22.02.1971

„UNTERM BIRNBAUM SPIELEN DIE KINDER „MAUER'“

Lob und Tadel für den Sozialismus in der DDR, Reflektionen über den Kapitalismus in der BRD (wobei die SPD meist besser, die CDU meist schlechter abschneidet) entholten Briefe aus Ostdeutschland, welche die Philalogin Hildegard Baumgart gesammelt hat und mit Zustimmung der Absender Anfang April im Hamburger Hoffmann und Campe Verlag veröffentlichen wird. Enthusiasmus für das SED-System kommt darin ebenso selten zum Ausdruck wie strikte Ablehnung; Bewunderung für die Bundesrepublik ebenso selten wie dogmatische Gegnerschaft. „Die Wände in meinem Zimmer sind mit Bildern aus „Bravo' bestückt“, schreibt eine Oberschülerin aus Magdeburg. Ein anderer junger DDR-Bürger hingegen: „Die Partei ist eben für uns der Inbegriff alles dessen, was wir anstreben.“
Absender: Gutsbesitzerin aus dem Osten Mecklenburgs, die 1946 zunächst noch Dobbertin im Westen Mecklenburgs Übersiedelte, wo sie mit ihrem Mann einen kleinen Bauernhof pachtete.
Dobbertin, 1946
Unser neues Zuhause: Hof mit nur einem Gebäude, dem Wohnhaus. Alles andere abgebrannt und noch so mit geschwärzten Mauern daliegend. Das Haus mir sofort sympathisch. Weiß, niedrig, quer über den Hügel gebaut, so daß es den Eindruck einer Glucke macht. Der erste Anblick, als wir ins Dorf kamen: Kosaken! Mit weiten wehenden Mänteln, rauhen Stimmen und Carajo ...
Calberwisch, den 10. 12. 46
Ihr wißt ja, daß unser Dorf, das nur Bodenklasse 7 bis 9 hat, für das Ablieferungssoll aber in Bodenklasse 2 bis 3 gekommen war, das Soll nicht erfüllen konnte. Niemand im Dorf konnte es. Die meisten gaben nur 23 bis 24 Prozent ab. Der Erfolg war nun daß bei uns und auch in den Nachbargemeinden eine systematische Druckaktion der russischen und deutschen Behörden einsetzte. Es sollte unbedingt 100 Prozent abgeliefert werden. Jeder, bei dem Korn gefunden wurde, ganz gleich ob es Futtergetreide oder Brotgetreide für die Selbstversorger war, wurde abgeholt und eingesperrt ...
Plötzlich hieß es: "Ja, wir müssen zur Deckung des Solls Ihre Möbel und Ihr Vieh beschlagnahmen." -- Wir waren sprachlos, denn das war eine ganze neue Methode. Mit wankenden Knien durch die Wohnung mit dem Polizeimann und dem Dolmetscher. Auch Süsses Babybett wurde aufgeschrieben. Ich sagte empört: Aber das können Sie doch nicht!" "Wir können", sagte der Dolmetscher kalt ...
Gegen Abend kam der Bürgermeister und sein Schreiber und riefen mich hinunter. Ich wunderte mich. Wir gingen ins Haus, der Bürgermeister fing an zu stottern, er müßte uns etwas Schreckliches sagen. Ich schrie ihn an: "Los, Mensch, sagen Sie schon!" Darauf zog er ein Schreiben hervor und las uns vor, daß wir auf Befehl des Kommandanten binnen 48 Stunden das Land Mecklenburg zu verlassen hätten. Mit Handgepäck. Wegen Sabotage ...
Absender: Ehefrau des Technischen Direktors einer Schuhfabrik in Radebeul.
Radebeul, den 17. 3. 1946
Am vergangenen Donnerstag kam eine Kommission, alle Maschinen stehenlassen, die Schuhfabrik wird demontiert. Der Schrecken fuhr allen in die Glieder. In fliegender Eile wurden die wertvollsten Maschinen, samt dem dazugehörigen Arbeiter, resp. Arbeiterin, fotografiert, alles mit Nummern versehen, und schon waren Lastautos mit Holz da, die die Umschalung für die Maschinen liefern sollen. Unsere Arbeiter müssen nun alles einölen, verpacken, usw. Und zwar in zwei Schichten, auch heute am Sonntag.
Jetzt kriegt so manch "Überzeugter" und manche Großschnauze genug und wird ganz klein ... Ganz Brandenburg ist in Aufregung, und es wird befürchtet, daß auch die Tuchfabriken noch rankommen.
Radebeul, den 31. 8. 1946
Ich war auf dem Lande und bin bepackt wie ein Esel wiedergekommen. Ein Zentner Kartoffeln war auch dabei. Dabei habe ich, vermutlich auf der "Eisebahne", schöne lebende Tierchen aufgefangen. Sitze eben mit einer Kopfpackung, um die Biester loszuwerden ... Seife, Seifenpulver und so weiter gibt es nicht, da ist halt überall Gelegenheit, so etwas aufzulesen. Und denn "Wählt SED" 1 Das liest man überall. An allen Wänden, Scheunen, Erdboden und so weiter. Auch folgendes:" Wir helfen den Umsiedlern", "Wir fordern Recht und Freiheit" usw. Es macht Spaß, das alles zu lesen ... Absender: vorübergehend Schütungsleiter für SED-Funktionäre, Jahrgang 1929.
Dresden, 15. 12. 1949
In jeder freien Minute arbeite ich jetzt. Unter dem Motto: "Wissen ist Macht" sind von der FDJ ein bronzenes, silbernes und goldenes Abzeichen für gutes Wissen gestiftet worden. Diese will ich sobald als möglich machen. Möglichst noch dieses Jahr das bronzene, im Januar das silberne, und Ende März will ich einige Tage nach Berlin fahren, um dort die Prüfungen für das goldene abzulegen. Kultur, Politik und Wissenschaft (staatswissenschaftliche Fragen) sind die Prüfungsfächer. Ich bin ständig auf der Suche nach den Büchern, die zu den Bedingungen zählen, und nach einschlägiger Lektüre zu den anderen Fragen. Es fehlt mir immer am nötigen Kleingeld. Sobald ich fest angestellt werde, wird das ja besser. Ich bekomme dann 300 Mark brutto im Monat. Nicht viel, aber es könnte ungefähr reichen.
Dresden, 23. 3. 1950
Du willst nicht immer nur politische Briefe. Verständlich! Aber Deine Briefe zwingen mich ja dazu. Du siehst in einem kommunistischen Funktionär einen Schreihals gegen den Imperialismus. Versuch mal die herrliche Aufgabe zu sehen. Nicht Schreien ist sie, sondern Aufbauen. Große sonnige Wohnungen, Schulen, Krankenhäuser.
Ein Funktionär muß gebildet sein. Nicht nur in seiner Theorie. Nein! Es wird zu meinem Studium gehören, mich mit guter Literatur, mit Theater, Kino, kurz, mit allem, was jetzt das Leben der Menschen ausfüllt und was es später ausfüllen soll und wird, zu beschäftigen. Das alles ist Politik. Kulturpolitik, Wirtschaftspolitik, egal welche, man muß sie zum Wohle der Menschen gebrauchen, und sie wird zur Freude, die begeistert. Verstehst Du mich nun ein bißchen?
Dresden, 31. 1. 1952
Es wird Dir später mal klarwerden, was die Partei für uns bedeutet und wieso sie uns immer Maßstab ist. Erklären kann ich das nicht. Die Partei ist eben für uns der Inbegriff alles dessen, was wir anstreben, die Verkörperung der Idee. Deshalb schmerzen uns faule Stellen im Fleisch der Partei genauso, als ob sie in unserem eigenen Fleisch säßen ...
Dresden, 6. 1. 1953
Du schreibst, daß Du in diesem Jahr eine Italienreise machen willst. Es ist ein Wahnsinn, daß man leichter eine Italienreise machen kann als eine Deutschlandreise. Wie leicht könnte ich sonst mal eine Wochenendpartie zu Dir machen. Man brauchte sich dazu nur den Montag freinehmen. Sonnabend mittag hier weg, dann wäre man spät am Abend da und am Montagabend im Schlafwagen zurück. Das könnte man schon mal alle acht Wochen machen. Hast Du nicht noch einen Großvater, den Du sterben lassen kannst? Das wäre eine recht günstige Sache. Aber möglichst nicht allzulange nach dem 16. Da gibt es Geld, und um den 1. rum ist gewöhnlich nicht mehr viel da.
Dresden, 2. 7. 1953
Wie wenig Du mit mir kämpfen kannst, zeigt sich schon darin, daß Du Dich bei einer westdeutschen Regierungsstelle um Arbeit bewirbst. Bei Leuten also, die den 17. Juni 1953 hier angezettelt haben; denn von dort kamen die Leute, die hier mit dem Fallschirm abgesetzt worden waren. ("Eigenartigerweise" hatte sich auch gerade an dem Tag, vorher nie, ein Auto mit amerikanischen Offizieren von Helmstedt nach Halle "verirrt", obwohl der Weg nach Berlin in der anderen Richtung lief und durch unzählige Schilder gekennzeichnet ist.) Wenn Du diesen Menschen in der gegebenen Situation in Deutschland Deine Arbeitskraft anbietest, zeigst Du nur, wie meilenweit du Dich von mir entfernt hast. Es fehlt nur noch, daß Du in die CDU eintrittst ...
Aber zu was noch endlos diskutieren ... ich hoffte, seit unserem letzten Beisammensein wäre von Dir der Weg beschritten, der allein für mich gangbar ist (oder besser, den ich nur gehen kann), aber das war eine Fehldisposition. Anbei die zurückgewünschten Bilder und Marken.
Absender: Landwirt, dessen Nachborn nach Westdeutschland geflüchtet sind.
Bellin, 20. 12. 1954
Zum lieben Weihnachtsfest senden wir Euch die herzlichsten Grüße. Hier in Bellin ist noch alles beim alten, im Gegenteil, es wird immer etwas schlechter, der Altbauern ihr Soll wird immer höher geschoben, und wer sein Korn und Zuckerrüben nicht abgeliefert hat, dem wird es vom Milchgeld abgezogen, damit der Bauer überhaupt kein Geld behält. Also habt kein Sehrien nach Bellin, Ihr lebt da ohne Sorgen und könnt abends ruhig ins Bett gehen ...
Absender: Allkommunist, der nach den Krieg Landrat wurde, an seinen nach Westdeutschland geflüchteten Sohn,
Ronneberg, 13. 1. 1964
In einem Erholungsheim erlebte ich den 13. August 1961 und lag mit einem Berliner im Zimmer zusammen, wie überhaupt eine ganze Reihe Berliner Freunde dort zur Kur weilten. Dort hättest Du die Freude über die Sicherungsmaßnahmen an unserer Staatsgrenze bei den Berlinern erleben sollen. Sie alle sagten, "es wird allerhöchste Zeit, daß wir nicht mehr um die Früchte unserer Arbeit betrogen werden, und das hätte schon lange geschehen müssen"
Unsere Regierung hat den Verlust durch die offene Staatsgrenze auf 32 Milliarden geschätzt und ein bekannter englischer Publizist auf 70 bis 80 Milliarden. Wie entzog sich denn so mancher Bürger unserer Republik seinen Verpflichtungen oder einer gerechten Strafe; doch nur über die offene Grenze, über West-Berlin. Kannst Du nun verstehen, warum die Mauer errichtet werden mußte?
Absender: Architektur-Studentin, überzeugtes SED-Mitglied.
Berlin, 11. 2. 1963
Das Buch, das Du mir schicken wolltest, wirst Du wahrscheinlich inzwischen schon wiederbekommen haben. Das hätte ich Dir vorher sagen können, daß Bücher nicht geschickt werden dürfen. Wer sollte sich auch die Arbeit machen, sie alle zu lesen und zu prüfen? Das wäre nun mal nötig, auch wenn Du das nicht einsiehst. ich würde Dir raten, Dich einmal bei Euch zu orientieren, ob Du alle Bücher bekommen kannst! Die Probe aufs Exempel lassen wir lieber sein, sonst ist Deine Karriere im Eimer ...
Berlin, 15. 4. 1963
Hast Du übrigens jetzt noch die Gelegenheit, das "Neue Deutschland" zu lesen? Am Donnerstag, 11. 4., stand ein sehr netter Artikel darin unter der Überschrift "Die Heilige Einfalt oder Jewtuschenkos Philosophie von der Ideologischen Koexisten"". Als ich den las, mußte ich an Dich denken. Einige Deiner Anschauungen wirst Du dort wiederfinden. Sicher hast Du von diesem Schriftsteller schon gehört, denn er hat sich ja in der Bundesrepublik sehr beliebt gemacht. Über einen sozialistischen Schriftsteller, der bürgerliche Zeitungen dazu bringt auszurufen: Das ist unser Mann! würde ich ungesehen negativ urteilen ...
Absender: Medizin-Student. der in Abendkursen das Abitur nachgeholt und vier Jahre bei der Volkspolizei gedient hatte.
Merseburg, den 25. 4. 1970
Unser Treffen war leider zu kurz, um mal wieder etwas ausgiebiger über die familiären und nichtfamiliären Angelegenheiten zu sprechen. Aber, liebe Christa, wir haben ja einen Trost: unsere beiden Willy(i)s hatten sich viel länger nicht gesehen und eben auch nur einen Tag getroffen. Und dabei hatten beide die Absicht, nicht nur etwas zu klönen und von alten Zeiten zu träumen, sondern beide hatten doch einen Koffer voll Probleme, Forderungen und Vorschläge in der Tasche, Und außerdem sind die beiden doch nicht Vertreter einer Familie, die sich im wesentlichen einig ist, sondern sie sind Vertreter von ziemlich verschiedenen Systemen.,.
Wenn Du mich fragst, was ich von Erfurt halte, so muß ich erst einmal a priori sagen, daß ich es immer wesentlich besser finde, wenn man ein offenes Wort findet, als wenn man die Faust in der Tasche trägt. Reden ist nach statistischen Angaben großer medizinischer Journale wesentlich ungefährlicher für die Gesundheit als schießen ...
Daß man Euren Willy über einen roten Teppich schreiten lassen hat, war große Klasse! Erstens merkte der da gar nicht, wie sehr er mit seinen menschlichen Erleichterungen auf dem Holzwege bei uns ist, und zweitens war es eine nette Geste, um Eurem großen Meister erst einmal zu zeigen, daß man ihn als Gast der Republik ganz schön respektiert, ohne ihn gleich an die Schulden zu erinnern, die Ihr ja bei uns noch habt ... Absender: Ingenieur-Student, der auf der Leipziger Messe einen westdeutschen Kaufmann kennenlernte und fortan mit ihm korrespondierte.
Pößneck, 18. 12. 1961
Ich glaube, der Einfluß des westlichen Wirtschaftssystems ist hier doch viel größer, als Sie annehmen. Durch Funk, Fernsehen, Briefwechsel und Gespräche kommt sehr viel unerwünschte Information ins Land. Das wird sich auch in Zukunft kaum unterdrücken lassen. Auf diesem Wege hört man allerdings vorwiegend von Vorteilen des westlichen Systems, es bekommt einen eigenartigen Reiz. Für die Kehrseite ist man hier allgemein gar nicht so sehr empfänglich. Die angestrengten Bemühungen in dieser Richtung bewirken eher das Gegenteil.
Wilhelm-Pieck-Stadt Guben, 27. 5. 1968
Für uns sind im Augenblick natürlich die Ereignisse in der CSSR ganz besonders interessant. Dort scheint genau das realisiert zu werden, was sich bei uns, ich eingeschlossen, viele schon lange wünschen. Zumindest ist es wohl das beste Modell für eine sozialistische Gesellschaftsordnung, das bisher vorgeschlagen wurde ...
In letzter Zeit erscheinen nur unwesentliche Meldungen über das Geschehen in unserem Nachbarland. Ich muß gestehen, ich habe keinen stichhaltigen Grund dafür, denn man kann schließlich nicht annehmen, daß es in der DDR in erster Linie um Machtprobleme und erst in zweiter Linie um Sozialismus geht. Ich bin jedenfalls davon überzeugt, daß mit diesem Verhalten sehr viel Schaden angerichtet wird.
Absender: Besitzer einer Drogerie, der als CDU-Mitglied dem Gemeinderat von Einsiedet, seinem Wohnsiiz nahe Karl-Marx-Stadt (Chemnitz), angehörte.
Karl-Marx-Stadt, 30. April 1961
Das seit langem in der DDR schwebende Arbeitskräfteproblem wird eben ganz plötzlich katastrophal. In Leipzig sah ich an fast jedem Ladenschild "Verkäuferin gesucht. In unserem Gewerkschaftshaus hängen Schilder: "Nachtwächter und Reinemachfrauen gesucht". Wenn die schon keine kriegen! In allen Geschäften auch bei wenig Betrieb Warten, geduldiges Warten der Kundschaft ... Karl-Marx-Stadt, 21/228. 1961 im Radio die sechste Nacht Wunschkonzert mit humoristischen Einlagen für die Genossen auf Friedenswacht (an der Berliner Mauer) ...
Es ist schon wirklich eine turbulente Zeit. Die Erbitterung gegen den Westen ist überall groß. Wahlkampf, die täglich neuen Mailnahmen unserer Regierung zur aktuellen Lage, die Warendecke ist nicht größer geworden, trotz der Absperrung von Berlin stehen noch nicht mehr Arbeitskräfte zur Verfügung, das Einkaufen ist für die Hausfrauen nicht gerade einfach. Manchmal kommt es mir vor, als wäre alles schon einmal dagewesen. Marschmusik.
Breite Verpflichtungsbewegung: Die Betriebe helfen der Bevölkerung kostenlos, die "Hakenkreuzfahnen"* von den Dächern zu entfernen. War doch wieder einmal richtig, keinen Fernseher zu haben. Im Radio die Marlene mit "Vor der Kaserne". Mutti weint. Als wäre alles schon einmal dagewesen --
Eine erstaunliche Begleiterscheinung der letzten Tage ist die, daß viele aufatmen, daß jetzt eine klare Entscheidung gefallen ist. Keiner kann nun noch schwanken, ob er geht oder bleibt, alles ist klarer und einfacher geworden ...
Westdeutsche am 13. August, im Lehnstuhl, vorm Fernseher, beim Betrachten des Baues der Mauer: Das könnte einen neuen Feiertag geben ...
Karl-Marx-Stadt, 23. 1. 1962
Seit neun Uhr- im Radio ohne Unterbrechung: Lieschen Müller und alle wahren Patrioten fordern die sofortige Einführung der Wehrpflicht. Da kann ja die Volkskammer gar nicht anders. Gleichzeitig wird der Zoll wieder innerhalb der deutschen Staaten kommen, Rückschritt um reichlich hundert Jahre ... List, der Vorkämpfer des gesamtdeutschen Eisenbahnnetzes, nahm sich schon 1846 das Leben, Prost.
Karl-Marx-Stadt, 11.8. 1962
Sonntagvormittag, die Geschäftsbücher rufen ungehört in der Ecke. Am Sandhaufen unterm Birnbaum spielen die Kinder "Mauer". Der Sohn vom Parteisekretär P., der im Sinne Wilhelm Piecks erzogen wird, sperrt, die
Die zum Westen gerichteten Fernseh-Antennen.
kleinen Mädchen huschen trotzdem durch. Ich denke an die Zeit, wo Ihr betrunkene Soldaten spieltet und Friedenskämpfer mit Sauerampfer-Zigaretten vergiften wolltet.
Karl-Marx-Stadt, 8. 9. 1963
Der zweite Sonntag im September ist der Tag der Opfer des Faschismus. Die alte Garde sammelt sich ... Seit 18 Jahren sind es die gleichen Gesichter, es werden kaum mehr, es werden weniger. Der Tod hat schon manchen geholt, andere, die noch vor Jahren mit viel Schwung eine neue Welt aufbauen wollten, schleichen müde gebeugt am Stock. Aber alle sind sauber und ordentlich gekleidet mit Schlips und weißem Kragen, sie sprechen von ihrer letzten Reise nach Moskau oder zum Schwarzen Meer und denken kaum noch an die Zeiten, als sie hier standen in alten Militärjacken und verblichenem Zivil.
Karl-Marx-Stadt, 31. Dezember 1963
Die letzten Tage waren fast dramatisch. Bekanntlich zahlen wir bei einem Umsatz von über einer Million eine Umsatzsteuer von 3,5 Prozent, liegt er darunter, nur 3 Prozent. Im Jahre 1962 betrug der Umsatz 1 036 709 DM. Es war fast aussichtslos, das wieder zu erreichen. Trotzdem strebte der Kaufmann in mir mit aller Macht danach, der "Staatsbürger" aber liebäugelte mit dem Gedanken, 5000 Mark Steuern einzusparen ...
Karl-Marx-Stadt, 15. 3. 1964
Umsatz 1963 erklärt mit 1 000 492 Mark. Die Ehre ist gerettet, 3/4 Prozent Umsatzsteuer perdu. Nach Abzug aller Unkosten, z. B. Umsatzsteuer 37 500 Mark, Gewerbesteuer 14 500, Löhnen und allem anderen, verbleibt ein Reingewinn von DM 68 500, von dem nochmals DM 41 000 Einkommensteuer abgeht.
Karl-Marx-Stadt, 30. 5. 1964
Wenn unser Staat noch etwas geschickter wäre und seinen Bürgern etwas mehr zutraute, vor allem der geistigen Oberschicht, die sich heute ja quer durch alle früheren Klassen erstreckt, die Möglichkeit gäbe, nur das zu lesen, was sie will, Ihr würdet Euch wundern, wie wenige dann noch aus Überzeugung eine Veränderung der Verhältnisse wünschten ...
Die Generaldirektoren, die heute riesige VEB durch wirtschaftliche Schwierigkeiten steuern und auch noch für Absatz sorgen sollen in Ländern, wo es mit dem kapitalkräftigeren Ausland zu konkurrieren gilt, glaubst Du, das sind Doktrinäre oder Schwachköpfe? ...
Karl-Marx-Stadt, 26. 6. 1966
Da laufen noch so ein paar alte Damen in der Stadt herum mit einst klangvollen stadtbekannten Namen. Wie verstörte Hühner trippeln sie durch eine Umgebung, deren Veränderung sie 20 Jahre äußerlich wahrgenommen, innerlich aber nicht miterlebt haben. Ihr Kummer ist nicht das verlorene Vermögen, im Alter wird man bescheiden, doch ihr verlorener Name, den niemand mehr achtet ...
Wenn dann einer, um den alles hastet, sich die Zeit nimmt und ihnen ihre essigsaure Tonerde mit Gnädige Frau überreicht und Nelkenöl gegen diese lästigen Mücken empfiehlt und fragt, was denn aus den Fräulein Töchtern geworden sei und gar die Namen ihrer Eltern kennt und an ihr einst so schönes Haus erinnert und wieviel da früher hingeliefert werden durfte, ja, da leben sie wieder richtig auf ...
Karl-Marx-Stadt, 7. 10. 1969
Es ist eine hektische Zeit. Es scheint, ein jeder lebe über seine Verhältnisse, jeder Bürger, jedes Unternehmen, jeder Staat, soweit wir das überschauen können. Immer größer, immer weiter, immer mehr.
Gerade jetzt, in den Tagen der Hochpropaganda während der nationalen Feiertage, kommt man zum Zweifel, ob dieses Tempo noch gesteigert oder auch nur gehalten werden kann. Einmal müßte doch eine Erschlaffung der übermäßig beanspruchten Kräfte eintreten. Aber die gleichen Menschen, die den Staat spöttisch kritisieren, setzen ihre Ehre darein, noch mehr zu seinem und natürlich auch zu ihrem Nutzen zu arbeiten. Die gleichen Menschen, die kritisieren, dulden kaum noch Kritik von außen und werden dann sofort "stolz auf das Erreichte" ...
Wir sind arriviert. Die neuen DDR-Zigaretten in völlig westlicher Aufmachung und Qualität. Viel Wein und Weinbrand. Die anscheinend unversiegbare Cinzano-Quelle. Zeiss-Ferngläser. Neue Filmsorten, neue Waschmittel
Für mich sehr interessant, die neue Gesellschaft. Der Kommandierende deutsche General natürlich gold- und ordenglitzernd, die Zivilisten im schwarzen Anzug, jedoch kaum noch mit Orden, viele sogar ohne Parteiabzeichen ...
Absender: Student, dessen Eltern und Geschwister in der Bundesrepublik leben.
Eisenach, November 1969 Mit der SPD-Regierung bei Euch hat sich tatsächlich einiges verändert, aber meines Erachtens nur das, was den unmittelbaren äußeren Rahmen anbelangt. Die Diskussionen im Bundestag sind härter geworden, die CSU mit Strauß an der Spitze nimmt kein Blatt mehr vor den Mund, es sieht alles so schön geschäftig und kämpferisch aus, aber im wesentlichen hat sich gar nichts geändert...
Die SPD spielt va banque, und wenn sie Pech hat, setzt sie sich mit der Ostpolitik selbst schachmatt. Aber da mischen wir, die DDR, so ziemlich entscheidend mit.
Gewinnt die SPD, so kann es etwas bessere Beziehungen zwischen beiden Staaten geben und die SPD bleibt höchstwahrscheinlich am Regierungsruder. Verliert die SPD dassen wir sie verlieren), dann gewinnt die CDU, kommt an die Regierung (weil sich die SPD unmöglich gemacht hat und unfähig ist), und so haben wir einen Grund, alles schön verhärten zu lassen, weil die CDU eine konservative Haltung gegenüber der Anerkennung hat. Alles Taktik ...
Absender: Oberschülerin. die mit mehreren Brief-Partnern in der Bundesrepublik korrespondiert.
Magdeburg, den 15. 2. 1969
Heute kam Dein Brief an. Vielen Dank, ich habe mich sehr darüber gefreut. Darf ich mich zuerst einmal vorstellen? Ich bin 16 Jahre, werde am 3. März 17. Ich habe lange blonde Haare und graugrüne Augen. Tiere habe ich auch sehr gerne. Ich habe einen Goldhamster "Mäxchen" und eine Schildkröte, die zur Zeit Winterschlaf hält.
Du fragst nach meinem Lieblingsstar. An erster Stelle steht der Franzose Michel Polnareff. Kennst Du ihn? Er singt: "Love me, please, love me" und "La poupée qui fait non. Ansonsten finde ich die Beatles und Barry Ryan gut.
Meine Wände in meinem Zimmer sind mit Bildern aus "Brav o" bestückt. Die meisten habe ich von meiner Freundin aus Pinneberg bei Hamburg ... Hörst Du manchmal den Soldatensender? Oder Luxemburg? Diese beiden werden von mir bevorzugt. Siehst Du Beat-Club?
Magdeburg, 2. 4. 1969
Zur Zeit lese ich gerade an zwei Jerry-Cotton-Romanen. Sie sind sehr spannend geschrieben, aber sehr übermenschliche Darstellung der "Gun-men"... Man muß sehr vorsichtig sein, wenn man solche Schmöker mit in die Schule zum Austauschen nimmt. Es kann passieren, daß man gleich von der Schule fliegt, wenn's schlimm kommt. Aber in diesen Dingen hat man sich hier sehr komisch. Trotzdem werden Bravos, Illustrierte und Schmöker wie Jahrmarktwaren (jedenfalls in meiner Klasse) gehandelt ...
Vorige Woche war ich sage und schreibe dreimal im Kino -- zweimal in dem englischen Film "Privileg" mit Paul Jones und Jean Shrimpton. Es war toll, mit viel Beat und interessanter Handlung. Sonst gehe ich nicht so oft ins Kino, aber jetzt laufen ganz gute Filme. Ich glaube, die Verantwortlichen sind dahintergekommen, daß sie mit Russen- und DEFA-Filmen (DDR) die Kassen nicht voll kriegen. Diese Filme handeln meist vom Krieg und Spionage des "bösen Westens".
Apropos "böser Westen" -- unser Staatsbürgerkundelehrer hat uns heute beigebracht, unseren Verwandten im Westen unsere Erkenntnisse über die Kriegsgefahr im Westen zu vermitteln. Lore und ich, wir haben uns halb totgelacht. Wenn ich mir vorstelle, daß ich meinen Verwandten so komme, muß ich einfach lachen. Die würden an mir zweifeln (an meinem Verstand)...
Vorige Woche sollte unsere Klasse zu einem Treffen mit Komsomolzen gehen. Ich bin aber nicht mitgegangen. Die Russen stinken unwahrscheinlich nach einem aufdringlichen Parfüm. Einer wie der andere ...
Magdeburg, 10. 4. 1970
Daß manche Jugendliche Ulbricht als Vorbild genannt haben, kann ich mir nicht vorstellen. Er ist nicht beliebt unter der Jugend. Wenn er z. B. im Kino im "Augenzeugen" (ähnlich der Wochenschau) gezeigt wird, lacht das ganze Kino, und es werden Bemerkungen gemacht, die nicht gerade Ulbricht-freundlich zu nennen sind ...
Nochmals zu den "Mitmachern". Das sind wohl die meisten hier. Das unbedingt Notwendige wird getan. Eigeninitiative ist nicht vorhanden. Die meisten sind nicht direkt für den Westen. Es stellt nur einen besonderen Reiz dar, etwas "Unerreichbares", "Tolles", wo die Jugendlichen leben können, wie es ihnen paßt, die ganz andere Möglichkeiten in bezug auf Freizeitgestaltung, Kleidung usw. haben. Die meisten wollen mal auf Besuch rüber, ohne für immer dort zu bleiben. Denn eine gesicherte Existenz (Arbeitsplatz, Bildung) hat man in der DDR. Fanatisieren kann man die Jugend für den Sozialismus nie. Jedenfalls die meisten nicht.
Zu den Ost-West-Gesprächen habe ich nicht mehr geschrieben, weil ich finde, daß das doch nur Formalitäten waren.
Magdeburg, 30. 4. 1970
Morgen müssen wir zu der üblichen Mai-Demonstration. Dazu haben wir
* Anspielung auf die Wiedergutmachungsaffäre um den früheren Bundestagspräsidenten, die zu dessen Rücktritt führte. Gerstenmaier hatte "als verfolgter des NS-Regimes" 281 107 Mark erhalten.
ein rotes Tüchlein bekommen. Wenn wir an der Tribüne vorbeikommen, werden alle damit winken. Das muß ein sehr teurer Stoff sein, denn insgesamt hat er die Schule 600 Mark gekostet. Nur damit jeder winken kann. Absender Lehrer an einer zehnklassigen Schule auf dem Lande.
Zeulenroda, den 22. 2. 1969 Was Eure Studenten angeht, jedenfalls die randalierenden, so gäbe ich sonst was dafür, mich einmal mit solch einem zu unterhalten. Mir ist nämlich auch beim besten Willen nicht ganz klar, was sie eigentlich wollen ...
Der Begeisterungssturm für Mao ist doch meiner Meinung nach sehr bezeichnend. Auch für die Persönlichkeitsstruktur solcher Narren. Was steilen die sich eigentlich unter Mao und seinem Regiment vor? Sollen sie es sich doch mal ansehen. Ich habe in solche Mao-Bibel auch mal gelesen, obgleich sie hier verboten ist. Ich habe sie zwar nur oberflächlich gel sen, aber was da drinnen steht, könnte hier in jeder Zeitung stehen, ohne daß einer beanstanden würde. Mit Sozialismus hat das überhaupt nichts zu tun
Die Sache mit Eurem Gerstenmaler ist in der Tat böse. Siehst Du. nun muß ich meine Kritik am System ansetzen. Wie kann sich ein solcher Mann so lange halten! Doch nur unter Gleichgesinnten, aber wenigstens unter solchen, die so wenig Format haben, daß sie das nicht kritisieren*.
Zeulenroda, 25. 10. 1969
Ich glaube, mit dem Wahlergebnis bei Euch kann man in jeder Hinsicht mitreden sein. Die CDU schien ja im ersten Moment etwas die Fassung verloren zu haben. Verlieren können diese Burschen offensichtlich nicht. Die neue Regierung, die ich in ihrer Zusammensetzung aus unserer Leitung kennengelernt habe, verspricht sicherlich einigen frischen Wind. Willy Brandt ist mir außerordentlich sympathisch ...
Daß die NPD nicht zum Zuge gekommen ist, paßt offensichtlich nicht in das Propagandakonzept mancher Leute. Man merkt es ganz deutlich Sie müssen erst wieder neue Richtlinien herausbringen. Das hätte ganz prima hingehauen: CDU an der Macht, NPD im Bundestag. Da hätte man nur noch auf den Knopf zu drücken brauchen, und das Trommelfeuer hätte wieder eingesetzt ... Manche Leute tun mir leid! Das Feindbild ist völlig verwischt!
Zeulenroda, 10. 3. 1970
Ich glaube, Du wolltest wissen, wie man zur DDR als Staat stehen soll ... Nicht alles trifft zu, vor allem, was man vom Engagement der Jugend sagt. Man verwechselt oft Arrangement mit Engagement. Auch bei uns gibt es ein Establishment. Aber zurück zur Sache. Ich glaube, man kommt nicht umhin, die DDR als Tatsache ohne Vorbehalte zu akzeptieren. Das Ignorieren durch die bisherigen CDU-Regierungen hat zu überhaupt nichts geführt!

DER SPIEGEL 9/1971
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