10.05.1961

USA / KUBA-INVASIONDas Fiasko

Justizminister Robert F. Kennedy hakte seinen Zeigefinger in die Weste des AA-Staatssekretärs Chester Bowles und zog den massigen Mann an sich heran.
"Ich habe in gewissen Zeitungen gelesen, Sie hätten uns von der Kuba -Invasion abgeraten", grummelte Präsidenten-Bruder Bobby. "Ich will Ihnen mal etwas sagen. Sie haben uns nicht davon abgeraten, verstanden? Sie waren für die Invasion."
Die wildwestfilm-reifeSzene im Kabinettsraum des Weißen Hauses war symptomatisch für die Nervosität, mit der Amerikas junge Regierungsmannschaft auf die Folgen der ersten Fehlentscheidung Präsident John Kennedys reagiert
- auf den Prestigeverlust Amerikas, der dem mißglückten Kuba-Unternehmen Washingtons gefolgt ist.
Während sich indes leitende Beamte des Außen- und des Verteidigungsministeriums durch gezielte Presse-Indiskretionen um den Beweis bemühten, sie seien von vornherein gegen die Freischärler-Aktion der kubanischen Emigranten gewesen, brachte Bobby Kennedy das Kabinett auf Vordermann, damit dem Präsidenten in seiner bittersten Stunde wenigstens die Unterstützung der engsten Mitarbeiter gewiß sei.
Denn das Glück hat John Fitzgerald Kennedy in einem für US-Präsidenten besonders heiklen Augenblick verlassen:
just am Ende jener ersten hundert Amtstage, die jedem amerikanischen Staatschef Schutz vor allzu scharfen Attacken der Opposition bieten und die der Rhetoriker Kennedy außerdem noch zu "entscheidenden Tagen für das Schicksal Amerikas" deklariert hatte.
Zwar droht nun dem neuen Präsidenten nicht das Waterloo des Hundert -Tage-Napoleon; dennoch, fragt sich die amerikanische Nation nach dem Kuba -Fiasko, ob John Kennedy tatsächlich der umsichtige Staatschef ist, als der er sich fast hundert Tage lang der Öffentlichkeit zu präsentieren wußte.
Daß 1300 Freischärler in der südkubanischen Schweine-Bucht sinnlos den Panzern und Bombern Fidel Castros ausgesetzt wurden, nehmen die Amerikaner weniger übel als die Tatsache, daß der neue Mann im Weißen Haus nahezu alle Vorsätze verleugnete, durch die er sich von seinem Vorgänger Eisenhower unterscheiden wollte.
Der Wallkämpfer Kennedy hatte moniert, in der Amtszeit des Republikaner -Generals Eisenhower habe die Regierung zu wenig nachgedacht, bevor sie handelte. Er, Kennedy, werde daher Männer in die Regierung bringen, die wissenschaftlich präzises Denken mit einem Gefühl für die historisch notwendigen Aufgaben Amerikas verbänden.
Kennedy fand diese Männer auf den Dozentenlisten der Harvard-Universität und des Technologischen Instituts von Massachusetts. Der Historiker Arthur Schlesinger, der Wirtschaftswissenschaftler Walt Whitman Rostow, der Politologe McGeorge Bundy - sie alle sollten als Berater im Weißen Haus dem neuen Staatschef die, Unterlagen für seineEntschlüsse liefern. Daß der Präsident letztlich allein zu entscheiden wünschte, alarmierte die Amerikaner keineswegs, wußten doch Kennedys Biographen die Umsicht und Sorgfalt zu rühmen, mit der ihr Held jeden wichtigen Schritt seines Lebens vorbereitet hatte.
Und dennoch bewies der gut beratene und präparierte Präsident in dem Augenblick, da ihm die kubanischen Invasionspläne des US-Geheimdienstes vorgelegt wurden, eine geringere Instinktsicherheit als der politische Dilettant Eisenhower.
Die Invasionspläne des US-Geheimdienstes sind fast so alt wie das Castro-Regime. Je stärker der Flüchtlingsstrom aus dem kubanischen Zuckerparadies anschwoll, desto größer wurde der Ehrgeiz des amerikanischen Geheimdienstes (Central Intelligence Agency, abgekürzt CIA), aus der Masse der 60 000 Anti-Castro-Emigranten in den USA eine Freiwilligenarmee aufzustellen, mit der man auf der Insel landen und das antiamerikanische Langbart-Regime verjagen könne.
Altpräsident Eisenhower gab Mitte 1960 seine Genehmigung zur Aufstellung, Ausbildung und Ausrüstung der kubanischen Partisanenarmee, und CIA -Chef Allen W. Dulles beauftragte seinen Stellvertreter Richard Bissell, einen ehemaligen Wirtschafts-Professor, die "Operation Kuba" vorzubereiten.
Bissell lieh sich vom Pentagon einige Instruktionsoffiziere, errichtete in Florida, Guatemala und Nicaragua sechs Ausbildungslager, die als Rinderfarmen getarnt wurden, und ließ zunächst 5000 angeworbene Exilkubaner für den Partisanenkrieg drillen. Allein im Dezember vergangenen Jahres hatte die Operation Kuba den amerikanischen Steuerzahler 520 000. Dollar gekostet.
Invasions-Planer Bissell behielt sich strikteKontrolle über seine kubanischen Partisanen vor. Jeder Freiwillige wurde einem Lügendetektor-Test unterworfen, mußte dreifache Fragebogen (typische Frage: "Haben Sie homosexuelle Beziehungen?") ausfüllen und hatte bedingungslos jedem Befehl der US-Instruktoren zu folgen.
Wer aufmuckte wurde in das Texas -Lager McAllen abgeführt, das den Kubanern wie ein KZ erschien. Fragen nach näheren Einzelheiten der projektierten Landung blieben unbeantwortet; Operation Kuba war und blieb ein US-Unternehmen.
Richard Bissell hatte schließlich auch den Invasionsplan ausgearbeitet, der Eisenhowver wie Kennedy irritierte.
Stratege Bissell schlug vor:
- Unter dem Feuerschutz amerikanischer Luft- und Seestreitkräfte landen kubanische Freiwillige in der Schweine-Bucht (Bahia de Cochinos).
Den kubanischen Landetruppen darf kein US-Bürger angehören.
- Kommt jedoch die erste Welle der kubanischen Invasoren nicht voran, dann landet eine zweite Welle, diesmal US-Truppen, da Washington unter allen Bedingungen das Scheitern der Invasion verhindern muß.
Dem Einwand, ein Eingreifen amerikanischer Ledernacken werde Castro zum Märtyrer stemppeln und ganz Lateinamerika gegen die USA aufbringen, begegnete Bissell mit dem Hinweis, die Teilnahme Washingtons an der Kuba-Invasion, ob direkt oder indirekt, werde der Welt ohnehin bekanntwerden. Bissells kühle Maxime: Lieber eine Invasion mit allen außenpolitischen Konsequenzen als ein halbherziges Unternehmen, das zum Scheitern verurteilt ist und dem US-Prestige dadurch um so mehr schadet.
Gleichwohl lehnte Eisenhower den Bissell-Plan ab. Ob Ike nun der Erwartung seiner Geheimdienstler, im Falle einer Invasion werde sich das kubanische Volk gegen den Tyrannen Castro erheben, mißtraute oder ob er nur aus Bequemlichkeit seinem Nachfolger Kennedy die Entscheidung zuschieben wollte
- Ike befahl, den Invasionsplan einstweilen zu den Akten zu legen. Nur einer in seiner Umgebung widersprach:
Kennedys Wahlkampf-Rivale Richard Nixon.
Nach dem Amtsantritt Kennedys meldete sich der CIA-Versucher Bissell abermals im Weißen Haus. Der neue Präsident war von dem. Projekt so beeindruckt, daß er den Generalstab um eine Analyse darüber bat, ob die Invasion eine echte Erfolgschance habe. Die Antwort des Generalstabs: eine Chance bestehe, wenn sie auch nur "marginal" (knapp) sei.
Die Studie der Militärs, von Armee -Stabschef Lemnitzer und Marine -Stabischef Burke unterzeichnet, ermutigte Kennedy, den Invasionsplan Bissells zu genehmigen. Verteidiger Kennedys behaupteten freilich später, der Präsident habe gezögert und überhaupt nur zugestimmt, weil ihn die CIA -Männer mit falschem Optimismus zur Tat gedrängt hätten.
Tatsächlich hatte der amerikanische Geheimdienst völlig irrige Vorstellungen von der Volksstimmung auf Kuba. Bissells Agenten nahmen allen Ernstes an, die Castro-Armee sei von antikommunistischen Elementen unterwandert und werde nach dem ersten Schlag der Invasoren auseinanderbrechen. Auch über die zahlenmäßige Stärke der kubanischen Streitkräfte ließ sich Bissell täuschen.
Besonders verhängnisvoll mußte sich auswirken, daß die CIA eine Kriegslist Castros nicht durchschaut hatte: Seit
Oktober 1960 weilten auf Kuba, der Öffentlichkeit und den Amerikanern sorgfältig verborgen, tschechische Piloten, die im Notfall Kubas 200 sowjet importierte Bomber bedienen konnten. Die CIA aber nahm an, jene Flugzeuge seien erst einsatzbereit, wenn die nach der CSSR entsandten Kubaner für den Bomberflug geschult seien.
Die neuen Männer im Weißen Haus vertrauten auf die Unfehlbarkeit des amerikanischen Geheimdienstes. In diesem Augenblick erwies sich, daß Kennedy und sein Berater-Stab der Situation nicht gewachsen waren: Anstatt alle Perspektiven des riskanten Unternehmens zu überprüfen, stolperten sie in die Katastrophe.
Nicht eine Sekunde kam den Kennedy -Beratern Bundy, Schlesinger und Rostow der Gedanke, die Kuba-Invasion könne scheitern. Die Ratgeber des Präsidenten, zu besonders strengem Durchdenken staatspolitischer Entscheidungen ins Weiße Haus berufen, unternahmen keinen Versuch, den Invasionsplan der CIA kritisch zu überprüfen. Kennedys Ratgeber blieben, wie Star-Journalist James Reston urteilte, "unerfahrene Männer, die keine Dokumente gelesen und keine Beamten konsultiert hatten".
Kennedy selber war derart vom Erfolg des Unternehmens überzeugt, daß er weder den Geheimdienst des Außenministeriums konsultierte noch das staatliche Informationsamt USIA auf die Invasion vorbereitete. Nur der informierte AA-Staatssekretär Bowles wagte es, vor der Invasion durch Indiskretionen an die Presse die Bedenken seines Ministeriums zu protokollieren.
Erst als Uno-Sonderbotschafter Adlai Stevenson, in letzter Minute von Bundy informiert, bei Kennedy intervenierte, wurde der Präsident nachdenklich. Aber anstatt nun das Unternehmen entweder ganz abzusagen oder es mit geballter Kraft auszuführen, rang er sich zu einer halbherzigen Maßnahme durch, die Bissells Kuba-Invasion gefährdete, ohne Amerika- den unvermeidlichen Prestigeverlust zu ersparen: Kennedy befahl, die Exilkubaner hätten ohne jede Unterstützung durch US-Streitkräfte zu operieren.
Schlimmer noch, der Präsident bekundete auch in aller Öffentlichkeit, es werde "niemals, unter keiner Bedingung, zu einer Kuba-Intervention durch Truppen der Vereinigten Staaten" kommen. Damit aber hatten die exilkubanischen Invasoren ihre einzige Siegesgarantie verloren, die militärische Rückendeckung durch Amerika; ohne sie war kein Kubaner auf der Insel bereit, einen Aufstand gegen Fidel Castro zu wagen.
Seit dem Debakel in der Schweine -Bucht ist Kennedy bemüht, sein stark angeschlagenes Renommee zu reparieren. Kenner des Weißen Hauses berichteten bereits, daß sich Kennedy jetzt mehr auf seine Minister stützen wolle und daß auch die Tage seines Intellektuellen -Teams gezählt seien.
Aber auch die CIAI die wieder einmal wie im Falle der U2 das Versagen eines Präsidenten mit einer parlamentärischen Inquisition bezahlen muß, wird die ersten hundert Tage John F. Kennedys nur arg lädiert überstehen. Der Präsident ist entschlossen, CIA-Chef Dulles spätestens Ende dieses Jahres zu entlassen. Sein Nachfolger: Präsidenten-Bruder Bobby Kennedy.
Präsidenten-Bruder Robert Kennedy
Nach hundert Glamour-Tagen ...
... Verhängnis in der Schweine-Bucht: Geretteter Diktator Castro
Geheimdienst-Chef Dulles
Zwischen Fragebogen und Lügendetektor

DER SPIEGEL 20/1961
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