10.05.1961

VOLKSFESTUwes Bein

Der S-Bahn-Zug, der fahrplanmäßig um 18.19 Uhr den Hamburger Hauptbahnhof in Richtung Bergedorf zu verlassen hat, schnellte mit leise summendem Aggregat in die Halle. All-werktäglich um diese Zeit pflegt der Bahnsteig 1 des hanseatischen Verkehrskreuzes mit Büro-Werktätigen der City gefüllt zu sein, die - in dichten Reihen gedrängt - auf ihren Abtransport in die Eigenheim-Bezirke warten. Am Mittwoch letzter Woche indes streunten über den geräumigen Perron nur ein paar ältere Damen.
Die Nation saß am Fernsehschirm und starrte - diesmal allerdings verbiestert und enttäuscht - auf das, was das "Hamburger Abendblatt" drei Wochen zuvor noch zuversichtlich "uns Uwe sein Bein" genannt hatte. In Brüssel keuchte die erste Fußballmannschaft des Hamburger Sport-Vereins für Moneten und fürs Vaterland. In der Bundesrepublik flimmerten die Fernsehschirme. Sie flimmerten überall - in Fabriksälen und in Kneipen, in den Ladenfenstern der Radiogeschäfte und in den Kantinen, in Büros, daheim und im Bundestag am Rhein.
An der Ruhr stellten gegen 17 Uhr zahllose Maschinen ihren stampfenden Rhythmus ein. Auf den Heiligen an der Nord- und Ostseeküste verstummten Niethämmer - meistens mit Genehmigung der Betriebsleitungen. Deutschlands Unternehmer waren durch vorangegangene Begegnungen mit dem Fußball-Massenwahn gewarnt.
Der Betriebsleiter einer westfälischen Fabrik für elektrische Haushaltswaren hatte - bei einer dieser Gelegenheiten - die Unterbrechung der Arbeit abgelehnt. Die Fertigungsbänder standen daraufhin sozusagen von allein still.
Der Betriebsleiter: "Eine Katastrophe!"
Ein schleswig-holsteinischer Möbelfabrikant hatte den gleichen Versuch gemacht. Antwort der Arbeiter: "Für uns kommt zuerst das persönliche Leben und dann die Arbeit."
Einem bayrischen Baustoffbetrieb entlief die gesamte Belegschaft zu dem TV-Schirm der benachbarten Kneipe. Der Unternehmer nahm, wie er sagte, "den Verlust an Autorität in Kauf".
Arbeiter und Angestellte der Ruhr, die anläßlich des Spiels HSV gegen den FC Burnley auf die abendliche Fernseh-Wiederholung hingewiesen wurden, antworteten: "Wir brauchen den Kitzel der unmittelbaren Übertragung."
Den Kitzel brauchte man auch anderswo. In Wiesbaden brach Oberamtsrichter Dr. Lange, Vorsitzender im Prozeß gegen den ehemaligen Psychologen des Bundeskriminalamts Edgar Bröse, am letzten Mittwochnachmittag die Verhandlung ab und begründete: "Um das Kind beim Namen zu nennen, ein Teil der Anwesenden will das Fußballspiel sehen." Bei der Lehrlings-Lossprechung der Industrie- und Handelskammer Köln fehlte ein Teil der Lehrlinge. Kammerpräsident Gottlieb von Langen fand sie vorm TV.
Beim Richtfest des Physiologisch-Chemischen Instituts der Universität Bonn mußte der Bauführer selbst auf den First klettern, um den Richtspruch herzusagen. Polier und Maurer saßen im Festlokal am Schirm. Festredner Professor Lützeler fragte den Herrn des neuen Hauses, den Professor Dirscherl:
"Soll ich denn jetzt noch, oder gehen wir auch fernsehen?" Man ging fernsehen, und das Lob auf die chemische Physiologie fand statt, nachdem die Kuhhörner von Brüssel mit einem depressiven Muhen verstummt waren.
Während Maurer und Richter, Professoren und Handlungsgehilfen aus dem Sachzwang von Wirtschaft, Verwaltung und Rechtsprechung in das Delirium des Fußball-Wahns eskapierten, machte Bundestagspräsident Gerstenmaier eine heroische Anstrengung, der Nation zu demonstrieren, daß es noch eine Rangordnung der Werte gibt, daß - konkret gesprochen - ein neues Steuergesetz von Etzel schließlich doch noch wichtiger als ein Tor von Seeler ist. Er kündigte an, daß die Bundestagsdebatte ohne Rücksicht auf die Balltreter in Brüssel stattfinden werde.
Zuchtmeister Gerstenmaier befand sich dabei nicht in Übereinstimmung mit dein von ihm vertretenen Volk. Wenige Tage vorher hatte die hanseatische Leuchte evangelischer Theologie, Professor Helmut Thielicke, den Uwe in einem Brief ein "Leitbild" für die "Jugend unseres Volkes" genannt - ein seelsorglicher Zuspruch, der auch manchen Bundestagsabgeordneten ermutigte, das Gerstenmaiersche Verdikt "donquichottisch" zu nennen. Allzusehr verlangte es sie, das "Leitbild" hüpfen zu sehen.
Immerhin, als im SPD-Fraktionszimmer, im Aufenthaltsraum für Abgeordnete und in einigen anderen Zimmern die Schirme aufleuchteten, saßen rund 130 Abgeordnete unter Gerstenmaiers Aufsicht im Plenum: angesichts der trockenen Verhandlungsmaterie eine gewiß weder geringe noch ungewöhnliche Zahl.
An der Spitze der SPD harrte der stellvertretende Fraktionschef Erler in der trockenen Luft steuertechnischer Kontroversen aus. Zu den sieben FDP -Aufrechten gesellte sich später gar der jüngst zusammen mit dem Kölner Klaumauk-Mimen Millowitsch zu Fußballruhm gelangte Erich Mende. Die CDU/CSU-Bänke boten ein Bild asketischer Fußball-Abstinenz.
Um 17.08 Uhr bezog anstelle Gerstenmaiers der Vizepräsident Carlo Schmid den Präsidentensessel. Mit ihm zog der Geist fröhlicher Volksnähe in das Hohe Haus ein. Schmids Eröffnungsworte:
"Das Haus ist leer. In Brüssel gehen große Dinge vor sich. Ich habe mich losgerissen " Dergestalt zur Fraternisation mit dem Geist des Volkes legitimiert, schnürten rund 30 Abgeordnete aus den Bänken in Richtung Bild und Leitbild.
Der Kitzel des Leitbild-Fetischs Fußball hatte in der Bundesrepublik endgültig gesiegt. Er placierte sich in dem Vakuum, das Weltpolitik und Religion, Wissenschaft und Verwaltung, Rechtsprechung und Wirtschaft hinterlassen haben, nachdem sie für das Verständnis und die Gefühle der nicht unmittelbar Beteiligten zu kompliziert, zu abstrakt, zu spröde und undurchschaubar geworden sind.
Fetisch Fußball lieferte der Nation für anderthalb Stunden den Kultplatz für eine Kollektiv-Ekstase, welche die technisierte Verwaltungs- und Konsumgesellschaft anders nicht mehr zu bieten vermag.
Seeler-Verehrer Thielicke
Erst das Spiel ...
Nationalheros Seeler
... dann die Arbeit

DER SPIEGEL 20/1961
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