17.05.1971

AFFÄRENPuppe im Strauch

Den einen erscheint er als „Satan im geistlichen Gewand“, den anderen „weich wie Butter": der Erzieher des Kindermörders Jürgen Bartsch, Pater Gerhard Pütz.
In der Rheingau-Sommerfrische Aulhausen, wo bei Rüdesheim die "Germania" wacht, kuriert Pater Gerhard Pütz, 57, sein wehes Bein. Folge einer Thrombose, und wartet auf das Ergebnis eines geistlichen wie weltlichen Ermittlungsverfahrens -- filterlose "Reval" rauchend und introvertiert, getreu seinem Wahlspruch zur Priesterweihe: "Lieben, leiden, schweigen, dulden."
Mühsam schlurft er über die Flure im Verwaltungstrakt des vom katholischen Salesianer-Orden verwalteten Jugendheims Marienhausen, einem ehemaligen Zisterzienserinnen-Kloster, und Wort -- karg setzt er sich zu seinen Confratres in den Speisesaal, wo er wegen einer chronischen Nierenentzündung nur salzlose Kost zu sich nimmt.
Dem zeitweiligen Lehrer des Kindermörders Jürgen Bartsch wird vorgeworfen, homosexuelle Handlungen mit Bartsch, makabre nächtliche Geländespiele in Ferienlagern. grausame Methoden bei der Erziehung seiner "Hortbuben" (Salesianer-Deutsch) sowie vor seinen Zöglingen Lesungen aus einem Buch über Gilles de Rais, einen 140fachen Kindertöter aus dem 15. Jahrhundert, vorgenommen zu haben.
Ober die Rebenhügel der Rheingauberge hinweg, in Wiesbaden, bemüht sich seit dem Ende des Düsseldorfer Bartsch-Prozesses. wo diese Anschuldigungen massiert aufkamen, Staatsanwalt Winfried Lorei um eine Neuauflage von bisher ergebnislosen, aber nie eingestellten Ermittlungen gegen Pater Pütz wegen "Unzucht mit Abhängigen". Und Pater Karl Oerder, vorgesetzter Provinzial der norddeutschen Ordensprovinz der Salesianer, beschloß, den Mitbruder "bis zur Klärung der Vorwürfe von allen Aufgaben ... die das Erziehungs- und Schulwesen innerhalb und außerhalb des Heimes betreffen". zu beurlauben.
Im frommen Salesianerheim indes, wo noch letztes Jahr 175 Schüler-laut Heimchronik -- den Monat Mai "der Gottesmutter gebührend widmeten", weiß man den forschen Klassenlehrer (alle Fächer außer Biologie und Turnen) sowie Leiter des Heimchores noch zu schätzen. "Bei Pater Pütz", sagen alle Zöglinge laut Direktor Leo Hillebrand. "lernen wir das Lernen."
Der tapsige Schülerfreund mit der Baßstimme, der nach Mitbruder Hillebrand "innerlich so weich ist wie Butter", ist freilich nach dem Urteil von Journalen und Gazetten -- ohne Anklage oder gar Richterspruch -- längst der ihm vorgeworfenen Untaten überführt. "Für ihn", schrieb das Bilderblatt "Quick", "scheint seine verschrobene Welt zwischen deutscher Weinbergromantik und sadistischen Exzessen heil zu sein."
Den Zeugenstand in Düsseldorf verließ der "Franz Josef Strauß im Talar" (Jürgen Bartsch) nach Urteil der "Zeit" mit einer "apoplektischen Gesichtsfarbe wie rohe Leber" -- nicht gerade, wie unterschwellig impliziert wurde, die Physiognomie eines Unschuldigen. Pater Pütz indessen, der zwar seine zahlreichen Ohrfeigen registriert, um "über mein Temperament Buch zu führen", findet "solchen Rufmord ungeheuerlich". Der Pater über sein wahres Ego: "Ich habe mich sogar gesträubt, aus dem Buch der Leidensgeschichte des Herrn die Kapitel über jüdische und römische Geißelungen vorzulesen."
Derart hilflos und verkrampft artikuliert sich heute der Salesianer-Bruder, der allgemein vor der üblichen Messe im Heim seine eigene Privatmesse zu lesen pflegte, angesichts eines Schuldvorwurfs. zu dem ihm "einfach die Worte fehlen". Und wie selten eine Lehrerperson sieht sich der umstrittene Pater, für den Jürgen Bartsch so oder so zum Schicksal wurde, konfrontiert mit Gefühlswerten, die von Haß und Verdammung bis zu Anhänglichkeit und Verehrung reichen.
Während mittlerweile mehr als sechzig seiner Ex-Schüler bereit sind zu beeiden, daß dem Pädagogen auch nicht eine Verfehlung anzulasten sei (Ex-Schüler und Konditormeister Karl-Wilhelm Röttges: "Ich würde mir vorbehalten. ob ich meine Kinder in ein Heim schicken würde. Zum Erzieher Pater Pütz jedoch jeder Zeit"), avancierte Pütz für den Ex-Schüler Wilhelm Johnen, heute Drehergeselle, gar zum "Satan im geistlichen Gewand".
So hatten den Seelsorger, der im Krieg nach eigenem Eingeständnis nicht dazu kam, "eine Kugel abzufeuern, weil ich wegen Wehr- und Arbeitsuntauglichkeit bei der schweren Reiterei ausgemustert wurde", neben Bartsch fünf weitere Ex-Zöglinge in übler Erinnerung.
Weil er beim Kirchgang getrödelt habe, variierte Ex-Schüler Alexander Krusen die Gruselstorys "Quick" gegenüber, "drosch Pütz mit einem Spaten aufs Ohr, daß das Trommelfell einriß".
Weil er an einem Kiosk Lakritz hatte mitgehen lassen, so erinnerte sich Wilhelm Johnen, sei er von Pütz "mit einem faustdicken Ast zusammengeschlagen" worden. Umgekehrt, so Johnen: "Wenn Pater Pütz mit mir allein war, hat er mich manchmal gestreichelt und mir von hinten unter das Gesäß gefaßt." Fazit: "Ein Satan im geistlichen Gewand."
"Die wahre Hölle" will auch Zeuge Jürgen Stein erlebt haben: Pütz habe ihn im Beichtstuhl aufs Zimmer bestellt, dort habe er sich ausziehen und makabren Geschichten lauschen müssen. Wenn er eingenickt sei, habe ihn der Pater mit dem Kopf gegen die Wand gestoßen.
Außerdem war von makabren nächtlichen Entführungsspielen die Rede, wo Pütz einen Jungen versteckt habe und dessen Mitgespielen unwissend so lange suchen ließ, bis sie eine zuvor deponierte Menschen-Puppe im Strauchwerk fanden; und auch von der angeblichen Pütz-Praxis. ihm Anvertrauten Essensreste und zusätzlich Erbrochenes hinunterwürgen zu lassen.
Für die Gutachter vor Gericht stellte sich "die Person des gefürchteten Sadisten", so der Tübinger Jugendpsychiater und Neurologe Professor Reinhad Lempp, als Schlüsselfigur zum Verständnis des Falles Bartsch dar. Selbst die Bochumer Psychologin Dr. Ursula Mantell, die für Bartschs Beurteilung als Erwachsener und für seine volle Verantwortlichkeit eingetreten war, sah in dem frömmelnd-verklemmten Salesianerpater, der sich als Kind das Stottern hatte abgewöhnen müssen, "ein verhängnisvolles Leitbild" für Bartsch, wobei vor allem die Geländespiele und die makabren Dichterlesungen Einfluß auf die Persönlichkeitsstruktur des Metzgerjungen genommen hätten. So befand denn auch das Gericht nach Anhörung des Paters in der mündlichen Urteilsverkündung, "Manipulation von Pütz" seien "für die Hauptverhandlung als bewiesen anzusehen".
Die Patres im Salesianerheim, die Pütz seit Jahrzehnten zu kennen glauben, schreiben solche Beurteilungen indes eher "seinem katastrophalen Auftritt als Zeuge" zu sowie Pützens mangelnder Fähigkeit, sich klar und präzise zu artikulieren. Vorgesetzter Hillebrand: "Pater Pütz sieht die Fakten nicht, Das wußten wir vorher schon, daß er sich vor Gericht schwertun würde,"
Pütz-Anwalt Karl Janssen aus Essen, von der Unschuld seines Mandanten überzeugt, bemüht sich denn auch von sich aus, die Belastungszeugen selbst zu belasten. Vom Zeugen Johnen etwa legte er einen Brief vor, in dem dieser -- Jahre nach dem ersten Bartsch-Mord -offenbar ohne Groll "viele Grüße" an Pater Pütz ausrichten läßt,
Zeuge Stein, so Anwalt Janssen, sei bereits 1960 vor der Heimeinweisung entsprechend abgestempelt worden
etwa durch einen Brief des katholischen Fürsorgevereins Völklingen an das Stadtjugendamt. "In der Schule", heißt es da, "ist Jürgen als ganz raffinierter Lügner und Heuchler bekannt." Jahre nach der Entlassung aus Marienhausen bat Stein denn auch die Salesianer um eine Aufenthaltsbescheinigung mit dem Hinweis, "nichts Nachteiliges über mich in dem Bescheid zu schreiben".
Freilich, die Düsseldorfer Richter und Gutachter hatten eine andere Erklärung für den zum Teil herzlichen Ton der Depeschen an Pütz. Sie stellten fest. daß die Briefe auf Betreiben von Eltern und Angehörigen geschrieben und schon deshalb in gewinnendem Ton abgefaßt worden seien, weil es um die Erfüllung irgendwelcher Bitten ging.
Die Entführungs- und Geländespiele, so fragwürdig und bezeichnend sie auch gewesen sein mögen, waren im Salesianerheim zumindest keine Ausgeburt einer sadistischen überhitzten Phantasie des Paters Pütz allein. Zwar hatte Pütz einst in einem Brief an Bartsch detailgetreu eine solche "Mutprobe" beschrieben:
Still war es auf dem Zeltplatz. Ein Käuzchen rief. Ein paar Frösche quakten. Dunkle Nacht. Mitternacht. Zwei Gestalten schleichen heran, öffnen das mittlere Zelt, ergreifen mit kräftigen Händen den schlafenden Jungen Herbert. Ein kurzer Schrei! Einer hält seinen Mund zu, und schon ist die kleine Gestalt im weißen Schlafsack verschwunden.
Ich rase zum Telephon und versuche scheinbar, die Polizei zu erreichen. Md Knüppeln bewaffnet durchkreuzen die Jungen den Wald, manche sehr ängstlich und feige, andere mutig und dreist. Sie kommen zur Schutzhütte. Dort sehen sie von ferne was Weißes. Der Lagerleiter läßt stürmen!
Im Schlafsack, geknebelt und gefesselt, liegt der Junge Herbert, ängstlich und verschüchtert. Er ist gefunden und wurde befreit. Erleichtert kommen die Jungen zurück! Die Täter wurden nicht erwischt. Doch solche Spiele, bestätigt Pater Hillebrand, wählten auch andere Salesianer-Erzieher zu dubioser Freizeitgestaltung. So komme auch der Puppenfall, bei dem mit roter Tinte getränkte Lumpen die Spur gewiesen hatten, laut Hillebrand "auf das Konto eines anderen Erziehers". Und Rechtsvertreter Janssen bemüht sich abzuwiegeln: "Wir haben als Jungens im Zeltlager auch Heiliger Geist gespielt"
Auch die Leselektüre des Paters. so bekunden jedenfalls die mehr als sechzig Ehemaligen, die sich aus eigenem Antrieb zu seiner Entlastung formierten, habe im Höchstfall aus Karl-May-Romanen, Büchern wie "Tom Sawyer". "Der rote Uhu" oder Peter Dörflers "Der Bubenkönig" -- Geschichten über Don Bosco" Namenspatron des Heimes -, nie aber aus "solchen fiesen Mörderstories" bestanden. In der Tat bleibt zweifelhaft, ob der nur ein "Schulfranzösisch" sprechende Putz die Taten des Gilles de Rais überhaupt vorlesen konnte:
Zwar ist Gilles de Rais in Deutschland -- samt seiner Taten -- aus zahlreichen Sekundär-Veröffentlichungen und Zitaten bekannt gewesen. Es hat auch aus der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts mindestens eine Übersetzung gegeben. Doch die letzte damals eventuell im Buchhandel erhältliche Ausgabe stammte aus dem Jahre 1903 und war in Französisch abgefaßt.
Wie auch immer die pädagogisch kaum verantwortliche Pützsche Erzieher-Praxis in ihrer Mischung aus Aggression, Klampfenromantik und katholischer Askese zu werten sein möge, den strafrechtlich meßbaren Vorwurf sadistisch-sexueller Oberschreitungen weisen die 60 Ex-Schüler einhellig zurück -- dies, soweit es nachprüfbare Fälle in der Heimöffentlichkeit betrifft.
Godehard Mohren, der in seiner "Eigenschaft als Klassensprecher oft mit Pütz allein" war, in sexueller Hinsicht aber bei ihm "nie etwas" bemerkte, weiß gar: "Wenn ich heute Theologie studiere, so ist das -- neben Gott -- Pater Pütz zu verdanken."
Freilich, ungeachtet des Für und Wider um den Salesianer-Pater Pütz: Die keimfreie Atmosphäre des Hauses, wo schon Onanie zu beichten war, der dauernde Druck grauer Alltäglichkeit, der monotone Tagesablauf eines auch ohne Mauern kasernierten Lebens, wo es zuweilen um 650 Uhr eine Mitbrüder-Messe, um 8 Uhr ein Levitenamt und um 18 Uhr folgerichtig eine Abendandacht gab -- dies alles Merkmale kirchlicher Internatserziehung -, mochte für die Prägung der Persönlichkeit labiler Naturen vielleicht von ebenso entscheidender Bedeutung sein wie mögliche Einzel-Exzesse.
"Er, der Herr", schrieb indes Pater Hillebrand unbeirrt in die Chronik seines ersten Direktorenjahrs, "hat seine Mitarbeiter schon mächtig hergenommen; aber dank seiner Hilfe konnte ein großes Maß an Arbeit zum Wohle des Ganzen und zum Aufbau des Reiches Gottes verrichtet werden. Deo gratias, Alleluja."

DER SPIEGEL 21/1971
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