14.06.1971

AUTOMOBILEAdel für Deutsche

Italienische Autofirmen präsentieren neue Luxus-Sportlimousinen: den Alfa Romeo 2000 und den Lancia 2000. Mit Lancia kehrt eine nahezu vergossene Marke auf den deutschen Markt zurück.
Der eine soll eine Lücke füllen. Der andere soll eine Basis bilden. Beide sollen vor allem den Deutschen gefallen.
Denn zwei neue, luxuriös ausgestattete Viertürer-Limousinen der italienischen Nobelmarken Alfa Romeo und Lancia konkurrieren in der gerade von deutschen Käufern mehr und mehr geschätzten Zweiliterklasse. Beide haben Vierzylindermotoren, beide sind sportlich-wendig und sportlich-kräftig: der 132 PS starke Alfa Romeo 2000 ermöglicht 193 km/h, der 115 PS starke Lancia 2000 immerhin 175 km/h Höchstgeschwindigkeit. Im Prinzip unterscheidet nur der Antrieb die Neulinge: Der Alfa Romeo hat Hinterradantrieb, der Lancia Frontantrieb.
Lancia, eine der angesehensten Automarken der Welt, will sich mit dem neuen Modell nach jahrzehntelanger Pause wieder auf dem deutschen Markt etablieren. Die Turiner Firma spekuliert auf Käufer, denen selbst die Zweiliterautos von Mercedes-Benz oder BMW zu alltäglich sind.
"Wir wollen mit dem Modell 2000 eine Lücke im Typenprogramm schließen", begründete Dr. Giancarlo De Bona, Chef der deutschen Alfa Romeo Vertriebsgesellschaft in Frankfurt/Main, das Erscheinen des neuen Alfa-Autos. Deutsche kauften den Mailändern im vergangenen Jahr 9300 Autos ab, 600 mehr als 1969. Doch ein größeres Kaliber als den 113 PS starken Alfa Romeo 1750 konnte das Werk seinen ausländischen Hauptabnehmern bisher nicht offerieren.
Vornehmlich auf Drängen deutscher Interessenten entschloß sich Alfa, die Lücke zwischen dem Modell 1750 und dem (in Deutschland ohnehin noch nicht verfügbaren) Achtzylinder-Sportcoup~ Montreal (200 PS) zu schließen. Die Mailänder Ingenieure vergrößerten den 1750er-Motor auf zwei Liter und übernahmen für den neuen Alfa Romeo 2000 mit nur geringfügigen Änderungen am Grill die Karosserie des Typs 1750 Berlina. Das neue Auto wurde jedoch im Vergleich zur Karosseriespenderin viel luxuriöser ausgestattet -- von neuen Sport-Komfortsitzen, bezogen mit teurem Wasch-Velours, bis zu verbesserten Armaturen. Gegen Aufpreis liefert Alfa Romeo überdies alles, was teuer und unnötig ist: Alu-Felgen, elektrische Fensterheber, Klimaanlage und getönte Scheiben.
Mit dem von Juli an lieferbaren neuen Typ. dessen Motor dann auch dem bisherigen GT-Coupé und dem Spider eingebaut werden soll, will Alfa Romeo die Produktion in diesem Jahr von 108 000 auf etwa 138 000 steigern -- "Streiks einkalkuliert" (De Bona).
Lancia baut weniger als die Hälfte. Daß die Firma überhaupt noch produzieren kann, hat sie Italiens Auto-Riesen Fiat zu verdanken, der sie 1969 samt 600 Millionen Mark Schulden übernahm. Das Unternehmen, vorher im Besitz eines Zementmillionärs und des Heiligen Stuhls, hatte sich durch eine verfehlte Modellpolitik -- Lancia baute eine verwirrende Fülle unrentabler Typen -- in den Ruin gesteuert.
Anders als Konkurrent Alfa Romeo präsentierte die auch bisher schon in der Zweiliterklasse vertretene Firma Lancia für ihre Rückkehr auf die Auslandsmärkte ein von Grund auf neu entwickeltes Automobil mit modernisiertem Boxermotor, Servolenkung, splitterfreiem Holzlenkrad und in Mahagoni und Ebenholz gefaßten Armaturen. Und zum Unterschied von den Lancia-Autos der letzten Jahre trägt der mit fast 13 Tonnen auffallend schwere Neuling das Firmensymbol wieder in Originalgröße an seiner Stirn: den Lancia-Schild.
Lancia-Autos, so schrieb einst das deutsche Autofahrer- Magazin "Auto, Motor und Sport" ehrfurchtsvoll, hätten sich "den Nimbus von Qualität und technischem Adel auch im Zeitalter der Massenmotorisierung bewahren" können. Das sollen, mit Fiat-Markthilfe" von September an auch die Deutschen wieder erleben. Aber der technische Adel hat seinen Preis.
Von Italiens neuen 2000ern wird der schnellere wohl der billigere sein. Der Lancia soll über 15 000 Mark kosten, während der Alfa Romeo mit 13 490 Mark als "eine Preisbombe" (so De Bona) kalkuliert wurde.

DER SPIEGEL 25/1971
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