19.04.1971

„UND FÜHRE UNS, WOHIN WIR NICHT WOLLEN“

Als Staatsmann, als meerumschlungenen Ministerpräsidenten, dekoriert mit ein bißchen Schwarz-Weiß-Rot und reichlich Lodengrün, kann man sich den Roten Jochen gar nicht denken, er sich selber übrigens auch nicht, obwohl er die schleswigholsteinischen Landtagswahlen schon gern gewinnen würde.
Aber als Buhmann ist Karl Joachim Jürgen Steffen ganz leicht herzurichten. Er bietet eine Menge Fläche zum Ankleben falscher Etiketts. Diese Fläche wird gebildet von dem Unstimmigen, dem Unverstandenen an ihm, das er eher herauskehrt als es zu bedecken, weil er sowohl zu arrogant als auch zu ehrlich ist, darüber den Mantel einer Harmonie zu breiten, von der er nichts hält und über die er auch gar nicht gebietet.
Er ist von Kopf bis Fuß auf Kontroverse eingestellt; von dem jähen, lautlosen Lachen, das er ohne Vorwarnung unter dem Menjou-Schnauz hervorblecken läßt, wenn er den Gegner touchiert hat oder wenn eine Pointe im Schwarzen sitzt, leise nachzitternd wie ein Pfeil in der Scheibe -- bis zu diesem eigentümlich gespannten Gang, der mehr ein kurzer, stampfender Trott ist, Einmarsch in die Arena zu den Klängen einer unhörbaren, mutmaßlich dissonanten Auftrittsmusik, zwei Teile Zack-die-Wendung und ein Teil Wo-steht-das-Klavier, eine merkwürdige Mischung für den Marsch eines Linksaußen. Und das sind nur die Äußerlichkeiten. Unstimmiges, immer wieder Unstimmiges entdecken sogar wohlgesonnene Steffen-Beobachter. Hans-Joachim Noack von der "Frankfurter Rundschau" sieht ihn auf Wahlversammlungen schuften, "klein über dem Rednerpult hängend, ehrlich und intellektuell, wie ein Dockarheiter mit Professur". Bernd Brügge notiert in den "Lübecker Nachrichten", Steffen verkörpere "viele Gegensätze, dieser Boxer mit den Händen eines Musikers, dieser schreibende Talmensch, akademische Volksredner, konservative Revolutionär und universale Provinzler", der selbst noch "als Ministerpräsident sein eigener Oppositionsführer" wäre.
Ein Image voller Sprünge also, in denen der feuchte Kehricht der Kampagne prima haftet: schon rein äußerlich ein guter Pappkamerad. Aber selbst wer hinter die Äußerlichkeiten dringt, findet noch genug Grund, zu stutzen und zu staunen.
Steffen, der Wahlredner" der durchaus imstande ist, einem impertinenten Zwischenrufer im Zorn Ohrfeigen anzubieten, schluckt vor schwierigen Versammlungen Psychotonika zur Stabilisierung seines seelischen Gleichgewichts. Und wenn es wieder einmal haarig hergegangen ist, wenn er sich stundenlang für die Katz mit den Bauern und der Jungen Union herumgeschlagen hat, dann schläft er schlecht und hat am nächsten Morgen Muskelschmerzen vom Nacken bis in die Oberarme, wie nach einer richtigen Keilerei.
Der Mann der rücksichtslosen Formulierung, der zuweilen auftritt, als hätte er das Hemd quer an, kann feuchte Augen kriegen über einer verzweifelten Zuschrift an den Petitionsausschuß des schleswig-holsteinischen Landtags. Menschliches Elend macht ihn vollständig wehrlos. Vor drei Jahren in Amerika, beim Anblick armseliger Indianer-Reservationen, hat er unverhohlen geweint. Aber er muß nicht bis nach Amerika fahren, um jene Menschen zu finden, die er -- mit einer Formulierung Dostojewskis, deren humanes Pathos ihn tief getroffen hat -- die Erniedrigten und Beleidigten nennt. Er findet sie überall.
In Steffens Oppositionsführer-Büro im Kieler Landeshaus gibt es ein Anschlagbrett aus helibrauner Hartfaser, an dem -- außer einem Stoppschild für Schwätzer mit der Aufschrift "Ist schon gesagt worden" -- nichts weiter befestigt ist als eine Art Spottlied auf die SPD, gedichtet 1907 von Erich Mühsam, worin "ein Revoluzzer, im Zivilstand Lampenputzer" besungen wird, der am Ende weinend zu Haus bleibt und ein Buch darüber schreibt, "wie man revoluzzt und dabei doch Lampen putzt".
Besucht man ihn zu Haus, dann wiederum könnte man auf den Gedanken kommen, Jochen Steffen verstehe den Lampenputzer nicht etwa ironisch, sondern sozusagen autobiographisch. Zu Haus: zwei ganze und zwei halbe Zimmer in einem typischen "Neue-Heimat"-Wohnblock, polizeilieb bewacht, Kieler Stadtlandschaft vor den Fenstern, ein bißchen bildungsbürgerlich eingerichtet, viele Bücher, eine Sammlung sozialistischer Klassiker in Erstausgaben, eine Biedermeier-Ecke. Es gibt Tee mit Kandiszucker, für den Gast auch Rum, der Hausherr trinkt im Wahlkampf so gut wie nichts, auch sonst fast nur leichten Rheinwein, und raucht seit dem letzten Wahlkampf Zigarillos Marke "Leichte Wahl". Das Bier hat er schon vor sechs Jahren aufgegeben, wegen der Figur.
Sogar Besitz ist vorhanden: eine Ferienwohnung im betulichen Familienbad St. Peter-Ording, 1967 gekauft für 64 000 Mark, gedacht als Zweitwohnung ohne Telephonanschluß, derzeit ständiger Wohnsitz des sechzehnjährigen Sohnes Jens Peter, der hier auf das Gymnasium geht; seine Popstar-Poster kontrapunktieren altfriesische Schränke, ein großväterliches Sofa, einen mächtigen Teakholztisch -- alles sehr solide, selbst der Lebenswandel.
Wohl trägt der Filius das Haar lang, hascht aber nicht, ist sogar engagierter Rauschgiftgegner -- ein Sportsmensch: Jugendlandesbester in der Gruppe B über 100 und 200 Meter, begeisterter Judo-Sportler, hat auch den Vater schon auf die Matte gelegt, ohne politische Hintergedanken übrigens, man ist sich im wesentlichen einig, bis auf die üblichen Generationsprobleme.
Daß Steffen buschige Koteletten trägt und während eines Hausboot-Urlaubs in Limerick, Irland, den Schnurrbart hat wachsen lassen, das geht im wesentlichen auf eine Provokation des Sohnes zurück, der eines Tages sagte: "Wetten, du traust dich nicht!"
Für Ruhe und Ordnung sorgt, ohne Vaters unbestrittene Autorität im mindesten zu gefährden, die Mutter: Frau Ilse, eine ungeheuer patente Berlinerin. Jochen Steffen ruft sie "Zimmermann", mit ihrem Mädchennamen. Wenn er noch im Bett liegt, dann rennt sie bereits ans bimmelnde Telephon und versucht, "den Mann abzuschirmen, da er ja geistig arbeiten muß und ich nur praktisch".
"Nur" heißt in diesem Fall: Sie macht alles. Sie verwaltet die Finanzen und legt gesteigerten Wert darauf, mit den Einkünften des Mannes* gut auszukommen. Sie chauffiert (einem gelegentlich sehr schmerzhaften Rückenleiden zum Trotz) den führerscheinlosen Jochen Steffen überallhin, auch zu jeder Wahlversammlung, im Schnitt 45 000 Kilometer im Jahr, in einem Citroen DS 21, bislang unfallfrei, und kassiert dafür die dem Oppositionsführer etatmäßig zustehende Pauschale für Dienstfahrten im Lande und Entlohnung eines Kraftfahrers in Höhe von 1800 Mark monatlich. Nebenbei näht sie sich noch alle Kleider selber: "Das ist mein Hobby. Ich bin Direktrice gewesen und kann an keinem Stoff vorbeigehen, ohne ihn zuzuschneiden."
Ohne diese Frau wäre Jochen Steffen wohl gar nicht möglich. Er hat nicht nur einen linken Kopf, er hat auch zwei linke Hände. Er ist der Typ, der eine Minute vor Abfahrt des Zuges ohne Geld und ohne Fahrkarte auf dem Bahnhof steht, wenn man ihn allein losziehen läßt. In Zeit und Raum bewegt er sich ungefähr so wie Neil Armstrong auf dem Mond. Ist Steffens Frau mal nicht dabei, und er verpaßt einen der Anschlüsse, die man ihm vorher aufgeschrieben hat, dann ruft er ratlos
* 1490 Mark Diäten-Grundbetrag, zusätzlicher doppelter Grundbetrag für den (in Schleswig-Holstein staatlich besoldeten) Oppositionsführer: 2980 Mark, plus 100 Mark Unkostenpauschale und Fahrtvergütung am Wohnort, minus 650 Mark für Versorgungswerk und Hilfskasse, journalistische Einnahmen nicht gerechnet.
sein Büro in Kiel an, was er denn jetzt machen solle.
Das reimt sich alles nicht so recht auf Revoluzzer, aber auf Lampenputzer eigentlich auch nicht. Natürlich gehört der Rote Jochen längst zum linken Establishment, aber auch hier nicht zu jenen Arrivierten, die sich In Kaschmirmäntel hüllen und an Dunhill-Pfeifen nuckeln, während sie den Marxismus verkünden. Zwar versteht er, ganz geläufig "Gnädige Frau" zu sagen, wenn die angeredete Dame dem Klassengegner zugehört, besitzt sogar einen Smoking und trägt ihn bei Gelegenheit. Aber im Plattdeutschen nimmt er es noch mit jedem Macker von der Werft auf, Derbheiten eingeschlossen.
Er hat, als Journalist, seine Polemiken sogar besonders gern "Missingsch" angebracht, unter dem Pseudonym "Kuddl Schnööf" -- zum Beispiel als Beate Klarsfeld dem weiland Kanzler Kiesinger "eine geballert" hatte: "Ich selps, as solcher, bün gegen die Backshauerei. "Denn", so frage ich mein Natalje und oich, Mackers, "wo solln wir denn hinkommen, wenn wir alle Nazis, die holte in führende Stellungens in Polletik, Verwaltunk un Wittschaff sizzen, einen Backs haun?" Na, wa? "Wiss ihr das? Ich weiß das! Das gibb ne ganz große Massenhauerei. Vor alle Dinge innie höheren Spizzen. Und dascha Kwatsch ...'"
Steffen hat so seine Erfahrungen mit der "Backshauerei", notabene: passive -auch wenn er den ehemaligen Kieler Oberbürgermeister Andreas Gayk schon mal im Zorn am Schlips über den Tisch gezogen oder weiland beim SDS einen mißliebigen Genossen am Schlafittchen aus dem Versammlungslokal befördert hat. Freunde erinnern sich, der streitbare Jochen habe am Rande eines Parteitreffs 1962 in Mölln den damaligen Kieler SPD-Kreisgeschäftsführer Otto Engel im Verlauf einer alkoholgetränkten Auseinandersetzung dermaßen gereizt, daß der Gereizte schließlich ein gläsernes Trinkgefäß am Tischrand zerschlagen und die Scherben in Steffens Wange gestemmt habe. Als der behandelnde Arzt dann aber etwas von " besoffenen Schweinen" murmelte, habe der Blessierte, wieder ganz solidarischer Sozialist, blutend erklärt, wenn er von diesem Quatsch was hielte, dann müßte er den Herrn Doktor jetzt wohl fordern.
Richtig unheimlich jedoch wird Jochen Steffen erst durch seine Ehrlichkeit. Nicht nur, daß er sagt, was er denkt -- diese Leute gelten in der Politik schon immer als gefährlich. Steffen erhebt die Ehrlichkeit sogar zum Programm.
Er zieht in eine Wahl, bei der jede Stimme über Sieg oder Niederlage der SPD entscheiden kann, und erklärt zu wiederholten Malen, er wolle lieber zwei oder drei Prozent verlieren, als darauf zu verzichten, den Wählern "die Wahrheit" zu sagen, "das heißt. ihnen die wirtschaftlich-gesellschaftlichen Prozesse samt den Auswirkungen auf sie selbst zu erklären, selbst wenn das zunächst schockiert, selbst wenn man dabei Stimmen verliert". Er ist der Kandidat seiner Partei für das Amt des Ministerpräsidenten und macht doch keinerlei Hehl daraus, daß er lieber Oppositionsführer bleiben will, als unter falschen Voraussetzungen. hervorgerufen durch falsche Versprechungen, die Regierung zu übernehmen.
Warum tut er das? Folgt man Steffens eigenen Worten, dann tut er es aus Selbsterhaltungstrieb: "Das Schlimmste, was einem passieren kann, ist, durch Verschleiern Mehrheiten zu gewinnen und dann erst mit den harten Tatsachen rauszurücken ... Das Gefährlichste, was uns passieren kann, sind Menschen, mit denen etwas geschieht, ohne daß sie verstehen, warum, und die keinen Weg oder keine Perspektive zur Lösung sehen" -- wie die Bauern zum Beispiel. Hilft man diesen Menschen nicht dabei, ihre Situation zu verstehen, also rational zu bewältigen, so wird, sagt Steffen, die freie Gesellschaft eines baldigen Tages "durch die Aufstände der Erniedrigten und Beleidigten an ihren Rand" gebracht werden.
Und wenn man das verhindern will, wenn man "den Versuch machen will -- sozusagen unter der Überschrift: "Und führe uns, wohin wir nicht wollen' -, in den immer schneller sich vollziehenden Umwälzungen der Zweiten Industriellen Revolution ein freiheitliches System aufrecht zu erhalten, dann ist das nur möglich mit Hilfe voller Aufrichtigkeit gegenüber den Menschen. Wer darauf verzichtet, aus welchen Gründen auch immer, legt nach meiner festen Überzeugung die Axt an die Wurzel einer freiheitlichen, auf Vernunft, Einsicht und Diskussion gegründeten Gesellschaftsordnung".
Also sagt der Wahlredner Steffen seinen Zuhörern, daß die Steuern erhöht werden sollen, daß (und unter welchen Umständen) viele Bauern ihre Existenzgrundlage verlieren werden und daß die Industriearbeiter im Laufe eines Arbeitslebens künftig viermal umlernen müssen. Er hält nicht eigentlich Wahlreden, er treibt bewaffnete Aufklärung, er veranstaltet futurologische Stoßtruppunternehmen ins gesellschaftliche Bewußtsein seiner Zuhörer, und zwar ohne Rücksicht auf Verluste.
Ist dies nach den Maßstäben konventioneller Wahlkampfführung auch Wahnsinn, so hat es doch Methode. Nur so nämlich, glaubt Steffen, nur in der Konfrontation mit solcher Offenheit "haben Menschen die Möglichkeit zu sehen. daß gesellschaftliche Veränderungen in ihrem Interesse liegen" -- und er will die Gesellschaft verändern; "das wollen Sozialisten".
Die Methode wiederum setzt zweierlei zwingend voraus: einmal die Überzeugung. im Besitz objektiver Wahrheiten zu sein, und zum anderen den Glauben an die Vernunft, die Rationalität, die Lernfähigkeit und Lernwilligkeit der Menschen. Jochen Steffen erfüllt beide Voraussetzungen, nein: er übererfüllt sie.
Zunächst einmal ist er tief durchdrungen von seiner überlegenen Theoriekenntnis -- davon also, mehr Grundsätzliches über Politik und Gesellschaft gelesen und das Gelesene besser verstanden zu haben als die meisten aktiven Politiker (die sozialdemokratischen keineswegs ausgenommen). Er ist ein typischer Fall von intellektuellem Hochmut, doch ist dieser Hochmut weder gänzlich unbegründet noch gänzlich undifferenziert. Steffen ist von Natur Methodiker, versteht sich auch als solcher und räumt ein, daß er, wie die meisten In Kiel.
Methodiker, der Gefahr ausgesetzt ist, sich von der "Stimmigkeit" eines Systems, von der gedanklichen Geschlossenheit einer Theorie, faszinieren zu lassen. Und das schließt die Gefahr ein, Teilwahrheiten zu verabsolutieren.
Er ist "ein Anhänger der punktuellen Erkenntnis", und die geht so: An einem bestimmten, aber nicht vorhersehbaren Punkt der Erkenntnis macht es plötzlich klick, und Zusammenhänge tun sich auf, das heißt, "man kann Dinge einander zuordnen, die man einzeln schon parat gehabt hat".
Steffen ist stolz darauf, daß der von ihm geführte SPD-Landesverband seine politischen Programme seit sechs Jahren in enger Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Instituten entwirft. Der Politiker umgibt sich mit Politologen, in seiner "Regierungsmannschaft" gibt es ein stattliches (wennschon weithin unbekanntes) Professoren-Auf gebot. Regieren ist für ihn zuvörderst eine Planungsaufgabe, nur zu lösen mit Hilfe wissenschaftlicher Erkenntnis und Methodik.
Was die zweite Voraussetzung angeht, den Glauben an die Fähigkeit des Menschen zu rationalem Verhalten, an seine Belehrbarkeit, so ist dieser Glaube für Steffen eine Conditio sine qua non, die Basis seiner Konzeption, das Fundament seiner Politik. Fragt man den Roten Jochen, ob es für ihn ein Dogma gebe, dann sagt er: "Ich glaube an die marxistische Definition vom Wesen des Menschen", das heißt, er begreift den Menschen als "ein gesellschaftliches Wesen, auf Freiheit angelegt, die er in Selbstbestimmung verwirklicht. Könnte Steffen nicht daran glauben, "dann wäre für mich Politik im tiefsten Grunde unmoralisch, weil sie ... auf Manipulation beruhen würde". Er muß einfach daran glauben.
Tatsächlich glaubt er so fest daran, ·daß er es sogar für entbehrlich hält, den Jargon der Wissenschaftlichkeit einzudämmen und sich allzeit allgemeinverständlich oder etwa gar populär auszudrücken. Sein Vortrag ähnelt einem Quasi-Repetitorium mit bewußtseinsbildend erigiertem Zeigefinger, und die paar plattdeutschen Sätze, die er auf Wahlversammlungen einstreut, ändern daran gar nichts. "Ich habe", sagt er, "in den Memoiren von Gustav Radbruch gelesen, man solle nicht versuchen, sich bei dem, was man zu sagen hat, sozusagen hinabzubeugen zum Zuhörer, und das entspricht auch meiner eigenen Erfahrung."
Einzig Steffens Allergie gegen Dummheit läßt auf verdrängte Zweifel am Dogma von der Lernfähigkeit des Menschen schließen. Unverstand, oder was er dafür hält, treibt ihn zur Aggression. Da mischt sich seine Verachtung für die "Mikrozephalen", die Kleinkopfeten, die minder Begabten. mit dem (durchaus irrationalen) Zorn des frustrierten Aufklärers. lind dann schlägt er zu -- dialektisch, hochfahrend, radikal, Mißdeutungen geradezu herausfordernd Besonders genüßlich vertrimmt er "bornierte Deutschnationale", sie provozieren ihn allein durch ihr Dasein zu Ausfälligkeiten.
Da bezeichnet er den verewigten de Gaulle dann als "General Langneese", da verleitet ihn auf einer Wahlversammlung ein Bauer, der die Faust im grünen Handschuh zeigt, zu dem Ratschlag: "Wollen Sie ihn nicht braun streifen lassen?", oder er giftet Störer an, die ihn auslachen, weil er sich verhaspelt hat: "Ja, ja. Sie sind christlich und verzeihen keinen Versprecher, das weiß ich."
Vis-à-vis den Genossen Gewerkschaftsfunktionären und Betriebsräten allerdings, die manchmal auch bloß "Bahnhof" verstehen, da behält er seinen Kopf oben; denn ihnen billigt er mildernde Umstände zu -- "wegen ihrer Klassenlage".
Wer das -würdigen, wer den Roten Jochen in diesem Punkt richtig verstehen will, kommt um das Rot der frühen Jahre nicht herum -- um jenen Teil seiner Biographie, der in der Auseinandersetzung um den Politiker Steffen bislang überhaupt keine Rolle gespielt hat.
Er ist in Kiel aufgewachsen, Ostufer, keine besonders feine Gegend, der Vater war Staatssekretär. Großvater hatte in der Wilhelminenstraße einen kleinen Laden, vom Wohnzimmer durch eine Schiebetür getrennt, schmale Stuben. ein endloser Korridor, das Klo mußte jahrelang noch manuell entleert werden. Steffens erster Berufswunsch war Lokuseimermann -- freilich nicht wegen der "Klassenlage", sondern "wegen der Trage" an der die Eimer befördert wurden und die er schick fand.
Als er in die Schule ging, war Weltwirtschaftskrise; er ist Jahrgang 1922. In seiner Klasse gab es außer ihm noch ganze vier Jungs, deren Väter Arbeit hatten. Im Hafen lagen verrostete Schiffe, Matrosen prügelten sich um fünf Mark. Manchmal gab es Quäker-Speisung, sonst morgens Muckefuck in tiefen Tellern mit Brotbrocken drin.
Damals begann für Steffen der "Klassenkampf unter den Kindern": Wer Frühstücksbrote mithatte oder eine Mütze auf, wurde von den anderen, die beides nicht hatten, verhauen. Eines Tages meldete Jochen der Mutter: "Jetzt habe ich sie alle durch", die Mützenträger. Dann wieder wurde der entsetzten Frau hinterbracht. ihr Sohn sitze vor der Spareinlagenkasse und bettele -- was er auch tat, freilich nur, um das Erbettelte den Klassenkameraden, den Nicht-Mützenträgern, abzugeben.
Er war "ein gefürchteter Schulrüpel" und erwies sieh zugleich als." partielle Hochbegabung". Er ließ sich Stichworte zurufen, schrieb sie an die Tafel und dichtete dann daraus eine Stegreifgeschichte, deren Vortrag er mit mimischen Darstellungen würzte. Deutsch, Geschichte, Erdkunde waren "seine" Fächer. Mit fünfzehn Jahren war er imstande, ein viel beachtetes Referat über Buddhismus zu halten.
Die frühe emotionale Solidarisierung mit den Erniedrigten und Beleidigten wurde beizeiten veredelt durch intellektuelles Engagement, wurde theoretisch überhöht.
So erklärt sich auch, daß der Rote Jochen nicht nur seinen Spitznamen (diesen wegen der Haarfarbe). sondern auch seine politischen Schlüsselerlebnisse bereits auf der Schule halte (in seiner Familie gab es keine Sozialdemokraten, Vater hing Stresemann an, Mutter dem Führen. Auf dem Reform-Realgymnasium "Admiral Graf Spee" hingegen hatte Steffen einen linken Lehrer, den Oberstudiendirektor Schadow, der beispielsweise eine Lektion über das Wesen des Rechts-
* Auf dem Holsteiner Presseball mit dem Schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Dr. Helmut Lemke.
staates nach kurzem Schweigen mit dem Nachsatz beschloß: "Und im übrigen behält sieh bei uns der Führer vor, in jedes schwebende Verfahren einzugreifen."
Schadows riskante Regimefeindlichkeit erweckte Steffens politisches Bewußtsein; beim Segeln auf der Förde, wohin Spitzel nicht folgen konnten, trieben Lehrer und Schüler Theorie; Steffen las Lenin und das Kommunistische Manifest; lernte im Kontakt mit ursprünglich linken Werftarbeitern, "wie schlimm das ist, wenn Arbeiter keine Führung haben, denn die wußten alle nur, daß das Scheiße war mit dem Nationalsozialismus. und daß sie laut Marx und Lenin den Laden jetzt eigentlich in die Pfanne hauen sollten, aber sie wußten nicht wie". Faschismus wurde dem Roten Jochen zur traumatischen Erfahrung, Sozialismus zum Ziel.
Als er zum Kommiß kam, eingezogen zur Marine-Artillerie, war Steffen ideologisch bereits fixiert. Die "Schule der Nation" hatte ihn nichts mehr zu lehren. Wiewohl "sportlich hoch durchtrainiert", mimte er den militärischen Idioten, blieb Obergefreiter, beging keine Heldentaten, machte keine Karriere.
Immerhin hatte er zwei zukunftsweisende Begegnungen: Sein Kompaniechef war der nachmalige Ministerpräsident von Schleswig-Holstein Helmut Lemke, der den nachmaligen Oppositionsführer im schleswig-holsteinischen Landtag. Steffen, für politisch unzuverlässig hielt. Jedenfalls entnahm dies den einschlägigen Papieren eine Marine-Helferin. die Zugang zu den Akten hatte und die Steffen im damaligen Gotenhafen kennenlernte: Ilse Zimmermann, seine spätere Frau, militärisch übrigens die Ranghöhere. "Wir waren ein Paar zu jedermanns Freude und Entzücken", so Steffen heute, "sie Portepee-Unteroffizier und ich Obergefreiter."
Die beiden heirateten am 11. Mai 1945, drei Tage nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches, weil Steffen wohl wußte, daß seine schleswig-holsteinischen Anverwandten, bei denen "Zimmermann" sich zu Kriegsende angefunden hatte, die Berlinerin nur dann mit durchfüttern würden, wenn sie zur Familie gehörte. Aber obwohl selbst Dönitz zu Flensburg inzwischen kapituliert hatte -- die Bürokratie funktionierte immer noch. Steffen mußte eine Unbedenklichkeitsbescheinigung der Marine beibringen, ehe er getraut werden konnte, besorgte sie schließlich von einem wildfremden, bereits die Akten vernichtenden, die Engländer erwartenden Kapitänleutnant, der ihn für verrückt hielt, und begegnete auf dem Rückweg zu seiner draußen wartenden Braut einem höheren Dienstgrad, der ihn anschiß, weil er nicht zackig grüßte "Zimmermann", bereits in Zivil, trat dazwischen, ehe der Chargierte "eine am Latz" haben konnte. "Komm, mach keinen Quatsch", sagte sie, "wir wollen heiraten." Das war also schon damals so: Steffen, "die Axt im Walde", braucht den "Zimmermann".
Später verdiente sie dann jahrelang das Geld zum Leben, während der Mann fortfuhr, keine Karriere zu machen, sondern Theorie zu treiben. "ein sehr genaues Privatstudium des Marxismus und der Geschichte der Arbeiterbewegung", aber das nur nebenbei, hauptamtlich Universität: zuerst Philosophie, "weil ich die naive Vorstellung hatte, daß Philosophie Sinnzusammenhänge vermittelt", dann Soziologie, Geschichte, Politik, vor allem Politik. Er wurde wissenschaftlicher Hilfsarbeiter, später (1954) Assistent bei Michael Freund am Seminar für Wissenschaft und Geschichte der Politik. Und abermals kreuzte seinen Weg ein späterer Gegenspieler: Co-Assistent bei Freund war Gerhard Stoltenberg; die beiden halten zueinander ein ausgesprochenes Nicht-Verhältnis.
Steffen war 1946 in die SPD eingetreten. Die Lektüre der Schriften Lenins, ein Seemann, der Kommunist war, und ein KP-Redakteur namens Meyer hatten ihn zu der Überzeugung gebracht, daß die Kommunistische Partei für ihn nicht in Frage kam -- Mit Dackel "Bulli" in St. Peter-Ording.
wegen der dort geforderten Unterwerfung unter die Generallinie vor allem. Anfang der fünfziger Jahre, als aktives Mitglied des SDS, trug der Rote Jochen die Hauptlast der ideologischen Auseinandersetzung mit kommunistischen Studentendelegationen, die aus Greifswald zum Diskutieren herüberkamen -- und die schließlich nur wiederkommen wollten, wenn "euer Chefideolog", nämlich Steffen, den Diskussionen ferngehalten würde.
Eine Weile dachte der Studiosus Steffen an eine Universitäts-Laufbahn, natürlich mit Abzweigungen in die aktive Politik. Er schrieb, als Ergebnis einschlägiger Felduntersuchungen, bei Freund eine "Soziologie der Parteibürokratie in der SPD" gedacht als Doktorarbeit, und er lernte dabei, "daß der politische Bürokrat in einer sozialistischen Partei unter ungewünschten Sachzwängen in die Utopie flüchtet" -- und dann darunter leidet. Bei den Genossen in Uni und Baracke kam die Arbeit denn auch gar nicht gut an.
Im Jahre 1956 schied Steffen von Freund -- ohne Promotion; auch schied er nicht völlig im Frieden und nicht ohne materielle Hintergründe.
Er mußte, weiß Gott, endlich mehr als ein Taschengeld verdienen. Beruflich gab es zwei Möglichkeiten: entweder die gewerkschaftliche Bildungsarbeit, in der Steffen ohnehin zugange war, oder der Journalismus. Er entschied sich für die zweite Möglichkeit -- vor allem weil er gern schreibt, "als Erkenntnishilfe", und weil er mit Thornton Wilder glaubt, der Journalismus führe "überallhin, wenn man ihn verläßt".
Als "jost" signierender Reporter und Kommentator verprellte er in dem Grenzland-Wochenblatt "Flensburger Presse" ungeniert seinen besten Anzeigenkunden Karstadt, schrieb später, zum Teil als "Jens Peter", bei der
(sozialdemokratischen) "VZ Kieler Morgenzeitung" bitterböse Leitartikel über die mangelnde sozialistische Konsequenz der Genossen, entfachte Kampagnen aus vergleichsweise nichtigen Anlässen und verbrachte immer mehr Zeit in der aktiven Politik. Beide Blätter machten zu. Steffen gibt heute die Parteipostille "Nordwoche" heraus, Auflage: 15 000. Eine journalistische Karriere kann man das nicht nennen.
Der Rote Jochen nennt es auch nicht so. Er sagt im Gegenteil, ihm sei "nichts so wurscht wie Karriere", journalistische, akademische, sogar politische Karriere." Ich habe nie politische Karriere machen wollen, und
mir liegt ziemlich wenig an politischer Karriere."
Er sagt das ein bißchen oft. Und wenn man dann skeptisch bleibt, wenn man nachfragt, ob er denn nicht doch ganz gern Wissenschaftler geblieben wäre. Akademiker, dann kann es sein, daß er hinzufügt: "Vielleicht grabe ich ja die Arbeit über die Parteibürokratie mal wieder aus, überprüfe die Zitate und reiche sie ein. Ich will ja auch nicht unbedingt mein Leben lang hier Politik machen." Wie lange noch, das hängt wesentlich vom Wahlausgang ab.
Was immer er auch machen wird -- auf seine unnachahmliche Weise bleibt der Rote Jochen ein ewiger Student, einer, der auch noch im Alter forscht nach den Prämissen der großen Veränderung. Es gibt die Position gar nicht, die ihm eine Karriere wert wäre, man kann sie sieb höchstens ausmalen: Bundestrainer der Neuen Linken vielleicht oder eine Art Großwesir aller deutschen Volkshochschulen. Es bleibt in seiner Vita eine Differenz, ein missing link, zwischen der emotionalen Solidarisierung mit den Erniedrigten und Beleidigten und dem akademischen Überbau, es sei denn, man lasse Naivität als Bindeglied gelten -- jene Naivität nämlich, die den Roten Jochen immer wieder auftreten läßt wie Kassandra mi Kostüm des Rächers der Enterbten; ein Pazifist, der Blut, Schweiß und Tränen kündet. Aber "stimmig" sind eben nur Systeme.
Was immer er auch machen wird wichtiger als das Machen wird für Jochen Steffen stets sein, besser zu wissen und wahr zu sagen, was ist, was sein sollte, was hätte sein sollen. Für ihn heißt Obsiegen auch: Recht behalten, und hätte er ein Wappen, stünde drauf: Quod erat demonstrandum.

DER SPIEGEL 17/1971
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