22.02.1971

SCHRIFTSTELLER / WAHLENSaure Wortmeter

Nicht ganz so zärtlich wie Suleyken ist Siegfried Lenz, wenn er in jenem Land zwischen Niebüll und Pinneberg, "für das Nolde immer noch die Farben mischt und Theodor Storm die Nebelbänke verschiebt", von Montag an politische Deutschstunden gibt.
Erfolgs-Autor Lenz, dessen Bestseller von schleswig-holsteinischem Untertanengeist zur Hitler-Zeit handelt, ist ausgezogen, die CDU im Landtagswahlkampf zu malträtieren. Als "Pinscher", "politisch besorgter Bürger", Avantgardist der sozialdemokratischen "Wähler-Initiative Nord" und Freund des Kieler SPD-Chefs Jochen Steffen rät er schriftlich und mündlich, SPD zu wählen. Thema von 15 Dichterlesungen in Stadt und Land ist "Die Herrschaftssprache der CDU".
Was Kiesinger, von Hassel, Strauß, Stoltenberg und Lemke so reden, ist -- laut Lenz -- "die Sprache von Leuten, die den Staat als privates Unternehmen und die Bevölkerung als Belegschaft behandeln".
"Hohn kennzeichnet diese Sprache, umwölkter Unmut, lächelnde Drohung, Sendungsbewußtsein und dazu eine unübersehbare Ölspur, auf der noch jeder ausgleitet: Die stammt von der großen bundesdeutschen Ölkanne, von Rainer Barzel."
Und weil Kurt Georg Kiesinger, der mit 17 Jahren "ein deutscher Dichter werden" wollte, der Satz gelang: "Ich kann diese Frage jetzt nicht beantworten, ich beantworte sie der Geschichte, wenn sie sie stellt", darum kann Lenz nun seine Sprachschüler lehren: "Es ist die Sprache von Erwählten, die eine stattliche Reihe von intimen Verhältnissen pflegen: mit der Geschichte zum Beispiel, mit der Zukunft, aber auch mit etablierten Mächten, die als gutgesinnt bezeichnet werden."
"Und die Sozialdemokraten? Führen die denn nicht ihre eigene Rede? Haben die nicht ihre eigene Sprechweise? Soll die vielleicht nichts preisgeben?" fragt der CDU-Rezensent und bietet, am Schluß seines Vortrags, liebevoll Handverlesenes über seine Freunde, die Genossen.
"Herbert Wehners saure Wortmeter" fallen ihm ein, "seine grimmigen Satzgirlanden. Uns kommen Schillers blankgeputzte Sprachmünzen in den Sinn, die so griffig sind, daß sie kaum Druckstellen hinterlassen. Und der Kodderteppich, den Horst Ehmke mit schlimmem Kindermund webt".
Er denkt auch an "Willy Brandts behutsame Selbstergriffenheit", Alex Möllers "erlesene Drögbeit" und "schließlich und nicht zuletzt die Sprache vön Jochen Steffen, der, auch wenn er zu einem spricht, hinter diesem einen die vielen sieht, die überzeugt werden sollen".
Siegfried Lenz hat einst unter Schleswig-Holsteins "ziemlich dramatischem Himmel" eingesessen. "Am Ende des Krieges. In erträglicher Gefangenschaft." Und auf den Wiesen von Witzworth, "mit Seewind im Ohr und Brennessel-Suppe im Kochgeschirr", machte er seine erste politische Erfahrung.
Sein englischer Bewacher mußte wählen, zwischen dem "glorreichen Sir Winston Churchill" und dem "verläßlichen Clement Attlee". Der Soldat wählte Attlee, und als sein Mann gewonnen hatte, gab er dem Gefangenen Lenz eine Packung Zigaretten und die Losung fürs politische Leben: "Veränderung ist eine Chance."
"Das will", sagt Lenz, "erst mal widerlegt sein."

DER SPIEGEL 9/1971
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