22.02.1971

POLEN / KRISEDie Lawine

Polnische Politik wird derzeit nicht in Parlament und Politbüro gemacht, sondern in Werkhallen und Fabriken.
Die 20 000 Werftarbeiter an der Ostseeküste hatten im blutigen Aufstand die Gomulka-Führung gestürzt. Den Gomulka-Nachfolger, KP-Chef Gierek, zwangen sie durch eine Welle von Kurz-Streiks zu einem "harten Gespräch unter Männern" nach Danzig und Stettin und zu dem Versprechen, in Zukunft das Mitspracherecht der Arbeiter zu respektieren.
Den 10 000 -- überwiegend weiblichen -- Textilarbeitern in Lódz schien dieser Wechsel auf die Zukunft vorerst ungedeckt: Am vorletzten Donnerstag traten die Weber und Spinner der Tuchfabriken "Julian Marchlewski" und "Verteidigung des Friedens" sowie fünf weiterer Kombinate in den Ausstand, um gegen die Lohn- und Preispolitik der Regierung zu protestieren.
Die polnische Führung mußte eine Feuerwehr auch an den neuen Brandherd schicken. Zwei Tage lang hörte sich die von Premier Jaroszewicz geleitete Delegation im Saal des Lodzer Stadttheaters die Sorgen der Tuchmacher an und erläuterte ihnen geduldig die mißliche Lage.
Die Textiler verlangen modernere Maschinen, bessere sanitäre Anlagen, Kantinen, neue Wohnungen, und das Warschauer Löschkommando war zu Zugeständnissen bereit. Gegenüber dem wichtigsten Verlangen der Arbeiter blieb Warschau dennoch hart: dem Ruf nach höheren Löhnen oder Zurücknahme der Preiserhöhungen. Jaroszewicz in der Nacht zum vergangenen Montag: "Genossen, das ist unrealistisch."
Wenige Stunden später wurde es Realität: In einer Fernsehrede gab Jaroszewicz am Montagabend bekannt, daß die Mitte Dezember angeordneten Preiserhöhungen für Lebensmittel, die den Aufstand an der Küste ausgelöst hatten, mit Wirkung vom 1. März wieder rückgängig gemacht werden.
Mehr noch als gegenüber den hochbezahlten Dockern von Danzig muß Polens Obrigkeit vor dem Widerstand der Textiler von Lódz auf der Hut sein. Arbeiter auf stände gehören in Polens zweitgrößter Stadt, dem polnischen Manchester, zur Tradition. Einen Streik von 70 000 Tuchmachern gegen die russische Besatzungsmacht am 1. Mai 1892 ritten die Kosaken nieder. Bei Lohnkämpfen nach dem Ersten Weltkrieg besetzten die sozialdemokratisch organisierten Textilarbeiter die Fabriken -- der längste Ausstand dauerte 108 Tage.
Die kampfentschlossenen Proletarier von Lódz sorgten maßgeblich dafür, daß Polen in den Jahren 1921 bis 1928 an der Spitze der europäischen Streik-Statistik stand: 12 205 Arbeitskämpfe, an denen 6,8 Millionen Arbeiter teilnahmen. In 70 Prozent der Konflikte siegten die Streiker.
Gleichwohl wurde die triste Lage der Textilarbeiter von Lódz auch nach dem Zweiten Weltkrieg kaum besser. Die weiblichen Arbeitskräfte in den Spinnereien und Webereien gehören zu den niedrigsten Lohngruppen und arbeiten an den ältesten Maschinen.
So brach der erste Streik im sozialistischen Nachkriegs-Polen wieder in Lódz aus: im September 1947, als die Partei die Normen der Weberinnen im Textil-Kombinat "Julian Marchlewski" drastisch erhöhte. Den Ausstand der 40 000 schlug die Polizei mit Waffengewalt nieder; zwei Arbeiterinnen wurden getötet.
Kommandiert hatte den Terror-Einsatz als damaliger Sicherheits-Chef von Lódz ein Mann, den die Danziger Werftarbeiter auch für den Schießbefehl vom Dezember verantwortlich machen: Partisanen-General Mieczyslaw Moczar, seit Dezember Mitglied des Politbüros und als ZK-Sekretär für den Einsatz der Sicherheitspolizei und Armee zuständig.
Der Ruf nach dem Sturz des harten Law-and-Order-Generals war in Danzig laut geworden, nicht aber im Lódzer Theatersaal. Und tatsächlich dürfte die Mannschaft um Gierek gegen die starke Hausmacht Moczars -- Armee, Polizei, Sicherheitsfunktionäre, polnische Partisanen-Veteranen -- vorerst nicht stark genug sein,
Dafür kritisierten die Lódzer Streikkomitees lautstark den Aufstieg des ehemaligen Partisanen- und Moczar-Anhängers Kruczek zum neuen Gewerkschafts-Chef und zogen seine demokratische Legitimation in Zweifel. Moczar-Anhänger Józef Spychalski, Parteichef der Wojwodschaft Lódz, verlor seinen Posten.
Sein Nachfolger, Boleslaw Koperski, stand vor Antritt seiner Partei-Karriere selbst an einer Textilmaschine in Lódz. Gomulka hatte ihn 1956 in das Außenministerium geholt und machte ihn neun Jahre später zum Chef der polnischen Militärmission in West-Berlin. In das Partei-Komitee berief der neue Provinzchef die Sprecher der streikenden Textilarbeiter.
Auch Koperskis Frau, Halina Lipinska, kommt aus der Branche: Ende der vierziger Jahre war die Weberin eine gefeierte Bestarbeiterin der polnischen Stachanow-Bewegung: Sie konnte mehrere Webmaschinen gleichzeitig bedienen und trieb die Normen hoch -- zum Nutzen des Staats-Etats.
Die von den Lódzer Textilarbeiterinnen erkämpfte Preissenkung aber geht auf Kosten der Staatskasse, zumal der von der neuen Parteiführung eingeführte Härtefonds zum Aufstocken der Niedrigstlöhne und Renten -- inzwischen von 7,4 auf 13 Milliarden Zloty (zwei Milliarden Mark) angewachsen -- bestehen bleibt, Für den Wohnungsbau stehen eine Milliarde und 70 Millionen Zloty für bessere Mensa-Verpflegung der Studenten bereit.
Lohnerhöhungen und Preissenkungen belasten aber den Sozialhaushalt 1971 mit zusätzlichen 24 Milliarden Zloty (3,6 Milliarden Mark) -- das ist nahezu so viel, wie Polen für seinen diesjährigen Militär-Etat ausgeben kann.
Gestopft wird das Riesenloch im polnischen Staatshaushalt -- das deutete Premier Jaroszewicz im Fernsehen nur an -- durch die Sowjet-Union. Bedrängt durch unzufriedene Hausfrauen und schlecht bezahlte Arbeiter im eigenen Machtbereich, muß die Kreml-Führung kurz vor dem Moskauer Parteitag Ende März das Aufflammen neuer Unruhen im Sozialisten-Lager um jeden Preis verhindern.
Um den gewonnenen Arbeitsfrieden landesweit zu sichern, fuhr Parteichef Gierek am vorigen Mittwoch in Polens östlichste Provinz Bialystok. Er appellierte an die Bauern, die Agrarproduktion zu steigern und vor allem die katastrophale Fleischversorgung zu verbessern.
Für den Blitzbesuch an der Land-Front mußte der KP-Chef sein geplantes Gespräch mit dem SPD-Fraktionschef Herbert Wehner absagen. Radio Warschau entschuldigte ihn mit der notwendig gewordenen "Lawine der Aktivität im gesamten Politbüro".

DER SPIEGEL 9/1971
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