19.04.1971

PAKISTAN / GROSSMÄCHTEFlammen des Verrats

Mit den Waffen fremder Mächte unterdrückt der Teilstaat Westpakistan den Aufstand im Teilstaat Ostpakistan: Mig-19-Düsenjäger aus China und Starfighter made in USA. sowjetische 11-28-Bomber und französische Mirage bombardieren Rebellenstädte Ostpakistans mit Napalm oder beschießen bengalische Zivilisten mit Bordwaffen.
Amerikanische Patton-Panzer und mittlere T-54 aus chinesischer Produktion walzen gemeinsam den Aufstand ostpakistanischer Bengalen nieder; sowjetische Lkw und japanische Toyota-Geländewagen befördern schießende Okkupationstruppen Westpakistans durch "Bangladesh", die abtrünnige Ostprovinz des zweigeteilten Moslemstaats.
Trotz eines seit dem Kaschmirkrieg gegen Indien 1965 gültigen Waffenembargos lieferten die USA automatische Gewehre an Westpakistan, um Chinas wachsenden Einfluß beim Seato-Partner Pakistan einzudämmen. Für jährlich neun Millionen Mark verschiffte Amerika Panzer- und Gewehrmunition, Flugzeugraketen und Napalmbomben nach Pakistan, deklariert als "non-lethal equipment" -- nicht-tödliche Ausrüstung.
Das Geld für diese Waffen-Kollektion der westpakistanischen Armee hatten die Opfer aufgebracht: Die Importe finanzierte fast ausschließlich die Bengalenprovinz mit ihren Jute-Exporten.
In fast vier Wochen Bürgerkrieg verbrannten, füsilierten und bajonettierten die Westpakistanis Zehntausende Bengalen. Die Waffenlieferanten berührt der Völkermord nur wenig: Lahm versprach Washington die Einstellung jeglicher Militärhilfe bis zu einer Beruhigung der Lage. Zugleich verwies Außenamts-Pressesprecher McCloskey auf 700 000 Tonnen lebenerhaltenden US-Weizen, der angeblich für Opfer der Flutkatastrophe vom November vorigen Jahres in ostpakistanischen Speichern lagert.
Doch dieses Präsent kommt allenfalls den Weizen essenden West-Truppen zugute, nicht den an Reis gewöhnten Bengalen: Was die 80000 Westler nicht für den Eigenbedarf requirieren konnten, zerbombten sie in den Speichern der Anlandehäfen Khulna und Tschittagong.
Die Sowjet-Union, die einst auch Mig-Jäger an Nigeria gegen die Sezessionisten Biafras verkaufte, schickte einen bösen Brief an Pakistans Präsidenten General Jahja Khan. Staatsoberhaupt Podgorny mahnte ein "sofortiges Ende des Blutvergießens" an und plädierte für friedliches Verhandeln.
Dazu die halbamtliche "Pakistan Times": "Ausgerechnet jene Leute, die in Ungarn. Polen und der Tschechoslowakei unzählige Menschen eliminierten und bedenkenlos Territorien anderer Nationen ausplündern, drängen uns, die Flammen des Verrats nicht auszutreten."
Die asiatische Supermacht China allein ergriff eindeutig Partei gegen Bengalen und berief sich dabei auf alte Freundschaft zu Pakistan und sein Prinzip der Nichteinmischung in die internen Angelegenheiten anderer Staaten. Nicht den Volksaufstand. der nach bestem kolonialen Vorbild ausgebeuteten Bengalen unterstützt Peking, sondern wie bisher, das feudalistische Militärregime Westpakistans, mit Blick auf Indien: Durch eine bloße Verbaidrohung konnte Chinas Premier Tschou En-lai -- wie schon 1965 -- einen indischen Einmarsch im schwer zu verteidigenden Ostpakistan bremsen.
Chinas Prinzipien sind bequem, wenn nicht sogar eigennützig: Indien-Feind Pakistan schloß als einer der ersten Anrainer Chinas vor neun Jahren einen Grenzvertrag mit seinem nördlichen Nachbarn; China-Feind Indien dagegen denkt noch immer daran, Chinas Himalaja-Grenze notfalls mit Gewalt zu korrigieren.
Ein Bengale hatte 1958 erste Kontakte zwischen dem strikt antikommunistischen Pakistan und Maos Volksrepublik eingefädelt: Der jetzt von West-Truppen gejagte Altrevolutionär Maulana Bhaschani, 88. Damals pilgerte er in geheimer Mission nach Peking und übermittelte den Wunsch des Pakistan-Diktators Marschall Ajub Khan, sich gemeinsam gegen den indischen Expansionsdrang zu stemmen. Denn Amerika hatte Pakistan -- seinen bis dahin besten asiatischen Verbündeten -- durch eine Indienfreundliche Haltung im Kaschmir-Streit vergrämt. China bremste Indien zum erstenmal durch ein Ultimatum -- und lieferte den Pakistanis Waffen.
Als erste Fluggesellschaft eines nichtkommunistischen Landes durfte die Pakistan International Airlines Kanton und Schanghai anfliegen. Den mit fünf Milliarden Dollar und entsprechenden Zinsbürden im Westen verschuldeten Pakistanis gewährte China zinsfreie Kredite. Ende letzten Jahres leisteten die Chinesen ihrem Nachbarn 200 Millionen Dollar Wirtschafts- und Militärhilfe -- als Geschenk.
Maos Frachter entluden wieder in Karatschi Mig-Jäger und Lastwagen, Maschinengewehre und Mörser. Eine Guerilla-Schule der Chinesen in Ostpakistan unterwies die westpakistanischen Soldaten im Dschungelkampf; eine von chinesischen Pionieren durch das Himalaja-Massiv nach Pakistan vorangetriebene Straße verbindet neuerdings Pakistans Hauptstadt Islamabad mit der chinesischen Provinz Sinkiang. Westpakistanische Versorgungsflüge nach Ostpakistan aber führen über chinesisches Territorium: Die Maschinen dürfen auf chinesischen Flughäfen zwischenlanden.
Noch scheint den Chinesen die gemeinsame Front mit Pakistans Reaktionären gegen Indien wichtiger zu sein als Hilfe für die Rebellion nach Maos Lehrbuch.
Die Rebellen werden allenfalls von Indien unterstützt: Erstmals seit 1965 rollen wieder indische Züge von Kalkutta in den "befreiten Teil Bangla deshs", nach Ostpakistan. Die Inder lassen einige Freiwillige und begrenzten Nachschub wie etwa Maschinenpistolen, Benzin für die wenigen Lastwagen der Aufständischen und vor allem Medikamente über die Grenze.
Aber die Drohung Tschou En-lais, China werde eine indische Intervention in die inneren Angelegenheiten Pakistans zu verhindern wissen, brachte die Regierung Indira Gandhis dazu, drastischere Pläne zunächst fallenzulassen. Die indische Freude über den Bürgerkrieg beim Erzfeind Pakistan beschränkt sich vor allem auf Sympathie-Kundgebungen: Exaltierte Frauenbünde zogen durch die Straßen Neu-Delluis, halbnackte hinduistische Sadhu-Heilige verließen ihre Einsiedeleien zum Sit-in für die Bengalen Ostpakistans.
Nicht einmal die diplomatische Anerkennung der inzwischen proklamierten "Volksrepublik Bangladesh" kommt seit Chinas Drohung in Betracht. Denn Neu-Delhi befürchtet, daß der Indien-Feind China bei einer völkerrechtlichen Aufwertung "Bangla deshs" seinerseits in innere indische Angelegenheiten eingreift.
Bisher hat China noch darauf verzichtet, im Volkskrieg Westbengalens -- auf indischem Territorium -- Stellung zu beziehen. Dort kämpfen Mao-Radikale, die "Naxaliten", zur Zeit noch ohne direkte Hilfe aus Peking.

DER SPIEGEL 17/1971
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