22.02.1971

KIRCHE / REGENSBURGKalk und Granit

Der blaue Schnellbrief erreichte Kaplan Alfred Heuberger, 35, in der eberpfälzischen Gemeinde Train beim Mittags tisch in der Schloßbrauerei. Der Kaplan las und verzichtete auf den bestellten Schweinebraten.
"Ab sofort", so hielt es in dem Einschreiben aus dem Ordinariat des Regensburger Bischofs Rudolf Graber. 67. sei der Kaplan vom Trainer Amt entpflichtet und vom Dienst in der Diözese beurlaubt. Begründung: Weil "Sie nicht nur jede Ehrfurcht gegen den Bischof vermissen lassen ... sondern offen Ihr Mißtrauen, ja Ihre Verachtung zum Ausdruck bringen.
Despektierliches über Graber hatten die Ordinariats-Oberen zuletzt in der Januar-Ausgabe einer von zwölf Kaplänen der Graber-Diözese redigierten und von Heuberger mitverantworteten Streitschrift namens "Pipeline" gelesen. Leitartikler Heuberger gab darin sein Urteil über die Weihnachtspredigt des Regensburger Oberhirten ab.
Die Ausführungen seines Bischofs über "die sogenannten Progressisten" empfand der Kaplan als "ein elend stimmendes, nicht enden wollendes Gejammer über alle auch nur in Frage kommenden Häresien". Graber-Gedanken über die "konservativen Kräfte", die allein "spüren, daß der Dialog mit dieser einen Welt nur von der ... unerschütterlichen, um Petrus konzentrierten Kirche geführt werden kann", hieß Heuberger "bewußte Provokation oder allenfalls die verständliche Reaktion eines alternden Mannes, dem die Zeitereignisse arge Wunden geschlagen haben.
Daß Graber, der zu den Gönnern der erzreaktionären "Bewegung für Papst und Kirche" zählt und unter den katholischen Oberhirten Deutschlands der mit Abstand konservativste ist, heulzutage als "erster Seelsorger der Diözese" firmiert, schien dem Kaplan aus Train eine "Unterstellung" zu sein. Heuberger über die bischöfliche Christmesse: "Das Ganze war einfach beleidigend.
Es geschah nicht zum erstenmal, daß der Kaplan seinen Bischof abkanzelte, und so geriet dieser Predigt-Verriß denn auch zum "Zündholz an der Lunte". wie des Bischofs treu ergebener Pressereferent Monsignore Fritz Morgenschweis triumphierte. Mithin steht dem Trainer Kaplan gemäß Ordinariats-Order seit dem vorletzten Montag frei, sich bei einem anderen Bischof zu bewerben" oder Beschwerde beim Heiligen Stuhl einzulegen.
Die rüde Form der Amtsenthebung mobilisierte Bürger und Bauern der Gemeinde Train (1200 Einwohner). Sie versagten am vorletzten Sonntag dem eilends entsandten Heuberger-Ersatzmann den Kirchgang und besuchten Messen in Nachbardörfern. Lediglich "Stuck a sechs oide Weiba" sah der Wirt der Schloßbrauerei in die Trainer Kirche wanken.
Nach dem kirchlichen Fremdgang starteten 700 Trainer in 150 Autos zum Protestmarsch vor das Bischöfliche Palais in Regensburg. Mit Sprechchören, Spruchbändern und viel Krach machten sie deutlich, was Heuberger und andere oberpfälzische Protestler behutsamer schon seit langem am Dom-Klerus bekrittelten: "Im Geiste Kalk -- im Herzen Granit."
Denn seit mit dem Heuberger"Weihejahrgaog 1960" ein Trupp reformfreudiger Kapläne in Grabers Diözese einfiel, gärt es im Weinberg des Bischofs. "Pipeline"-Autoren schimpften ihre Diözese eine der "konservativsten und reaktionärsten Kirchen in Deutschland", vermißten darin das "Verständnis für moderne Seelsorgemethoden" und beklagten, im Domkapitel (Durchschnittsalter: 71 Jahre) wie im bischöflichen Ordinariat habe "sich eine Gerontokratie etabliert". Die Kaplan-Mitteilungen über diese Greisenherrschaft verlockt viele Regensburger, ihr Domkapitel nur noch "die Kalkfabrik" zu nennen.
1964 konstituierten sich kritische Kapläne zum "Aktionskreis Regensburg" (AKR). Darin gebärden sie sich so rebellisch, daß der künftige Regensburger Weihbischof Ludwig Scharf schon seit längerem bei jungen Geistlichen mit dem Ratschlag hausiert, daß niemand, der "in der Diözese weiterkommen will", AKR-Mitglied sein könne.
AKR-Aktivisten gratulierten ihren holländischen Glaubensbrüdern im Zölibats-Zwist zum "mutigen Schritt" für Freiwilligkeit statt Zwangsklausel und kommentierten Äußerungen ihrer Dekane, die, wie Bischof Graber, papstfromm die Ehe-Enthaltung verfochten: "Schlechtes Deutsch, aber gut katholisch."
"Pipeline" karikierte "archaische Formeln" des gebräuchlichen Gottesdienstes: "Kyrie-eh-eh-eleison! Gottes Erbarmen wird lieblich angefleht, kokett, schäferstündchenhaft ... Weihrauchwölkchen und Tonschnörkel tänzeln und quellen ineinander. Dida-dadada ... summt der Organist mit."
Und "mit der Ernennung von Herrn Vinzenz Guggenberger, ehemaliger Mesner der Seminarkapelle von der Verklärung Christi und Hilfsmanager des bayerischen Pilgerbüros München, zum Dompfarrer hat man wieder genau ins Schwarze getroffen. Wieder zeigt sich, wo die Schwerpunkte seelsorgerischer Bemühungen liegen müssen: Pilgerfahrten, Frauenbetreuung und nötigen Respekt vor der Obrigkeit".
Diesen Respekt will Grabers Generalvikar Karl Hofmann, 66, zunächst den renitenten Bürgern aus Train wieder beibringen. Denn bislang haben Katholiken in Regensburg noch nie gewagt, vor dem Bischofssitz zu demonstrieren -- wie es die Trainer taten. Und bislang hat in dieser eher braven Diözese noch nie eine Dorfgemeinde nahezu geschlossen den Kirchgang verweigert -- wie es die Trainer bis zur Rückkehr ihres Kaplans tun wollen.
Daher versicherte Generalvikar Hofmann einer Trainer Abordnung, die mit 200 Unterschriften um Heubergers Rückkehr bitten wollte, er müßte sich "vor sich selbst ekeln", wenn er im Fall Heuberger nachgeben würde. Und die Protestierer ließ er wissen: "Solange ich hier sitze, werde ich meinen Bischof vor allen Angriffen schützen.
Mit diesem Vorsatz hat sich der geistliche alte Herr eine beträchtliche Bürde aufgeladen, denn die Angriffe gegen Graber nehmen eher zu als ab.
So erklärten sich am Mittwoch vergangener Woche rund hundert AKR-Priester und -Laien mit Heuberger solidarisch. In einer Resolution bezeichneten sie den Heuberger-Hinauswurf als "amtliches Unrecht", das der "geschuldeten christlichen Brüderlichkeit" widerspreche: "Mit diesem Schritt hat der Generalvikar und mit ihm der Bischof das Vertrauen von Priestern und Laien in die . .. Diözese schwer erschüttert."
Der so vielfach verwünschte Oberhirte Rudolf Graber tut indessen, so ein AKR-Kaplan, "sich und uns allen den besten Dienst: Er ist weder zu sehen noch zu hören".

DER SPIEGEL 9/1971
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