Dschungeln und Reisfeldern Indochinas eröffnete eine neue und möglicherweise letzte Runde in dem, uralten Kampf zwischen Armee und Regierung. Denn je mehr das französische Kolonialreich in Asien und Afrika, Domäne des Militärs, zerbrach, desto fragwürdiger wurde die Existenzberechtigung der Armee.
Immer verzweifelter krallten sich die aus der Talmulde von Dien-bienfu zurückflutenden Fremdenlegionäre und Fallschirmjäger ("Paras") an der ältesten überseeischen Militärprovinz Frankreichs fest, an jenem Schauplatz, der dazu ausersehen war, der Armee ihr Selbstvertrauen und ihre Identität mit der Nation zurückzugeben: an Algerien.
Der Schauplatz war gut gewählt. Seit 130 Jahren gehört Algerien zu Frankreich, seit 130 Jahren verkörpert dort der Offizier die Anwesenheit Frankreichs. Die Armee und nur die Armee hat dort die Macht; jeder zweite Franzose in Algerien ist ein Soldat. "Algerien ist eine Militokratie", urteilten die französischen Journalisten-Brüder Merry und Serge Bromberger. Die Armee ist allgegenwärtig.
Die 500 000 Mann starke Algerien-Armee bekämpft nicht nur die nationalistischen Rebellen und riegelt die Grenzen gegen die FLN-Helfer in den Nachbarländern ab, sie beschützt auch die Bauern beim Einbringen der Ernten, baut Brücken und Straßen, siedelt die Bergbevölkerung aus den Kampfzonen um. "Die Armee kämpft, schützt, baut, heilt, lehrt und informiert", verkündet ein Wandspruch im Gouvernementsgebäude zu Algier.
Mehr noch: In Algerien hat die Armee den französischen Siedlern und auch den zur Zusammenarbeit bereiten Muselmanen ihr Wort verpfändet. Jeder Ortskommandant hat den Moslems in die Hand versprochen, sie zu beschützen, sie nicht der Rache des algerischen Maquis auszuliefern.
Zudem sind Algerien und Nordafrika seit langem auch für die übrige Armee Frankreichs die wahre Heimat. Kaum ein Offizier, der nicht unter der grellen Sonne Algeriens schwitzte. 33 000 Offiziere, Hunderte von Obersten und Generälen gingen durch die algerische Schule. Ein "Algerier" zu sein, gilt noch heute als Ausweis eines guten Offiziers.
Im Bewußtsein ihrer geradezu mystischen Schlüsselposition zwangen die Führer der Algerien-Armee dem Mutterland ihren Willen auf. Am 13. Mai 1958 erhob sich in Algier ein Militärputsch gegen das schwache Regime der IV. Republik und sprengte den Weg an die Macht für den Mann frei, in dem die Putschisten einen Gesinnungskameraden sahen: Charles de Gaulle.
Einige Monate lang durften sich die Führer der Algerien-Armee an der Illusion laben, endlich die Einheit von Armee und Regierung hergestellt zu haben. De Gaulles vage Sprüche ließen die Kolonialkrieger hoffen, die Niederlage von Dien-bien-fu in den Rebellen-verseuchten Bergen Algeriens wieder wettmachen zu können.
Aber schon die Algerien-Mission des Generals Challe im Oktober 1958 hätte den hellhörigeren Maiputschisten offenbaren müssen, daß der neue Mann in Paris recht ketzerische Vorstellungen über die Zukunft Französisch-Algeriens
und damit über die Weiterexistenz der französischen Algerien-Armee hegt. Denn Maurice Challe war mit dem ausdrücklichen Befehl nach Algier gekommen, die Putschisten zu zügeln und jene rechtsradikalen Offiziere zu entfernen, die allzu enge Kontakte zu den chauvinistischen Siedlern und Beamten ("Ultras") unterhielten. Gestand Putsch-General Massu: "Vielleicht hat die Armee einen Fehler gemacht, aber de Gaulle war der einzige Mann, der uns damals zur Verfügung stand."
Der Fehler blieb freilich zunächst ohne gefährliche Konsequenzen, weil Maurice Challe bald von der "algerischen Krankheit" - wie die Offiziere witzelten - befallen wurde. Immer weniger befolgte er die Säuberungsbefehle de Gaulles, immer mehr beschränkte er sich auf seine militärische Aufgabe, die FLN-Rebellen durch eine neue Strategie zu bekämpfen.
Allmählich wurde auch in Paris ruchbar, daß der Algerien-Oberbefehlshaber weniger auf das Oberkommando an der Seine als auf die Einflüsterungen einer kleinen Gruppe radikaler Colonels hörte, denen selbst die anfängliche Algerien-Politik des Generals de Gaulle zu weich erschien. Deutlich genug forderte der im Grunde unpolitische Militärtechniker Challe, die Regierung dürfe auf keinen Fall in ihrem Kampf gegen die FLN schwanken - die Armee habe in Algerien ihr Wort verpfändet.
Als gar der General-Präsident im September 1959 das Selbstbestimmungsrecht für Algerien proklamierte und als die zivilen Ultras vier Monate später in Algier einen Aufstand auslösten, zeigte Maurice Challe, wie sehr er bereits von seinem Auftraggeber de Gaulle abgerückt war.
Er hielt zwar die Armee mühsam von einer Teilnahme am Barrikadenputsch des Fallschirmjäger-Abenteurers Lagaillarde ab, verhandelte jedoch so kameradschaftlich mit Lagaillards faschistischem Kompagnon, dem Cafébesitzer Joseph Ortiz, daß die Regierung in Paris schleunigst den Oberbefehlshaber aus Algerien abberief.
Dem Abwehrdienst de Gaulles entging jedoch, daß Challe auch nach seiner Ablösung - er übernahm das Kommando über den mitteleuropäischen Abschnitt der Nato-Truppen - mit den Obersten von Algier in Verbindung blieb. Seine Abwesenheit von Algier und von der algerischen Wirklichkeit war der eigentliche Grund dafür, daß General Challe den Putsch-Parolen der algerischen Offiziere folgte.
Die zum Losschlagen entschlossenen Colonels, unter ihnen vor allem der ehemalige Generalstabschef Massus, Oberst Argoud, redeten ihm Ende März ein, nahezu die gesamte Algerien-Armee sei zum Putsch bereit. Da der Staatschef offenbar das Konzept eines französischen Algerien dem Frieden mit der FLN opfern wolle, sei es Pflicht der Armee, die territoriale Integrität des Vaterlandes zu schützen.
Die Obersten konnten dem General sogar melden, daß ehemalige Armeeführer, wie die pensionierten Generäle Zeller und Jouhaud, den Putsch unterstützen wollten. Auch der nach Spanien geflüchtete General Salan, den Challe einst abgelöst hatte, sei informiert.
Die Verschwörer übersahen freilich, daß keineswegs alle Einheiten der Algerien-Armee putschsüchtig waren, sondern allenfalls jene beiden Truppenverbände, die nach dein Ende des Algerienkrieges mit ihrer Auflösung zu rechnen haben: die 30 000 Fallschirmjäger und vor allem die 25 000 Fremdenlegionäre, denen laut französischer Gesetzgebung der Einsatz im Mutterland untersagt ist.
Gleichwohl entwickelten die Obersten dem Pensionär Challe einen Operationsplan, der den Erfolg des Putsches gewährleisten sollte:
- Auftakt des Staatsstreiches werde ein Attentat auf de Gaulle sein, entweder am 8. oder am 10. April - für diese Tage hatte der Staatschef eine Fahrt zu seinem Landsitz Colombey-lesdeux-Eglises geplant, um sich auf die für den 11. April anberaumte Pressekonferenz vorzubereiten.
- Dem Anschlag solle sofort die Besetzung Algiers und aller strategisch wichtigen Plätze in Algerien folgen.
- Gleichzeitig sei ein Brückenkopf im Südwesten Frankreichs zu bilden, etwa im Raum der Para-Garnisonen Pau und Toulouse, und Kontakt zu unzufriedenen Offizieren in der Deutschland-Armee aufzunehmen.
- Spätestens fünf Tage nach dem Attentat auf den Staatschef werde die Putscharmee in Paris landen. Der Frage Challes, was zu geschehen habe, falls der Aufstand in Frankreich ausbleibe, begegneten die Verschwörer mit dem Hinweis, daß die Treibstoffvorräte der Armee für drei Wochen, die Lebensmittelvorräte für zwei Monate ausreichten. Auch könne man notfalls Geld drucken; denn in Algerien befinde sich die Notenbank.
Außerdem hofften die konspirativen Ver- und Besucher Challes auf die Unterstützung zumindest Spaniens und Portugals. Die portugiesische Presse war denn auch die einzige der Welt, die dem Aufstand der Algerien-Offiziere Beifall spendete, verführt von der Versicherung des Obersten Bigeard: "Wir sind die neuen Kreuzritter. Wir stehen hier nicht nur für Frankreich, sondern für die europäische Zivilisation."
Indes, so sehr sich auch General Challe für den Putsch erwärmte - der Staatsstreich stand unter einem ungünstigen Stern.
Bereits der Auftakt mißlang, weil Staatschef de Gaulle unentwegt seinen Terminkalender änderte. Das Attentat auf den Präsidenten wurde auf Anfang Mai verschoben - da brach ein neues Unglück herein. Die regierungstreue Führung der Algerien-Armee hatte von den Putschplänen der Obersten erfahren.
Am 18. April berichtete General Gambiez, der neue Oberbefehlshaber in Algerien, dem Kabinett in Paris, es bestehe der dringende Verdacht, daß ein Putsch gegen die Regierung geplant sei. Einige Stunden später ging der erste Geheimbericht ein, jedoch erst drei Tage später begann der Abwehrdienst mit einer Untersuchung.
Diese Atempause benutzten die Verschwörer zum Losschlagen. In den späten Abendstunden des 21. April versammelte Challe, inzwischen heimlich nach Algerien gelangt, in einer unauffälligen-Villa in Algiers Quartier des Tagarins seine engsten Komplicen, darunter die Generäle Zeller und Jouhaud; wenige Stunden später, kurz vor ein Uhr, umstellten 800 Fremdenlegionäre des 1. Fallschirmjäger-Regiments der Fremdenlegion das Regierungsviertel von Algier.
Dennoch kam der Putsch der algerischen Offiziere nicht recht voran. Zwar kapitulierten die Garnisonen von Oran und Constantine vor den Fremdenlegionären und Paras, aber das Gros der Algerien-Armee hielt zu de Gaulle.
In diesem Augenblick mußte Maurice Challe erkennen, daß ihn seine Mitverschwörer völlig falsch informiert hatten.
Die Masse des französischen Offizierkorps blieb dem Putsch fern, erschreckt über die traditionswidrigen Ungehorsamkeits-Parolen der Putschisten und zudem eingeschüchtert durch die düstere Parallele des Stauffenbergschen 20. Juli 1944.
Vor allem aber zögerten die Offiziere angesichts der gewaltigen Autorität Charles de Gaulles, dem es nach anfänglichen Mißerfolgen gelang, das französische Volk für sich zu mobilisieren. Und je lauter sich die Straßen Frankreichs mit den Arbeiter- und Bürgerwehrbataillonen füllten, desto härter wurde auch der Widerstand der regierungstreuen Truppen in Algerien.
Die antiputschistischen Sentiments der Mutterland-Franzosen griffen besonders auf die französischen Dienstpflichtigen der Algerien-Armee über, die den Befehlen der Aufrührer nur widerwillig oder gleichgültig gefolgt waren. Sie formierten sich zum Widerstand, sobald die putschenden Fremdenlegionäre außer Sicht waren.
Rasch versuchte Challe, die wachsende Opposition der Dienstpflichtigen abzufangen. Er stellte in Aussicht, die Dienstpflichtigen nach Ablauf ihrer 18monatigen Wehrpflicht nach Frankreich zurückzuziehen und befahl die Einberufung von acht Jahrgängen algerischer Europäer. Das Manöver kam zu spät - schon marschierten die Dienstpflichtigen unter ihren alten, regierungstreuen Generälen wider die Putschisten.
Das Ende des Vier-Tage-Putsches vollzog sich in der Nacht zum 26. April innerhalb weniger Stunden. Um 17 Uhr war Oran zurückerobert, um 22.30 Uhr trafen die Loyalisten in Algier ein, um 1.50 Uhr gab Challe auf. Verschwörer-Oberst Godard: "Jetzt kann ich mir nur noch eine Kugel durch den Kopf schießen!" Dann verschwand er im Dunkel der Nacht.
Zur selben Stunde aber, da sich Maurice Challe der gaullistischen Justiz auslieferte, arbeitete Sieger Charles de Gaulle bereits an einem Säuberungsprogramm, durch das die Armee in Algerien noch härter unter die Pariser Zuchtrute genommen werden soll.
Die Säuberungsaktion des Generals de Gaulle wird kaum Gnade kennen, Sein Urteil ist noch verächtlicher geworden, als es vor dem Putsch war: "Die Armee? Sie war gegen Dreyfus, dann für Pétain, heute ist sie für das französische Algerien. Warum soll ich ihren Gefühlen noch irgendwelche Bedeutung beimessen?"
Die Armee ist nunmehr verurteilt, die große Stumme Frankreichs zu werden.
* Der Putsch des Deutschnationalen Kapp scheiterte 1920 vor allem am Generalstreik der Gewerkschaften.
Panzerkordon in Paris: Der gallische Krieg fand nicht statt
Fernseh-Heros de Gaulle
Das Volk flanierte
Putschist Challe
Das Drama von Algier ...
Putschist Salan
... war nur eine Posse
Putschende Paras in Algier: Gladiatoren ohne Beifall
Zeller
Politiken
Alptraum einer Nation

DER SPIEGEL 19/1961
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 19/1961
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FRANKREICH / MILITÄRPUTSCH:
Die große Stumme

Video 02:21

Anschläge in Sri Lanka Videos zeigen mutmaßlichen Attentäter

  • Video "Istanbul: Wohnhaus stürzt Abhang hinunter" Video 00:48
    Istanbul: Wohnhaus stürzt Abhang hinunter
  • Video "Fotograf trifft Felsenpython: Die tut nix, die will nur beißen" Video 50:00
    Fotograf trifft Felsenpython: Die tut nix, die will nur beißen
  • Video "Erdbeben auf den Philippinen: Wasser stürzt aus Hochhaus-Swimmingpool" Video 00:51
    Erdbeben auf den Philippinen: Wasser stürzt aus Hochhaus-Swimmingpool
  • Video "Mobilitäts-Konzept: Der Innercity-Intercity-Airport" Video 03:45
    Mobilitäts-Konzept: Der Innercity-Intercity-Airport
  • Video "Illegales Haus auf dem Meer: US-Investor droht in Thailand Todesstrafe" Video 01:51
    Illegales Haus auf dem Meer: US-Investor droht in Thailand Todesstrafe
  • Video "Weltuntergangsstimmung: Die Böenwalze über der Stadt" Video 01:09
    Weltuntergangsstimmung: Die Böenwalze über der Stadt
  • Video "Wir drehen eine Runde - Suzuki Jimny: Klare Kante" Video 06:24
    Wir drehen eine Runde - Suzuki Jimny: Klare Kante
  • Video "Weg in die USA: Die tödliche Flucht der 7-jährigen Jakelin" Video 10:11
    Weg in die USA: Die tödliche Flucht der 7-jährigen Jakelin
  • Video "Anschlagsserie in Sri Lanka: Video zeigt weitere Explosion" Video 00:51
    Anschlagsserie in Sri Lanka: Video zeigt weitere Explosion
  • Video "Titelgewinn für PSG: Mbappé schießt Hattrick zur Meisterfeier" Video 02:01
    Titelgewinn für PSG: Mbappé schießt Hattrick zur Meisterfeier
  • Video "Meereswissenschaft: Durch die Augen eines Weißen Hais" Video 01:29
    Meereswissenschaft: Durch die Augen eines Weißen Hais
  • Video "Heilige Treppe in Rom: Freie Sicht auf den Leidensweg Jesu" Video 01:19
    "Heilige Treppe" in Rom: Freie Sicht auf den Leidensweg Jesu
  • Video "Parabel-Flug: Promi-Party in der Schwerelosigkeit" Video 03:36
    Parabel-Flug: Promi-Party in der Schwerelosigkeit
  • Video "Slackline-Artistik: Messerscharfer Salto auf der Wäscheleine" Video 01:33
    Slackline-Artistik: Messerscharfer Salto auf der Wäscheleine
  • Video "Anschläge in Sri Lanka: Videos zeigen mutmaßlichen Attentäter" Video 02:21
    Anschläge in Sri Lanka: Videos zeigen mutmaßlichen Attentäter