11.10.1971

BERLINDenk an Marie

Der West-Berliner Galerist Konrad „Jule“ Hammer will die offizielle Berlin-Werbung „entkrampfen“ -- unter anderem durch einen neuartigen Kunstbummel.
Am Wegesrand, vom Tauentzien bis zum Ufer des Landwehrkanals, in der West-Berliner City. standen Plakate mit "Berolino, dem Freiheitsstadt-Uhu", einer Fabelmischung aus Waldschrat und Flaschengeist.
Wegbegleiter waren Ziehharmonika und Zwetschgen-Schnaps, die Wegzehrung Pellkartoffeln und Quark, Schnittlauch und ein Schlag Suppe, vom Senat gestiftet und vor dem Abmarsch auf der Dachterrasse des Europa-Centers verabreicht. Motto: "Kultur wird erst durch Kulinarisches genießbar."
Genossen wurden Kitsch und Kunst: Phalli im Trödlerladen, Leichtmetall-Skulpturen im Marmor-Glas-Foyer, Bronzenes, Steinernes, Gedrucktes, Gemaltes, Gehämmertes und Gehobeltes.
Mit solchen Requisiten lud Konrad "Jule" Hammer, 44, Galerist im West-Berliner Europa-Center, jüngst zum ersten öffentlichen Kunstbummel durch Berliner Straßenzüge, vorbei an Kanalgullys, Friseur-Läden und Hammers Freiluft-Kunstgaben. Devise: "Trimm dich fit mit Kultur!"
Die Pfadfinder-Aktion war die jüngste Eingebung des Galeristen Hammer, eines Berlin-Entertainers im Poetenlook, den die "Süddeutsche Zeitung" einst zum "Chefclown des Berliner Kulturlebens" ernannt hatte. Ziel der Hammer-Führung, die mittlerweile bereits tausend Voyeure angelockt hat: Hammer will die Berlin-Werbung "entkrampfen", denn "Kunst ist immer live in Berlin".
Was in Galerien und Museen "manchmal doch nur Staub ansetzt", verpflanzt Fremdenführer Hammer längs der Bummelstrecke in leerstehende Ladenlokale. Nachts karrt er mit Kranwagen tonnenschwere Monumente auf Freiplätze etwa vor die "Neue Nationalgalerie" laut Hammer Werke, "die da draußen bleiben müssen". Und mit Kreuzberger Maler-Originalen, so Schlapphut-Berliner Kurt(chen) Mühlenhaupt oder Pelzmützen-Träger Arthur Märchen, will er "alle Menschen mit Sinn für Schönes" vom Kudamm bis zur Mauer an Popigem und Erhabenem vorbeiführen.
Die Trottoir-Karawane bewundert grell angepinselte Hausverkleidung an einem Wohntrakt der Multi-Maurerin Sigrid Kressmann-Zschach, maschinenartige Leihkunstgebilde des Berliner Kunstprofessors Joseph Lonas in der Eingangshalle des "Constanze Pressehauses", den "Herkules mit dem Eber" vor dem Kultur-"Haus am Lützow-Platz", Mühlenhaupt-Gemälde, Märchen-Pinseleien um die vierzehnstöckige Wendeltreppe des Hotels "The Tower".
Schon Anfang der fünfziger Jahre war Hammer -- Wittenberger Lehrersohn mit abgebrochenem Studium der Theaterwissenschaften und Germanistik -- dazu ausersehen, die Berliner Kulturlandschaft als SPD-Genosse und Parteikultursekretär( Endgehalt: 1400 Mark) zu beackern. In dieser Funktion holte der Neffe des Grafen Luckner ("Seeteufel") allsommerlich, als dies noch möglich war, 25 000 Ost-Berliner in die "Waldbühne" am Olympia-Stadion und bot Kurzweiliges.
Seiner Partei schrieb er mit einem Autorenkollektiv ein umstrittenes Singspiel für 120-Mann-Chor über das Gerangel zwischen KPD und SPD, Titel: "Urabstimmung 46" ("Du denkst an Marfa, ich denk an Marie, wir beide lieben unsere Frauen.")
Später setzte er hemdsärmelige Akzente in Willy Brandts Wahlkämpfen, gab die Satire-Postille "Neuss Deutschland" des Kabarettisten und Hammer-Spezis Wolfgang Neuss mit heraus und laborierte -- oft zum Schrecken der Genossen -- an "auflockernden Experimenten im Hinblick auf eine Vermenschlichung des Parteilebens".
Im Jahre 1964 organisierte er im selbstgeschaffenen "Kulturzentrum" am Lützow-Platz Berlins erstes Gag-Festival -- mit einem Schaukochen internationaler Gefängniskost, Zeichnungen vom kartenspielenden Jesus, von am Kreuz knabbernden Priestern und lotterigen Nonnen, dessousbekleidet auf dem Bettrand kauernd. Vor Publikum ließ Hammer überdies den "Stuhl der Päpstin Johanna" anfertigen, jener legendären Figur, die einst als Johannes Angelicus den Heiligen Stuhl bestiegen haben, dann aber schwanger geworden sein soll.
Nach solchem Kunst-Zwitter war zwar das Publikum, so Hammer, "regelmäßig kribbelig vor Lachen", die Berliner Staatsanwaltschaft indes bearbeitete 350 -- später ergebnislos eingestellte -- Strafanzeigen wegen Gotteslästerung. Und auch die Partei fand schließlich, daß es Zeit sei, sich von dem Kulturinterpreten zu distanzieren.
So fügte es sich, daß Hammer eines Tages nur noch einfacher Genosse war, der freilich nunmehr seine Zelte auf der Dachterrasse des Berliner Europa-Centers aufschlug. Hier durfte der Genosse wieder Mensch sein. Er ließ etwa zur Volksgaudi Affen als Literaturkritiker auftreten. Er führte in einer Horrorschau den Schädel einer Frau vor, "die 1804 im Grunewald erschlagen wurde". Und manchmal lud er zu "literarischem Striptease" ein, den er üblicherweise mit Artilleriefeuer vom Tonband einleitete.
Zwischendurch stellte er auch Ostblock-Kunst aus, ließ nach allgemeinem Leberwurstschmaus tschechische Jazzer musizieren oder erklärte Galerie-Gast Abrassimow, dem Sowjet- Botschafter, "was russische Maler unter Revolution verstehen".
Auch die regierende SPD ward ihm so bald nicht mehr gram. Bei der Ausstattung des "Berlinoskops", eines senatseigenen PR-Bunkers auf dem Europa-Center. legte er mit Hand an: gelegentlich ließ sich auch der Regierende Bürgermeister Klaus Schütz bei einer seiner Vernissagen sehen.
Ob dem Berliner Hammer freilich künftig die Rolle des Kunst-Fremdenführers allein genügen wird, ist fraglich. Schon denkt der "Center-Experte" an die Zukunft: "Die Innenstadt muß ein unterhaltsames Gesamtkunstwerk werden."

DER SPIEGEL 42/1971
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