22.02.1971

MINISTER / GESUNDHEITSBERICHTZukunft im Algengarten

Finanzminister Alex Möller atmete auf "Endlich ein Reformbericht" der nicht versteckt mehr Geld fordert, als eingeplant ist." Doch der Kassenwart für Willy Brandts innere Neuerungen freute sich zu früh.
Denn der erste Gesundheitsbericht" den die Bundesregierung dem Parlament letzte Woche zuleitete, macht weit höhere Ausgaben für Vorsorge-Untersuchungen, Krankenhaus-Bau und Umwettschutz nötig, als das Kabinett bislang zu bewilligen bereit war.
Gesundheitsminister Kate Strobel meinte am vergangenen Mittwoch vorsichtig: "Dieser Bericht ist eine Darstellung dessen, was ist, was sein sollte und was noch getan werden muß." Zahlen verschwieg die Reformerin. Ihr Fazit: "Es geschieht viel, aber es geschieht noch nicht genug.
Was noch passieren muß, ist in einem Reform-Katalog festgehalten. Danach will Käte Strobel beispielsweise
* den Krankenkassen künftig nicht nur Vorsorge-Untersuchungen auf Krebs und Kinderkrankheiten auftragen, sondern möglichst auch auf Diabetes, Kreislauferkrankungen. Rheuma und grünen Star;
* den Gesundheitsschutz durch Sofort-Programme für Umwelt, Reform des Lebensmittelrechts Novellierung des Arzneimittel-Gesetzes und Maßnahmen gegen Drogenmißbrauch verbessern.
Auf Schätzung der Kosten, die das Reformprogramm erfordern würde, hat das Gesundheitsministerium verzichtet, Käte Strobel mag darauf vertrauen, daß zumindest in der Anlaufzeit ihrer Programme in den nächsten vier Jahren -- dem Zeitraum der mittelfristigen Finanzplanung -- das Reform-Geld noch reichen wird. Doch schon bei ihrem dringendsten Vorhaben, der Neuregelung der Krankenhaus-Finanzierung, mit der Käte Strobel den Bau besserer Hospitäler voranzutreiben hoffte, droht sie wegen Geldmangel steckenzubleiben.
Beim Finanzminister hatte sie nur relativ geringe Mittel (1971: 300 Millionen, 1972: 600 Millionen Mark) für die Krankenhaus-Finanzierung loseisen können. Deshalb bot sie den Ländern und Gemeinden keine Investitionszuschüsse an, sondern nur die Übernahme von Zins- und Tilgungsdienst für Darlehen, die sich die ohnehin finanzschwachen Landesväter und Stadtkämmerer borgen sollten. Auch beim Bettenpreis machte Käte Strobel mutige Annahmen: Für ihre Kredithilfe veranschlagte sie die Kosten eines Krankenhausbettes auf 73 000 Mark.
Die Länderminister dagegen rechneten ihrer Kollegin aus Bonn vor, daß ein Krankenhausbett heute mindestens 100 000 Mark koste. Daran müsse sich der Bund mit einem Drittel beteiligen, und zwar nicht mit Darlehns-Hilfen, sondern mit Investitions-Zuschüssen. Am Donnerstag letzter Woche lehnte das Kabinett das Verlangen der Länder ab.
Um Geld sorgte sich die Nürnberger Hausfrau Käte Strobel auch in anderen Teilen ihres Berichts wenig. So klammerte sie die Kostenentwicklung im Gesundheitswesen bei ihren Plänen einfach aus. Von dieser Bürde befreit, machte sie sich an die Vorausschau. Beispielsweise würden in 30 Jahren, so Käte Strobels Vision, die Männer die Pille nehmen; "Fischfarmen im Meer und Algengärten" würden für eine gesunde Ernährung sorgen. Organ-Transplantationen "werden, ebenso wie leistungsfähige, bioelektrisch gesteuerte Gliedmaßen", zum medizinischen Standard gehören.
Käte Strobel: "Wir konnten der Versuchung nicht widerstehen, ein solches Kapitel zu bringen."

DER SPIEGEL 9/1971
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