28.11.2005

VORDENKERDie Kirche, der Wein, das Blatt

Dieser Mann ist alles, was man in Rom nicht sein sollte. Er ist fett, Berlusconi-treu und schwitzt. Er ist für den Irak-Krieg gewesen und trägt ungeniert spärliches rotes Barthaar im Gesicht. Bella figura macht Giuliano Ferrara nur beim Denken. Mit seinen drei Zentnern ist er einer der beweglichsten unter den italienischen Intellektuellen. Er hat den Ruf, über nahezu jedes Thema so sprechen zu können, dass dem Gegenüber nur noch das Nicken bleibt.
"Essen!", dröhnt Ferrara im Bariton, als er schweren Schritts das "Checco er Carrettiere" betritt, eine Trattorienlegende in Trastevere. Ferrara hat den Schädel beim Gehen nach vorn gereckt und balanciert ein wenig mit den Armen. Seine Bootsschuhe sehen aus, als wären sie unter eine Stahlpresse geraten.
An seinem Gewicht ist die Sowjetunion schuld. Die Eltern des heute 53-Jährigen gehörten zur kommunistischen Aristokratie Italiens. Die Mutter war Sekretärin des KPI-Parteichefs Palmiro Togliatti, der Vater in den Fünfzigern Moskau-Korrespondent der Parteizeitung "L'Unità". Jeden Morgen gab es Cornetti daheim und in der Schule gefüllte Blini. Und mittags zuerst Borschtsch, dann Pasta zu Hause.
Seither hat Ferrara zugenommen, an Masse und Macht, bis man ihn "Elefantino" nannte. Elefantino ist er noch immer. Alles andere hat sich geändert.
"Die liberale, säkularisierte Gesellschaft ist in Gefahr, ihres obersten Wertes verlustig zu gehen, nämlich des Schutzes des Lebens", doziert Ferrara, kaum hat er Platz genommen. Er sticht mit der Gabel nach dem San-Daniele-Schinken. "Es macht mir Bauchschmerzen", fährt er kauend fort, "wenn Fortschrittlichkeit heißen soll, für die Abtreibungspille zu sein, für Embryonenforschung und Schwangerschaftsabbruch - aber dann natürlich für künstliche Befruchtung. Dieser Wein kommt übrigens aus dem Latium. Ein Colle Piccione."
Ferrara, der konservative Haudegen, war einst kommunistischer Parteisekretär im Herzen der italienischen Arbeiterbewegung, in der Autostadt Turin. 1982 machte er Schluss: "Es gab einen Moment, als ich auf den Parteiversammlungen nicht mehr ,Wir' sagen konnte, wenn ich ,Ich' meinte."
Er tauschte seinen Parteiausweis gegen eine Kurskarte des Goethe-Instituts ein und fuhr mit Schäferhund und Renault 4 nach Berlin, um die Frühschriften von Leo Strauss im Original zu studieren: "Ich sah die Kothaufen auf den Berliner Bürgersteigen und wusste: Hier lässt es sich leben. Nehmen Sie noch von dem Schinken!"
Leo Strauss, der jüdische Skeptiker und Mentor der amerikanischen Neokonservativen,
ist ständiger Bezugspunkt für Ferrara - neben jenem anderen Deutschen, der seit April im Apostolischen Palast des Vatikan residiert: "Ich bin ein papistischer Atheist", sagt er.
In seiner Zeitung "Il Foglio", "Das Blatt", wird jede dogmatische Signalgebung des deutschen Papstes ausführlich kommentiert. Gezeichnet sind die Texte meist mit einem roten "Elefantino".
Heute ist Ferrara überzeugt, dass niemand das Politische begreifen kann, der von der Religion nichts versteht. "Jürgen Habermas sagt zu Recht, dass die liberale, säkulare Gesellschaft ihre Werte - ich würde lieber von Sinn sprechen - nicht aus sich selbst begründen kann. Also müssen wir das Gespräch mit jener kulturellen Macht suchen, die seit 2000 Jahren Sinn herstellt: der Kirche."
Im allgemeinen Werte-Relativismus, sagt er, sich den Mund wischend, sei Religion keine Privatsache mehr: "So tun, als ob es Gott gäbe, und ihm die volle Teilnahme am öffentlichen Leben einräumen", darin ist Ferrara völlig einig mit Benedikt XVI.
Gnocchi alla Romana. Die Serviette zeigt erste Flecken. Manchmal ächzt Ferrara und atmet schwer. Doch nur, wenn er nach einem richtigen Ausdruck sucht. Seine Körpermaße trägt er mit Leichtigkeit.
Noch einmal zurück in die Achtziger. Damals begann er, der CIA regelmäßig politische Analysen zuzuspielen. "Geld hat es nicht viel gebracht. Aber mir gefiel das Unmoralische daran. Und es war gut für meinen Narzissmus."
"Elefantino" wurde 1994 Minister und Pressesprecher in der ersten Regierung Berlusconi. Oft stöhnte er über die Eitelkeit des Chefs - für den Macchiavellisten Ferrara das einzige unverzeihliche Laster des Prinzen.
"Aber so ist er. Silvio hat den Größenwahn eines Kim Il Sung. Aber", er stopft sich die Serviette wieder in den Ausschnitt, "gemildert durch ein hohes Maß an Selbstironie. Was nehmen Sie? Die Kalbslenden sind gut, sehr saftig mit viel Öl. Für mich nur ein Involtino, eine einzige Roulade, danke."
Würde er ihn wieder wählen? "Natürlich. Schon aus Freundschaft. Ich mag Politiker, die nicht so reden wie alle anderen. Salute!"
Der Berlusconi-Partei ist Ferrara nie beigetreten: "Ich wollte nie zu seinem Stab gehören. Ich tauge nicht zum Karrierepolitiker." Für manche ist er das Hirn von Silvio Berlusconi, für andere eher die sprechende Grille des Pinocchio. Ein Ketzer, ein Hofnarr - ein Hofketzer, der sehr genau weiß, bis wohin er gehen darf, und nie vergessen hat, dass jeder bei Hofe auch mal die Hure machen muss.
Heute, als Direktor des "Il Foglio", hat er das Ohr seines Herrn immer noch. Mehr denn je.
"Il Foglio" ist ein Journal des journalistischen Luxus und der intellektuellen Moden. Eine anregende Mischung aus "taz", "FAZ"-Feuilleton und "Osservatore Romano", wo ebenso zwei engbedruckte Seiten über das fußballerische Genie des Stürmerstars Roberto Mancini stehen können wie das Lehrschreiben "Dominus Jesus" der Glaubenskongregation. Es gibt eine Knastseite und die beste Kriminalchronik des Landes.
Zu den Autoren gehören Freidenker und Freigänger wie Adriano Sofri, Mitgründer und Kopf der marxistischen "Lotta Continua". Es ist "die rechte Zeitung für desillusionierte Linke", wie der Linkskatholik Otto Kallscheuer geschrieben hat - auch er regelmäßiger Mitarbeiter des "Foglio".
"Wir haben damals alles gegen die Vorschriften gemacht", erinnert Ferrara sich an die Gründung 1996. "Keine Fotos, kein
billiges Papier, Analysen statt Nachrichten und nur eine einzige Druckseite."
Im "Foglio" steckt das Geld einiger Geschäftsleute aus Mailand und Sardinien, meist Freunde Berlusconis. Ein großer Teil gehört Veronica Lario, der durchaus eigenwilligen Gattin des Ministerpräsidenten. Auch dank staatlicher Hilfe, sagt Ferrara, würde sich die Zeitung jetzt selbst tragen, bei 14 000 verkauften Exemplaren.
Sein Arbeitszimmer um die Ecke ist eine Altpapiersammlung mit Tiberblick aus Bücherstapeln, Zeitungen in drei Sprachen, "The New Republic", Manuskripten.
Ferrara ist ein Falstaff, amoralisch und stets hungrig nach neuen Ideen, verfressen und trunken an klarem Denken. Täglich verschlingt er Unmengen an internationalen Zeitungen, schnüffelt nach den Leitartikeln im "Spectator", der "LA Times", der "National Review", so hungrig nach Frischerdachtem, dass bisweilen auch Halbgares mitvertilgt wird, wie die Debatten im Bibelgürtel der USA um Darwin und das "Intelligent Design".
Sein Blatt hat der jüngsten Kampagne gegen künstliche Befruchtung und Embryonenforschung seitenweise das intellektuelle Rüstzeug verschafft. Ferrara hat selbst keine Kinder. Verheiratet ist er mit einer italo-amerikanischen Feministin. Er sagt: "Ich bin gegen Abtreibung. Aber ich bin für das Abtreibungsgesetz. Die Frauen dürfen nie wieder zu den Untergrundpfuschern getrieben werden."
Jeden Wochentag sitzt Ferrara abends mit Gästen in seiner Talkshow "Otto e Mezzo" ("Halb neun") und streitet sich über Angela Merkel, die Homo-Ehe oder das Dilemma einer irakischen Verfassung. Die Sendung auf dem unabhängigen Kanal "La 7" kommt ohne halbnackte Lächlerinnen aus. Es ist eine Stunde konzentrierte Debatte. Eine Million Italiener schauen zu.
Dennoch bestreitet Ferrara, Macht zu haben: "In Italien hat der Schwager eines Polizeichefs Macht. Ich habe keine Stiftungen, keine Posten, keine Firma." Doch Einfluss zweifellos. Neben dem linken Pendant "Il Riformista" gehört "Il Foglio" zu den Accessoires, mit denen sich ein Intellektueller in Italien gern zeigt.
Anfangs mag ihn die Inszenierung von Politik und Führung beeindruckt haben. Das ist vorbei: "Berlusconi ist ein Visionär nur im Business. In der Politik navigiert er auf Sicht, von Tag zu Tag."
Ferrara präsentiert die Wäscheliste: Die Regierung hat Italien nicht wie versprochen modernisiert. Das Land ist verschuldet, die Wirtschaft wettbewerbsunfähiger als zuvor, die ererbten Krankheiten Justizsystem, Mafia, Mezzogiorno sind alles andere als geheilt. Warum sollte jemand im nächsten April noch einmal für Berlusconi stimmen?
"Berlusconi ist eine Laune der italienischen Geschichte gewesen", sagt Ferrara. Wahre Staatsmänner seien seit dem Zusammenbruch des alten Systems in Italien ausgestorben. "Noch einen Caffè? Italien ist ein Land, das sich eine Laune wie Berlusconi leisten kann. Und eine Laune wie den 'Foglio'."
Ferrara ist satt und guter Laune. "Vielleicht gefällt es mir trotz allem hier. Dieser Zynismus, dem nichts wirklich wichtig ist. Diese Zufälligkeit, die viel Raum für Capricen lässt. Wir sind kein Land der Begrenzungen und der Bunker."
Gargantua hat gegessen und gedacht. Das Symposium ist zu Ende: "Andiamo."
Er eilt hinaus in die Stadt des Lärms, der Capricen und der Kanaldeckel, auf denen das Urzeichen des Politischen steht: "SPQR" - "Senat und Volk von Rom". Zurück bleibt eine blutrot besprenkelte Serviette. Aber das waren nur die Gnocchi alla Romana.
Giuliano Ferrara war Kommunist und ist heute das intellektuelle Schwergewicht der römischen Neokonservativen. Er gibt die spannendste Zeitung Italiens heraus. Zu Tisch mit Silvio Berlusconis Hirn. Von Alexander Smoltczyk
* 1994 im italienischen Parlament.
Von Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 48/2005
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