21.11.2005

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEGottes Geldsegen

Vor 55 Jahren vom Priester missbraucht, jetzt entschädigt
Länger als ein halbes Jahrhundert hatte Eva Dubuisson gewartet, doch als es so weit war, sank sie ratlos auf die Eckbank in der Küche und betrachtete diesen Brief, den sie vor wenigen Minuten aus der Post geangelt hatte.
Sie las etwas von 50 000 Euro.
Sie atmete tief durch, und dann begann sie noch einmal von vorn zu lesen: Brüssel, im März 2005, las sie, und dass man entschieden habe, aus Gründen der Moral, eine Entschädigung zu zahlen, 50 000 Euro für die Schmerzen einer Jugend, für eine Erziehung, die sie nie erfuhr. Sie las, dass die vergangene Zeit die Sache nicht erleichtere, wenngleich man guter Dinge sei, dass Sacre Coeur, die Bruderschaft des Priesters, die die Summe zahlen müsse, den Entscheid verstehen werde. Absender: die Kommission zur Aufklärung von Fällen sexuellen Missbrauchs in der Kirche.
Eva Dubuisson ist eine zierliche Frau von 70 Jahren, die jünger aussieht. Sie trägt schwarze, enge Jeans und einen schwarzen Wollpullover; in dem kleinen Haus hinter der Pariser Peripherie umgibt sie sich mit 13 Katzen, mit Hasen, Vögeln, Hunden, mit Stoffpuppen und Spieluhren. Es ist ein Kinderparadies, das sie sich geschaffen hat. Sie sagt, sie brauche das, vielleicht, weil sie nie richtig Kind gewesen ist.
Es waren ärmliche Verhältnisse damals in dem Dorf nicht weit von Gent. Der Vater, ein ernster, einsilbiger Flame, besaß einen Karren und ein Pferd und belieferte das Dorf mit Kohlen. Als Eva fünf war, starb die Mutter, überall im Haus lag nun der Staub, doch Eva brauchte niemanden, der sich um sie kümmerte, auch nicht ihre beiden älteren Brüder.
Sie war fleißig in der Schule, sprang nachmittags in den Kanal, und abends las sie ihre Bücher. Als sie 13 wurde, fand sie in der Weste ihres Vaters ein paar Papiere. Auf diesem Weg erfuhr sie, dass dieser gutmütige Mann seiner ersten Frau ein Messer in die Brust gestoßen hatte.
Eva wandte sich in ihrer Not an einen Priester, der in der Schule oft die Messe las. Ein Priester, glaubte Eva, sei ein verständnisvoller Mann.
Zweimal in der Woche lief sie rüber zum Château, zur Herberge der Bruderschaft von Sacre Coeur, und sprach sich alles von der Seele. Der Priester, groß und dunkelhaarig, hörte zu, er war geduldig, und als Eva 14 war, erzählte sie, dass einer ihrer Brüder nun immer Freunde mit nach Hause brachte, alte, dreckige Kerle, die sie küssten, ihre Brust berührten und denen diese Dinge bald schon nicht mehr reichten.
Mit sanfter Stimme erkundigte sich der Priester nach den Details.
Im Wohnzimmer von Eva Dubuisson hängt an der Wand ein Bild vom toten Papst, aber Johannes Paul, sagt sie und lächelt, kann für diese Dinge nichts. Dann hebt sie eine Katze auf den Schoß, und während sie das Tier liebkost, sieht man die Narben auf dem rechten Unterarm. Das Schlimmste, sagt sie, kam ja erst.
Als auch der Priester, dieser letzte Mann, dem sie vertraute, sich an ihr verging, wehrte sie sich, zum ersten Mal, und lief davon und flüchtete zu einer Tante, die bei der Polizei Bericht erstattete.
Eva landete in einem Haus, das ein paar Nonnen leiteten. Das Haus, "Le bon Pasteur", war eine Besserungsanstalt.
60 Mädchen lagen im großen Schlafsaal, Mädchen, die gestohlen hatten oder abgetrieben, Töchter von Verbrecherinnen.
Die Tage, einer wie der andere, gingen hin mit Nähen, Putzen, Beten, und am Nachmittag entließ man sie für eine Stunde in den Hof. Dann liefen sie entlang der hohen Mauern, stumm, wenn ein Mädchen sprach, dann kam es in den Keller, wo der Staub noch schwärzer als zu Hause war. Sogar eine Nacht musste Eva in dem Keller verbringen; sie hatte sich getraut zu fragen, warum man sie gefangen hielt.
Herausgefunden hat sie dies erst Jahre später. In den Archiven des Genter Justizpalastes tauchte eine Akte auf, die ein Gerichtsurteil enthielt.
Sie, Eva Dubuisson, sagt das Papier, habe sich herumgetrieben und prostituiert und werde deshalb bis zur Volljährigkeit in einer Besserungsanstalt verwahrt; Urteil nach öffentlicher Anhörung ergangen am 5. Oktober 1950. Es war ein Prozess, der niemals stattgefunden hatte. Die Kirche trieb die Angst, dass der Skandal ans Licht gekommen wäre in einem richtigen Prozess. Und dass alles rausgekommen wäre, hätte man sie laufen gelassen. Deshalb habe man sie weggesperrt, ganz einfach, sagt Eva Dubuisson.
Sechs Jahre blieb sie in der Anstalt, und nachdem man sie entließ, versuchte sie, sich durchzuschlagen, kellnerte und bügelte, in der Familie galt sie als Verräterin. Dann ging sie ins Kloster, und nach ein paar Jahren traf sie Christian, die erste Liebe ihres Lebens. Sie heirateten und zogen nach Frankreich, nahmen drei Pflegekinder auf und bekamen einen Sohn.
Seit die Kinder aus dem Haus sind, versucht Eva Dubuisson, die Lücken ihrer Biografie zu schließen. Sie wandte sich an die Justiz in Gent und an das Bistum, und sie fand, neben dem Urteil, ein Dokument, aus dem hervorging, dass der Priester 40 Tage lang in Untersuchungshaft genommen worden war. Später wurde er versetzt. Der Pädophile predigte, bis er mit 92 Jahren starb.
Vor drei Wochen meldete sich Eva Dubuisson wieder beim Bistum. Sie wollte wissen, wie es um die 50 000 Euro stehe. Man fragte sie, ob ihr nicht auch die Hälfte reichen würde. MARIAN BLASBERG
Von Marian Blasberg

DER SPIEGEL 47/2005
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