22.02.1971

MINERALÖL / BENZINPREISEBald noch höher

In Teheran verteilte der Schah einen Orden, und in Deutschland wurde das Tanken teurer: In der vergangenen Woche erhöhten sämtliche Mineralöl-Konzerne der Bundesrepublik die Benzinpreise um durchschnittlich eineinhalb Pfennig pro Liter.
Nach monatelangen Verhandlungen hatten es die sechs Erdöl-Staaten am Persischen Golf geschafft, den westlichen Mineralölgesellschaften neue Förder-Konditionen abzufeilschen. Für ein Barrel Rohöl (158,8 Liter) sollen die Konzerne anstelle von durchschnittlich 95 Cent nun etwa 1,35 Dollar bezahlen und in den nächsten Jahren noch etwas mehr (siehe Seite 91).
Nach Unterzeichnung des neuen Abkommens am vorletzten Sonntag dekorierte Schah Reza Pahlewi seinen Finanzminister Amuzegar für dessen erfolgreiches Verhandlungspoker. In Westdeutschland schoben die Unternehmen die Preisaufschläge sofort an ihre Kunden weiter.
Der ADAC nannte die Erhöhungen "Preistreiberei". Minister Karl Schiller warnte die Konzerne: "Eine Preispolitik, die voll zu Lasten des Konsumenten geht, muß eines Tages Rückwirkungen auf die deutsche Energiepolitik haben."
Tatsächlich rechtfertigten sich die zumeist ausländischen -- Ölgesellschaften mit unterschiedlichen Argumenten: Die Deutsche Shell AG, erster im Chor der Preiserneuerer, wollte überhaupt nichts vom Teheraner Ergebnis wissen, sondern machte allgemein die Kostensteigerungen der vergangenen Monate geltend. Da im letzten Jahr die Transarabische Pipeline zerstört worden sei und Libyen eine Förder-Beschränkung dekretiert habe, seien die Frachtkosten des Unternehmens für den Schiffstransport um das Kap der Guten Hoffnung besonders hoch gestiegen.
Die "Benzin und Petroleum AG" (BP) dagegen begründet die Teuerung allein mit dem neuen persischen Förder-Abkommen. Konzern-Sprecher Jochen Stachow: "Unsere Preiserhöhungen haben direkt etwas mit Teheran zu tun."
Die Esso AG und Aral AG wiederum argumentieren zweigleisig: Die Tankschiffahrt sei teurer geworden, die Löhne seien gestiegen, aber -- so Aral-Sprecher Altinus Schaart -- "nach den Verhandlungsergehnissen mit den Ölländern in diesem Jahr ist sogar eine Erhöhung von 3,5 Pfennig durchaus gerechtfertigt".
Allein nach dem Teheraner Abkommen freilich würde die Mehrbelastung der Konzerne pro Liter Rohöl aus dem Persischen Golf lediglich rund einen Pfennig betragen. Da die Unternehmen aber nur 36 Prozent ihres Bedarfs· aus dieser Region beziehen, dürfte der persische Vertrag zur Zeit noch nicht einmal mit einem halben Pfennig auf die Preise durchschlagen. Die Ölländer Libyen, Nigeria und Algerien beispielsweise lieferten im vergangenen Jahr 51,5 Prozent aller Mineralölimporte. Sie haben bislang die Preise nicht erhöht.
Aus den 105 Millionen Tonnen Rohöl, die 1970 in die Bundesrepublik Importiert wurden, gewannen die Raffinerien rund 15 Millionen Tonnen Benzin. Der Rest kam vor allem als Heizöl auf den Markt.
Da in der sogenannten Kuppel-Produktion der Raffinerien im gleichen Fabrikationsvorgang verschiedene Endprodukte entstehen, können die Mineralöl-Gesellschaften sowohl bei Heizöl-Verteuerungen (im vergangenen Jahr 40 Prozent) als auch bei Benzin-Preiserhöhungen stets die gleichen Kostenargumente vorbringen.
Angesichts der undurchsichtigen Kalkulation nimmt es nicht wunder, daß die Großunternehmen ihre zusätzlichen Kosten zur Zeit unterschiedlich hoch beziffern: BP bewertete sie auf zwölf bis 13 Mark je Tonne Rohöl. Aral nannte eine Summe von 10,20 Mark. Esso verwies sogar auf die internationale Verflechtung des· Konzerns: "Es kommt darauf an", so Esso-Sprecher Martin Dürbaum, "was unsere Muttergesellschaft in New York uns in Rechnung stellt,"
Da die Verhandlungen über neue Förderpreise in Libyen und Algerien noch anstehen und die Nordafrikaner zu verstehen gaben, daß sie den Teheraner Vertrag für sich als unzureichend empfinden, versuchen die Mineralölgesellschaften, ihre Kunden sogar auf eine zweite Preiswelle in den nächsten Wochen vorzubereiten. Götz Weich, Mineralöl-Experte des ADAC: "Nach allem, was man mir angedeutet hat, wird das in Kürze bestimmt noch einmal teurer."

DER SPIEGEL 9/1971
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