22.02.1971

„... ABER ICH BIN DER BOSS“

Glückwünsche den Offizieren und Mannschaften ... zum ausgezeichneten Gefecht.
General Westmoreland, damals Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte in Vietnam, nach dem Massaker von My Lai 4 an "Charite Company", die Einheit, die das Massaker veranstaltet hatte.
First Lieutenant (Oberleutnant)
William Laws Calley Jr., am 8. Juni 1943 in Miami, Florida, gebaren, ist keine 1,60 Meter groß. Der Schirm seiner Dienstmütze sitzt vorschriftsmäßig tief in der Stirn, so daß man, solange Calley seine Dienstmütze aufgesetzt hat, nichts als eine sehr kleine -- Uniform wahrnimmt. Wenn sich Calley, die Dienstmütze auf dem Kopf, bewegt, bewegt er sich kerzengerade und stramm, und man würde lachen, wüßte man nicht, wer da geht, wie man über eine Parodie lacht, weil da eine Uniform geht und nichts außer einer Uniform zu sehen ist, die sich für ihre kleine Größe zu gerade und zu stramm bewegt.
Der Eindruck von nichts als einer Uniform stürzt ein, sobald Calley die Dienstmütze absetzt. Denn nun entdeckt man ein Kindergesicht, ein verstörtes, gequältes Kindergesicht, das man gerne ein Kindergesicht nennen würde; das man aber, da man weiß, wen man sieht, das Gesicht eines nicht ausgereiften, eines wahrscheinlich unheilbar unreifen Mannes nennen muß.
Mord an 102 wehrlosen Greisen, Frauen und Kindern, den Untergebenen befohlen oder eigenhändig begangen (in gräßlichster Weise begangen, darüber wird nicht mehr gestritten, Calleys Verteidigung gibt das unumwunden zu, und Calley selbst wird sich im Zeugenstand dazu bekennen): Nichts davon sieht man Calley an. Man bringt keine Distanz zwischen ihn und sich. Er ist der Bursche von der Tankstelle an der Ecke, aus dem Drugstore gegenüber, der Bursche, der heute 27 Jahre alt ist, tatsächlich, wie die Zeit vergeht. Ist er wirklich schon 27? Nett ist er, allerdings wird er nie beliebt sein, dazu ist er zu angestrengt darauf aus, wer zu sein. Er ist halt nur ein Knopf, ein bißchen mürrisch eben, weil er nur zusammen mit anderen Knöpfen was darstellt, ein kleiner Nagel, der allein nichts hält. Nie wird er ein "guy" sein, doch ein "good fellow", das ist er gewiß.
Am 16. März 1968 sind in My Lai 4 (sechs Flecken namens My Lai liegen dicht beieinander), weit über die Anklage gegen Calley hinaus, mindestens 400, wahrscheinlich 500, möglicherweise 600 wehrlose Menschen ermordet worden. In den Pausen der Sitzung, draußen auf dem Gang, lacht Calley manchmal mit Verwandten oder Freunden (fünf von den 56 Sitzen im Saal sind ständig für sie reserviert). Er lacht, wie Kinder plötzlich wieder lachen. Drinnen im Saal sitzt er dann wiederum verstört und gequält da, reglos; wenn er nicht kerzengerade und stramm gehen kann oder wenigstens in einer Haltung stehen, wie die Vorschrift sie ihn gelehrt hat, wirkt er fast gelähmt.
Und über ihn hinweg diskutieren die Verfahrensbeteiligten mit den Psychiatern -- über ihn. Er ist auf gefallen, in der schrecklichsten Weise aus der Ordnung geraten, der er sich so vollständig überlassen hat, daß sie ihn belohnte, daß sie aus ihm jemand gemacht hat (aus einer Ordnung geraten, zu der es gehört, daß man niemals auffällt, sondern nur seine Pflicht und nichts als seine Pflicht gehorsam tut).
Am 16. November vergangenen Jahres hat Calleys Prozeß vor einem "General Court-Martial" in Fort Benning, drunten im Süden, in Georgia, begonnen. Bis zum 16. Januar 1971 wurde verhandelt. Dann unterbrach man bis zum Dienstag letzter Woche. in der Zwischenzeit ist Calley im Walter-Reed-Hospital in Washington untersucht worden. Das Ergebnis ist nicht erläuterungsbedürftig, und so trat kein Psychiater der Army in Fort Benning auf. "Vollverantwortlich in jeder Hinsicht", lautete der Befund. und George W. Latimer, der Zivil-Verteidiger, den Calley gewählt hat (Latimer hat einen von den "Green Berets" verteidigt und genießt in der Army Ansehen), scheint zu weit gegangen zu sein, als er im Dezember 1970 den Psychiater Dr. La Verne aus New York einführte, der davon sprach, daß Calley total und hilflos unter dem Einfluß seines Vorgesetzten Captain Medina, in einer regelrechten Vaterbindung gestanden habe und vielleicht auch deshalb nicht Herr seiner Sinne gewesen sei in My Lal 4, daß er in den Unterkünften seiner Männer Manhuana-Geruch eingeatmet hatte. Doch Latimer gibt nicht auf, im Gegenteil. Marihuana-Geruch und Vaterbindung waren nur ein Vorspiel. Latimer erklärt, er wolle diese Richtung nicht weiter verfolgen. Latimer ist ein feiner, älterer Herr aus Salt Lake City, der leise und langsam spricht, der das Gefühl vermittelt, daß ihm das, worum er sich bemüht, nicht taktisch, sondern tatsächlich etwas bedeutet.
Latimer ist um so glaubhafter, als er nun einen Vorstoß unternimmt, der ihm, einem erklärten und bewährten Freund der Army, genauso unheimlich sein muß wie den Soldaten, in deren Mitte er ihn vorträgt.
Latimer will darauf hinaus, -- daß Calley am 16. März 1968 in My Lal 4 "zeitweilig" unfähig war, seine Handlungen zu überblicken. Latimer behauptet, der Stress des Einsatzes in Vietnam habe einen Mann von Calleys Beschaffenheit -- einen Befehl, so wie er ihn verstanden hatte, ohne jedes Nachdenken, also außer seiner" selbst und darum ohne jede ethische Sperre ausführen lassen. Captain Aubrey Marshall Daniel III, der die Anklage gegen Calley vertritt, ist 29 Jahre alt und juristisch qualifiziert. Doch neben Latimers wohlabgewogener Erfahrung und Glaubwürdigkeit gleicht Captain Daniel III einem doch recht jugendlichen Soldaten, der den Juristen spielt und obendrein den Ankläger (was in den Staaten sowieso einer Schaustellertätigkeit gleichkommt). Anderthalb Tage dauert die Auseinandersetzung an, werden zwei Psychiater in Abwesenheit der aus sechs Offizieren bestehenden Jury gehört. Dann hat Latimer gewonnen, wird die Jury hereingerufen, beginnen die Psychiater auszusagen.
Dr. David Crane, Assistant-Professor an der Universität von Indiana, ist knapp über 30 Jahre alt, Psychiater und Volljurist und Vietnam-Veteran einer angesehenen Division obendrein. Er kann von Neurosen sprechen, ohne daß man sich achselzuckend abwendet und erst recht von "Stress", ohne daß der Eindruck entsteht, es handle sich um Schmuddelkram. "Was ist Stress?!" ruft Captain Daniel III pathetisch und höhnisch. Doch Dr. Crane repliziert kühl ironisch -- daß jeder Soldat im Einsatz einem übermächtigen Stress ausgesetzt und darum in einer Situation ist, die Übermenschliches von ihm fordert und ihn also, ist seine seelische und körperliche Beschaffenheit nicht robust genug, daß er wenigstens zeitweilig über sich hinauswachsen kann, zu unmenschlichen Handlungen verleitet. Soldatsein an der Front ist heute, Dr. Crane zufolge, und er berichtet eindrucksvoll, aus eigener Erfahrung, vom schnellen, psychischen und moralischen Verfall der Soldaten in Vietnam zwischen ihrem Eintreffen und den ersten Einsätzen, ein anomaler, unmenschlicher Zustand, aus dem heraus anomales, unmenschliches Verhalten jederzeit ausbrechen kann.
Dr. Crane ist, weiß der Himmel, nicht ohne Arg (doch er ist eben einer von jenen seltenen, tatsächlich "Linken", man nennt nun einmal auch das "links", was ein Ringen um Aufrichtigkeit, um Fairneß und immer wieder um jene Menschlichkeit ist, die so gerne als ein erstrebenswertes Ziel mit der Behauptung abgetan wird, ihr liege keine hinreichende Lektüre der Werke von Karl Marx zu Grunde; er ist keiner von jenen "Linken", die so überaus begabt dazu und darum bemüht sind, "Rechte" zu produzieren). Was Dr. Crane vorträgt, ist nichts Geringeres als die Behauptung -- daß man heute Soldaten nicht kämpfen läßt, schon gar nicht in Vietnam, dem uneinsehbarsten aller Kriegsschauplätze, ohne ihnen grundsätzlich und, so sie nicht über phantastische, konstitutionelle Zufluchten in sich verfügen, unmenschliche Handlungen anzubefehlen.
Der First Lieutenant Calley ist genau der Mann, den Kriege immer brauchten. Calley ist der Mann, der eine "Organminderwertigkeit" zu kompensieren hat. Calley ist eine platte Illustration zu Alfred Adlers Kompensations-Theorie. Calley kompensiert, sucht auszugleichen -- was ihm an Körpermaß fehlt, was er an Körpermaß als Mann, als Mensch zu haben hätte (seiner törichten Meinung zufolge, der unbegreiflich, nicht einmal ahnbar ist, daß Kleinsein eine Größe sein kann, so es akzeptiert wird). Calley sagte immer, seine Männer erinnern sich: "Wer ist der Boß? Ich bin der Boß."
Der Calley-Prozeß findet derzeit in jenen Vereinigten Staaten statt, deren "Abkühlung" in der vergangenen Woche das Nachrichtenmagazin "Time" beschrieb, Die "Linken" haben erkannt, daß sie "Rechte" produziert haben, und die "Rechten" nähern nicht der Erkenntnis, daß Ihre Position von nichts so gründlich unterminiert wird wie der Tatsache, daß ihre historisch unstreitigste Leistung die Erschaffung von notwendig "linken" Personen ist.
Präsident Nixons Laos-Aktivität tut das ihre, um die Sinnlosigkeit eines Krieges zu demonstrieren, in dem alle Jedermanns und nicht nur die Calleys zwangsläufig Sinnloses tun, und sinnlos ist im militärischen Bereich stets das Synonym für "unmenschlich". Ausdauernde "Rechte", wie recht, wie wahr, tun auch in den Staaten natürlich das ihre in Verteidigung von Positionen, die dadurch exakt zu definieren sind, daß sie keine Positionen mehr sind, sondern Lawinen am Ende ihrer Laufbahn: Sie veranstalten Prozesse gegen Dienstgrade und höchste Offiziere, in denen diesen nachgewiesen wird, daß sie, beispielsweise, mit ihren Männern" Marihuana rauchten (um den "Generation-gap" zu überwinden) oder "Einarmige Banditen" (Spielautomaten) im Auftrag von Gangster-Konsortien so herrichteten, daß Verlust für die Spieler die Regel und ein Gewinn die Ausnahme war. Man stärkt die "Moral der Truppe" durch präventive Urteile, doch leider nur dort, wo es um Geld, nicht aber dort, wo es um Menschlichkeit geht. Der Helicopter-Chief Warrant Officer Hugh C. Thompson war über My Lal 4 im Einsatz, als Calley auf Befehl seines Vaterbildes Captain Medina und als eine perfekt -- in ihrer physischen und psychischen Beschaffenheit -- ausgebeutete Kreatur mordete. Thompson warf Rauchbomben ab, wo er verwundete Zivilisten sah, damit diese ärztlich versorgt würden. Als dann aber die Verletzten nicht versorgt, sondern erschossen wurden, landete er wiederholt und rettete einige Frauen und Kinder. Thompson ist dekoriert worden dafür.
Gegen Thompsons Vorgesetzten, den Colonel Oran Henderson, gab und gibt es kein Verfahren. Der bekam von seinem Divisionsgeneral Koster den Auftrag, zu untersuchen, ob aus der Meldung von Charlie Company, daß 128 Zivilisten getötet worden seien, wenngleich man in My Lai nur drei Waffen gefunden hatte, nicht doch auf Mord zu schließen sei. Er meldete, es seien höchstens zwanzig Nicht-Kombattanten von vorbereitendem Artilleriefeuer und Kreuzfeuer zwischen US-Truppen getötet worden, so daß von Mord nicht die Rede sein könne. Gegen Henderson, die Schlüsselfigur der Vertuschung, des Wegwischens und Abräumens: kein Verfahren. Gegen Divisionsgeneral Koster, dessen Falschmeldung den Oberbefehlshaber Westmoreland zu einer Glückwunschadresse an Charlie Company verleitete: kein Verfahren. Er wurde Chef von West Point, wurde "Vorbild" für das Herzstück der US-Offiziersausbildung. Gegen Captain Medina schwebt ein Verfahren. Es ist aussichtsreich für den Beschuldigten, denn Calley, er war nie "relaxed", nie entspannt (bis er sein Verkrampftsein in die Spannung der Army einbrachte, in der es zur Tugend, zur Leistung des Gehorsams wurde), wird in eigener Sache im Zeugenstand sagen, daß er die Befehle Medinas so ausführte, wie "er sie verstand". Calley hat nicht erfaßt, so sein Verteidiger Latimer, daß er es mit Menschen zu tun hatte. Er sah sich nur Feinden gegenüber, die er nicht verstand und mit denen er nicht argumentieren konnte. Die er darum töten mußte.
Der Journalist aus der Bundesrepublik wurde in Fort Benning wieder und wieder befragt: Nürnberg und was er nun meine. Der Journalist aus der Bundesrepublik sagte, daß er keinen Anlaß für Hohn sieht. Auch wir haben den kleinen Mann bestraft, weil seine Schuld -- unser aller Schuld ausräumt (wie wir meinen).
Auch wir würden, so er "unser Mann" wäre, Calley verurteilen. Mit dem Verurteilen muß man unten, ganz unten anfangen, bei Boger, Kaduk und Rosenbaum. Das sind schließlich die Urteile, derenthalber die Systeme dauern; angesichts derer sich behaupten läßt, der Bürger habe zwischen der "Ordnung" und der Anarchie zu wählen; nicht aber zwischen gerechter, menschlicher Ordnung -- und einer "Ordnung", die das Tarnnetz der Unmenschlichkeit ist.
Von Gerhard Mauz

DER SPIEGEL 9/1971
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