29.03.1971

FREIZEIT / GESUNDHEITKur ohne Kulenkampff

Ein gewisser Herr Schlapp-Schlapp, von Beruf Büroangestellter, soll die Bundesbürger zum Spielen animieren.
Schlapp-Schlapp, Symbolfigur für jene Bürger, die nach getaner Arbeit vor dem Fernsehapparat eindösen, soll das Markenzeichen einer von Gesundheitsministerin Käte Strobel gesteuerten Kampagne zur Aufmöbelung müder Bundesbürger werden. Eine Werbeaktion soll immobile Feierabend-Muffel veranlassen, ihre Freizeit künftig "sinnvoll, im Interesse der körperlichen und seelischen Gesundheit einzusetzen" (Strobel). Die Maxime der Mobil-Machung: "Mehr Spaß in die Freizeit."
"Die Freizeit am Feierabend", entdeckte Kabinettsdame Strobel, "wird von überlieferten, heute nicht mehr gültigen Verhaltensmustern bestimmt." Um Bewegungsunlust, Wohlstands-Alkoholismus und Pantoffelkino zu bekämpfen, will die Ministerin mit Kurzfilmen, Fernseh-Spots und Anzeigen den Spieltrieb der trägen Bundesbürger wecken. Als Regieanweisung publiziert die Freizeit-Reformerin eine farbige Broschüre mit dem Titel "Hundert Tips für Freizeitspaß".
Umfragen und Studien zum Freizeitverhalten der Westdeutschen hatten das Gesundheitsministerium gelehrt, daß die Bürger am Abend ungesund leben. Als Folgen dieser schlechtgenutzten Mußestunden erkannten die Rechercheure in der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die seit zwei Jahren die Strobel-Aktion vorbereiten: Übergewicht, Haltungsschäden, Kreislaufstörungen, Gallenleiden und Magengeschwüre.
Mehr als die Hälfte der für eine Voruntersuchung Befragten gaben als Feierabend-Beschäftigung "leichte Unterhaltung genießen in Fernsehen, Radio, Kino, Büchern oder Illustrierten" zu Protokoll.
Käte Strobel findet dieses Verhalten bedenklich, denn Nervosität, Konzentrationsschwäche und psychischer Streß, unter denen die meisten Berufstätigen leiden, lassen sich mit Kulenkampff-Konsum nicht kurieren.
Frau Strobels Rezept heißt spielen. Den Trägen empfiehlt sie Schnitzeljagden en famille, Boccia, Schneeballschlachten und Schlittern. Scrabble, Knobeln, das Börsenspiel und Domino sollen die geistige Beweglichkeit fördern.
Anspruchsvollster Strobel-Tip ist die "Wahlrede": "Ein neuer Gesundheitsminister wird gesucht. Zwei aus dem Kreis werden zu Kandidaten bestimmt. Alle Mitspieler müssen nun in einer freien Rede nachweisen, warum sie diesen oder jenen Kandidaten für geeignet halten. Wer das am geschicktesten macht, wird selbst Minister."

DER SPIEGEL 14/1971
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 14/1971
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FREIZEIT / GESUNDHEIT:
Kur ohne Kulenkampff

  • Japanisches Geisterdorf mitten im Wald: Die traurige Geschichte von Nagatani
  • Das Geheimnis der V2: Hitlers Angriff aus dem All
  • Amateurvideo: Der Marsch der blauen Raupen
  • Stromausfall in Venezuela: Regierung spricht von "elektromagnetischem Angriff"