03.05.1971

MEDIZIN / KONTAKTLINSENNicht knüllen

Herbert Schwind, Leiter der Firma Titmus Eurocon im nordbayrischen Aschaffenburg, sieht nur noch Weiches im Auge seiner Kunden. Mit Hilfe einer "quellfähigen Substanz", so verkündete Schwind am vorletzten Wochenende vor 200 Optikern und Augenärzten, könne in Zukunft den Trägern von Kontaktlinsen "schmerzloses Sehen" garantiert werden.
Fast gleichzeitig gab ein amerikanisches Unternehmen, die Milton Roy Company in St. Petersburg (Florida), "den Aufbruch In eine neue Ära" der Kontaktlinsen bekannt; die US-Arzneimittelbehörde FDA hat die neuartigen Weichlinsen aus Plastik für den Verkauf freigegeben.
Bislang war in der Bundesrepublik jeder fünfte Brillenträger, der es mit Kontaktlinsen versucht hatte, zu dem herkömmlichen Horn- oder Drahtgestell zurückgekehrt. Daß hingegen bei den Weichlinsen peinigende Nebenwirkungen ausbleiben würden, ließ sich Optiker Schwind von der Mainzer Universitäts-Augenklinik bestätigen. Befund nach einer dreimonatigen Versuchsreihe mit 63 Patienten: "Praktisch keine Schwierigkeiten."
Die neuartigen Seh-Hilfen, gefertigt aus einem Kunststoff-Polymer namens Weicon, sind eine Art optischer Schwellkörper, die vor dem Einpassen auf die Augen-Hornhaut in einer sterilisierenden Flüssigkeit gebadet werden. Effekt: Das bis dahin glasharte Material wandelt sich in eine gallertähnliche Masse und vergrößert sein Volumen -- um ein Viertel der ursprünglichen Größe.
Während etwa die Anprobe herkömmlicher Linsen meist mehrere Sitzungen beim Augenarzt erfordert, könnten die Plastik-Linsen schon bei der ersten Visite angepaßt und ohne wochenlangen Gewöhnungsprozeß getragen werden. Auch die "Haftfähigkeit am Auge", so versicherte Linsenfabrikant Schwind, sei durch das neue Produkt verbessert worden. Denn die weichen Linsen (Durchmesser: 13,5 Millimeter) deckten nicht nur, wie ihre konventionellen Gegenstücke (Durchmesser: neun Millimeter), die Hornhaut ab, sondern auch die Randzone der um den Augapfel gespannten Schutzhülle, die sogenannte Lederhaut. So hätten Mainzer Schwimmer selbst beim "Tauchen mit offenen Augen" die Plastik-Schalen nicht eingebüßt, erläutert Schwind -- eine Gewalt-Tour, hei der bisher "alle Kontaktlinsen verlorengegangen" waren.
Als gewichtigsten Fortschritt freilich bezeichnet der Aschaffenburger Optiker, daß beim Tragen der biegsamen Linsen "kein Fremdkörpergefühl mehr" aufkomme. Die Tränenflüssigkeit des Augapfels vermag die poröse Masse zu durchdringen und bildet auf der Linsen-Vorderseite einen dünnen Wasserfilm -- ganz so wie normalerweise die Flüssigkeit auf dem Augapfel.
450 Mark, etwa ein Viertel mehr als herkömmliche Kontaktlinsen, soll ein Paar Haftschalen aus Aschaffenburg kosten. Dennoch erhoffen sich die Titmus-Kaufleute -- ebenso wie ihre amerikanischen Konkurrenten -- eine "beträchtliche Ausweitung des Marktanteils". In New York zogen schon die Börsenkurse des Weichplastik-Produzenten Bausch & Lomb "mächtig an" ("New York Times").
Nur eine Warnung erteilte der Aschaffenburger Hersteller Schwind potentiellen Käufern der schmiegsamen Linsen. "Wer sie mit groben Fingern anfaßt", so mahnte er, "zerknüllt sie leicht."

DER SPIEGEL 19/1971
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