22.02.1971

GESUNDHEIT / MOSLEMSFeiner Sand

Hamburgs Gesundheitsbehörde verkündete scheinbar Selbstverständliches: "Das Becken der Toilette in Deutschland ist zum Daraufsitzen gemacht. Man setzt sich auf die "Brille' und stellt sich nicht in die Hocke darauf!"
"Wenn kein Pissoir vorhanden ist", so lehrt die Behörde weiter, "klappen Männer, die nur Wasser lassen müssen, die "Brille' hoch, damit sie sauber bleibt zum "Daraufsitzen'."
"Nach der Entleerung des Darmes", so die Anleitung unerbittlich, "putzt man den After sorgfältig mit zwei Papierblättern übereinander von der Rolle an der Wand so lange, bis der After ganz sauber ist. Dazu gebraucht man die linke Hand und so viel Papier wie nötig ist."
Die Toiletten-Tips, die demnächst in der türkischen Gastarbeiter-Zeitung "Tercüman" (Auflage: 13 000) veröffentlicht und auf Merkblättern verteilt werden sollen, erscheinen Hamburgs Hygienikern unerläßlich, seit sich Moslems in Massen als Gastarbeiter in der Hansestadt verdingen: Türken, die aus der Provinz kommen, legen offensichtlich den Koran auf dem Klosett falsch aus. In dieser heiligen Schrift ist zwar nicht von Papier die Rede (Sure 5, Vers 7: "Wenn einer von euch vom Abtritt kommt ... und ihr findet kein Wasser, so nehmt feinen Sand"), doch wird von den Gläubigen ausdrücklich "Sauberkeit und Reinlichkeit" verlangt.
Zu der Erkenntnis, daß dieser Grundsatz häufig verletzt wird, verhalfen dem Hamburger Professor Stefan Winkle vom Hygienischen Institut der Freien und Hansestadt im Herbst vergangenen Jahres Besuche in zwei Unterkünften für Gastarbeiter. Dort erfuhr der Bakteriologe in Gesprächen mit Türken, daß sie sich "durch die Bank mit der Hand auf der Toilette reinigen" (Winkle).
Neben den Klosettbecken fand Winkle statt Papier meist leere Konservenbüchsen und Flaschen, die er als "Abfüllgefäße für das zur rituellen Waschung benötigte Wasser" identifizierte. "Die primitiven Unterkünfte der Gastarbeiter mit ihrem niedrigen Bildungsniveau und Hygiene-Standard", so schrieb der Professor in einem internen Bericht für die Gesundheitshehörde, "bilden in unserer Mitte Enklaven der Unkultur, in denen sich eingeschleppte Darminfektionen schnell ausbreiten könnten." Denn: "Die Hand des Orientalen ist ... im hygienischen Sinne immer verschmutzt."
Den Rat des Bakteriologen, "Personengruppen aus unterentwickelten Ländern mit höchst unhygienischen Lebensgewohnheiten und Sitten" nicht mehr in Lebensmittelbetrieben einzusetzen, gab die Hamburger Gesundheitsbehörde prompt weiter.
Weniger prompt reagierte die Branche, die (wie etwa in München) in Molkereien und Mühlen oder (wie in Hamburg) in Fischbetrieben und Spirituosenfirmen oder (wie in Frankfurt) in Fleischwarenfabriken gern Türken als billige Arbeitskräfte einsetzt. "Da hat sich bis heute", so konstatierte Professor Fühner vom Seuchendezernat der hanseatischen Gesundheitsbehörde zwei Monate später, "noch überhaupt nichts gerührt."
Ungerührt ließ die Empfehlung beispielsweise hanseatische Fischindustriebetriebe, die auf Gastarbeiter angewiesen sind und in denen bis zu 80 Türkinnen Heringe filettieren und Rollmöpse drehen. Geschäftsführer Folkert Marr vom Bundesverband der deutschen Fischindustrie ("Wir sind genau in Hygiene-Sachen") konnte sich über die Empfehlung der Gesundheitsbehörde "nur belustigen". Und Geschäftsführer Fritz Tönnies von der Fischmarkt Hamburg-Altona GmbH ist entschlossen, Moslems als Arbeitskräfte zu behalten, "bis es verboten wird".
Dazu wird es freilich kaum kommen, denn die rechtlichen Möglichkeiten sind: "sehr beschränkt" (Fühner). Das Bundes-Seuchengesetz verbietet zwar, daß beispielsweise Gelbsuchtkranke in Lebensmittelbetrieben arbeiten, und nach ständiger Rechtsprechung dürfen Lebensmittel nicht "ekelerregend" hergestellt werden, doch weiß Regierungsdirektor Wolfgang Madlung vom Rechtsdezernat der Hamburger Gesundheitsbehörde aus Erfahrung: "Der Nachweis ist sehr schwer zu führen. Da muß schon die Katze in die Milch gefallen sein, aber diesen klassischen Fall gibt es nur selten."
So verbleibt den Gesundheitsbehörden, um bei der Wirtschaft überhaupt etwas ausrichten zu können, nur ein wirkungsvolles Mittel: Anweisung an die Ordnungsämter, "die schwarzen Schafe häufiger zu überprüfen" (Madlung).
Eher schon als behördliche Bedenken könnte landläufiges Vorurteil, das "Bild" in der vorletzten Woche auf seine Weise anheizte, die Söhne und Töchter Allahs aus den Lebensmittelbetrieben vertreiben.
Mit der Schlagzeile "Moslem-Gesetze an der Gelbsucht-Welle schuld?" deutete das Blatt so recht zum Nachfühlen Zusammenhänge zwischen dem Koran und Gelbsucht-Fällen an, die sich im November vergangenen Jahres in der Hansestadt gehäuft und etliche Schulen gezwungen hatten, den Unterricht ausfallen zu lassen. Und "Bild" machte auch bereits die Erreger der Epidemie aus: türkische Softeis-Verkäufer im Alstertal.
Der Leiter des zuständigen Wirtschafts- und Ordnungsamts" Valentin Schiedek, fand hingegen "keine Anhaltspunkte" dafür, daß ein Softeisstand die Ursache gewesen sein könnte. Und Seuchenspezialist Fühner bestätigt: "Kein direkter Zusammenhang zwischen Gelbsucht und Moslems, es muß wohl ein Lebensmittel gewesen sein."
Genauer läßt sich der Infektionsherd nicht orten, da der in Hamburg isolierte Gelbsucht-Virus nicht bekannt ist. Bislang erkundeten die hanseatischen Mediziner nur, daß die Hepatitis infectiosa durch "Ausscheidungen des Körpers" (Fühner) übertragen wird.
Um Gelbsucht- und Typhus-Epidemien vorzubeugen, die auch durch die Klosett-Sitten einiger Moslems ausgelöst werden könnten, möchte die Hamburger Gesundheitsbehörde nun die Türken über mitteleuropäische Toiletten-Hygiene aufklären. Den Erfolg dieser Aktion beurteilt der hanseatische Bakteriologe Winkle allerdings skeptisch: "Alteingewurzelte Gewohnheiten kann man nicht einfach aus dem Fenster werfen, man muß sie Stufe für Stufe die Treppe hinunterlocken."

DER SPIEGEL 9/1971
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