28.06.1971

Die Säulen des Systems bersten lautlos

Der Mann sieht aus wie ein alternder Hippie. Aber er nennt sich einen Kriegsverbrecher. Er sagt, seine Rolle im Vietnamkrieg sei die eines Teilhabers gewesen, eines "Mitwirkenden, zusammen mit vielen anderen, an der Verschwörung, zahlreiche Kriegsverbrechen zu begehen, eingeschlossen, glaube ich, einen Angriffskrieg".
Aber er ist der Mann, der mehr als irgend jemand sonst im Verdacht steht, die Enthüllungslawine der Publizierung geheimer Pentagon-Papiere über eben diese "Verschwörung" losgetreten zu haben.
"Ich glaube", sagte er letzten Mittwoch an einem nicht näher bezeichneten Ort vor den Kameras des CBS-Fernsehens, "die Lehre (aus der Veröffentlichung der Papiere und den Reaktionen darauf) ist, daß die Bürger dieses Landes es sich nicht mehr leisten können, den Präsidenten das Land allein regieren zu lassen ... ohne die Mithilfe des Kongresses und der Öffentlichkeit."
Daniel Ellsberg ist, vor allem anderen, ein Symptom. Er signalisiert die Heraufkunft einer Form zivilen Ungehorsams, die in der bewegten Geschichte amerikanischer Aktionen gegen den Vietnamkrieg noch ohne Beispiel ist. Er ist der Beginn einer "Aktion Widerstand": die sich so nicht nennt und die sich mitschuldig bekennt an den Verbrechen, denen sie ein Ende machen will -- und zwar ein Ende mit Schrecken.
Dieser Daniel Ellsberg, und auch das ist symptomatisch, war einmal ein Falke, ein "Cold War Democrat" nach eigenem Eingeständnis, acht Jahre lang mit strategischen Analysen für die "Rand Corporation", die Denkfabrik der Regierenden, beschäftigt. Vom Sommer 1964 bis zum Sommer 1965 arbeitete er für das Pentagon unter McNamara an Studien zur Vietnam-Politik. Im Sommer 1965 ging er für das Außenministerium nach Vietnam.
Und dort, im Zusammenprall zwischen Worten und Wirklichkeit, wurde er zur Taube. Die Erkenntnis, daß die offizielle Vietnam-Politik, seine eigenen Studien eingeschlossen, der tatsächlichen Lage Vietnams und der Vietnamesen nicht Rechnung trug und auch nicht wirklich Rechnung zu tragen versuchte, ließ ihn nach zwei Jahren als Kreuzzügler der Anti-Kriegs-Bewegung heimkehren.
Anfang 1969 arbeitete er vorübergehend als einer der Helfershelfer Henry Kissingers und erfuhr dabei, daß dieser die Pentagon-Historie der amerikanischen Verwicklung in den Vietnamkrieg gar nicht gelesen hatte, noch nicht einmal hatte lesen lassen. Aber erst als er Beweise dafür zu haben glaubte, daß -- ähnlich wie im Wahlkampf Johnson gegen Goldwater 1964 -- die "Praxis der Eskalation des Krieges" ganz im Gegensatz zu den Bekundungen des Präsidenten wieder eine Möglichkeit der offiziellen Vietnam-Politik sein sollte -- erst dann hielt er die Zeit für gekommen, ein Ende mit Schrecken zu machen.
Der Schrecken ist die Wahrheit: die Verbreitung der Erkenntnis, daß mindestens drei amerikanische Regierungen, wenn nicht vier, das Volk und dessen gewählte Vertreter immer wieder belogen haben über ihre tatsächlichen Absichten in Vietnam, daß sie keineswegs nur widerwillig hineingestolpert sind in einen Krieg, der dieser Nation ihr My Lai beschert hat, sondern daß sie sich darin verstrickt haben um innenpolitischer Manöver und parteipolitischer Machtkämpfe willen.
Solche Erkenntnis muß die Basis erschüttern, auf der diese Demokratie errichtet ist, denn sie zerstört den guten Glauben der Regierten und die Glaubwürdigkeit der Regierenden. Aus dem "Credibility Gap" ist seit der Veröffentlichung der Pentagon-Papiere ein gähnender Abgrund geworden.
Und trotzdem hört man keinen Aufschrei im Land, und es marschieren auch nicht Tausende unter Protest zum Weißen Haus. Die Fülle der Skandale, die seit zwei Wochen über die Zeitungsleser niedergeht, hinterläßt eher eine Art Betäubung. Man revoltiert nicht gegen den Verlust des Vertrauens in die Regierung -- so wie man auch nicht gegen den Niedergang der Städte revoltiert und nicht gegen die Vergiftung der Umwelt. Die Säulen des Systems bersten lautlos.
Außerdem hat der Regierung ohnehin nur noch eine Minderheit geglaubt. Im Mai dieses Jahres hat Gallup auf die Frage: "Glauben Sie, daß Präsident Nixon der Öffentlichkeit alles über den Vietnamkrieg sagt" nur 24 Prozent bejahende, aber 67 Prozent verneinende Antworten bekommen.
Aber es gibt auch keinen Aufschrei gegen die Presse, abgesehen natürlich von den sicherheitspolitisch getarnten "Haltet-den-Dieb"-Rufen der Regierung. Niemand sagt diesmal, wie nach der Enthüllung der My-Lai-Massaker: Alles gelogen, die Zeitungen haben das aufgebauscht.
Das "Credibility Gap" hat seine Wirkung getan. Enthüllungen, denen die Regierung den Garaus zu machen versucht, haben heute mehr Glaubwürdigkeit als die Regierung selber.
Er habe, hat Daniel Ellsberg im Fernsehen gesagt, und er hasse es, das sagen zu müssen, er habe es schwergefunden, in den höheren Rängen dieser Regierung jemanden zu entdecken, der mit Vietnam zu tun gehabt und der Verantwortung seines Amtes wirklich entsprochen habe. Auch das ist symptomatisch. Aber kann es überhaupt noch Helden geben unter den Protagonisten dieses schrecklichen, schmutzigen Krieges?
Doch, sagte Daniel Ellsberg im Fernsehen: einen Soldaten namens Bernardt zum Beispiel, der in My Lai sein Gewehr weggeworfen und entgegen den Befehlen seiner Vorgesetzten nicht auf die Zivilisten geschossen hat. Er habe über diesen Mann gelesen, sagte Daniel Ellsberg, und dann, nach einer langen Pause voll stummer Emotionen: "Er ist ein Held."

DER SPIEGEL 27/1971
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