10.05.1971

KRIMINALITÄTBei Anruf Mord

„Im größten Fall von Bandenkriminalität in der Nachkriegszeit“ wurden 28 Verdächtige verhaftet. Sie sollen einem „fast nach kaufmännischen Gesichtspunkten betriebenen Syndikat“ angehören.
Der heiße Draht führte in die obskure Tanzbar "Babalu" in der Frankfurter Moselstraße 33, nahe Hauptbahnhof und Kaiserstraße, im Zentrum des Dirnen-, Zuhälter- und Ausländerreviers, wo Massenschlägereien, Schüsse aus fahrenden Wagen und Messer-Überfälle nicht nur nachts zur Tagesordnung gehören.
Wochenlang wurden alle Gespräche, die vom oder mit dem Anschluß 23 48 82 -- die Nummer steht in keinem Telephonbuch und ist auch über den "Sonderplatz" der amtlichen Auskunft nicht zu erfahren -- geführt wurden, abgehört und auf Tonband festgehalten.
Die Mitschnitte gaben Unterhaltungen und Drohungen, Bestellungen und Zahlungen, Anweisungen und Vollzugsmeldungen wieder -- in deutschen, italienischen und französischen Dialekten, abgewandelt in Rotwelsch und internationalem Gangsterjargon.
Wurden "Muscheln" bestellt, so vermißten die Besitzer teurer Sport- und Luxuswagen wenig später ihre schnellen Karossen.
Lautete der Telephon-Befehl zum Beispiel so: "Du brauchst nur noch zu schießen, dann bekommst Du Dein Geld" -- so wurde etwa, wie unlängst im Frankfurter Ostend, ein Mann mit Schulter- und Beinschüssen gefunden, der sich strikt weigerte, Anzeige zu erstatten. Oder: Außerhalb Frankfurts wurde ein Toter identifiziert, wie im Oktober letzten Jahres bei Neu-Isenburg der 42jährige Günther Martin, dessen polizeibekannte Kontakte zur Unterwelt auf eine "Hinrichtung" schließen ließen.
Als in der Nacht zum 20. Januar dieses Jahres ein mit zwei Jugoslawen und zwei Prostituierten besetzter BMW nach einer Verfolgungsjagd durch Taxifahrer in den Main gerast war (wobei nur der mutmaßliche Fahrer Vladimir Voivodic überlebte), rekapitulierte das Tonband am Morgen danach: "Die sind wir los, die sind heute morgen alle in den Main gefahren."
Am Montagnachmittag letzter Woche kurvten fünf Mannschaftswagen der Polizei in die Kaiser- und Moselstraße, mehr als hundert Uniformierte stürmten vor staunenden Passanten-Scharen in die "Babalu-Bar" und ähnliche Lokalitäten, prügelten und knüppelten sich mit überraschten Loddels, Barkeepern und Gästen und nahmen dreizehn Männer mit. Gleichzeitig erfolgten in Saarbrücken drei Festnahmen, in Köln, Augsburg und Offenbach wurde je eine Person aufgegriffen. Und in Holland flogen vier Bankräuber und drei Pelzdiebe auf.
Ein Sonderkommando des Bundeskriminalamtes (BKA) in Wiesbaden mit einem bis jetzt geheimen Stabsquartier im Frankfurter Zentrum -- mit Funkanlagen und Waffenarsenal -, verstärkt durch Beamte aus Stuttgart, Köln, Saarbrücken und Frankfurt, unterstützt durch Interpol-Kollegen aus Rom, Paris, Amsterdam und Brüssel -- die auch als Dialekt-Dolmetscher tätig waren -, hatte "im größten Fall von Bandenkriminalität in der Nachkriegszeit" (BKA-Version) einen entscheidenden Schlag geführt.
Seit einem halben Jahr ermittelte die örtliche Kriminalpolizei in den diversen Landeshauptstädten, seit Januar operierte die Sonderkommission. Nach dem fast ausschließlich auf Tonband-Protokollen fixierten Ermittlungsergebnis* beantragte der Frankfurter Staatsanwalt Wolfgang Heinrich, Sondersachbearbeiter für Schwerkriminalität, 56 Haftbefehle, die Richter Norbert Pawlik vom Amtsgericht Frankfurt prompt erließ.
Inzwischen sind 38 der 56 Haftbefehle vollstreckt, 19 davon allein am vergangenen Montag. Dreißig Italiener, vier Franzosen und vier Deutsche stehen unter dem pauschalen Verdacht der "verbrecherischen Verschwörung mit dem Ziel, strafbare Handlungen zu begehen oder zu unterstützen". Kriminalrat Erich Straß vom Bundeskriminalamt: "Es gelang das erstemal, die Existenz eines fast nach kaufmännischen
* Nach Paragraph 100 a der Strafprozeßordnung kann ein Richter bei Verdacht schwerer und gemeingefährlicher Kriminalität das Anzapfen von Telephonleitungen durch die Kriminalpolizei anordnen Die Verwendung derart gewonnener Tonbandaufnahmen in einem Strafverfahren ist allerdings nach der bisherigen Rechtsprechung umstritten.
Gesichtspunkten betriebenen Syndikats nachzuweisen."
Die speziellen Delikte, die den Bandenmitgliedern vorgeworfen werden, lassen in der Tat an krimineller Vielfalt und Härte in der Bundesrepublik und in Europa kaum einen Vergleich zu: Einbruch und Diebstahl, Waffen- und Rauschgifthandel, Fälschung von Geld, Pässen und Kraftfahrzeugpapieren, Prostitution und Zuhälterei, schwere Körperverletzung und Mord auf Bestellung. Staatsanwalt Heinrich zur "Bedeutung dieses Falles": "Die Existenz unseres Staates, unser aller Existenz, wird bedroht und angegriffen."
Dem europäischen Gangster-Syndikat (BKA-Kürzel: "Eurogang") mit der Einsatzzentrale in Frankfurt diente nach Meinung der deutschen Fahnder die sizilianische Mafia mit ihrem streng hierarchisch organisierten US-Ableger Cosa Nostra ("Unsere Sache") als Modell. Auch die Erpresser- und Killerpraxis der amerikanischen Racketeers wurde blutig nachgeahmt.
Zum Beispiel waren und sind Bandenmitglieder, die "singen", zufällige Zeugen von "Eurogang" -Aktionen oder Mitläufer, die auf eigene Faust kassieren wollen, ihres Lebens nicht sicher. Regierungskriminaldirektor Dr. Karl-Heinz Gemmer, Leiter der BKA-Gruppe Nachrichtensammlung und Ermittlung, hat genügend Beispiele: "Zur Warnung wird meist in die Beine geschossen, dann in den Unterleib."
Wie die Cosa Nostra gewährte auch der Frankfurter Kriminellen-Kreis verfolgten Kumpanen aus dem Ausland Unterschlupf -- so drei Neapolitanern, die in einer Bar in Genua beim Vollzug einer Unterwelt-Abrechnung mehrere Gäste niedergeschossen hatten. Ein Mitglied des Todes-Trios wurde Ende März in der Kölner Wohnung eines "Eurogang"-Angehörigen festgenommen.
Freilich galt die gewinnbringende Aktivität der europäischen Bande, zu der auch die BMW-Insassen gehörten, weniger langfristiger Unterdrückung und Erpressung -- etwa von Lokalbesitzern -- als vielmehr dem schnellen Zugriff: Ziel waren vor allem in Frankfurt Pelzhandlungen und Juweliere an renommierten Geschäftsstraßen.
Die Beute, oftmals nach Rififi-Manier über Keller und Nebenhäuser herausgeholt, war beträchtlich: allein bei fünf Einbrüchen im August und November 1970 etwa Pelzwaren im Wert von zusammen fast zwei Millionen Mark.
Arbeitsweise und Warenauswahl der Einbrecher ließen auf Spezialisten und Kenner schließen. Dr. Gemmer: "Wir wissen, daß die Leute am Vorabend aus dem Ausland eingeflogen wurden. Kam die Sache am nächsten Morgen auf, dann waren sie schon wieder auf dem Luftweg fort."
Hintermänner und Hehler machten das Diebesgut unkenntlich oder brachten Felle und Steine neu verarbeitet auf den Markt. Dr. Gemmer: "Die Organisation bot zeitweise ihre Beute wie in einem Discountladen an."
Ähnlich komplett und perfekt wie bei der Mafia und Cosa Nostra scheinen Bewaffnung und Ausrüstung der "]Frankfurter" (Polizeijargon) zu sein. Bei Saarbrücken wurde kürzlich eine Druckerei ausgehoben, in der falsche Hundertmark- und Zwanzig-Dollar-Scheine gedruckt werden sollten. Bereits produziert waren einige hundert Kraftfahrzeugbriefe und Kfz-Scheine, ebenso Travellerschecks -- alles für die "Zentrale" in Frankfurt bestimmt.
Aber ähnlich wie bei der Cosa Nostra bleiben auch bei der europäischen Sache die Köpfe und Drahtzieher im Hintergrund. Immerhin erklärte ein Sprecher des Bundeskriminalamtes nach der Großrazzia vom letzten Montag: "Wir hoffen jetzt, einen Teil des Kopfes der Bande erwischt zu haben."
Als besonders wichtiger Teil des Syndikat-Kopfes, wenn nicht gar als Chef des Superdings, gilt der bereits im April mit einem halben Dutzend anderer Verdächtigter verhaftete Frankfurter Barbesitzer Felix Lesca, 37, ein Franzose aus dem Elsaß.
Die Ostend-Wohnung seiner als Prostituierte im Frankfurter Westend logierenden angeblichen Verlobten, wo Lesca des öfteren abstieg, wurde wochenlang observiert. Dann machte die Kripo dort reiche Beute: Schußwaffen, gefälschte Ausweise und Führerscheine "in Massen", Falschgeld und einen als Mini-Fälscherwerkstatt eingerichteten Kosmetikkoffer mit Stempeln, um "praktisch jeden Paß der Welt" anfertigen zu können.
Lesca bestreitet, mit den Funden irgend etwas zu tun zu haben, und verweist auf andere ausländische Freunde seiner Freundin, die dort auch zu übernachten pflegten. Lesca wird von dem Frankfurter Strafverteidiger Egon Geis vertreten, und auch die anderen Inhaftierten lassen prominente Anwälte auftreten.
Kaum herausreden können sich dennoch drei Bandenmitglieder, die im noblen Frankfurter "Airport"-Hotel einem Interessenten Falschgeld-Proben für eine Expertise überließen, die den Ankauf von Blüten für 1,8 Millionen Mark zu nur 18 Prozent des Nennwertes untermauern sollte: Die Übergabe wurde photographiert -- der Empfänger war ein Kriminalbeamter.
Ausgang und strafrechtliche Fortsetzung der EWG-Fahndungsaktion, die sich in den nächsten Wochen und mit neuen örtlichen Schwerpunkten noch auf über 50 verdächtige Gang-Kumpane erstreckt, sind freilich noch ungewiß. BKA-Fahnder Gemmer sieht trotzdem schon jetzt einen Teilerfolg: "Wir haben es mit höheren Investitionen als je zuvor geschafft, den Schwerkriminellen aus dem Ausland die Bedingungen in der Bundesrepublik gewaltig zu erschweren."
Seit Februar schon wurde in Frankfurt kein nennenswerter Juwelen- oder Pelzdiebstahl mehr inszeniert.

DER SPIEGEL 20/1971
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