19.04.1971

PROZESSE / EUTHANASIEAktion T 4

Unbewegt, mit monotoner Stimme, erinnerte sich der weißhaarige Angeklagte im neuen Sitzungssaal des Frankfurter Schwurgerichts: "Alle saßen friedlich da, sie wußten nicht, worum es ging. Im Vergleich zu vielen Todeskämpfen, die ich gesehen habe, war das eine einfache und ruhige Angelegenheit."
Was er schilderte wie eine Idylle, betrifft in Wahrheit eines der schwerwiegendsten Verbrechen des Hitler-Staates: die Vergasung von mindestens 70 000 Geisteskranken,
Sieben Monate lang hatte sich vor dem 111. Schwurgericht in Frankfurt einer der ärztlichen Vollstrecker des programmierten Mordes zu verantworten: Dr. med. Horst Schumann, 64, nächst dem in Südamerika untergetauchten KZ-Arzt Josef Mengele der bekannteste Überlebende unter Hitlers Euthanasie-Spezialisten.
Seit Mittwoch vergangener Woche freilich steht fest, daß der des 15 000fachen Mordes angeklagte KZ-Arzt Schumann mit Strafe kaum noch rechnen muß. Wegen Verhandlungsunfähigkeit des Angeklagten wurde der Prozeß vorläufig eingestellt.
Der Abbruch des Verfahrens belegt ein weiteres Mal das Dilemma der noch ausstehenden NS-Verfahren. Die langjährige Dauer staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen, die vielfach zu spät begonnen haben oder nicht mit der notwendigen Intensität geführt wurden, hat bewirkt, daß Zeugen sich heute kaum noch an Vorgänge vor fast dreißig Jahren erinnern können oder auch wollen. Auch die Angeklagten selbst stehen inzwischen in einem Lebensalter, das sie den körperlichen Belastungen einer mehrmonatigen Hauptverhandlung immer weniger gewachsen erscheinen läßt.
Nachdem Schumanns Euthanasie-Kollegen Hanns Eisele, Werner Heyde und Carl Clauberg starben, noch bevor ihnen der Prozeß gemacht werden konnte, hat die vorläufige Einstellung des Frankfurter Prozesses mit großer Wahrscheinlichkeit zur Folge, daß die Tötungen Geisteskranker im NS-Regime auch im Falle des letzten noch greifbaren Haupttäters für die bundesdeutsche Justiz ein Kapitel unbewältigter Vergangenheit bleiben wird. Denn sollte der Prozeß gegen Schumann jemals weitergeführt werden, so müßte er wieder von vorn beginnen.
Dabei wogen in keinem der früheren Euthanasie-Verfahren gegen weniger belastete Ärzte die Beweise so schwer. Kaum zuvor waren schuldhafte Verstrickungen und williger Einsatz von Ärzten und Beamten, Handlangern und Mitläufern so deutlich bloßgelegt worden.
Vor genau dreißig Jahren hatte Schumann in den Heil- und "Gnadentodanstalten" Grafeneck auf der Schwäbischen Alb und Sonnenstein in Sachsen zwei- bis dreimal wöchentlich einen Hahn aufgedreht. Kohlenmonoxydgas strömte in einen kahlen Raum. Dort kauerten jeweils 20 bis 25 mehr oder minder Geistesschwache, die eine Badedusche erwarteten.
Horst Schumann war angeklagt, auf diese Weise 14 549 Kranke vergast zu haben. Außerdem wurde ihm vorgeworfen, er habe in Buchenwald und Auschwitz 765 arbeitsunfähige Häftlinge für die Gaskammern "selektiert".
Mehr als 30 Zeugen hatten Schumanns intensive Beteiligung an der Aktion "T 4" (NS-Tarnname für die Aktion "Vernichtung lebensunwerten Lebens") geschildert und beschworen. Schumann selbst hatte seine Tötungstätigkeit nie bestritten und am 13. Verhandlungstag auch die Selektionen von KZ-Häftlingen eingestanden.
Nach dem Kriege hatte Schumann bis 1951 unter seinem richtigen Namen im Ruhrgebiet als Knappschaftsarzt praktiziert, war dann -- als er entdeckt wurde -- nach Afrika geflohen und als "Urwaldarzt" im Sudan und in Ghana tätig. Nach dem Sturz des ihm gewogenen Präsidenten Kwame -- Nkrumah wurde er 1966 an die Bundesrepublik ausgeliefert. Seitdem sitzt er in Untersuchungshaft.
Schon im März hatte das Schwurgericht dreimal im Frankfurter "Hospital zum Heiligen Geist" tagen müssen, wohin Schumann wegen schwerer Kreislaufstörungen und Magenblutungen verlegt worden war.
Das Gericht freilich ordnete die Fortdauer der Untersuchungshaft an -- wegen Fluchtgefahr. Und die Staatsanwälte bereiten eine zweite Anklage vor: wegen grausamer experimenteller Sterilisation weiblicher KZ-Häftlinge, von denen viele qualvoll starben.
1966 bei seiner Rückkehr aus Ghana.

DER SPIEGEL 17/1971
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