28.06.1971

Rache an den Brüdern in Allah

Anderthalb Millionen bengalischer Landsleute hat Pakistans Armee nach eigenen Angaben seit März massakriert, sechs Millionen vertrieben. Jetzt richtet die westpakistanische Militär-Regierung in Ostpakistan eine Kolonialverwaltung ein, die von den Bengalen die Kosten dieses Blutbades wieder herauspressen soll. Westpakistans Kriegsrecht in Ostpakistan wurde einem Augenzeugen -- dem Autor dieses Berichts -- so klargemacht: „Wenn unseren Soldaten das Gesicht eines Bengalen nicht paßt, können sie ihn einfach umlegen:“
Kennwort Bangla Desch", klang die Stimme der indischen Ministerpräsidentin Indira Gandhi aus dem Telephon der indischen Staatsbank. Kurz darauf kam der angekündigte Mann zur Kasse, um Geld abzuheben.
Es war Ved Parkasch Malhotra, einst Vertrauter der Regierungschefin und geschickter Imitator ihrer Stimme. Er flüsterte dem Kassierer "Bangla Desch" (Bengalen-Land) zu, erhielt ohne Quittung 600 000 Rupien (300 000 Mark) und verschwand. Malhotra wurde gefaßt und wegen Betrugs eingesperrt. Das Zauberwort "Bangla Desch" aber öffnet noch immer indische Herzen und Safes. Bettler in Kalkutta fordern neuerdings einen Bangla-Desch-Zuschlag.
"In Indien ist jeder Sezessionsgedanke per Gesetz verboten und wird schärfstens bestraft", klagt Nirad Tschaudri im "Hindusthan Standard", "für Pakistan dürfen wir das aber ungestraft unterstützen -- nicht etwa, weil uns die Bengalen so sympathisch sind, sondern aus reiner Schadenfreude darüber, daß Pakistan zerbricht."
Pakistan ist noch nicht zerbrochen, äußerlich nicht. Es kontrolliert die 66 Millionen im Lande gebliebenen Bengalen seiner durch 2000 Kilometer feindliches indisches Territorium getrennten Ostprovinz effektiver als vergleichsweise Portugal seine Überseeprovinz Angola: Nur 80 000 Soldaten behaupten sich dank chinesischer Waffenhilfe gegen die Bengalen. Jede Nacht fliegen Luftwaffen-Transporter vom US-Typ C-130 ("Hercules") Geschenkmunition aus China nach Pakistan.
Blutig erstickten die westpakistanischen Militärs die Bewegung vom 25. März für ein unabhängiges Bangla Desch. Der Blitzfeldzug kostete sieben Millionen Mark pro Tag und das Leben von bisher 738 Offizieren und Tausenden Soldaten.
Pakistan sicherte sich damit eine Kolonie, die es mindestens die nächsten zwei Jahre ausquetschen will, "bis unsere Kosten gedeckt sind und nichts mehr zu holen ist". so ein Geheimdienstmajor zum SPIEGEL.
Westpakistanische Juristen brüsten sich damit, daß ihr Kriegsrecht in Ostpakistan härter ist als Hitlers Maßnahmen nach der Ermordung Heydrichs in der Tschechei: "Wenn unseren Soldaten das Gesicht eines Bengalen nicht paßt, können sie ihn einfach umlegen."
Die Ärztin Siatullah aus Peschawar (Westpakistan): "Zehn Jahre lang haben wir versucht, die Bevölkerungsexplosion durch Familienplanung zu stoppen. Jetzt erledigt das unsere Armee."
Tatsächlich haben die westpakistanischen Soldaten aus Belutschistan und Pandschab in nur zwei Monaten nach eigenen Schätzungen 1,5 Millionen Bengalen massakriert. sechs Millionen vertrieben und nahezu die gesamte Intelligenz eines der ältesten Kulturvölker Asiens ausgerottet.
Aus dem anfänglich geplanten Mordsystem wurde blutiger Alltag. Ein Offizier stellt fest: "Jetzt sind wir schon als die bösen Buben abgestempelt, dann können wir es auch richtig machen."
Zum Auftakt trieben die Besatzer Ende März 2000 unzuverlässige Bengalen-Soldaten der East Pakistan Rifles (EPR) auf der Mirpurbrücke außerhalb der Hauptstadt Dakka zusammen. Maschinengewehrgarben mähten die Meuterer nieder. Um ein Auftauchen zu verhindern, schlitzten die Pandschabis den Leichen die Bäuche auf und versenkten sie dann im Fluß. Das Rückgrat der bengalischen Widerstandskraft war gebrochen. Zwar konnten sich die restlichen 13 000 EPRler auf die Dörfer retten. Pakistans Expeditionskorps aber hatte Zeit, dringend benötigten Nachschub herbeizuschaffen. Auf einfache Weise: Die C-13O-Maschinen flogen von Westpakistan mit Zwischenlandungen in China nach Bangkok, tankten dort auf und lieferten die Muniton in Dakka ab.
Derweil flogen die Boeings der zivilen Pakistan International Airlines (PIA) non-stop nach Rangun (Burma) und füllten dort -- als Zivilflugzeuge durch ein Zivilabkommen mit den Union of Burma Airways abgesichert -- ihre Tanks bis zum Rand. Nach kurzem Flug entleerten sie im nahen Dakka die Tanks bis auf das zur Rückkehr nach Rangun notwendige Minimum. Mit jedem PIA-Flug um den Subkontinent vergrößerte sich in Ostbengalen der Vorrat an Flugbenzin für die Kampfflugzeuge und verringerte sich die Bengalen-Hoffnung, Spritmangel werde den Himmel reinhalten. Lobte der "Pakistan Herald": Die PIA habe "unser Land in seiner kritischsten Situation gerettet".
Hilfstruppen für die Armee fanden sich schnell, wie etwa die -- das westpakistanische Urdu sprechenden -- Biharis. Vor allem aber 3000 Mizo-Kriegen aus Nordost-Indien, die nach vergeblichem Befreiungskampf gegen die indische Armee in die Tschittagong-Hill-Tracts, ein Gebirge nahe der ostpakistanischen Hafenstadt, geflohen waren.
Vor zwei Jahren gründeten Pakistanis und chinesische Berater in dem unwegsamen Bergland eine Guerilla-Schule für die Mizos, um sie gegen den Feind Indien als Infiltratoren einsetzen zu können. Diese Indienhasser stellten sich sofort auf die Seite ihrer Lehrmeister, als die indienfreundlichen Bengalen sich gegen die pakistanische Armee erhoben und bald das gesamte ländliche Gebiet Ostpakistans beherrschten. In wenigen Tagen säuberten die Mizos das Hinterland um Ostbengalens Nachschub- und einzigen Ölhafen Tschittagong von den unerfahrenen Bengalen-Streitkräften.
Derweil durchkämmte die reguläre Armee das ganze Land. Über die Felder beidseits der Straßen drangen die Infanteristen vor, brannten die Dörfer in einem fünf Kilometer breiten Streifen entlang der Wege nieder und erschossen jeden, der nicht fliehen konnte. Flugzeuge der Luftwaffe jagten alle Menschenansammlungen jenseits des Infanterie-Einsatzbereichs mit Bomben und Bordwaffen auseinander -- bis Ende April jeglicher organisierte Widerstand gebrochen war.
Bis zum Beginn des Monsuns Ende Mai übten die Soldaten Rache an den Brüdern in Allah, die keine Brüder in der Nation mehr sein wollten. In die Kasernen verschleppten sie Bengalenmädchen und -frauen. "So wird wenigstens die nächste Generation pakistanisch", hofft ein westpakistanischer Major auf das Ergebnis der Massenvergewaltigungen.
Die Reste der Mukti Fouj (Befreiungsarmee) von Bangla Desch zogen sich über die indische Grenze zurück. Nur gelegentlich wagen sie sich noch in die Heimat. um mit ein paar Schuß in Richtung kleinerer Armeelager ein Feuerwerk leichter und schwerer Waffen der pakistanischen Armee zu provozieren.
Diese kleinen Hit-and-run-Expeditionen geben den indischen Zeitungen genügend Stoff, von enormem Druck auf die westpakistanische Armee zu berichten und den Untergang der Pakistanis in Ostpakistan zu prophezeien. Tatsächlich aber gibt es keinen ernsthaften militärischen Widerstand. Nicht einmal der Monsun, der das flache Gangesdelta bis auf die wenigen Straßen überschwemmt und militärische Aktionen konventioneller Art unmöglich macht, wird den angekündigten Sieg der Bengalen bringen. Denn wer über die Grenze geflohen ist, muß erst einmal gedrillt werden von indischen Offizieren und wenigen Bangla-Desch-Hauptleuten.
Alle paar Kilometer entlang der Grenze zu Ostpakistan finden sich versteckte Ausbildungslager der Bangla-Desch-Armee.
"Es wird mindestens vier Monate dauern, bis eine vernünftige Guerilla-Truppe nach Ostpakistan eingeschleust werden kann", rechnet Colonel Connor, indischer Ausbilder bengalischer Rekruten. Im indischen Dinapur drillt er 350 aus den Flüchtlingslagern rekrutierte Ostbengalen für den Einsatz im nur wenige Meilen entfernten Pakistan. Den Rekruten geht es gut, Spenden der indischen Bevölkerung garantieren ihnen Nahrung und Benzin für die Jeeps, die sie über die Grenze retten konnten.
Der Oberkommandierende der Bangla-Desch-Armee, General Osmani, fliegt in einem von der indischen Regierung geschenkten Flugzeug von Konferenz zu Konferenz und macht Public Relations durch in Sandhurst geprägtes britisches Aussehen.
Auch der Stellvertreter des nach Westpakistan verschleppten Bengalen-Führers Scheich Mudschib-ur Rahman Premier Tadschuddin, wagt sich nicht mehr nach Ostpakistan. obwohl er laufend Kommuniqués von "irgendwo im befreiten Bangla Desch" (so die in Indien auf einem Lastwagen installierte "Stimme Bengalens") herausgibt.
Mit ihm und um ihn herum hat sich im indischen Westbengalen ein Flüchtlings-Establishment formiert, das durch Großmäuligkeit das eigene Versagen am Höhepunkt der Krise wettzumachen versucht. So floh etwa der Polizeichef von Dakka gleich am ersten lag des Aufstands nach Indien, anstatt sich seinen meuternden Konstablern anzuschließen.
Dr. Faruk Asis, hochqualifizierter Physiker, macht kein Hehl daraus, daß er seine Frau und zwei Töchter den schändenden Pandschabis überließ, um die eigene Haut zu retten: "Mein Leben ist mehr wert als das der Frauen. Ich kann ja wieder heiraten." Von indischen Organisationen reichlich mit Nahrung und Kleidung versorgt, will er abwarten bis zur Unabhängigkeit.
Moubud Ahmad, einst Scheich Mudschibs Assistent, der sich im ersten Siegestaumel den bengalischen Freiheitskämpfern anschloß, fand bald das Leben ohne den gewohnten Luxus und vor allem sein Gewehr zu schwer. Er warf die Flinte fort und floh nach Kalkutta. Mit den Resten der mittlerweile schwer dezimierten Awami-Liga schmarotzt Moubud in der von Bengalen übernommenen Deputy High Commission (Generalkonsulat) in Kalkutta und sonnt sich im Diplomatenstatus. den ihm die indische Regierung freudig zuerkennt. Er und seine Genossen hoffen auf ihr Gastgeberland.
Denn trotz leerer Kassen bereiten sich beide Seiten, Indien und Pakistan, auf einen Krieg vor. Beide haben die zwischen Nehru und Ajub Khan abgemachten "groundrules" schon wieder (wie vor dem Kaschmir-Krieg 1965) gebrochen, die den Armeen verbieten, unmittelbar an die Grenze zu ziehen.
Die indischen Truppen haben mit allen erreichbaren Bohlen und Balken nicht etwa Unterkünfte für die Flüchtlinge, sondern ein ausgeklügeltes Graben- und Bunkersystem direkt an der Grenze gebaut. "Eine echte Siegfried-Linie", freute sich ein Hauptmann.
An der bengalischen Grenze sind jetzt Pandschabis unter sich. Sikhs aus dem Ostpandschab, Rückgrat der indischen Armee, und Pakistanis aus dem Westpandschab beschimpfen einander über die Grenzlinie in der gemeinsamen Sprache.
Gemeinsam auch verachten sie die zierlichen Bengalen, die sich nicht einmal im eigenen Land behaupten können. "Trau nie einem Bengali", erklärt der indische Major Prattap Singh. "Die Pakistanis sind selbst an dieser Revolution schuld, weil sie Bengalen als Soldaten rekrutierten. Wir in Indien haben ein Symbol-Regiment aus jedem Unionsstaat. Nur ein bengalisches Regiment fehlt."
Auch die Pakistanis halten sich nach dem verlustreichen Experiment vom März wieder an die anti-bengalische Parole. Die PIA feuerte 1300 Mann bengalisches Bodenpersonal.
In die fast befriedete Ostprovinz strömen jetzt eilig rekrutierte Beamte aus Westpakistan, um die gesamte Verwaltung zu übernehmen. Systematisch werden alle Bengalen ausgeschaltet. Vorletzte Woche allerdings wurde ein Bengale zum General einer Panzerdivision befördert. Freilich darf er sie nur im Westen des geteilten Landes kommandieren. Noch vor drei Monaten war General Karim ein Anhänger des Bengalen-Scheichs Mudschib.

DER SPIEGEL 27/1971
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