12.07.1971

Presse / OTTO KÖHLEREs darf gejubelt werden

Um "wilden Gerüchten" entgegenzutreten und "anderem Unsinn. den einige unserer jämmerlichen Konkurrenten verbreiten", solle die Erklärung möglichst weit verbreitet werden. Diese Anweisung kam am vorletzten Samstag per Fernschreiben von der Europa-Zentrale in London zum upi-Deutschlanddienst nach Frankfurt. Auf Deutsch las sich die upi-Erklärung so: "united press international und die deutsche presse-agentur haben eine engere zusammenarbeit in Deutschland vereinbart. Auf Englisch -- im internationalen Dienst von upi -- klang es noch schöner: "the expansion of upi news service throughout the federal republic to about 500 subscribers of dpa ..."
Die jämmerliche Wahrheit aber ist: upi hat vor dpa kapituliert. Von Dezember an stellt die amerikanische Agentur ihren deutschen Dienst ein. Upi liefert künftig seine internationalen Nachrichten zur Auswertung an dpa und bezieht deutsche Nachrichten von dpa. Eine Konkurrenz findet nicht mehr statt.
Mit dem Ende des deutschen upi-Dienstes stirbt aber auch die Idee, der upi ihr Leben verdankte. Upi -- früher up -- war 1907 gegründet worden gegen das Kartell der großen offiziellen Nachrichtenagenturen, die untereinander nicht konkurrierten. 1946, als die dpa-Vorgängerin Dana schon einmal versuchte, einen Vertrag auszuhandeln, wie ihn dpa jetzt bekommen hat, wies up dieses Ansinnen zurück; es sei immer ihr Ziel gewesen, "den internationalen Nachrichten-Ring zu durchbrechen, der von amtlichen und halbamtlichen Agenturen gebildet war, die lediglich unter sich Nachrichten austauschten ..."
Weiterer Grundsatz von einst: "Unter keinen Umständen und ohne Rücksicht auf vielleicht günstige finanzielle Bedingungen kann die United Press einer Beteiligung an einem Nachrichtenmonopol zustimmen ..."
Damit ist es nun vorbei. Der Vertrag ist für die upi-Zentrale in New York finanziell sehr günstig. Er befreit die dpa von einer lästigen Konkurrenz und den deutschen Zeitungsleser von einer Nachrichten -- quelle, die leichter einmal unangenehme Dinge meldete als die behördenfromme dpa. Denn allzuoft hatte upi aufgedeckt, wo dpa brav offizielle Verlautbarungen abwartete. Und wenn auch manche Redakteure meinen, upi sei zwar schneller, aber gelegentlich dafür etwas ungenau -- es war dpa, die 1964 die Blitzmeldung in die Welt setzte: "Chruschtschow tot". Während dpa eben erst exklusiv die Krankheit schilderte, an der Chruschtschow gestorben war, verifizierte upi, daß Chruschtschow lebt.
Bisher galt der Grundsatz: "Die United Press tauscht ihre Nachrichten nicht mit anderen Agenturen aus, sondern setzt ihre eigenen erfahrenen und objektiven Korrespondenten an die Quelle der Nachrichten." So konnte upi am letzten Montag melden, daß das West-Berliner Landgericht eine einstweilige Verfügung aufgehoben hatte, die dem "Stern" die Behauptung verbot, Innensenator Neubauer habe mit seinem Bomben- und V-Mann Urbach den Ausgang des Mahler-Verfahrens beeinflussen wollen. Künftig sitzt an der Quelle der Nachricht der Mann von dpa. Und von ihm kann upi übernehmen, was der dpa-Basisdienst darüber zu berichten hat: nichts.
Auch aus Vietnam werden wir künftig weniger erfahren. Am vorletzten Freitag meldete upi um 13.35 Uhr:
eine unverzuegliche untersuchung hat das weisse haus in washington als reaktion auf einen angriff amerikanischer kampfflugzeuge gegen ziele im nordvietnamesischen teil der entmilitarisierten Zone vietnams angeordnet. wie aus militaerkreisen in washington am donnerstagabend weiter verlautete, verstiess der einsatz gegen die von den usa aufgestellte regel der "schutzreaktion", die angriffe auf nordvietnam nur als unmittelbare reaktion auf kampfhandlungen von nordvietnamesischem Gebiet aus erlaubt. Dpa dagegen pickte um 18.47 Uhr immer noch dankbar auf, was US-Militärs in Saigon ausstreuten: usa-bomber haben erneut flugabwehrstellungen im nordvietnamesischen teil der entmilitarisierten zone bombadiert, wie ein amerikanischer militaersprecher am freitag in saigon mitteilte, haetten die nordvietnamesen am vortag das feuer auf den suedlichen feil der zehn kilometer breiten pufferzone eroeffnet.
Am selben Tag meldete upi aus London, daß ein US-Oberstleutnant im britischen Fernsehen Generalmajor Barnes beschuldigte, er habe Folterungen und Morde an Vietnamesen geduldet. Upi berichtete 78 Zeilen mit erschreckenden Einzelheiten. Dpa schwieg zwei Tage lang und machte dann ein Bildangebot: portrait des us-oberstleutnants anthony herbert, der in einer londoner fernsehsendung schwere vorwuerfe gegen amerikanische truppenkommandeure in vietnam erhoben hat, Freilich, nach dem Vertragsabschluß wird dpa auch die Nachrichtenquellen von upi ausschöpfen dürfen. Aber dpa kann frei entscheiden, ob sie eine Meldung übernehmen will und wie. Der bisherige dpa-Vertragspartner Reuter weiß da Bescheid. Bei der Invasion von Laos meldete Reuter: "Die südvietnamesischen Soldaten überquerten die Grenze nach Laos unter dem Jubel und Spott erschöpfter amerikanischer Soldaten." Bei dpa dagegen durfte nur gejubelt werden. Mit der Quellenangabe "nach Reuter", strich dpa in ihrer Meldung den Spott.
Künftig wird upi erleiden müssen. was dpa bisher Reuter antat. Schon lange hatte die deutsche Agentur das New Yorker Management von upi umworben. Die gewaltige Gebührenerhöhung für Presseleitungen veranlaßten die New Yorker upi-Herren endlich zum Jawort.
Es waren übrigens wieder einmal die deutschen Journalisten von opi. die die Auswirkungen der Gebührenerhöhung für die Presse an die Öffentlichkeit brachten. Dpa wußte zwar längst schon Bescheid, schwieg aber gegenüber den anderen Agenturen. denn dieses Wissen war Herrschaftswissen.
Seit Monaten verhandelte dpa allein mit dem Postministerium. Es trafen sich dort zwei Interessenten: dpa, die der Verlust einer lästigen Konkurrenz nicht unglücklich macht, und die Bundesregierung. deren Sprecher Ahlers die Existenz ausländischer Agenturen als "Relikt aus der Besatzungszeit" betrachtet (in Wahrheit gab es einen deutschen opi-Dienst lange vor Goebbels).
Und siehe: Es ergab sich, daß der Gebührenbeschluß dpa nicht so total traf wie upi. Upi ist zur Weitergabe seiner Meldungen auf die Fernschreibstandleitungen angewiesen, deren Gebühren bis zu 110 Prozent erhöht wurden, dpa braucht diese Leitungen nur für seine Landesdienste. Der bundesweite dpa-Basis-Dienst dagegen wird über einen Langwellensender gefunkt, dessen weniger stark erhöhte Gebühren nicht ins Gewicht fallen. Vor allem nicht, wenn man einen Konkurrenten verliert.
Von Otto Köhler

DER SPIEGEL 29/1971
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