22.02.1971

INDUSTRIE / RÖHRENKARTELLParole S.R.M.

Am 11. und 20. Januar protokollierte die Mannesmann-Sekretärin Hannelore Peters, 22, die Pläne zu einem weltweiten Industrie-Komplott.
Das geheimnisvolle Arrangement besprachen dreizehn Manager der Stahl-Industrie aus Japan und Westeuropa in Düsseldorf. Auf knapp vier Schreibmaschinen-Seiten erörterten sie eine internationale Marktaufteilurig für nahtlose und geschweißte Stahlrohre.
in der zweitägigen Klausursitzung wollten sich die Konspiranten einen Sonder-Rabatt zu Lasten ihrer Kunden genehmigen. "Hinsichtlich besonders respektierter Märkte" einigten sich führende internationale Unternehmen darauf, die von ihnen ohnehin schon fast totai beherrschten einheimischen Absatzgebiete durch Absprachen vollends vor gegenseitiger Konkurrenz zu schützen.
Diesen Gebietsschutz, laut internationaler Rechtsauffassung die einschneidendste Form von Kartellabsprachen, besiegelten
* die deutsche Mannesmannröhrenwerke AG.
* Japans größter Stahlhersteller Nippon Steel Corporation,
* die japanischen Stahl-Konzerne Nippon Kokan Kawasaki und Sumitomo,
* das italienische Stahlhandelskontor Siderexport und der Stahlkonzern Dalmine in Mailand,
* das französische Stahl-Verkaufsbüro Comptoir F. B. T. in Paris und
* das Londoner Sekretariat der staatlichen Stahl-Einheitsgesellschaft British Steel Corporation.
Bei den Düsseldorfer Gesprächen erklärten sich beispielsweise die Mannesmann-Unterhändler bereit, die Japaner in bestimmten Fällen "preislich zu schützen. Diese Zusage gilt dann, wenn Mannesmann die heimischen Märkte nicht ausreichend beliefern kann und deshalb Einfuhren notwendig sind,
Für dieses Zugeständnis an die gefürchtete japanische Konkurrenz sollen die Stahl-Manager aus dem Fernen Osten einen hohen Preis zahlen: Sie sollen sich dafür weitgehend vom Europa-Markt fernhalten und in jedem Fall vor der Abgabe eines Röhren-Angebots den Kartell-Brüdern ihre Konditionen offenlegen. IG-Metall-Funktionär und Mannesmann-Aufsichtsratsmitglied Eugen Loderer letzte Woche über dieses Geheimabkommen: "Davon haben wir leider nichts gewußt."
Das Interesse der europäischen Stahlrohr-Konzerne für derartige Gebietsabsprachen, die sie mit dem Kürzel "S. R. M." (Special Respected Markets) tarnten, liegt auf der Hand. Noch 1963 stand die Bundesrepublik nach der Sowjet-Union und den USA an dritter Stelle auf der Weltrangilste der Röhren-Produzenten. Aber schon 1969 übertraf der japanische Röhren-Ausstoß die deutsche Produktion (knapp vier Millionen Tonnen) um 60 Prozent.
Da die USA und die Sowjet-Union als größte Röhrenhersteller der Welt wegen Ihres hohen Eigenbedarfs nur etwa drei Prozent ihrer Produktion exportieren, brachen vor allem die japanischen Stahlrohrgiganten wie Nippon Steel, Kawasaki und Sumitomo immer mehr in die Export-Domänen europäischer Konzerne ein. Das bekam vor allem Deutschlands Nummer eins, die Mannesmannröhren-Werke AG, an der auch der Thyssen-Konzern nach Einbringung seiner Röhrenproduktion im vergangenen Jahr mit 33 Prozent beteiligt ist, zu spüren.
Mannesmann, der Dortmunder Hoesch-Konzern, die Salzgitter AG und die Klöckner-Werke, die größten Stahlrohr-Produzenten in der Bundesrepublik, rangieren hinter Japan an zweiter Stelle unter den Röhrenexporteuren der Welt. Allein die Mannesmannröhren-Werke müssen über 50 Prozent ihrer jährlichen Stahlrohr-Produktion von rund drei Millionen Tonnen im Ausland absetzen.
Die unerbittliche Konkurrenz der Japaner, die mit Billig-Angeboten die westeuropäischen Stahlkonzerne auf den Auslandsmärkten bedrängen, wollten Europas Manager jetzt auf ihrer Arbeitssitzung in Düsseldorf weitgehend ausschalten. Wie einige Monate zuvor auf einer Manager-Sitzung in Tokio, drängten die Stahlbosse der westlichen Konzerne ihre japanischen Kollegen zu einer Aufteilung der Märkte. Danach sollte sich Japan weitgehend aus Europa zurückziehen, ebenso sollen die Europäer die traditionellen japanischen Märkte respektieren.
Wegen des ständig steigenden Bedarfs an Großrohren zum Bau von Pipelines wollen Japans Konzerne allerdings auf die für sie interessanten Märkte in Europa nicht völlig verzichten. So lehnten sie es ab, die Interessen europäischer Hersteller an den Absatzmärkten in der DDR, in Holland, Luxemburg und der Republik Irland zu respektieren. Grund dieser Weigerung: Über die DDR, die mit der Bundesrepublik durch ein sogenanntes Interzonen-Handelsabkommen verbunden ist, könnte Nippon Steel Rohre via Ost-Berlin nach Westdeutschland liefern. Ähnliche Chancen erhoffen sich Japans Röhren-Hersteller in Großbritannien, das sie von Irland aus beliefern könnten. In den französischen Markt schließlich wollten Japans Stahlkonzerne über Luxemburg und die Niederlande eindringen.
Bel einem ersten Treffen im November letzten Jahres in Tokio konnten sich die Stahlrohr-Produzenten zunächst nur im Grundsatz, nicht aber über Details des Röhrenkartells einigen. So setzten sie für Ende Januar ein neues Treffen in Düsseldorf an. Dort sollten "Mittel und Wege" (Geheim-protokoll) gefunden werden, das internationale Röhrengeschäft vor den negativen Folgen der Marktwirtschaft zu bewahren.
Eine vollständige Übereinkunft gelang noch nicht. Immerhin benannten die Kartellisten in jedem Land einen Vertreter, "mit dem im Falle einer Konsultation Verbindung aufzunehmen ist".
Das Düsseldorfer Stahlkomplott freilich blieb dem Bundeskartellamt in Berlin nicht verborgen, das durch Gesetz gehalten ist, unzulässige Absprachen zu unterbinden. Unter strengster Geheimhaltung begannen die Kartell-wächter letzte Woche mit ihren Ermittlungen gegen den renommierten Mannesmann-Konzern. Karteilamtssprecher Jörg Schlegel empört: "Da müssen wir einschreiten."
Dies will die Berliner Bundesbehörde bereits in dieser Woche tun, um zu verhindern, daß die Konzerne die Stahlrohrmärkte von London bis Tokio nahtlos verschweißen. Mannesmann- Verkaufsleiter Otto Sanden erklärte dem SPIEGEL auf Befragen, was es mit "S. R. M.", der Parole für das internationale Gebietskartell, auf sich habe: "S. R. M. -- das kann vieles bedeuten, auch besondere Märkte."
Otto Sanden wurde laut Düsseldorfer Geheimprotokoll als westdeutscher Repräsentant des eurasischen Kartells benannt.

DER SPIEGEL 9/1971
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