19.04.1971

ZEITGESCHICHTE / RE-EDUCATIONGroße Mission

Wir müssen noch einmal die Rolle spielen", klagte US-Staatssekretär Archibald MacLeish im Juli 1945 im besetzten Deutschland, "die wir am Anfang unserer eigenen Geschichte gespielt haben." Die Rolle verglich er mit der "Behandlung eines Kriminellen in einer modernen Strafanstalt".
Die Behandlung erhielt im Amtsamerikanisch der US-Besatzer eine Bezeichnung, die amerikanische Psychiater gewöhnlich für die Besserung in Trinkerheilanstalten verwenden und die im Vokabular deutscher Neo-Nationalisten bald für "Umdrehen" oder "Charakterwäsche" stand: "Re-education".
Es war der beispiellose Versuch, "das Denken des deutschen Volkes umzuwandeln" (US-Präsident Franklin 0. Roosevelt) -- die "Umerziehung" einer Nation, die Hitlers Machtübernahme ermöglicht und seinen Eroberungskrieg geführt hatte, und die -- mindestens zunächst -- für Kriegsverbrechen und KZ-Greuel kollektiv verantwortlich gemacht wurde.
Die Deutschen freilich hielten das US-Projekt eher für eine "Gebrauchsanweisung zur Domestizierung einer wilden Bevölkerung" -- so, ironisch. Freidemokrat Theodor Heuss, Württemberg-Badens erster Nachkriegs-Kultusminister -, zumindest aber für eine "heikle Sache" -- so, lapidar, Christdemokrat Konrad Adenauer, Kölns erster Nachkriegs-OB.
Zur Sache zählten Kriegsverbrecherprozesse ebenso wie Entnazifizierungsverfahren, Zwangsbesichtigungen in geräumten Konzentrationslagern wie Lektionen in der Besatzerpresse
aber vor allem auch, als positives Kernstück der Re-education, die Re. form der deutschen Schule.
Wie am Anfang ihrer eigenen Geschichte, als Amerikas erste Republikaner erstmals demokratische Grundrechte formulierten, wollten Amerikas Besatzer an Deutschlands Schulen anstelle "pervertierter Konzepte" einen demokratischen "Kanon von Glaubenssätzen" postulieren (so der Vorsatz bei der Jalta-Konferenz der Alliierten von 1945).
In keinem Siegerstaat wurde "Umerziehung" so ausgiebig erörtert wie in den USA. Keine Besatzungsmacht war so wie die amerikanische darauf aus, das Volk der Volksempfänger "am besten durch Erziehungsmaßnahmen in den Kreis der demokratischen Nationen der Welt einreihen zu können" (so die Empfehlung einer US-Schulkommission, die 1946 vier Wochen durch die US-Zone reiste).
Wie braun deutsche Schul-Konzepte im Dritten Reich gewesen waren, dokumentierte den Amerikanern eine Deutsche: Die emigrierte Dichterstochter Erika Mann beschrieb in einem Bestseller ("Schule für Barbaren"), was in NS-Schulbüchern über Antisemitismus geschrieben stand ("Trau keinem Fuchs auf grüner Heid! Und keinem Jud bei seinem Eid!") und wie Erbfeindschaft wach gehalten wurde ("Du bist ein deutsches Kind, so denke dran, / Was Dir der Feind in Versailles angetan"). Sobald sie Fibeln lesen konnten, leierten deutsche Grundschüler Sprüche wie: "Adolf Hitler ist der Führer. Adolf Hitler liebt die Kinder. Die Kinder lieben Adolf Hitler. Die Kinder beten für Adolf Hitler." Sobald sie rechnen konnten, zählten sie SA-Kolonnen nach Dreierreihen und Sechsergruppen.
Ziele der US-Schulpolitik sollten freilich nicht nur Lehrstoff und Lehrpersonal sein, nicht nur Aufklärung in neuen Unterrichtsfächern (wie Gemeinschafts- und Staatsbürgerkunde) und durch Schülermitverwaltung. Hauptziel der Schulreform war Chancen- und Bildungsgleichheit durch Schulgeld- und Lehrmittelfreiheit, hauptsächlich aber durch Einführung der durchlässigen Gesamtschule anstelle des tradierten Zuges von der Volksschule zum Gymnasium -- ein Projekt, das beispielsweise die Sowjetbesatzer in ihrer Zone sogleich mit der dekretierten "Einheitsschule" angingen und das bundesdeutsche Bildungsreformer 25 Jahre nach Kriegsende noch immer nur planen.
Und damit "Heim, Kirche und Marktplatz" nicht "die Früchte systematischer Erziehung vergiften", so formulierte die US-Schulkommission, sollten auch die Erwachsenen belehrt werden: in Volkshochschul-Kursen, etwa über "Irrtümer in der deutschen Geschichte".
Daß -- und warum -- die "große Mission" dann doch "letztlich scheiterte" (US-General Lucius D. Clay), ergründete jetzt der hannoversche Politologe Karl-Ernst Bungenstab in einer Untersuchung über die "Re-education-Politik im Bildungswesen der US-Zone"*. Die Gründe sind, so der Autor, "ebenso simpel wie überraschend": Zur Umerziehung halten die Amerikaner "so gut wie kein Konzept und so gut wie keine Mittel" (Bungenstab). Und vor allem fehlte es der Mission an Missionaren.
Die Abteilung für "Education and Religious Affairs" (EllA) der US-Militärregierung, die sich nach Kriegsende in Höchst am Main (später: Berlin-Zehlendorf) niedergelassen hatte, zählte nur 30 Mann, Mitte 1946 das Doppelte: in Umerzieher auf 270 000 Deutsche in der amerikanischen Besatzungszone. Die ERA-Männer verfügten nur über einen Jeep; sie trampten, wenn sie reisen mußten, oder gingen bei höheren Offizieren
* Karl-Ernst Bungenstab: "Umerziehung zur Demokratie? Re-education-Politik im Bildungswesen der US-Zone 1945-1949". Bertelsmann Universitätsverlag; 252 Seiten; 34 Mark,
"um Fahrzeuge betteln" (so ERA-Offizier Marshall Knappen später in einem Report). "Von Tag zu Tag", klagte US-Besatzungsoffizier und Historiker John Gimbel, "wußte man kaum, wo ein Erziehungsplaner aufzutreiben war."
Als die Amerikaner im Herbst 1945 in der US-Zone die Schulen wieder öffneten "um die Jugend von der Straße zu bekommen" (Clay), gab es keine Lehrpläne und keine Unterrichtsbücher, viel zu wenige und viele alte Lehrer.
In kaum einem anderen Beruf entnazifizierten die Besatzer so gründlich wie unter Lehrern, die den Nazi-Un-geist in Kinderherzen gepflanzt" (Erika Mann) hatten: Im thüringischen Bad Liebenstein hatten US-Truppen die Akten des NS-Erziehungsministeriums gefunden, im bayrischen Bayreuth die Mitgliederkartei des NS-Lehrerbundes, Vorübergehend entlassen wurden, wie zum Beispiel in Würzburg, 90 Prozent des Schulpersonals, in Darmstadt waren es 115 Prozent.
Übrig blieben an den Volksschulen der US-Zone 14 170 Lehrer -- einer für durchschnittlich hundert Schüler
die Hälfte über 60 Jahre alt, häufig nur schlecht ausgebildete Teilzeit-Lehrer und -Lehrerinnen. "Wollen wir etwa"· spottete selbst Amerikas "New York Times", "die deutsche Jugend von ausgetrockneten Jungfern inspirieren lassen?"
"Wir werden für die Deutschen völlig neue Schulbücher schreiben müssen", hatte US-Präsident Roosevelt verordnet. Doch die ersten Nachkriegsbücher waren von alter Machart: Nachdrucke einer Kollektion aus der Weimarer Republik, die zufällig in der Columbia-Universität zu New York gefunden worden war. In du" Eile nur oberflächlich revidiert, mußten sie korrigiert oder gar konfisziert werden: Wie Generationen zuvor unterwiesen sie in Frontgeist ("Oh, fiele ich doch im Kugelgezisch"). Wie nach dem Ersten so lokalisierten deutsche Schüler auch nach dem Zweiten Weltkrieg einstige Reichskolonien und berechneten, "welche Nachteile Gebietsabtretungen für die deutsche Industrie darstellen".
Von deutschen Pädagogen entworfene Lehrbücher wurden häufig beanstandet oder zurückgewiesen über ein Drittel von 371 zwischen Mai 1946 und April 1947 eingegangenen Manuskripten. Genehmigt wurde mitunter nur, was durch Auslassen zweifelsfrei geworden war. Der Historiker Henri Brunschwig erinnert, was einer Verwandten beim Durchblättern eines Siebtkläßler-Geschichtsbuches entfuhr: "Sie haben uns Karl den Großen gestohlen!"
Doch so unnachgiebig die Umerzieher an der Lehr-Literatur verfuhren. nachsichtig behandelten sie das Lehr-System. Zwar erkannte die US-Schulkommission daß "autoritäres Einpauken von Stoff noch eine weiterbreitete Lehrmethode" -- war und das "Kastensystem" humanistischer Bildungstradition sich erneut etablierte. Mit Empfehlungen jedoch änderten sie nichts.
"In dem Zwiespalt", so Autor Bungenstab, "ein Volk mit Mitteln, die undemokratisch waren, zur Demokratie erziehen zu wollen", wollten die Amerikaner lieber selber gute Demokraten sein und "die eiserne Faust so lange wie nur möglich verborgen halten" (so eine US-Direktive). So "blieb alles, wie es war" (Bungenstab) -- wie es zu Weimarer Zeiten gewesen war.
"Es ist nicht auszudenken", schrieb 1970 die Bildungspolitikerin Hildegard Hamm-Brücher, "wie viele Umwege, Irrtümer, ideologiebefrachtete Schulkämpfe und Fehlinvestitionen wir uns hätten ersparen können, wenn sich die Schul- und Reformvorschläge der Alliierten bereits in den ersten Nachkriegsjahren durchgesetzt hätten."
Sie setzten sich nicht durch -- in der amerikanischen Zone ebensowenig wie in der britischen und der französischen. Statt dessen begannen traditionalistische und restaurative Kräfte "auf der ganzen Linie zu obsiegen": die Chance der Erneuerung wurde "für zwei Jahrzehnte verspielt" (Hamm-Brücher).
In Bayern etwa, wo man dank CSU und neuer Verfassung "zurückgefunden" hatte "zum Herrgott als der Grundlage allen Daseins", ignorierten die Landespolitiker die "Methoden Kaliforniens" und restaurierten am gründlichsten: nicht nur die christliche Bekenntnisschule. sondern auch die ländliche Zwergschule zur "Pflege dörflicher Kultur" -- so formulierte ein Mann, der nach dem Urteil des US-Landeskommissars George N. Shuster als "grimmiger Katholik" wie "eine formidable Bastion zwischen den Reformern aus Übersee und der bayerischen Tradition" stand: Dr. Alois Hundhammer. Und selbst im progressiven Hessen protestierten im Februar 1949 Oberschullehrer und Schüler gegen das US-Muster der differenzierten Gesamtschule: "Der Militärregierung darf nicht erlaubt werden, unser Schulsystem abzutakeln."
Zwar kontrollierten US-Offiziere jahrelang Unterrichtsstunden und Lehrpläne, und sie lehnten wiederholt deutsche Schulreformpläne mit dem Hinweis auf Besatzungs-Direktiven ab. Doch als sich Amerikas Re-education-Experten nach vergeblichem Mühen im Oktober 1948 in Berchtesgaden versammelten, galt schon die neue Devise: "Von der Direktive zur Überzeugung." Und die neue Erkenntnis ("Keine Besatzungsarmee ... hat jemals erfolgreich einem anderen Volk ein dauerhaftes System von Kultur und Bildung zwangsweise übergestülpt") kam auch nicht von ungefähr.
Denn was nun, mit Einrichtungen wie den "Amerika-Häusern" und Studentenaustausch, aktiviert wurde, geschah nicht mehr am Feind von gestern, sondern mit dem Partner von morgen -- im Kalten Krieg. Nun ging, so Bungenstab, "antikommunistische Instruktion vor Re-education".

DER SPIEGEL 17/1971
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