22.02.1971

NAHER OSTEN / BESETZTE GEBIETESolche Witzchen

Israels Strategen proben den gesicherten Frieden -- mit Sandkastenspielen und Denkmodellen über die künftigen Grenzen des Judenstaates. Denn nach über dreieinhalbjähriger De-facto-Annexion arabischer Gebiete vom Jordan bis zum Suezkanal muß Israel sich entscheiden, ob es ein weites militärisches Vorfeld einem endgültigen Frieden in den alten Grenzen vorzieht.
Zwar möchte Israels Premier Golda Meir, 72, noch nicht tauschen:" Wir haben nichts in den Taschen. Zwar forcierte ihr Wohnungsbauminister jetzt ein modernes Siedlungsprojekt für 60 000 jüdische Neueinwanderer im besetzten Westjordanien nahe Jerusalem. Und eine Buslinie nahm den regelmäßigen Pendelverkehr zwischen Tel Aviv und der einst ägyptischen Meerengen-Festung Scharm el-Scheich an der strategisch wichtigen Straße von Tiran auf.
Aber Golda Meir gestand doch auch erstmals zögernd ein: "Es ist illusorisch zu glauben, Israel könne auf den jetzigen Grenzlinien beharren. Bei Friedensgesprächen wird es Punkte geben, in denen wir nicht nachgeben können, aber auch Fragen, in denen wir nachgeben müssen."
Soviel offizielle Einsicht provozierte der Nahost-Vermittler der Uno, Gunnar Jarring. Der schweigsame Schwede gab Anfang des Monats die ihm von Israel zugedachte Rolle als "Briefträger" zwischen Kairo und Jerusalem auf und verlangte in einem Fragenkatalog Auskunft über die Konzessionsbereitschaft der Feinde.
Ergebnis: Die Israelis reagierten böse. Sie bestehen auf direkten Verhandlungen mit den Arabern und möchten nicht via Jarring verhandeln. Deshalb erklärte Jerusalem, der Sonderbotschafter habe seine Neutralität und das Vertrauen Israels verspielt.
Ägyptens Staatschef Anwar el-Sadat dagegen zeigte sich als nüchterner Politiker, der bereit scheint, bis an die Grenze des Zumutbaren zu gehen. In einem Interview mit dem amerikanischen Nachrichtenmagazin "Newsweek" erkannte er letzte Woche Israels Existenzberechtigung an -- als erster prominenter Araber.
Sadat zu "Newsweek"-Redakteur Arnaud de Borchgrave: "Amerika achtet die territoriale Unantastbarkeit Chinas, unterhält aber keine diplomatischen Beziehungen zu Peking. Die israelische Propaganda hat meine Worte (keine diplomatische Anerkennung Israels) dahin gehend umgedeutet, daß ich Israels territoriale Integrität nicht anerkenne. Das ist barer Unsinn, mit dem man die amerikanische Öffentlichkeit verwirren will."
Noch nie hatte sich ein ägyptischer Staatsmann so konzessionsbereit gegenüber dem dreimaligen Sieger Israel gezeigt. Noch nie äußerte sich ein ägyptischer Staatsmann so frei. Sadat: "Mein Volk wird das nicht mögen. Deshalb wehrte sich auch Nasser dagegen. Ich werde das Risiko dennoch wagen. Und wenn dann die Weltöffentlichkeit unsere Haltung noch immer nicht versteht, können wir sagen, wir hätten unser Bestes getan."
Sadat will israelischen Schiffen künftig die Durchfahrt durch den Suezkanal und die Straße von Tiran gewähren. Dafür sollen die Israelis ihre Truppen 145 Kilometer vom Suezkanal zurücknehmen -- bis hinter die Stadt El-Arisch. Sie ständen dann immer noch 50 Kilometer vor der alten Grenze auf ägyptischem Boden. Die Zufahrt zu Israels südlichem Hafen Eilat durch die Straße von Tiran möchte Sadat -- wenn nicht durch Uno-Truppen -- durch die Präsenz der vier Großmächte garantieren lassen.
Die wirtschaftliche Gesundung Ägyptens nach einem Ende des Krieges scheint dem Nasser-Nachfolger wichtiger zu sein als verlustreicher Panarabismus. Er hat sich deshalb offenbar entschlossen, Ägyptens Außenpolitik nicht mehr durch Rücksicht auf die Palästina-Flüchtlinge bestimmen zu lassen -- und folgt insoweit dem von Nasser zuletzt eingeschlagenen Weg. Sadat: "Entschädigung sowie ein Referendum" über die Zukunft der Palästinenser -- ob unabhängiger Staat oder verbunden mit Jordanien -- "hört sich vernünftig an."
Sogar die Brüder in Syrien und Jordanien sind dem Ägypter gleichgültiger geworden. Auf Borchgraves Frage, ob Sadat bei einer Rückgabe Sinais an die Ägypter Einwände gegen Grenzkorrekturen auf den einst syrischen Golanhöhen und an der ehemals nur 18 Kilometer breiten Taille Israels hege, antwortete der Präsident: "Das müssen die Länder selbst entscheiden. Unser Problem ist jetzt der größere Aspekt des Friedens."
Bei anderen Araber-Führern verstärkte Sadat damit den bereits aufgekommenen Verdacht, er strebe einen Separatfrieden für sein Land an. Vor allem Jordanien König Hussein, der von Nasser in den Sechs-Tage-Krieg gezogen wurde, im Krieg aber im Gegensatz zu Ägypten nicht unbewohnte Wüste, sondern seine besten Gebiete mit einem Drittel seines Volkes verlor, fühlte sich von Sadat preisgegeben: Husseins neuer Botschafter in Kairo, Akram Sualter, vertrete "antiägyptische Ansichten", behauptete die halbamtliche Kairoer Zeitung "Al-Ahram".
Ein Separatfrieden zwischen Ägypten und Israel scheint daher im Augenblick eher von den Israelis abzuhängen. Sie haben laut Sadat allerdings eine falsche Ausgangsposition: "Jeder Israeli meint, wir seien geschlagen und er könnte uns einfach alles diktieren ... irren sie aber in ihrem Ausgangsargument, stimmt alles andere nicht ... Golda Meïr meinte einmal, Frieden käme nur, wenn sie mit dem Wagen von Tel Aviv nach Kairo zum Einkaufen fahren könnte. Eine fromme Hoffnung, die auf dem Siegerkomplex basiert."
Sadats "Newsweek"-Worte brachten die Israelis in Verlegenheit. Sie müssen sich jetzt über die immer wieder vertagte Grenzfrage einigen. Da die in der Regierung vertretenen Rechtsparteien jeden Truppenrückzug ablehnen, muß Premier Golda Meir sogar mit einer Kabinettskrise rechnen.
Erster Kommentar aus dem Amt der Ministerpräsidentin in Jerusalem: "Es wäre der Sache dienlich, wenn solche Witzchen wie im "Newsweek"-Interview vermieden werden könnten, Frau Meir möge ihre Hoffnung auf einen Einkaufsbummel in Kairo begraben."

DER SPIEGEL 9/1971
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