04.10.1971

Adolfs Rekruten

Sportfunktionäre und -Standardwerke in der Bundesrepublik klammerten das Kapitel von 1933 bis 1945 bislang aus. Erst zum Olympia 1972 erschienen kritische Untersuchungen.
Nationalstürmer und Torschütze Otto ("Tull") Harder gehört zu den deutschen Fußball-Denkmälern. Die Fortsetzung seiner Geschichte las das Fußballvolk nie -- jedenfalls nicht in der Bundesrepublik:
Harder und sein norwegischer Mitspieler beim Hamburger SV, Assi Halvorsen, begegneten sich während des Zweiten Weltkriegs in Oranienburg wieder, der Norweger -- wegen Widerstands gegen die Besatzer -- als KZ-Häftling, SS-Unterscharführer Harder als Bewacher. Ein Militärgericht verurteilte den Nationalspieler später wegen "Mißhandlung von Häftlingen" zu 15 Jahren Gefängnis.
Die Leselücke paßt in die verdrängte Vergangenheit des deutschen Sports. Erst die bevorstehenden Olympischen Spiele in München veranlaßten kritische Autoren, die Sportgeschichte von 1933 bis 1945 aufzuarbeiten. Die konservativen Sportführer hatten diese Zeit bisher ausgeklammert.
Der weiße Fleck in der Sportchronik entstand zwangsläufig; führende Sportfunktionäre des Dritten Reiches waren auch in einflußreiche Funktionen der neuen Sportverwaltung gerückt.
Carl Diem war Prorektor der Sporthochschule in Berlin und dann Generalsekretär des Olympischen Organisations-Komitees (OK) von 1936 gewesen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er Professor und leitete die Deutsche Sporthochschule in Köln. Diem hat das Sportabzeichen für Gesundheitssportler durchgesetzt, eine "Weltgeschichte des Sports" verfaßt und 1936 den olympischen Fackellauf eingeführt.
Aber er schwadronierte während des Frankreich-Feldzuges 1940 auch chauvinistisch: "Die sportlichen Erfolge in Friedenszeiten haben sich in militärische Siege verwandelt" und: "Der Krieg ist der vornehmste. ursprünglichste Sport."
Karl Ritter von Halt hatte sich bei den Olympischen Spielen 1912 am Leichtathletik-Fünfkampf beteiligt, war 1929 in das Internationale Olympische Komitee (IOC) gewählt worden und folgte 1944 als Kommissarischer Reichssportführer dem SA-Mann von Tschammer und Osten im Amt. Nach dem Kriege internierte ihn die sowjetische Besatzungsmacht im früheren KZ Buchenwald.
Aber er verzichtete nicht auf sein IOC-Mandat und klebte auch auf seinem Präsidenten-Sessel im Nationalen Olympischen Komitee (NOK). Hitlers letzter Reichssportführer leitete die bundesdeutsche Delegation bei den ersten Verhandlungen mit der DDR über eine gesamtdeutsche Olympia-Vertretung.
"Das gewaltige Denkmal lebendigen Sportvolks wird von den braunen und schwarzen Uniformen des Dritten Reiches rechts und links umschlossen". schrieb der Hauptschriftleiter des "NS-Sport" und Generalreferent des Reichssportführers" Guido von Mengden. Sich und seine Sportler degradierte er zu "Rekruten bei dem großen Gefreiten Adolf Hitler". 1945 tauchte er unter und nannte sich Till van Ryn. Später bezog von Mengden Gehalt als Geschäftsführer des Deutschen Sport-Bundes (DSB).
Diem, von Halt und von Mengden sind keine fanatischen Nationalsozialisten gewesen. Sie gaben an, die völlige Auflösung einer eigenständigen Sportbewegung verhindert zu haben, und rechnen sich den sportlich-organisatorischen Erfolg der Spiele von 1936 an -- zu Recht. Aber keiner von ihnen fürchtete, den Bundessport zu belasten.
Als der Deutsche Sport-Bund dann 1955 in sein erstes Jahrbuch eine Sportgeschichte des Hitler-Reiches aufnehmen wollte, beauftragte er den früheren Chefredakteur des NS-Sports. Er rechtfertigte sich mit Zahlen und organisatorischen Einzelheiten. "Eine der bewunderungswürdigsten Leistungen der deutschen Turn- und Sportbewegung". schrieb von Mengden, "und nicht der Nationalsozialismus war der Olympiasieger von 1936."
Damals hatte die Diskriminierung der Juden vor allem in den USA eine Boykottbewegung bewirkt, die Hitlers erfolgreichste Propaganda-Schau bis Ende 1935 gefährdete. Die in den letzten drei Jahren von der Deutschen Olympischen Gesellschaft (DOG) in hoher Auflage herausgegebenen Standardwerke "Die Olympischen Spiele der Neuzeit" und das "Olympische Lesebuch" erwähnen die Judenfrage nicht einmal. Der Berliner Senat lehnte das Olympia-Lesebuch für die Schulen ab.
Dagegen förderten der amerikanische Autor Richard D. Mandell ("The Nazi Olympics") und der Bonner Professor Dr. Hab Bernett ("Sportpolitik im Dritten Reich") 1971 Einzelheiten aus den braunen Kulissen der Olympischen Spiele in Berlin zutage, die nicht einmal bundesdeutsche Sportbosse kannten.
Als Hitler die Macht ergriff, gab es in 250 Klubs 40 000 organisierte jüdische Sportler in Deutschland. Eine Verfügung schloß sie im Juni 1933 aus; sein Verein in Stuttgart-Bad Cannstatt feuerte auch Fritz Rosenfelder. der ihn gegründet und jahrelang geleitet hatte. Er beging Selbstmord.
Den Tennismeister Dr. Daniel Prenn strich das Regime aus seiner Daviscup-Equipe und verzichtete so auf die 1933 besonders günstigen Siegesaussichten. Prenn wanderte nach London aus. Der Offenbacher Fechtclub sperrte sein erfolgreichstes Mitglied aus, die Olympiasiegerin Helene Mayer. Eishockey-Nationalspieler Rudolf Ball emigrierte nach Paris.
Alex Natan hatte 1929 mit der 4 x 100-Meter-Staffel des SC Charlottenburg sogar den Weltrekord gestürzt. Der NS-Sport löschte Natan aus den Rekordlisten. Er zog sich nach England zurück. Eine groteske Maßnahme hinderte sogar die Vollblüter "Schwarzgold" und "Oktavianus" aus dem Gestüt Schlenderhan am Start um das "Braune Band", weil sie den -- ausgewanderten -- nichtnordischen Brüdern Oppenheim gehört hatten.
Doch wegen der Nürnberger Rassengesetze drohte die Olympiade in Berlin zu platzen. Deshalb mahnte von Halt Hitlers Regierung, die olympischen Regeln einzuhalten. Er betonte freilich. "daß ich meine Sorge nicht äußere, um den Juden zu helfen". Als Alibi holten Hitlers Sportführer 21 jüdische Athleten zu Trainingskursen.
Eine Chance erhielten sie nicht. Hochspringerin Grete Bergmann hatte bei den Titelkämpfen im Gau Württemberg 1,60 Meter gemeistert. Dennoch durfte sie nicht an der Deutschen Meisterschaft teilnehmen und sich für Olympia qualifizieren. Ohne sie reichten 1,54 Meter zur Meisterschaft, die Olympiasiegerin übersprang 1,60 Meter. Als der Düsseldorfer Leichtathletik-Experte Heinz Vogel den Fall aufdeckte" erinnerte sich weder ein Funktionär noch ein Verein.
Hitler wendete den Olympia-Boykott erst endgültig ab. indem er Eishockey-Star Ball aus Frankreich in die Olympiamannschaft holte und die blondblauäugige Fechterin Helene Mayer zur Arierin erklärte. Sie wurde Dritte; die Goldmedaille erfocht die ungarische Nicht-Arierin Ilona Schacherer-Elek.
Einige Olympia-Gäste, die in Berlin "die geistige und seelische Durchdringung der Spiele mit den humanitären Idealen" (von Mengden 1955) erlebt hatten, lernten die Deutschen wenige Jahre darauf als Invasoren kennen. Der Pole Janusz Kusocinski, der 10 000-Meter-Olympia-Sieger von 1932. und der tschechische Mittelstreckler Eugeniusz Rosicky fielen als Partisanen. Im Zuchthaus Brandenburg guillotinierte der Henker 1944 Werner Seelenbinder, einen Kommunisten. der sechsmal Deutscher Ringermeister und 1936 Olympia-Vierter geworden war. In der DDR drehte die Defa einen Film ("Einer von uns") über ihn. In Bundesdeutschland wissen Sportfans allenfalls, daß in Ost-Berlin eine Halle nach ihm heißt.
Dagegen feierte der Bundessport seine wandlungsfähigsten Sportführer. Jedes Jahr zeichnet der DSB die beste sportwissenschaftliche Arbeit mit einer "Carl-Diem-Plakette" aus. Von 1972 an wird der Wettbewerb sogar international ausgeschrieben. Auf der teuersten Briefmarke der ersten Olympia-Serie: Diem zu 0,50 Mark. Baron de Coubertin. der die Olympischen Spiele wieder eingeführt hat, erscheint nur als 30-Pfennig-Wert.
Diem und von Halt leben nicht mehr, von Mengden, 74, ist Pensionär, wie viele Sportjournalisten. die über das Dritte Reich hinaus zu ihnen gehalten haben. Nun fanden es die Olympiaplaner an der Zeit, das Braunbuch der deutschen Sportgeschichte vorsichtig auf den neuesten Stand zu ergänzen.
So kündigte Olympia-Präsident Daume für die Neuauflage des Olympia-Lesebuchs zeitkritische Retuschen an. Der einst als entarteter Künstler eingestufte Gerhard Marcks gestaltet eine Seite der Olympia-Medaille. Als Ehrengast wird Dr. Robert Atlasz geladen -- bis 1933 Leichtathletik-Funktionär in Berlin -, der jetzt dem Vorstand des NOK in Israel angehört.
Für die Opfer des Hitler-Regimes ist ein Gedenkgottesdienst in Dachau vorgesehen. Nach Seelenbinder und Kusocinski sollen Straßen im olympischen Dorf heißen.
Eine Diemstraße wollen die Olympia-Veranstalter den Athleten der damals besetzten Länder jedoch nicht zumuten.

DER SPIEGEL 41/1971
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