22.02.1971

LAOS / KOMMUNISTENStaat im Staat

John Foster Dulles wollte das Land zu einer "antikommunistischen Bastion" machen. Lyndon Baines Johnsan wollte die Kommunisten durch Massenbombardements vertreiben. Richard Milhaus Nixon ließ weiter bomben und schließlich auch noch seine südvietnamesischen Verbündeten ins "Reich der Millionen Elefanten" einmarschieren.
Auf Laos fielen mehr Bomben als während des ganzen Zweiten Weltkriegs auf Europa, Laos erhielt pro Kopf der Bevölkerung mehr amerikanische Wirtschaftshilfe als jedes andere Land der Welt -- und dennoch haben sich die Kommunisten nirgendwo In Südostasien, von Nordvietnam abgesehen, so fest etabliert wie gerade In Laos. Sie beherrschen heute zwei Drittel des Landes.
Denn Amerikas Bomben fielen vor allem auf die unfruchtbaren, nur dünn besiedelten Bergregionen des Landes und trafen, wenn überhaupt, unpolitische Zivilisten ebenso wie kommunistische Guerillas.
Und Amerikas Dollars -- mehr als 50 Millionen Im Jahr -- förderten nicht die Wirtschaft des Landes, sondern Wucher und Korruption, verhalfen Politikern, Beamten und Kaufleuten zu Mercedes-Limousinen und Luxusvillen, nicht aber den drei Millionen Laoten zu einem besseren Lebensstandard.
In dem von der Regierung kontrollierten Laos-Drittel sind 85 Prozent der Bevölkerung Analphabeten. Die Lebenserwartung liegt nur bei 30 bis 35 Jahren. Hunderttausende von Laoten leben noch genauso wie ihre Vorfahren: In einer vorwiegend auf Tauschhandel aufgebauten, sich selbst versorgenden Dorf- und Familiengemeinschaft, ohne Papiergeld und Straßen, nur in seltenen Fällen durch einen schmalen Landestreifen für Kleinstflugzeuge mit der Außenwelt verbunden.
Wurden wirklich einmal Experimente unternommen, die der Struktur des Landes Rechnung trugen und auch finanziell tragbar waren, scheiterten sie an politisch-kommerziellen Oberlegungen.
Israelische Landwirtschaftsexperten, die am Rande der Hauptstadt Vientiane eine Versuchsfarm betreiben, entwickelten beispielsweise eine einfache Dreschmaschine, die ohne großen Aufwand im Lande hätte hergestellt und von jedem Bauern bedient und repariert werden können. Zum Antrieb sollten Wasserbüffel eingesetzt werden, so daß als Nebenprodukte noch Dünger, Milch und Häute abgefallen wären.
Amerikanische Experten machten der laatischen Regierung jedoch klar, die Erfindung sei zu "primitiv". Sie -- und auch japanische Fachleute -- wollen das Land lieber mit teuren und komplizierten Traktoren erschließen: mit Traktoren aus Amerika und Japan.
Auf derart geschäftstüchtige Berater braucht der Führer der kommunistischen Pathet-Lao, Prinz Souphanouvong, 59, Halbbruder des Premiers Souvanna Phouma, keine Rücksichten zu nehmen. Seine Guerillas haben in den von ihnen beherrschten Teilen des Landes einen Staat im Staate errichtet, in dem etwa eine Million Laoten leben.
Sie leiden zweifellos härter als die Laoten Im Rest-Reich des Premiers, denn gegen Ihre Provinzen fliegen die Amerikaner bis zu 500 Bombeneinsätze pro Tag. Dennoch verläuft ihr Leben mittlerweile in moderneren Bahnen als das ihrer Landsleute -- und das, obwohl sie den ärmeren Teil des Landes bewohnen, unwirtliche Gebirgsregionen Im Norden und Südosten des Königreichs.
In diesen Gebieten gab es ursprünglich nur 200 000 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche (Rest-Laos: 500 000). Durch systematische Förderung der Landwirtschaft, vor allem durch den gezielten Aufbau von Volkskooperativen, gelang es Souphanouvongs Laoten jedoch, zusätzliche 28 000 Hektar zu erschließen. Wo Ackerbau nicht möglich ist, wurden kleine Handwerksbetriebe eingerichtet.
Souphanauvong hat für seinen "Staat" eine eigene, nicht mehr an den offiziellen laotischen Kip gebundene Währung eingeführt. Seine Untertanen erwirtschaften angeblich auch ein höheres Bruttosozialprodukt als die zwei Millionen Laoten seines Halbbruders Souvanna Phouma.
Vor allem aber: In den kommunistisch besetzten Gebieten von Laos wird bevorzugt Bildungs- und Erziehungsarbeit betrieben. An Grund- und Oberschulen unterrichten junge, in der Sowjet-Union und anderen Ostblockstaaten ausgebildete laatische Lehrer -- in den Grundschulen sogar anhand von Lehrbüchern, die eigens für den Pathet-Lao-Staat hergestellt wurden. Tief unter der Erde, bombensicher in Höhlenkinos, laufen zur Schulung Dokumentationsfilme über das Leben in der Sowjet-Union -- mit laatischen Untertiteln.
Das Analphabetentum unter den Erwachsenen ist angeblich nahezu beseitigt, "und jetzt denken wir daran", so verkündete der Pathet-Lao-Bildungsbeauftragte der "befreiten Gebiete", Uttama, "die erste Hochschule zu errichten".
Es wäre nicht nur die erste Hochschule im Souphanouvong-Staat, es wäre die erste Hochschule in ganz Laos.

DER SPIEGEL 9/1971
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