22.02.1971

BÖRSE / HAUSSEStrecke mit Steigung

Der Pensionär verbreitete Optimismus. "Der Zug am Aktienmarkt", so orakelte Karl Blessing, ehemals Bundesbankpräsident, "ist schon abgefahren."
Wenige Tage nach Biessings Spruch fuhren die Kurse schneller als jemals im vergangenen Jahr. Binnen einer Börsenstunde stiegen am Montag letzter Woche Siemens- und Daimler-Aktien um 15 Mark. Die Papiere der drei Großbanken kletterten um bis zu elf Mark, und selbst Chemiewerte gingen mit ins Börsen-Hoch, obwohl die Chefs der Konzerne seit Monaten über schlechte Geschäfte klagen. So stieg etwa der Hoechst-Kurs von 184,50 auf 193,50 Mark. BASF gewann 6,5 und Bayer 7,2 Punkte.
Die plötzliche Hausse, so haben Frankfurter und Düsseldorfer Börsianer beobachtet, haben die deutschen Spekulanten den Ausländern zu verdanken. Vor allem Schweizer, Holländer und Belgier kauften in den vergangenen Wochen immer mehr deutsche Papiere. Kommentiert Bernhard Müller, Mitinhaber des Düsseldorf er Privatbankhauses Trinkaus: "Ein Vertrauensbeweis des Auslands in die westdeutsche Regierung." Die Ausländer, so ein Frankfurter Bankier, "haben Stimmung gemacht, und dann sind die anderen draufgehüpft".
Den Sinneswandel der westdeutschen Spekulanten hat in Wahrheit US-Präsident Nixon verursacht. Weil die amerikanischen Zentralbanken die Zinsen senkten, fließen Woche für Woche Millionenbeträge aus den USA auf europäische Konten. Der Dollarstrom drückte in Westdeutschland die Geldmarkt-Zinsen derart, daß es vielen Spekulanten lukrativer erschien, ihr Kapital in Wertpapieren anzulegen. Anfang letzter Woche wurden für Tagesgelder in Frankfurt, Hamburg und Düsseldorf nur noch 5 3/4 Prozent gezahlt.
Deutsche Aktien tragen nicht viel weniger Rendite. Glanzstoff-Papiere etwa bringen dank der hohen Dividende und der immer noch relativ niedrigen Kurse 4,5 Prozent Zins. Die Großbanken liegen nur wenig darunter. Einzelne Werte wie die BASF-Aktien werfen sieben Prozent, die Klöckner-Effekten sogar 7,5 Prozent Rendite ab.
Das Geld von jenseits des Atlantik werde, so hofften westdeutsche Banker und Börsianer, den Geldmarktzins noch weiter nach unten pressen und dadurch die Aktienanlage noch attraktiver machen. "Die Börse", das weiß der Hauptgeschäftsführer des Düsseldorfer Wertpapiermarktes Otto Lersch, "rechnet mit einer weiteren Zinssenkung."
Die Deutsche Bundesbank jedoch versuchte, das Stimmungshoch abzukühlen: "Vorerst besteht kein Anlaß", so schrieben die Währungshüter am letzten Mittwoch, "einen etwaigen weiteren Zinsrückgang im Ausland ungehemmt auf das Inland übergreifen zu lassen." Die Warnung aus Frankfurt wirkte prompt. Schon am Mittwochmittag begannen die Kurse ein wenig abzubröckeln.
Bis zum Freitag schließlich hatten die meisten Papiere wieder einen Teil ihrer Gewinne vom Wochenanfang verloren. AEG beispielsweise notierte nur noch mit 196,50 Mark -- vier Tage zuvor stand das Papier noch auf 202,50 Mark. VW verlor von den zehn gewonnenen Punkten wieder 2,5, Karstadt büßte fast die Hälfte des Gewinns ein.
Insgesamt freilich blieb den Aktienbesitzern eine beträchtliche Wertsteigerung ihres Besitzes. Am vergangenen Wochenende waren beispielsweise die Aktionäre des Chemiekonzerns Hoechst und die Anteilseigner von Siemens um rund acht Prozent reicher als zehn Tage zuvor.
"Schwache Börsentage", so ermunterte deshalb die Dresdner Bank ihre Kunden, sind derzeit "Kauftage". Und die Bayerische Gemeindebank empfiehlt: "Bei deutschen Aktien sollte man am Ball bleiben." Denn darin sind sich die Börsenspezis einig: "Der Zug ist in die Strecke mit der langen Steigung eingemündet" (Dresdner Bank). Den Grund für diesen Optimismus glaubt die Deutsche Bank zu wissen: "Die jetzt nicht erfüllten Hoffnungen auf kreditpolitische Erleichterungen", so das Institut, würden "kaum endgültig zu Grabe getragen".
Ein Frankfurter Banker hat noch etwas anderes herausgefunden: "Die Börse beweist, die Konjunktur ist gar nicht so mies, wie behauptet wird."

DER SPIEGEL 9/1971
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Strecke mit Steigung