24.05.1971

Der Alltag der sowjetischen Prominenz / Von * * *Das süße Leben von Moskau

Es war drei Uhr nachts. Ich stand auf dem Roten Platz. Die Uhr des Spasski-Turms am Kreml schlug dreimal, der Doppelposten vor dem Lenin-Mausoleum wurde abgelöst. Dann lag der Rote Platz -- von Scheinwerfern hell erleuchtet -- wieder völlig verlassen.
Es war Winter. Leichter Schneefall verlieh der Szenerie etwas Märchenhaftes, Plötzlich geschah etwas: Eine Kolonne von einem halben Dutzend Wachsoldaten marschierte aus dem Kreml durch das Spasski-Tor. Unter Führung eines Sergeanten zogen die Soldaten im Gänsemarsch mitten auf den Roten Platz.
Die Truppe war sichtlich angeheitert. Laut lachend und schreiend trabten die Soldaten im Kreis herum, warfen ihre Pelzmützen und Karabiner in die Luft und fingen sie geschickt wieder auf.
Der ganze Spuk dauerte kaum fünf Minuten. Dann verschwanden die Soldaten -- noch immer herumalbernd -- im Laufschritt wieder hinter der Kreml-Mauer.
Die jungen Soldaten in den erdbraunen Uniformen der Sowjet-Armee hatten sich gegen die Dienstvorschrift Unbeschwertheit geleistet -- ein Stück Freiheit von der Disziplin und dem strengen Reglement, dem gerade sie unterworfen sind. Denn sie gehören zur Elite, sie haben den teuersten Schatz der Sowjet-Union zu hüten: Sie schützen die obersten Sowjetführer im Kreml, die Dienstgebäude des Politbüros, des Ministerrats und des Sekretariats des Zentralkomitees, dazu noch das Lenin-Mausoleum.
Rußland wird immer noch von der alten Zarenburg aus regiert. Der größte Teil des Kreml-Areals ist zwar seit 1955 der Öffentlichkeit zugänglich. Aber die Nordwestecke der Festung mit dem ehemaligen Senatspalast und dem Arsenal bleibt weiterhin fürs Volk abgesperrt; der Tabu-Bereich beginnt am Obelisk zum Gedenken aller bisherigen
* Das Pferd ist das Geschenk eines Staatsguts an den Parteichef.
Kreml-Kommandanten und Offiziersanwärter der Kreml-Wache.
Seit dem Abtreten Nikita Chruschtschows -- der den Kontakt mit der Umwelt schätzte und auch die Kremltore für Spaziergänger öffnen ließ -- halten sich die Spitzenfunktionäre der Sowjet-Union wieder wie zu Stalins Zeiten fern vom Volk.
Wenn sie morgens in ihre Büros fahren und abends heimkehren, verlassen sie ihre Dienstwagen nie. Sie leben in Wohngettos, ihre Freizeit verbringen sie unter ihresgleichen in Landhaus-Siedlungen und Klubs, streng hierarchisch abgestuft. Auf Dienstreisen benutzen sie Sonderzüge und Sonderflugzeuge, die von abgesperrten Sonderflughäfen wie Moskau-Wnukowo II aus starten und auf Sonderflughäfen -- etwa in der Nähe von Sotschi -- landen.
Das Volk sieht sie nicht und kennt sie kaum. Wenn sie am 1. Mai oder am Revolutionsfeiertag, dem 7. November, auf dem Lenin-Mausoleum stehen und die Parade abnehmen, ist der Rote Platz abgesperrt. Nur die Vorbeimarschierenden sehen ihre Führer, aber sie sehen sie nur so, wie die Führer gesehen werden möchten: fern und erhöht.
Die Porträts, die vorbeigetragen werden und an Feiertagen Häuserfronten schmücken, zeigen das Antlitz der Spitzenfunktionäre wie Ikonen in einer seit Jahren festgelegten (und vom Alter längst überholten) Pose. In Zeitungs-Photos und im Fernsehen erscheinen die Gesichter mit einem gleichfalls festgelegten, maskenhaften Ausdruck, bar jeder individuellen Regung.
Ober das Privatleben der Sowjetprominenz erfährt kein Sowjetleser etwas aus seiner Presse. Ihm blieb verborgen, daß Premier Kossygin während der Abnahme der Parade am 1. Mai 1967 die Nachricht vom Tod seiner Frau Klawdija erhielt (Kossygin blieb auf der Tribüne). er hört nichts über die Kinder oder die Krankheiten seiner Landesherren. Doch wahrscheinlich leben die Kreml-Führer noch viel volksferner und abgeschlossener, vor allem aber altmodischer, als die Sowjetbürger vermuten.
Ober Breschnew und Kossygin werden kaum Witze erzählt. Wenn ein Sowjetmensch von seiner Führung spricht, dann sagt er: "Die haben beschlossen "Sie machen es" -- die da oben.
Morgens zwischen neun und zehn Uhr könnten Interessierte aus der Bevölkerung ihre Regierenden sehen -- wenn es sie interessieren würde: Zu dieser Zeit kommt die Kreml-Führung ins Büro.
Die Fahrtroute der meisten Politbüro-Mitglieder verläuft den Kutusowski- und den Kalininski-Prospekt entlang. Am Arbat, vor dem Restaurant "Praga", biegen die Dienstwagen verkehrswidrig -- von Polizisten eingewiesen -- in die Frunse-Straße ein, passieren das Verteidigungsministerium und fahren dann durch das Borowizki-Tor in den Kreml.
Seit am 22. Januar 1969 der Leningrader Leutnant Iljin hinter dem Borowizki-Tor ein Pistolen-Attentat auf Breschnews Wagen verübte, wurden die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt. Die Polizeiposten in der Innenstadt und entlang den üblichen Fahrtrouten erhielten Sprechfunkgeräte, bei Annäherung eines -- stets schwarzen -- Prominentenwagens wird der gesamte übrige Verkehr sofort gestoppt, die Ampel am Borowizki-Tor auf Rot gestellt. Die Wagen der Politbüro-Mitglieder sind daran zu erkennen, daß sie an der vorderen Stoßstange ein blankes Schild ohne Kennzeichen tragen, die vierstellige, mit einer Elf beginnende Nummer ist nur hinten angebracht und wird laufend gewechselt, um eine Identifizierung zu erschweren.
Voran fährt ein "Wolga" mit Sicherheitsbeamten, es folgt eine "Tschaika"Limousine oder ein "Sil 114" mit dem Funktionär, in 30 Meter Abstand folgt eine weitere "Tschaika" mit Geheimpolizisten, die Maschinenpistolen auf den Knien halten.
Der Konvoi rast mit einer Geschwindigkeit bis zu 120 Stundenkilometern vorbei; die Insassen verstecken sich hinter Gardinen an den Seiten- und Rückfenstern. Aufgeschreckte Autofahrer, die an der rechten Straßenseite halten müssen, warten noch Minuten, bis sie wagen, wieder Gas zu geben.
Premier Kossygin fährt nicht mehr -- wie vor dem Attentat -- allein mit seinem Fahrer durch die Stadt, er hält nicht mehr überraschend an, um ohne Bewachung in einem Laden selbst das Warenangebot zu prüfen.
Auf den großen Durchgangsstraßen in Moskau benutzen die Konvois der Prominenz einen besonderen Mittelstreifen, der schon unter Stalin eingeführt wurde: für Sonderfahrzeuge der Polizei, der Feuerwehr, Ambulanzen und -- ein für die moderne Welt einzigartiges Privileg -- für die Prominenz. Seit 1967 wurde die Mittelbahn bei der jährlichen Renovierung im Frühjahr stets um einige Zentimeter verbreitert.
Die Führer des Sowjetstaats meiden ein Fortbewegungsmittel, dessen sich die meisten Spitzenpolitiker des Westens bedienen: den Hubschrauber. Für
Links der ehemalige Verteidigungsminister R. J. Malinowski.
Breschnew, Kossygin und die übrigen Mitglieder des Politbüros wäre es bequem, nach getaner Arbeit im Kreml einen Helikopter zu besteigen und innerhalb weniger Minuten ihre Datschas zu erreichen. Doch im Kreml gibt es zwar freie Flächen, aber keinen Hubschrauber-Landeplatz oder sonstige technische Vorkehrungen für den Start und die Landung von Hubschraubern.
Das Moskauer Telephonnetz stammt von Siemens.
Vielleicht ist es ihre konservative Grundhaltung, welche die Kreml-Politiker schwarze Limousinen mit verhängten Fenstern und den zeitraubenden Weg auf den Straßen bevorzugen läßt. Auch das Autotelephon als Kommunikationsmittel ist in den Führungskreisen der Sowjet-Union noch nicht weit verbreitet: Die Dienstwagen der Politbüro-Mitglieder sind damit ausgestattet, auch die Fahrzeuge der Spitzen-Generalität und des Staatssicherheitsdienstes (KGB). Aber Fachminister etwa, ZK-Abteilungsleiter oder Gebietsparteichefs verfügen noch nicht über diese Einrichtung.
In dem geräumigen Vorzimmer des Moskauer Oberburgermeisters Promyslow, im Haus des Stadt-Sowjet in der Gorkistraße, gibt es zwei große Tische. und darauf stehen über ein Dutzend Telephonapparate (mit Wählscheiben). Das Moskauer Telephonnetz stammt von der deutschen Firma Siemens, die schon zur Zarenzeit Fernmeldeanlagen in Rußland installierte und deren Filialleiter in Petersburg, der Ingenieur Leonid Krassin, ein bekannter Bolschewik war. Er leitete später den Außenhandel des jungen Sowjetstaats und starb 1926 als Botschafter in London.
Modernste Technik verbirgt sich jedoch zwischen den Zinnen der Kreml-Mauern: Dort sind Fernsehkameras installiert, die Tag und Nacht den Roten Platz beobachten.
Dieses von außen unsichtbare, zentral gelenkte Überwachungssystem dient dazu, Zusammenrottungen auf dem Roten Platz, unerlaubte Demonstrationen und auch Attentatsversuche frühzeitig zu erkennen: 1967 war es den Sicherheitsorganen vor dem Kreml nicht gelungen, einen alten litauischen Bauern daran zu hindern, sich unmittelbar vor dem Lenin-Mausoleum mit einer selbstgefertigten Bombe in die Luft zu sprengen.
Wahrscheinlich wollte er gegen die Minderheiten-Politik der Sowjetregierung protestieren, offiziell wurde bekanntgegeben, es habe sich um einen Geisteskranken gehandelt. In Moskau erzählte man sich, der Attentäter habe Lenins Leichnam zerstören wollen, sei jedoch durch das Auftauchen einer westdeutschen Touristengruppe davon abgebracht worden -- um die Besucher nicht zu gefährden, sei er mit der tickenden Bombe hinausgelaufen.
Der Doppelposten vor dem Lenin-Mausoleum führt die Bezeichnung "Wache Nummer 1". Die beiden Wächter müssen eine Stunde bewegungslos ausharren, bis sie -- auf die Sekunde genau zum Glockenschlag der vollen Stunde von der Uhr des Spasski. Turms -- abgelöst werden. Das steife Zeremoniell des Wachwechsels hatte in den zwanziger Jahren der deutsche Militärattaché Oberst Köstring entworfen. Sowjetische Zutat: Bei Temperaturen unter minus 15 Grad macht der Befehlshaber des Wachzugs eine Geste der Fürsorge -- er tritt nach dem Akt der Ablösung an die Posten heran und schlägt ihnen den Mantelkragen hoch, damit ihre Ohren nicht erfrieren.
Der nächtliche Ausbruch der sechs Gardisten zu einer artistischen Veranstaltung auf dem einsamen Roten Platz deutet darauf hin, daß sich die Wache Nr. 1 vor dem Postenstehen mitunter einen Schluck Wodka einverleibt -- gewiß ohne Kenntnis des diensthabenden höchsten Wachoffiziers, eines Obersten.
Kommandant des Kreml ist ein Generalmajor. Er befehligt eine Sondertruppe (Kennzeichen: dunkelblaue Kragenspiegel und Paspelierungen), die in einer Kaserne im Kreml stationiert ist. Offiziere und Mannschaften sind besonders ausgesucht und werden bei der Sicherung der alten Zarenburg von Beamten des KGB in Zivil unterstützt.
Bei offiziellen Veranstaltungen stellt die Kreml-Garde eine Ehrenwache von zwei Offizieren vor der Tür eines jeden Raums. Wie ein standhafter Zinnsoldat steht auch immer ein Posten vor dem Eingang zur "Diamanten-Kammer", die seit drei Jahren zur Besichtigung freigegeben ist. Dort liegen unter Glas die Kronjuwelen der Zaren aus dem Haus Romanow, der Orlow-Diamant, Schmuck, Gold und Silber von unschätzbarem Wert. Obwohl die Ausstellungsräume durch Panzertüren und elektronische Warnanlagen gesichert sind, hält der Posten malerisch eine Kaleschnikow-Maschinenpistole vor der Brust -- das gehört in der Vorstellung des Volkes dazu.
Besucher, die -- angemeldet -- die obersten Dienststellen im Kreml aufsuchen, werden durch eine kleine Seitenpforte rechts neben dem Spasski-Tor eingelassen. Sie durchlaufen mindestens drei Kontrollen innerhalb des Gebäude-Komplexes. Treppen und Korridore sind mit gelb und rot eingefaßten grünen Läufern ausgelegt.
Das Politbüro und der Ministerrat residieren im ehemaligen Senatspalast, über dem unaufhörlich (womöglich von Druckluft angeblasen) eine rote Fahne flattert. Das Vordach zum Eingang des Amtssitzes Kossygins, des Ministerpräsidenten einer Weltmacht, ähnelt einem Baldachin im Stil einer Gartenlaube: eine verschnörkelte gußeiserne Konstruktion, deren Regenrinnen nicht in die Kanalisation geleitet werden, sondern auf den Asphalt. Bei Eis und Schnee muß gestreut werden.
Auf den Korridoren und in den Vorzimmern stehen (fleißig benutzte> Spucknäpfe -- seit Jahrzehnten. Weiße Scheibengardinen verwehren bis zur halben Fensterhohe Ein- und Ausblick. Die Büros sind mit weißen, gerafften Seidenvorhängen ausgestattet.
Der Sitzungssaal des Politbüros -- in dem das Gespräch zwischen Bundeskanzler Brandt und Generalsekretär Breschnew stattfand -- ist fast genauso eingerichtet wie der Konferenzraum von Premier Kossygin und seinen Stellvertretern: Quer zu einem Schreibtisch steht ein langer Konferenztisch mit lederbezogenen Sesseln und Stühlen; die Tische sind mit grünem Filz bezogen. Vor jedem Platz liegt ein Notizblock, steht ein Bündel gut gespitzter Bleistifte -- keine Kugelschreiber -- in einer Glasvase, mehrere Flaschen Mineralwasser der Marken "Borschom" oder "Narsan" sowie ein Trinkglas und Filterzigaretten der Marke "Rossijskaja".
Im ersten Stock des Regierungsgebäudes liegen die persönlichen Büros von Breschnew und Kossygin, dazu die der Politbüro-Mitglieder Masurow, Poljanski (beide Vizepremiers), Podgorny (Staatsoberhaupt) und Suslow (ZK-Sekretär). Auch das in Ehren ausgeschiedene Politbüromitglied Anastas Mikojan unterhält noch ein Büro im Kreml, und zwar in seiner Eigenschaft als Mitglied des Präsidiums des Obersten Sowjet, des Parlaments der UdSSR. In Sitzungspausen ergeht sich Mikojan auf dem Hof neben dem Sankt-Georgs-Saal in einem Spazier-Training: Fünfzig Schritte hin und wieder zurück, zehn Minuten lang, sein Leibwächter marschiert in entgegengesetzter Richtung.
Während einer Sitzung des Obersten Sowjet lassen sich die Spitzenfunktionäre in Ruhe aus der Nähe beobachten: Rund hundert von ihnen sitzen auf den erhöhten Regierungsbänken hinter dem Rednerpult. Rechts von Breschnew haben Kossygin, Podgorny und Suslow ihren Platz, dahinter sitzen in gestaffelter Rangordnung die übrigen Mitglieder des Politbüros.
Fast alle tragen dunkle Anzüge. Nur Chefideologe Michail Suslow erscheint manchmal in einem elegant geschnittenen hellgrauen Flanellanzug; seine Krawattenwahl zeigt Geschmack.
Während die einzelnen Redner am Podium stehen, pflegen sich die Politbüro-Mitglieder ungeniert zu unterhalten. Breschnew -- an der Brust die goldenen Sterne eines Helden der Sowjet-Union, Helden der sozialistischen Arbeit und Helden der CSSR -- erzählt gern lustige Geschichten, über die Kossygin und Podgorny schmunzeln. Der Lette Pelsche, 72, ältestes Mitglied des Politbüros und Chef des Parteigerichts, schweigt beharrlich vor sich hin. Er lacht nur, wenn auch andere lachen.
Dicke Aktenstöße gelten als Statussymbol der Geschäftigkeit. Kossygins Überarbeitung und Nervosität drücken sich darin aus, daß er stets die Finger in Bewegung hält und meist mit einem Bleistift spielt.
Der Parteichef kann im rechten Augenblick weinen.
Einige Reihen hinter Breschnew sitzt dessen engster Vertrauter, der ZK-Sekretär Katuschew; er blättert emsig in den Akten. Beim Schreiben wirkt er wie ein fleißiger Pennäler, denn er hat die Angewohnheit, das vor ihm liegende Blatt mit dem Arm und der Hand abzuschirmen, als wolle er verhindern, daß sein Nachbar abguckt.
Der ukrainische Parteichef Pjotr Schelest, in der Sitzordnung von Breschnew durch einen Gang getrennt, stützt meist die Ellbogen breit auf das Pult und brütet vor sich hin. Außer Kossygin, Podgorny und Suslow ist der ZK-Sekretär Kirilenko der einzige, der Breschnew, den Chef, von sich aus anzusprechen wagt. Die Politbüro-Mitglieder Schelepin, Masurow und Poljanski wahren betonte Zurückhaltung.
Fast nebenher wird das Schicksal der Sowjet-Union -- formal -- entschieden. In diesem Scheinparlament, dem Obersten Sowjet, wird die Verabschiedung des Rüstungshaushalts so vollzogen:
Der Vorsitzende erklärt den 1517 Abgeordneten: "Jetzt kommen wir zu den Rüstungsausgaben, gibt es dazu Bemerkungen? Nein. Wer ist für die Verabschiedung des Rüstungsetats?" Alle Abgeordneten heben die Hand. Ohne aufzublicken, fragt der Präsident weiter: "Gegenstimmen -- keine, Enthaltungen -- keine." Innerhalb von zwanzig Sekunden ist so der 20-Milliarden-Rubel-Etat (80 Milliarden Mark) für das Militär der UdSSR vom Obersten Sowjet gebilligt.
Wer den Parteichef Leonid I. Breschnew in der Öffentlichkeit häufiger beobachten kann, gewinnt den Eindruck, daß er sich bewußt wie ein souveräner Chef gibt. Demonstrativ klopft er untergeordneten Mitarbeitern in seiner Umgebung auf die Schulter.
Sein Gesicht wirkt aufgedunsen, die Augen sind verquollen. Bei öffentlichen Anlässen in den Morgenstunden sieht Breschnew unausgeschlafen und verkatert aus. Oft zieht er eitel einen Kamm aus der Tasche und kämmt sich die Haare. Auf dem bulgarischen Parteitag in Sofia Mitte April strich er sich, ehe er seine Begrüßungsrede begann, mit beiden Händen die Frisur zurecht.
Breschnew ist ein Mann, der im rechten Augenblick weinen kann: So in Bratislava 1968 beim Erklingen der "Internationale", so im Charkower Traktorenwerk im Frühjahr 1970: Als ihm Funktionäre und Belegschaft zujubelten, standen ihm Tränen in den Augen.
Die unter Russen und Ukrainern verbreitete Sitte, sich bei Willkommen und Abschied zu küssen, ist bei Breschnew besonders ausgeprägt: Der Generalsekretär beschränkt sich nicht nur auf die traditionellen Wangenküsse, sondern er pflegt sein Gegenüber auch sehr herzhaft mitten auf den Mund zu küssen. Wenn man die Mitglieder des Politbüros bei dieser Zeremonie miteinander vergleicht, gewinnt man den Eindruck, daß keiner küßt wie Breschnew.
Breschnews Mischung einer gewissen Gepflegtheit -- er trägt gut geschnittene, einreihige Anzüge -, männlicher Brutalität und Leutseligkeit bei seinem offiziellen Auftreten bleibt bei Frauen oft nicht ohne Wirkung. Eine Beobachterin sagte einmal, Breschnew habe den Charme eines Bernhardiners.
Mit einer eher hausbauken wirkenden Frau verheiratet, steht er im Ruf, kein Kostverächter zu sein. In Moskau spricht man davon, daß er eine Liaison mit Ljudmila Syzila, einer populären, sehr stattlichen -- in der Oberweite fülligen -- "verdienten Sängerin des Volkes", unterhält. Sie ist nicht mehr jung: Schon während des Krieges wurde sie durch ihren Einsatz bei der Truppenbetreuung bekannt.
Breschnew umgibt sich aber auch gern mit jungen Mädchen, Tänzerinnen -- aber nicht aus dem Bolschoi-Ballett, sondern von Volkstanzgruppen und Operetten-Theatern.
Seine Tochter Galina, Anfang 30, kann man bei den Mai- und November-Paraden auf der Prominenten-Tribüne vor der Kremlmauer im kostbaren Pelz. mantel sehen. Galina verspürt seit vielen Jahren einen Hang zum Zirkus. Sie war zunächst mit einem Dompteur verheiratet, wurde geschieden und freundete sich dann mit einem Kunstschutzen an.
Zur Zeit ist sie mit einem Zauberkünstler aus dem Moskauer Staatszirkus liiert. Der Parteichef soll seine Tochter schon oft angehalten haben, sie möge nun endlich einen ordentlichen Mann aus Funktionärskreisen oder aus der Militärhierarchie ehelichen.
Breschnew hat seine Stadtwohnung in einem nach dem Kriege gebauten Wohnblock am Kutusowski-Prospekt 24, auf der, vom Hotel "Ukraina" aus gesehen, rechten Seite des Kutusowski-Prospekts unmittelbar hinter der zweiten Verkehrsampel. In dem Gebäudekomplex wohnen auch vertrauenswürdige Funktionäre der mittleren Garnitur. Breschnews Appartement umfaßt fünf Zimmer in der fünften Etage. Darunter, in der vierten Etage, wohnt der KGB-Chef Andropow, in der sechsten der Innenminister Schtschelokow.
Breschnew kocht für den Geheimdienstchef und schwärmt für Fußball.
Vor dem Häuserblock wartet stets eine Limousine mit wachsamen KGB-Beamten. Im Vorhof sind Milizposten aufgestellt, die in ihrem Schilderhaus ein Telephon haben. Sicherheitsposten wachen außerdem im Erdgeschoß des Treppenhauses. Unbefugte Besucher haben keine Chance, das übermannshohe Gittertor zu passieren.
Breschnew verbringt seine Freizeit oft in Gesellschaft von Andropow und Schtschelokow, den Inhabern der gesamten Polizeigewalt. Die drei gelten als ein Herz und eine Seele. Hinzu kommen häufig Funktionäre und Freunde, die Breschnew aus seiner Zeit als Parteifunktionär in der ukrainischen Stadt Dnepropetrowsk kennt. Man spricht von der "Dnepropetrowsk-Mafia".
Für diese Freunde unterhält Breschnew ein offenes Haus. Er liebt es, für die Kumpanei seiner Gäste zu kochen. In Hemdsärmeln steht er in der Küche und bereitet die Speisen zu, die er dann seinen Gästen selbst serviert. Dazu gibt es Wodka oder armenischen Kognak.
Leonid Breschnew ist ein begeisterter Fußballfan. Nur selten versäumt er eines der großen Spiele in Moskau. Sein Favorit ist der Fußballklub Dynamo. Finden die Fußballspiele außerhalb von Moskau statt, sitzt der Parteichef vor dem Fernsehapparat. Als während der Fußballweltmeisterschaft das Spiel zwischen der Bundesrepublik und Italien live aus Mexiko übertragen wurde, geschah dies auf Breschnews persönlichen Wunsch: Er wollte sich das Spiel nicht entgehen lassen. Sonst werden auch bei Weltmeisterschaften Spiele, an denen die Sowjet-Union nicht beteiligt ist, im Regelfall nicht direkt gesendet.
Im Lenin-Stadion werden für Breschnew und seine Begleiter stets die Logen reserviert. Das Spiel wird erst angepfiffen, wenn Breschnew Platz genommen hat. Es ist vorgekommen, daß er sich um 20 Minuten verspätet hatte -- das Spiel begann dann auch erst 20 Minuten später.
Ebenso wie seine Kollegen Podgorny und Kossygin liebt Breschnew die Jagd. Häufig fährt er in das Waldgebiet von Sawidowo, 120 Kilometer nördlich von Moskau am Oberlauf der Wolga, östlich der Leningrader Chaussee. Dieses Gebiet ist für Russen und Ausländer gesperrt, mit Ausnahme der "Basa" zur Erholung ausländischer Diplomaten und Journalisten, einer Ansammlung von sorgfältig eingezäunten Wochenendhäusern mit einem Restaurant. Dem Besucher öffnet ein Wärter erst nach Vorlage eines Passierscheins das Vorhängeschloß am Zaun.
Wenn der finnische Staatschef Keckonen die Sowjet-Union besucht, pflegen Breschnew, Kossygin und Podgorny mit ihm im Forst von Sawidowo gemeinsam auf die Jagd zu gehen.
Dann darf ihnen der Geheimpolizeichef Juni Andropow -- Kandidat des Politbüros -- nicht begegnen, der seine Karriere über den finnisch-russischen Kommunisten Kuusinen gemacht hat: Andropow war im Krieg Chef der Partei-Jugendorganisation "Komsomol" in der Karelo-Finnischen Sowjetrepublik, als deren Staatsoberhaupt Kuusinen amtierte. Nach Stalins Tod wurde der Russe Andropow. erfahren im Umgang mit Nichtrussen, Botschafter in Ungarn -- er war es auch während des Aufstands von 1956.
Der zweite enge Breschnew-Freund, der Innenminister Generaloberst Nikolai Schtschelokow, ist der Chef der uniformierten Polizei (Miliz) und der Kriminalpolizei. Man weiß, daß er als Musikliebhaber gern Klavier spielt und ein besonderer Verehrer des sowjetischen Cellisten Mstislaw Rostropowitsch ist, mit dem ihn sogar eine persönliche Freundschaft verbindet.
Ein Kripo-Beamter half beim Sparkassen-überfall.
Am 12. November 1970 schickte Rostropowitsch, 44, einen offenen Verteidigungsbrief für den Schriftsteller Alexander Solschenizyn an die Chefredakteure der "Prawda", der "Iswestija" und an zwei weitere Moskauer Zeitungen, in dem er die amtliche sowjetische Kulturpolitik kritisierte. Rostropowitsch beherbergt zur Zeit Solschenizyn in seiner Datscha, die ihm wegen seiner künstlerischen Verdienste von den staatlichen Organen zur Verfügung gestellt wurde.
Diese Datscha liegt im Schukowka, 20 Kilometer westlich von Moskau. Solschenizyn zog dort ein, nachdem man ihn aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen hatte. Rostropowitsch zu Solschenizyn: "Solange ich lebe und solange diese Datscha mir zur Verfügung steht, sollst du mein Gast sein.
Schtschelokow unterhält freundschaftliche Kontakte zu Rostropowitsch und zu anderen Künstlern und Schriftstellern. Auch er hat Ärger mit seinem Sohn, der im vergangenen Jahr sein Studium am "Institut für Weltwirtschaft und Internationale Beziehungen" beendete. Schtschelokow junior, Anfang 20, freundete sich 1969 mit einer etwa zehn Jahre älteren Russin an. Sie stammt nicht aus höheren Kreisen, war verheiratet und ließ sich wegen des jungen Schtschelokow scheiden.
Der Sohn des Innenministers war fest entschlossen, seine Freundin gegen den Widerstand seiner Eltern zu heiraten. Dagegen setzte sein Vater die ihm unterstellte Polizei ein.
Die Dame wurde mehrmals aufgefordert, die Beziehungen zu dem jungen Mann abzubrechen. Beide wurden von der Polizei beschattet. Sie trafen sich weiterhin heimlich. Schließlich drohte man der Freundin an, sie aus Moskau zu deportieren und ihr "noch andere Schwierigkeiten" zu bereiten.
Als auch diese Drohungen wirkungslos blieben, wurde Jung-Schtschelokow in den diplomatischen Dienst aufgenommen und nach kurzer Ausbildung der sowjetischen Botschaft in Australien zugeteilt. Sein Chef ist nun der Botschafter Messjazew, der bis zu seiner Ernennung Vorsitzender des Rundfunk- und Fernsehkomitees war.
Innenminister Schtschelokow kritisiert in Artikeln und Vorträgen oft die Qualität der sowjetischen Polizei. Im Moskauer Schriftstellerklub erklärte er Mitte vergangenen Jahres, es sei seit seiner Amtsübernahme notwendig gewesen, etwa 50 000 Polizisten wegen Unfähigkeit zu entlassen. Das Prestige der Miliz müsse gehoben werden. Besondere Sorgfalt müsse man der Auswahl des Polizeinachwuchses widmen. In Zukunft dürften nur die besten Vertreter der Arbeiterklasse als Polizeianwärter ausgebildet werden. Vor allem müßten sie, so seine Worte, "lesen und schreiben können".
Schtschelokow bemängelte, daß die Bevölkerung kein Vertrauen zur Polizei habe. In der Tat werden sowjetische Verkehrspolizisten in Moskau von abgebrühten Taxi- und Lastwagenfahrern nicht mehr ernst genommen.
Ober schwere Verbrechen berichtet die sowjetische Presse kein Wort so auch nicht darüber, daß im November 1968 Einbrecher die Wohnung des weltbekannten Geigers David Oistrach ausgeraubt hatten, während der Kunstler mit seiner Frau eine Auslandstournee unternahm. Die Einbrecher entwendeten Kunstgegenstände, Schmuck und Bargeld im Wert von 40 000 Rubel (160 000 Mark). Auch die Residenz des westdeutschen Botschafters Allardt in der Woroski-Straße 46 blieb vor Einbrechern nicht verschont. Der Täter -- von dem man nicht weiß, ob er auf eigene Rechnung arbeitete oder im KGB-Auftrag einstieg -- wurde allerdings gefaßt.
Um die Jahreswende 1968/69 gab es in Moskau eine motorisierte Gangsterbande, die eine Sparkassen-Filiale überfallen hatte. Bei der Verfolgung durch die Polizei kam es zu einem Feuergefecht. Die Banditen wurden schließlich festgenommen. Einer gehörte der Moskau Kriminalpolizei an.
Die Furcht junger hübscher Russin nen vor Überfällen ist in Moskau weit verbreitet. Die jungen Damen lassen sich nicht nur bis zur Haustür, sondern bis zur Wohnungstür begleiten. In den Mietshäusern haben sie Angst, im Fahrstuhl überfallen zu werden.
So sehnt sich die Bevölkerung nach Recht und Ordnung. Die aber symbolisiert nicht Parteichef Leonid Breschnew
dessen Ansehen nicht hoch im Kurs steht -, sondern Ministerpräsident Kossygin, von dem viele Russen voller Hochachtung sprechen. Kossygin gilt als der einzige unter den Mitgliedern des Politbüros, der sich ernsthaft um das Volk sorgt, vor allem um die Verbesserung des Lebensstandards.
Der Premier ist leberkrank, dennoch absolviert er ein tägliches Arbeitspensum von 16 Stunden. Er bewohnt auf den Lenin-Bergen eine der Prominenten-Villen, die kurz nach Stalins Tod fertiggestellt wurden. Dort haben auch Bundeskanzler Brandt und Außenminister Scheel bei ihrem Besuch in Moskau gewohnt.
Bis zum Attentat am Borowizki-Tor konnte man Kossygin manchmal mit seiner Tochter Ljudmila auf der Herzen-Straße beim Einkaufsbummel beobachten. Sie benutzt noch heute öffentliche Verkehrsmittel wie die Metro oder Omnibusse. Im Gegensatz zu anderen Spitzenfunktionären lehnt es Kossygin ab, seinen Familienmitgliedern ständig Dienstwagen zur Verfügung zu stellen.
Kossygin sammelt Jazzplatten und diskutiert mit Intellektuellen.
Kossygin unterhält einen jour fixe in seiner Wohnung: Da gibt es lebhafte Diskussionen mit Intellektuellen aus dem sowjetischen Establishment. Zum Kreis der regelmäßigen Besucher gehören die jüdische Primaballerina Maja Plissezkaja und -- bis zu seiner schweren Erkrankung -- der "Nowy mir"-Chefredakteur Twardowski, ferner der Schriftsteller Konstantin Simonow -- der im April in West-Berlin für eine Veröffentlichung des neuesten Solschenizyn-Romans ("August 1914") plädierte und an der sowjetischen Zensur Kritik übte.
Kossygin hat, so sagt man in Moskau, eine Vorliebe für Jazzmusik; er besitzt eine große Sammlung von Cool-Jazz-Platten. Der weitgereiste Mann -- andern als Breschnew, der noch nie im Westen war -- unterhält von allen Politbüro-Mitgliedern den besten Kontakt zur Außenwelt. Sein Schwiegersohn ist Dschermen Gwischiani. stellvertretender Leiter des Staatskomitees für Wissenschaft und Technik. Der urbane Gwischiani, dessen Vater unter Stalin Polizeigeneral war, spricht fließend Englisch und ist häufig im Ausland. Stets modern und westlich gekleidet, dürfte er wohl der einzige Mann in der sowjetischen Funktionärselite sein, der blaue Buttondown-Oberhemden trägt. Von Gwischiani sagte der Krupp-Manager Berthold Beitz: "Ihn würde ich sofort bei mir als Verkaufsdirektor anstellen."
Gwischiani erzählt von sich selbst. seine größte Entspannung bestehe darin, am Steuer eines Autos zu sitzen. Er behauptet, lediglich einen Wolga sein eigen zu nennen. Dies ist sicher ein Understatement; man weiß, daß der Prominenten-Fuhrpark Fahrzeuge vieler ausländischer Fabrikate umfaßt. Wohl in Erinnerung an die Tradition Lenins, bevorzugt Leonid Breschnew einen Rolls-Royce "Silvercloud". Neuerdings benutzt Breschnew dieses Fahrzeug immer häufiger auch bei offiziellen Anlässen.
Bisher legte die Moskauer Prominenz darauf Wert, bei offiziellen Gelegenheiten nur· in sowjetischen Fahrzeugen gesehen zu werden. Ende April zeigte sich Breschnew aber beim Staatsbesuch in Sofia in einem Mercedes 600. Der Chef des Plankomitees, Baibakow, steuert in seiner Freizeit einen Chevrolet Impala. Staatsoberhaupt Podgorny bevorzugt für Privatfahrten einen Mercedes 600. bem Kreml wurden in den letzten Jahren zwei Mercedes-Limousinen dieses Typs geliefert. Wartungstrupps von Daimler-Benz, die jährlich einmal nach Moskau zur westdeutschen Botschaft kommen, wird es jedoch nicht gestattet, diese Fahrzeuge durchzusehen.
Im Erholungsgebiet der Kreml-Prominenz zwischen Uspenskoje und der Hauptstadt tauchen oft plötzlich nagelneue Automobile westlicher Fabrikation ohne Nummernschilder auf. Die Fahrzeuge sind meist mit jungen Leuten besetzt, vermutlich Söhnen und Töchtern führender Funktionäre.
Maja Plissezkaja steuert einen Karmann-Ghia 1500, der bekannte Solotänzer Wassiljew einen Citroen DS 21, der Geiger David Oistrach einen alten Mercedes 300, der KGB-Journalist Victor Louis besitzt einen Porsche, einen Mercedes 220, einen Landrover und einen Wolga-Kombiwagen, der Bolschoi-Solotänzer Ljepa einen VW-Bus. Frau Podgorny benutzt einen schwarzen Wolga (mit Chauffeur).
Auch Spitzenfunktionäre kennen den Westen nur vom Hörensagen.
Die Mitglieder des Politbüros verbringen ihren Urlaub im Sommer, wenn es in Moskau heiß ist, am Schwarzen Meer in Sotschi oder Gagra; unkonventionelle Prominenten-Kinder fahren in die baltischen Länder an die Ostsee. Dort kann man auch einmal das finnische Fernsehprogramm empfangen.
Die Stalin-Tochter Swetlana berichtet in ihrem Buch "Das erste Jahr", ZK-Sekretär Suslow habe ihr einmal erklärt, er könne gar nicht verstehen, daß die Russen ins Ausland strebten: Die Sowjet-Union sei so groß und so schön und enthalte alle Klimazonen. Es gäbe herrliche Meere, wunderbare Wälder und romantische Gebirge. Dies scheint auch heute noch die Grundhaltung unter den Spitzenfunktionären zu sein. Es ist völlig unvorstellbar, daß ein Mitglied des Politbüros plötzlich den Wunsch äußern könnte, mit der Familie den Sommerurlaub in St. Tropez oder auf den Bahamas zu verbringen -- seine Genossen würden ihn für verrückt halten.
Die meisten der Spitzenfunktionäre haben keine korrekte Vorstellung vom Leben im Westen: Sie selbst waren nie dort, die Angehörigen des diplomatischen Dienstes passen ihre Berichte dem an, was Moskau hören will; Kundschaftern des geheimen Nachrichtenapparats wird oft nicht geglaubt, Journalisten -- die mitunter in höchstem Auftrag zu Sondierungen ausgeschickt werden -- geben verzerrende ideologische Interpretationen. Eine öffentliche Meinung, die das amtliche Bild vom Kapitalismus berichtigen könnte, existiert nicht und kann auch nichts nützen, solange die Sowjetbürger nicht in großem Maß in den Westen reisen dürfen.
So gibt es überraschende Beispiele für die Weltfremdheit der Politbüro-Mitglieder: Auf dem Flugplatz Scheremetjewo, im Frühsommer 1969, fragte bei der Verabschiedung des ehemaligen DGB-Vorsitzenden Ludwig Rosenberg Politbüro-Mitglied Schelepin. ob Düsseldorf eine große Stadt sei und ob sich denn dort ein Flughafen befände.
Schelepin wies auf die Abfertigungshalle am Rollfeld in Form eines gläsernen Pilzes und sagte: "Dieses Ding haben wir Chruschtschow zu verdanken. Er hat so etwas in Amerika gesehen. Es sieht schön aus, hat furchtbar viel Geld gekostet und ist absolut unpraktisch, weil die Passagiere von dem Gebäude aus doch nicht direkt ins Flugzeug steigen können."
Inzwischen wurden zwei automatische Zugangsbrücken gebaut und in Betrieb genommen.
"Kremljowka" sorgt für Dienstmädchen und Datschas.
Die Abfahrt und die Ankunft eines Politbüro-Mitglieds auf dem Flughafen oder Bahnhof stellen wichtige protokollarische Ereignisse dar: Aus dem Rang der Person, die den Reisenden verabschiedet oder empfängt -- in der Presse genau notiert -, können Karrieristen wichtige Schlußfolgerungen für die gerade verbindliche politische Linie ziehen.
Parteichef Breschnew reist -- wohl wegen seines Herzleidens -- meist in einem Sonderzug der Eisenbahn. Kehrt er zurück -- Beispiel: aus Budapest am 6. April 1970 -, sieht das so aus:
Vorgesehene Ankunft: zehn Uhr auf dem Kiewer Bahnhof. Um 7.30 Uhr parkt auf dem Bahnhofsvorplatz eine Tatra-Limousine. Ihr entsteigen drei für sowjetische Verhältnisse zu elegant gekleidete Herren. Sie nehmen die Vorderfront des Bahnhofs in Augenschein und verschwinden im Gebäude. Um acht Uhr postieren sich in der Umgebung des Bahnhofs Motorrad- und Funkwagenstreifen der Miliz. Um 8.20 Uhr parken auf dem Bahnhofsvorplatz zwei kleinere Omnibusse, denen etwa dreißig Zivilisten entsteigen -- in Regenmänteln gleichen Zuschnitts, aber in verschiedenen Farben: dunkelblau. dunkelgrün und dunkelbraun.
Einige dieser Herren beziehen wenig später auf dem Dach des Bahnhofsgebäudes Posten. Die anderen verteilen sich in der Vorhalle. in den Wartesälen und auf den Bahnsteigen. Gegen neun Uhr rücken zwei Hundertschaften Miliz an. In einem Umkreis von hundert Metern um den Bahnhof stellen sie Gitter auf und bilden Postenketten. Die Ein- und Ausgänge des Bahnhofs werden geschlossen, Vorhalle und Wartesäle abgeriegelt. Der Zugang zu zwei Bahnsteigen wird gesperrt.
Der Bahnsteig, auf dem Breschnew eintrifft, ist auf einer Seite von einer Wand und dem Eingang zum "Sal deputatow" -- dem VIP-Raum -- begrenzt, auf der anderen Seite befindet sich das Nachbargleis.
Auf dieses Gleis wird ein Leerzug. bestehend aus D-Zug-Wagen, gezogen, dazwischen stehen Sicherheitsbeamte. Endlich erscheinen einige Eisenbahner. die sowjetische und ungarische Fähnchen aufziehen. Der Ankunftsbahnsteig ist inzwischen so abgeschirmt, daß von keinem Punkt außerhalb der Absperrung aus beobachtet werden kann, was auf dem Bahnsteig geschieht, wenn der Zug mit Breschnew einläuft.
Die sowjetische Prominenz ist inzwischen am Seiteneingang des Bahnhofs zum Empfang des Parteichefs eingetroffen, entlang den Schutzgittern haben sich etwa 300 neugierige Sowjetbürger eingefunden. Mit Mühe können sie gerade noch einige ihrer Führer identifizieren, die sofort durch den Straßeneingang des Deputierten-Saals im Innern des Bahnhofs verschwinden.
Dann kommt Breschnew an und verläßt nach kurzer Begrüßungszeremonie den Bahnhof. Die Menge erkennt Breschnew. Zwei oder drei Funktionäre rufen: "Es lebe die Kommunistische Partei und ihr Führer, der Genosse Leonid Iljitsch Breschnew."
Die Menge verharrt regungslos. Niemand klatscht, niemand bricht in Jubelrufe aus. Breschnew wirft nicht einen einzigen Blick auf die Wartenden. Er vermeidet es auch, an das Gitter zu treten und Hände zu schütteln. Er steigt in den Rolls-Royce und fährt davon.
Die Privilegien der Spitzenfunktionäre sind = sorgfältig abgestuft -- an die Funktion gebunden. Hauspersonal, Dienstwohnungen, Datschas, Chauffeure und Dienstwagen werden von einer Sonderbehörde, im Volksmund "Kremljowka" genannt, gestellt.
Breschnew, Kirilenko, Andropow oder Kossygin lassen ihren täglichen Bedarf nicht in normalen Geschäften einkaufen. Für die Mitglieder des Politbüros und des Zentralkomitees gibt es Sondergeschäfte, von den Russen "Spez-Magazine" (Spezial-Magazine) genannt.
Das sind keine normalen Ladengeschäfte: Sie befinden sich in Gebäuden, die von außen wie Behörden oder Wohnhäuser wirken. Sie sind auch nicht gekennzeichnet. Der Zutritt ist nur mit Sonderausweisen gestattet.
Die Sondermagazine gliedern sich in Warenlager für Lebensmittel, Genußwaren, Kleidung, Möbel, Lederwaren. Sie enthalten alles, was man in einem Kaufhaus im Westen finden würde.
Ein Privilegierter entrichtet am Ersten eines jeden Monats in
seinem Lebensmittel-Sondermagazin eine Verwaltungsgebühr von 50 Rubel. Mit der Zahlung dieser Einschreibe-Gebühr erhält er das Recht, alle Lebensmittel für den Bedarf seines Haushalts in beliebiger Menge kostenlos zu beziehen.
Es versteht sich von selbst, daß diese Geschäfte vorzüglich beliefert werden und alle die Waren enthalten, die das Volk entbehren muß. Die Bestellung von drei Kilo Kaviar, zehn Flaschen französischem Kognak, Whisky, Gänseleberpastete, Hummer ist hier kein Problem.
Die bestellten Waren werden frei Haus geliefert. Artikel wie englische Anzugstoffe, ausländische Parfums. Schallplatten, Bücher, Tonbandgeräte, italienische Krawatten sind hier für eine kleine Gruppe ohne Schwierigkeiten zu haben.
Spezialmagazine befinden sich zum Beispiel im Kreml, in der Nähe des Verteidigungsministeriums in der Frunsestraße, an der Kamenny-Brücke neben dem Estraden-Theater. Geschlossene Abteilungen als Filialen eines Sondermagazins findet man auch im obersten Stockwerk des Kaufhauses "Gum". Hier gibt es auch eine Lebensmittelabteilung für Diplomaten und Korrespondenten aus den Ostblockstaaten. Dieser Personenkreis kann mangels harter Westwährung nicht in den besonderen Valuta-Geschäften einkaufen, die in den letzten Jahren die sowjetischen Behörden für die Ausländerkolonie westlicher Länder eingerichtet haben.
Zu den Habenichtsen mit weicher Währung gehören übrigens auch die Diplomaten arabischer Länder. Die Sonderabteilung im "Gum" versorgt diesen Personenkreis mit Lebens- und Genußmittein einer Qualität, die zwar besser ist als die in den normalen sowjetischen Geschäften, aber minderwertiger als das Angebot in den Valuta-Ausländerläden.
In der Qualität des Warenangebots sorgfältig abgestufte Spezialmagazine gibt es auch für mittlere Funktionäre, wie die Angehörigen der Ministerien, für Offiziere des Generalstabs unterhalb des Generalranges, für Schauspieler, Schriftsteller und Künstler. Für untere Funktionäre werden die Privilegien noch geringer; sie beschränken sich zum Beispiel auf die Möglichkeit des Bezugs von Textilien, die aus der Produktion der sozialistischen Länder (vorwiegend der DDR) stammen.
Im "Dom modeli" aber finden regelmäßig Sonder-Modenschauen für Funktionärsdamen statt, die sich über das Neueste der westlichen Haute Couture unterrichten wollen.
Einzelne Persönlichkeiten im öffentlichen Leben der Sowjet-Union, zum Beispiel Helden der sozialistischen Arbeit, Träger des Lenin-Ordens, verdiente Schriftsteller und Künstler des Volkes, nehmen wie die höchsten Funktionäre ein Privileg in Anspruch, das sie schon jetzt in die kommunistische Gesellschaftsordnung versetzt, in der "jedem nach seinen Bedürfnissen" -- ohne Geld oder Leistungsnachweis -- beschert wird: Sie verfügen über ein "offenes Konto" bei der Staatsbank. Pop-Filme und Dior-Moden gibt es nur im "Klub".
Der Inhaber eines "offenen Kontos" besitzt das Recht, jede beliebige Geldsumme in Rubel-Währung abzuheben. Einzige Bedingung: Die Beträge dürfen nur für den persönlichen Bedarf verwendet werden, also etwa für den Kauf eines Autos oder einer Datscha.
Die derart Privilegierten leben dennoch nicht wie im Schlaraffenland: Sie müssen stets fürchten, ihr Vorrecht wieder einzubüßen, wenn sie es exzessiv nutzen. So wirkt sich in der Praxis das "offene Konto" nur wie der Besitz eines (in der UdSSR sonst unbekannten) Scheckbuchs aus.
Außer der Parteiprominenz sind auf diese Weise vor allem jene Sowjetbürger privilegiert, die dem Staat hartes Geld -- Devisen -- einbringen: Künstler wie Rostropowitsch und Oistrach oder Spitzentänzer des Bolschoi-Balletts, die häufig im Ausland gastieren, erhalten einen Teil ihrer eingespielten Gagen in harter Währung ausgezahlt, genauer: in Valuta-Kupons. Ohne gesetzliche Regelung, lediglich auf Grund einer Verwaltungsanordnung der Staatsbank ("Gosbank") sind für diesen Personenkreis 40 Prozent der eingespielten Beträge in Auslandswährung verfügbar.
Nach dieser Anordnung gilt ein höherer Prozentsatz für "anerkannte Preise", ein niedrigerer für "Bar-Geschenke". Die 280 000 Mark, die Alexander Solschenizyn mit dem Nobelpreis erhielt, wurden nicht als anerkannte Ehrung, sondern als "Geschenk" eingestuft. Er erhielt bisher Valuta-Kupons im Wert von 16 000 Mark.
Damit kann er in besonderen Geschäften einkaufen. Die Kupons erhält er in der Zentrale der Gosbank in der Moskauer Neglinnaja-Straße 12, einem alten Palais, auf dessen Fluren bewaffnete Posten stehen. Die Schalterbeamten der Gosbank benutzen neben ihren Rechenmaschinen auch noch gern die Rechenbretter mit verschiebbaren Kugeln, die von den meisten Kassierern der Sowjet-Union bevorzugt werden -- im Westen dienen sie nur noch als Kinderspielzeug. Über ein vollautomatisches Buchungssystem verfügt die Staatsbank der UdSSR noch nicht. Das Personal notiert die Kontenvorgänge mit Federhaltern in Kladden und dicken Folianten.
Sowjetische Devisenbringer dürfen vom verdienten Auslandsgeld einen Teil im Ausland selbst ausgeben und zum Beispiel amerikanische Kühlschränke, französische Garderobe und deutsche Autos einführen. Mit ihren Valuta-Kupons können sie auch in den Ausländern vorbehaltenen "Berjoska" -- Läden kaufen, die in Hotels und auf Flughäfen sowie in einigen Moskauer Spezialgeschäften Konsumgüter des gehobenen Bedarfs anbieten.
Die von den Ehefrauen sowjetischer Botschafter bei gesellschaftlichen Anlässen im Westen zur Schau getragenen kostbaren Pelze dagegen stammen aus noch einer anderen Quelle: dem "geschlossenen Verteiler", einer Expedition für Sonderzwecke, von der auch der Moskauer Patriarch Delikatessen für den Empfang ausländischer Gäste bezieht.
Von diesem abgestuften System der Privilegien sagen Zyniker in den eingeweihten Kreisen der sowjetischen Hauptstadt, an der Kreml- Mauer müsse eigentlich ein großes Spruchband mit der Aufschrift hängen: "Kto u nas jestj, tosche jest" -- "wer bei uns was ist, der ißt auch."
Kein Sowjet-Funktionär in Moskau, der auf sich hält, käme auf die Idee, in irgendeinem der ständig überfüllten. meist miserablen Moskauer Restaurants zu speisen. Dort, in aller Öffentlichkeit. spielt sich das Leben der Sowjet-Funktionäre nicht ab: Man feiert privat oder in den Klubs, die für einzelne Berufsgruppen eingerichtet sind, zum Beispiel im
* Schriftsteller-Klub,
* Haus der Architekten,
* Klub der Ärzte,
* Klub der Offiziere,
* Haus der Journalisten ("Dom Journalistow").
Dort ist man unter sich; zum Journalisten-Klub haben westliche Kollegen nur donnerstags Zutritt. In den berufsständischen Klubhäusern ist die Küche leidlich gut und der Kellner freundlich. Das beste Steak in Moskau wird im Journalisten-Haus serviert. Und wer Appetit auf einen Hummer hat, muß ins "Dom Kino", den Klub der Filmschaffenden in der Brester Straße, gehen. Der Einlaß zu diesem Klub ist nur Mitgliedern und deren Gästen gestattet, Ausländer haben keinen Zutritt.
Im "Dom Kino" treffen sich Schauspieler und Artisten, die Söhne und Töchter von Funktionären und Ministern, die junge, elegante Welt von Moskau. Hier werden regelmäßig Filme vorgeführt, die neuesten Streifen aus dem Westen -- Filme, die in den normalen sowjetischen Kinos niemals laufen würden. Die junge Sowjet-Elite hatte Filme wie "EasyRider" oder "Blow up" im "Dom Kino" eher gesehen als die meisten Diplomaten der westlichen Ausländergemeinde in Moskau.
Westliche Moskau-Besucher fragen häufig, ob es in dieser Millionenstadt keine eleganten jungen Damen gäbe. Im "Dom Kino" sind sie anzutreffen. Hier begegnet man dem Stalin-Preisträger Roman Karmen, Regisseur von Dokumentarfilmen über den Spanienkrieg und den Zweiten Weltkrieg. Ober sein letztes Werk "Towarischtsch Berlin" rümpfen zwar viele junge Mitglieder des Establishments verächtlich die Nase, aber das hindert sie nicht, Karmens junge Frau und deren hübsche Tochter aus erster Ehe in ihren aus Paris mitgebrachten Dior-Roben zu bewundern.
Hier treffen sich Kosmonauten und sowjetische Jungdiplomaten, die ihren Heimaturlaub in der Hauptstadt verbringen. In diesen Klubs feiern die feinen Leute von Moskau. Auf den Silvester-Partys dieser "klassenlosen Gesellschaft" tragen die Damen tiefe Dekolletés, hier zeigen sie unverhohlen Schmuck und Pelze von erlesenem Geschmack.
Eine Eigentumswohnung für Funktionäre kostet 24 000 Mark.
Das "süße Leben" Moskaus findet hinter sorgfältig verschlossenen Türen statt, eigentlich nur angesichts der offiziellen Prüderie -- in den Privatwohnungen der Prominenz. Funktionären des mittleren Ranges sind einige Hochhäuser in der Innenstadt vorbehalten, sauber verarbeitete, hellgelbe Klinkerbauten mit großen Fensterfronten und Balkons in der Stanislawski-Straße und in der Tolstoi-Straße. Der Rasen, der die Gebäude umgibt, ist sorgfältig gepflegt. Die Treppenaufgänge sind blitzblank, die Fahrstuhle funktionieren.
In dem Prominenten-Hochhaus in der Stanislawski-Straße wohnt zum Beispiel der Vorsitzende des Moskauer Stadtsowjets, Oberbürgermeister Promyslow. Sein Monatsgehalt beträgt 500 Rubel (2000 Mark). Das ist wenig, wenn man bedenkt, daß dieser Mann nicht nur die Geschicke einer Millionenstadt lenkt, sondern daß er auch Chef aller Wohnungsbaugesellschaften, aller Kaufhäuser, aller Friseurläden, aller Tankstellen -- aller kommunalen Betriebe -- ist, die es in der Stadt gibt. Aber wer Privilegien hat, braucht kein hohes Gehalt.
Promyslow bewohnt in der Stanislawski-Straße mit seiner Frau eine Dreizimmerwohnung von etwa 100 Quadratmetern (die noch von Lenin festgesetzte Wohnflächennorm für jeden Sowjetbürger beträgt neun Quadratmeter). In der Tolstoi-Straße stehen zwei Hochhäuser dieser Art. Hier wohnt die Kulturministerin Jekaterina Furzewa mit ihrem Mann, dem Vize-Außenminister Firjubin, der vor seiner Eheschließung 3. Stadtparteisekretär in Moskau war.
Der Frau Furzewa wurden früher enge persönliche Beziehungen zu Nikita Chruschtschow nachgesagt. Sie ist die einzige Frau unter den 80 Kabinettsmitgliedern der Sowjet-Regierung. Allerdings hat sie heute kaum noch Einfluß -- selbst als Kulturministerin übt sie fast nur noch Repräsentations-Funktionen aus: Sie arrangiert künstlerische Abende für die Kreml-Spitzen und für hochgestellte ausländische Besucher, sie besorgte das beispielsweise auch für den 24. Parteitag am Abend des 9. April.
Ihre Tochter Swetlana war mit dem Sohn des früheren Personalchefs der Partei, Frol Koslow, verheiratet, ließ sich scheiden und trat dann in die Presse-Agentur "Nowosti" ein, bei der früher viele Kinder von Prominenten beschäftigt waren, so die Töchter von Breschnew und Kossygin sowie die Adoptiv-Tochter Chruschtschows, Julija.
Bei der Presse oder im diplomatischen Dienst findet sich immer eine Stellung für den Abkömmling eines Spitzenfunktionärs, wenn ihn Fähigkeiten oder Ehrgeiz nicht in die Wirtschaftsverwaltung, die Wissenschaft oder sogar zu Parteifunktionen treiben. In dieser Gesellschaft, in der Beziehungen alles sind, bewahrt die Herkunft vor sozialem Abstieg.
Da der Aufstieg die vollkommene Anpassung an die Herrschenden zur Voraussetzung hat, bleibt die Oberschicht stets unter sich oder unter ihresgleichen. Die Abgeschlossenheit nach unten und nach außen ist ein Grundgesetz dieses Systems -- deshalb wird auch darauf geachtet, daß die einzelnen Schichten eng miteinander leben.
Auch die mittleren und unteren Funktionäre der Ministerien treffen sich nicht nur am Arbeitsplatz, sie wohnen auch gemeinsam. So gibt es in unmittelbarer Nähe des Kutusowski-Prospekts ein Wohnhaus -- nicht so gut verarbeitet wie die vorher erwähnten Häuser -, in dem nur Angehörige des Außenhandelsministeriums wohnen. Das gleiche System gilt für die übrigen Ministerien und auch für die Redaktionen der "Prawda" und "Iswestija".
Viele Funktionäre bemühen sich, aus diesen Gettos auszubrechen, indem sie sich mit einer sogenannten "Kooperativ-Wohnung", einer kleinen Eigentumswohnung, versorgen. Man kann sie für 6000 Rubel (24 000 Mark) erwerben. Die Hälfte des Betrages -- mehr als 20 Monatsgehälter -- muß bar angezahlt werden, die andere Hälfte wird langfristig als Monatsmiete abgezahlt.
Wer etwas ist, besitzt ein Holzhaus auf dem Lande, eine Datscha. Wer etwas Besonderes ist, lebt in einer geschlossenen Datscha-Siedlung. Etwa 30 Kilometer westlich von Moskau an der Straße nach Uspenskoje liegt in einem riesigen Waldgebiet ein Erholungsareal der Kreml-Prominenz, innerhalb von Sperrbezirken, die nur mit Sonderausweisen betreten werden dürfen.
Die Chaussee nach Uspenskoje ist eine gepflegte Asphaltstraße, die auch im Winter stets von Schnee freigehalten wird. Das ist morgens und abends, besonders aber an den Wochenenden, die Rennstrecke der Kreml-Prominenz.
An allen wichtigen Kreuzungen stehen Polizeiposten. Außerdem patrouillieren auf dieser Straße Streifen in Uniform und Zivil. Fast alle Abzweigungen entlang der Chaussee nach Uspenskoje sind für den normalen Fahrzeugverkehr gesperrt. Das runde rote Verkehrszeichen mit dem gelben Balken untersagt die Einfahrt. Abbiegen dürfen nur Fahrzeuge, die einer bestimmten Datscha zustreben und die entsprechende Erlaubnis haben.
An den Zufahrten zu den Siedlungen stehen braun bemalte Gipsfiguren von Reh und Hirsch. Die Mitglieder des Politbüros verfügen innerhalb des riesigen Wiesen- und Waldgebiets über Einzeldatschas. Das Gelände einer jeden Datscha wird von einem hohen, gewöhnlich grünen Bretterzaun eingezäunt, der jeden Einblick verbietet. Die Zufahrtstore sind bewacht.
Parteichef Breschnew und seine nächsten Kollegen haben sich in den letzten Jahren moderne Flachbauten mit großen Fensterfronten im kalifornischen Bungalow-Stil bauen lassen, die von Rasenflächen und privaten Swimming-pools umgeben sind. Solche Gebäude findet man sonst nirgends in der Sowjet-Union. Die Bauarbeiten wurden von Soldaten der Pioniertruppe ausgeführt.
Harmlose russische Spaziergänger oder Pilzesucher haben kaum eine Chance, auch nur in die Nahe dieser "Objekte" zu gelangen. Sicherheitsstreifen halten alle unerwünschten Besucher fern. Die Masse der Bevölkerung hat keine Vorstellung davon, wie die Mitglieder der Führungsspitze dort leben.
Die in Gruppensiedlungen angeordneten Erholungshäuser der Kreml-Prominenz erlauben es den Sicherheitsorganen, sich stets darüber zu informieren, wer wen besucht und wer mit wem verkehrt. Etwaige konspirative Gruppenbildungen sind unter diesen Uniständen kaum möglich.
Die Datschas der Mitglieder des Politbüros liegen -- von Moskau aus gesehen -- unmittelbar hinter dem Dorf Kaltschuga, rechter Hand in nordwestlicher Richtung. Von der Straße aus führen die für die Einfahrt verbotenen asphaltierten Fahrwege zunächst mehrere Kilometer weit in den Wald, bis man auf den Sperrzaun stößt.
Einige Kilometer westlich von Uspenskoje liegt das Objekt "Gorki 10". Dort befindet sich die abgesicherte Datscha-Siedlung des Ministerrats -- für Regierungsfunktionäre, die nicht dem Politbüro oder dem ZK-Sekretariat angehören. Die Einzelhäuser wurden von einem französischen Architekten entworfen und sind mit finnischen Importmöbeln ausgestattet.
Es versteht sich von selbst, daß der Komplex "Gorki 10" ein Schwimmbad, Tennisplätze, Sportanlagen, ein Klubhaus mit Restaurant und Kino und ein Sondermagazin enthält. Auch hier ist der Zugang nur mit Sonderausweis gestattet. Gäste müssen angemeldet werden. Für die Familienangehörigen dieser Gruppe -- soweit sie nicht über eigene Automobile verfügen -- wird im Sommer morgens. mittags und abends ein Autobus-Pendeldienst eingerichtet. Die Omnibusse parken an der Kreml-Mauer neben dem Spasski-Tor. Ein Fahrstuhl am Steilufer der Moskwa.
Der Datscha-Komplex der Generalität liegt in "Gorki VI" in unmittelbarer Nähe des Jussupow-Schlosses Archangelskoje (von wo aus einst der preußische Gesandte Otto von Bismarck Briefe an seine Frau schickte). Dort lebt auch Marschall Budjonny, 88. Er fährt einen "Sis" aus der Stalin-Zeit; er hat einen Obersten als Adjutanten und einen Chauffeur. Budjonny, ein alter Reitergeneral, kümmert sich als Generalinspekteur um die Pferdezucht der Armee in einem größeren Gestüt bei Uspenskoje (das der westdeutsche Kaufmann Neckermann einmal besichtigt hat). Noch bis vor kurzem ließ sich Budjonny jeden Morgen auf ein Pferd heben.
Direkt am nordwestlichen Ufer der Moskwa, in unmittelbarer Nähe von Uspenskoje, liegen einige moderne weißverputzte Gebäude: das Sanatorium des Ministerrats und des Zentralkomitees. Eine moderne Schwimm- und Sporthalle wurde von Armee-Einheiten im vergangenen Herbst fertiggestellt. Hier treffen sich Spitzenfunktionäre, darunter auch pensionierte Minister und Parteisekretäre. mit ihren Damen zum Nachmittagstee.
Der Komplex ist von einem herrlichen Park mit asphaltierten und beleuchteten Wegen umgeben. Am Steilufer der Moskwa steht ein Fahrstuhlturm für Gehbehinderte. Der Lift führt direkt zum Ufer des Flusses. Die gesamte Anlage wird von Armee-Einheiten bewacht.
Als sich ein westlicher Diplomat einmal dem Erholungsgebiet genähert hatte, wurde er von einem Wachoffizier sehr schnell geortet und höflich gebeten, die Umgebung zu verlassen: Es sei verboten, in dieser Gegend spazierenzugehen, meinte der Offizier. Auf die Frage, was es mit den Gebäuden auf sich habe, antwortete der Offizier lächelnd: "Eto chosjaistwo" -- das ist ein landwirtschaftlicher Betrieb.
Die Felder entlang der Chaussee nach Uspenskoje werden von einem Sowchos (Staatsgut) bewirtschaftet und im Sommer mit modernen Sprüh-Anlagen bewässert. Der Sowchos beliefert die "Erholungs-Objekte" direkt mit Obst und Gemüse, Eiern und Fleisch. Die Dörfer wirken sehr viel gepflegter als die üblichen sowjetischen Ortschaften. Die Lattenzäune sind neuerdings im Frühjahr stets frisch gestrichen. Nachdem die Bauern des Dorfes Rasdory in einer Adresse an die Sowjetregierung um Farbe gebeten hatten, kam ein Lkw, der mehrere Tonnen mit grüner und blauer Ölfarbe geladen hatte.
Der ehemalige Parteichef Nikita Chruschtschow lebt ebenfalls -- durch einen hohen Holzzaun abgeschirmt -- auf seiner Pensionärsdatscha an der Einmündung der Istra in die Moskwa, nahe der Ortschaft Petrownyje Dame je. Seine ehemaligen Politbürokollegen schneiden ihn. Lediglich der ebenfalls pensionierte, aber in Ehren ausgeschiedene Anastas Mikojan ruft ihn, so heißt es, gelegentlich an. Er gratuliert Chruschtschow regelmäßig am 17. April zum Geburtstag.
Chruschtschow wurde jetzt 77 Jahre alt. Ministerpräsident Kossygin bemüh. te sich vor einigen Jahren einmal in das Krankenzimmer von Chruschtschow, als sich beide in einer Regierungsklinik des Botkin-Krankenhauses auskurieren ließen. Zum 50. Jahrestag der Gründung der Sowjet-Union hatte Chruschtschow gehofft, man werde ihn wenigstens einladen, auf einer Prominenten-Tribüne der traditionellen Parade beizuwohnen. Die Einladung unterblieb. Er verfolgte die Feier am Fernsehschirm. Chruschtschow soll über seine Ex-Kollegen geschimpft haben. Im Kreise seiner Verwandtschaft plaudert Chruschtschow gerne über seine Erlebnisse aus der guten alten Zeit. Nach diesen Erzählungen gibt er zwei Berufsständen den Vorzug: den Ingenieuren und den Journalisten.
Die Ingenieure schätzt er, weil sie etwas Konstruktives zuwege bringen, und die Journalisten gefallen ihm, weil sie einen kritischen Blick haben und in der Welt herumkommen.
Besonders gern erinnert er sich an seine vielen Dialoge mit westlichen Korrespondenten. Er hat sogar die Namen einiger Journalisten, die in Moskau tätig waren oder noch tätig sind, nicht vergessen. Der amerikanische Fernsehkorrespondent Sam Jaffe (ABC) und der langjährige Leiter des UPI-Büros in Moskau, Henry Shapiro, sind ihm unvergessen.
Die Privilegien der Gestürzten gelten nur noch auf dem Friedhof.
Einige westliche Journalisten versuchten, Nikita Chruschtschow zum 75. Geburtstag auf seiner Datscha einen Besuch abzustatten. Sie gelangten bis zum Eingangstor des Sperrgebietes. Eine uniformierte Wächterin öffnete, sie hatte eine Pistole umgeschnallt. Es entwickelte sich folgender Dialog: Wächterin: "Was wünschen Sie?" Die Journalisten: "Wir möchten Nikita Sergejewitsch Chruschtschow besuchen."
Wächterin: "Wer ist das?"
Die Journalisten erklärten es ihr und sagten, sie wollten dem alten Herrn gratulieren.
Die Wächterin: "Hier ist niemand." Die Journalisten: "Wann kommt Chruschtschow wieder?"
Die Wächterin: "Ich kann Ihnen keine Auskunft geben. Verlassen Sie das Gelände."
Die Korrespondenten fuhren davon und übermittelten Chruschtschow ihre Glückwünsche auf anderem Wege. Der alte Herr ließ den Journalisten ausrichten, er freue sich, daß sie ihn noch nicht vergessen hätten.
Ziemlich in Vergessenheit geraten sind hingegen Molotow und Bulganin. Die beiden gestürzten Sowjet-Größen, die auch Ministerpräsidenten waren, sah man im vergangenen Sommer bei der Beerdigung von Frau Molotow. Der ehemalige Premier, Außenminister und Kampfgefährte Stalins, Wjatscheslaw Molotow, 80, wirkt trotz seines hohen Alters frisch und rüstig. Gemessen und voller Würde, in einem abgetragenen schwarzen Anzug, nahm Molotow am Grabe seiner Frau die Beileidsbekundungen der Freunde seiner Familie und ehemaliger Hausangestellter entgegen.
Für die Beerdigung hatten die staatlichen Stellen dem früheren Außenminister eine schwarze Wolga-Limousine mit Fahrer zur Verfügung gestellt. Das Grab von Frau Molotow liegt nur wenige Meter von dem Grab der Nadjeschda Allilujewa, der zweiten Frau Stalins, entfernt.
Molotow wohnt in der Granowski. Straße in unmittelbarer Nähe des Kreml. Er pflegt täglich morgens zwischen neun und zehn Uhr die Lenin-Bibliothek aufzusuchen, wo er in einem abgesonderten Raum Archiv-Akten durchblättert und an seinen Memoiren arbeitet.
Nikolai Bulganin, den weißen Spitzbart sorgfältig gestutzt, wirkt im Ver
* Beim Begräbnis der Ehefrau Molotows im Mai 1970.
gleich zu Molotow gebrechlich. Seine Haltung ist gebeugt. Es scheint, als leide er unter Atemnot. Vor einigen Jahren sah man ihn im Sommer häufiger mit anderen Pensionären auf den Parkbänken am Boulevard-Ring schwadronieren. Gelegentlich becherte er auch mit Freunden in einem Lokal. Jetzt scheint Bulganin sehr zurückgezogen zu leben.
Malenkow, von dem man sagt, er lebe ebenfalls in Moskau, ist bisher nicht gesehen worden. Er wie auch Kaganowitsch fehlten bei der Beerdigung von Frau Molotow auf dem Prominentenfriedhof Nowodewitschi.
Ich habe niemanden getroffen, der wußte, daß diese Pensionäre, die einmal Ministerpräsidenten der UdSSR waren, heute über eine Staatsdatscha verfügen. In den Siedlungen der Prominenz in Uspenskoje oder Peredelkino residieren sie jedenfalls nicht.
Beat-Hits und Bikinis für höhere Töchter.
In der Wochenendsiedlung beim Dorf Peredelkino liegt eine Künstlerkolonie. Dort hat Boris Pasternak gelebt, und dort ist er auch begraben. Dort befindet sich der Sommersitz des Moskauer Patriarchen.
Die Zufahrt nach Peredelkjno von der Moschaisker Chaussee aus ist gesperrt. Man kommt an den Ort von Wnukowo her über Umwege heran. In Peredelkino lebt der Journalist Victor Louis mit seiner englischen Frau Janet. Louis, der im Sonderauftrag des KGB die westliche Welt bereist, hat eine prachtvolle Ikonen-Sammlung, eine importierte Ölheizung und einen Swimming-pool.
* Chruschtschow beim Federballspiel mit US-Außenminister Dean Rusk im August 1963.
Auch seine Datscha ist von einem hohen Bretterzaun umgeben. Stolz zeigt er seinen Gästen die gleichfalls aus dem Westen importierte Flutlichtanlage für den privaten Tennisplatz. Sein Nachbar ist Walentin Falin, der neue Botschafter der Sowjet-Union in Bonn. Die Louis-Kinder und die Falin-Kinder sind Spielgefährten.
Das Dorf Uspenskoje liegt inmitten eines herrlichen Mischwaldes. Am Ufer der Moskwa befindet sich hier die sogenannte "Diplomatenweide", ein Uferabschnitt, den die ausländischen Diplomaten und Korrespondenten -- von Polizeiposten überwacht -- als Badewiese benutzen dürfen.
Die Sommerhäuser im Ort selbst gehören -- im Privatbesitz -- Schriftstellern, Künstlern, Mitgliedern der Akademie der Wissenschaften, Journalisten, Fachministern und Funktionären der mittleren Partei- und Ministerialbürokratie.
Manche dieser Sommerhäuser sind mit Holzzäunen umgeben. In den Gärten stehen Kirschbäume, wachsen Stachelbeer- und Johannisbeersträucher.
Plankommissar Baibakow hat an der Leutnant-Schmidt-Straße (die an einen Revolutionär des Jahres 1905 erinnert) seine Datscha. Etwas weiter zum Ende des Ortes residiert der Stalin-Preisträger und Schriftsteller Michalkow. Im Januar vorigen Jahres schrieb er in der "Prawda" einen schwülstigen Artikel, in dem er die Treue der Schriftsteller zur Partei beschwor. Zum Dank, so sagt man, erhielt er die Genehmigung -- und, was noch wichtiger ist, das Baumaterial -- für die Errichtung einer zweiten Datscha auf seinem Grundstück.
Der jetzige Bonner Korrespondent der außenpolitischen Zeitschrift "Neue Zeit", Lew Besymenski, hat ebenfalls in Uspenskoje eine Datscha.
Im Ort und am Badestrand geben junge Leute, die Söhne, Töchter, Nichten und Neffen der Datscha-Besitzer den Ton an. Sie sind nicht typisch für die junge Generation der Sowjet-Union: Die Mädchen tragen schicke Bikinis und riesige Sonnenbrillen aus nicht-sowjetischer Produktion. Von Kassetten-Recordern erklingen die neuesten Beat-Hits aus dem Westen. Hier werden Kent-Zigaretten angeboten, und hier kaut man amerikanischen Kaugummi. Fast alle kennen sich untereinander.
Diese jungen Leute sind "in". Sie wissen, was in der Welt vorgeht. Sie verstehen Englisch, Französisch oder Deutsch, sie hören regelmäßig die Sendungen der BBC, der "Stimme Amerikas" oder der Deutschen Welle, sie lesen die Untergrundpresse "Samisdat", sie diskutieren Solschenizyn, sie haben den "Ersten Kreis der Hölle" gelesen und reißen ihre Witze über die Lebensgewohnheiten der Apparatschiki -- der sowjetischen Führer, die ihre Väter, Großväter oder Onkel sind.
Fasziniert hören sie, was ein früherer Klassenkamerad, jetzt Zweiter oder Dritter Sekretär an einer sowjetischen Botschaft in Paris, London oder Kairo, zu berichten weiß. Sie reden am liebsten über den Westen. In den letzten zwei Jahren haben diese jungen Leute ungeniert Kontakt mit den westlichen Ausländern von der benachbarten Diplomatenweide aufgenommen. Hier haben sich Freundschaften entwickelt.
An diesem Strand lesen die Sowjetbürger ohne Scheu westliche Zeitungen und Illustrierte. Die jungen Damen stürzen sich vor allem auf die neuesten Ausgaben der Modeblätter aus Frankreich, Deutschland und Italien. Die Männer blättern interessiert in den Nachrichtenmagazinen, so im SPIEGEL. Und auf der anderen Seite des Moskwa-Ufers reiten im Galopp die Sowjet-Generäle vorbei, auf den kostbaren Pferden vom Armee-Gestüt Uspenskoje.
"Ich möchte nur einmal nach Rom oder London."
Die jungen Leute scheuen sich nicht, ihre ausländischen Bekannten zu sich in die Datscha-Gärten einzuladen. An Wochenenden entwickeln sich dort am späten Nachmittag fröhliche Partys. Die Ausländer bringen Kühltruhen mit Whisky, Gin und Tonic mit, und die russischen Gastgeber braten am offenen Feuer ein Schaschlik. Eine gemütliche Atmosphäre, die nur überschattet wird von der Wachsamkeit der Staatsorgane.
Denn den patrouillierenden Streifen des KGB und der Miliz ist diese Form der Fraternisierung nicht entgangen. Aber die jungen Russen sagen betont gleichgültig: "Nitschewo."
"Wir sind Sowjetbürger, und wir können doch in unsere Datscha einladen, wen wir mögen." Für die wachsamen Polizisten haben sie die Sammelbezeichnung "Starschij Lejtenant Petrow" geprägt, "Oberleutnant Petrow". Aber trotz dieser äußerlich zur Schau getragenen Sorglosigkeit horchen sie auf, wenn sie das Geknatter eines Motorrades hören.
Diese jungen Leute haben keine Illusionen mehr. Sie verstehen unter dem Kommunismus etwas anderes als ihre Väter: Sie kennen das Memorandum des Atomphysikers Sacharow, der Meinungsfreiheit und ein Mehrparteien-System forderte. Sie wissen, daß die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung ihrer Heimat, die sie lieben, stagniert. Die ideologischen Verkrampfungen des Regimes sind ihnen zuwider.
Viele hatten ihre Hoffnungen auf das tschechoslowakische Experiment gesetzt. Die bürokratische Unfähigkeit zentraler Planung ist für sie unverständlich. Sie wissen, daß die heutige Führung nicht in der Lage ist, die großartigen Leistungen sowjetischer Wissenschaftler in wirtschaftliche Effizienz umzusetzen.
Am meisten bedrückt sie die Selbstisolierung des Landes. Sie wollen reisen -- nicht nur an die Krim oder an die Ostsee. "Ich möchte nur einmal nach Rom oder London", sagt eine junge Ingenieurin in einem Bikini, den ihr Vater als Teilnehmer eines wissenschaftlichen Kongresses von einer Auslandsreise mitgebracht hat. Und dann fügt sie hinzu: "Aber das sind rosarote Träume, die nie in Erfüllung gehen. Hier bei uns wird sich wohl nie etwas ändern."
Ein anderer junger Mann sagt, er könne vielleicht nach Warschau oder Budapest reisen, in einer Gruppe, versteht sich. "Aber was ist das für ein Leben. Der Reiseleiter zählt alle zwei Stunden die Gruppe ab, eins, zwei, drei, vier, fünf ... Und dann sitzt man im Bus und hört: "Sie sehen rechts, sie sehen links. Nein, danke. Dann bleibe ich lieber in der ruhmreichen Sowjet-Union. Wenn ich reise, dann möchte ich so reisen, wie es mir paßt."
Diese Verbitterung und Resignation hat dazu geführt, daß die jungen Leute sich von der Politik abwenden. Einige von ihnen haben seit Jahren keine sowjetische Zeitung mehr gelesen: "In diesen Blättern wird doch nur gelogen." Einer sagt: "Eine sowjetische Zeitung würde ich nur lesen, um zu erfahren, ob ein Krieg ausgebrochen ist, aber vermutlich werde ich diese Nachricht sehr viel eher im ausländischen Rundfunk hören."
Und dann am frühen Abend, als die Mücken lästig werden, geschieht es: Die Gartenpforte knarrt. "Starschij Lejtenant Petrow", sagt einer.
Der Polizist steht in der Tür. "Was machen Sie hier?" fragte er. Der Gastgeber antwortet: "Wie Sie sehen, feiern wir ein wenig, wollen Sie ein Gläschen?" Der Polizist nimmt die Mütze ab und wischt sich den Schweiß von der Stirn, er akzeptiert ein Glas "Schampanskoje". Aber von seinen Amtspflichten läßt er sich nicht abbringen und fragt weiter: "Sind Sie hier alle Sowjetbürger?" Alle nicken.
Der Polizist schaut sich um und deutet mit dem Arm auf ein Ehepaar: "Und wer sind Sie?" -- "Wir sind Ausländer, Franzosen."
"Ihre Dokumente bitte." Der Polizist zieht das Notizbuch aus der Tasche. Umständlich schreibt er Namen und Nummer des Diplomatenpasses auf. Und dann fragt er weiter: "Ist das Ihr Wagen, der um die Ecke parkt?" Das Diplomaten-Ehepaar nickt. "Vielen Dank", sagt der Polizist. "und einen angenehmen Abend."
Der Diplomat ist besorgt um die Sicherheit seiner jungen Freunde. Die beruhigen ihn und sagen "Nitschewo, uns ist das egal". Aber die fröhliche Stimmung ist dahin. Jeder geht seinen Gedanken nach, und bald bricht man auf.
So enden oftmals Abende in Uspenskoje.

DER SPIEGEL 22/1971
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